2019-12-Bass_GroupDelay_Comparison
Mit einer Phasenkorretur wird fast jeder Lautsprecher besser – vor allem Mehrwegesysteme. Das Verfahren ist eigentlich komplex, aber dank Roon doch einfach. Der Essener Lautsprecherentwickler Fink Audio Consulting hat hier schon einmal vorgelegt...

Vorreiter Fink Team: Lautsprecher-Phasenkorrektur per Roon

Mitunter braucht’s günstige Umstände, damit echter Fortschritt möglich wird. Ein solcher bahnt sich derzeit in der HiFi-Welt an – dazu noch auf einem allgemein zugänglichen Weg. Das Ziel lautet: Akustische Lautsprecher-Phasenkorrektur. Mit ihrer Hilfe gelingt die zeitrichtige Wiedergabe komplexer Klänge. Das verspricht hörbar bessere Wiedergabequalität auf seriöse Weise – ganz ohne Voodoo.

Die Methode an sich ist freilich schon lange bekannt. Als Wegbereiter hierfür gilt der legendäre Aktivlautsprecher Klein + Hummel O 500 C aus dem Jahre 2001. Doch auch aktuelle, aktive Lautsprechersysteme wie etwa die Grimm LS1 oder die Schallwandler von Backes & Müller/KS Digital korrigieren ihr akustisches Phasenverhalten nativ per digitalem Signalprozessor. Ähnlich verfahren auch die Aktiv-Monitore des Schweizer Studio-Spezialisten PSI Audio – das allerdings auf analoge Weise und daher nicht ganz so tiefgreifend.

2019-12-Grimm-Audio-LS1be
Das aktive Lautsprechersystem Grimm Audio LS1be bewerkstelligt die akustische Lautsprecher-Phasenkorrektur mittels integriertem Hardware-Prozessor (Foto: Grimm Audio)

Bei Passivlautsprechern jedoch gelang akustische Phasenkorrektur bisher nur auf Umwegen über externe Hard- oder Software-Prozessoren. Und die konnten trotz ihrer vorteilhaften Wirkung durchaus zum klanglichen Flaschenhals in der Anlage werden.

Diese Hürde ist nun beseitigt: Das musikalische Multitalent Roon verfügt seit einigen Monaten über äußerst flexible Software-Schnittstellen, über die sich digitale Filter für unterschiedlichste Aufgaben direkt und verlustfrei in den Signalweg einfügen lassen. Zusätzliche Hardware ist daher nicht mehr erforderlich. Ein weiteres Schmankerl: Eingebettet in Roon, lassen sich die Filter per Mausklick zu- oder abschalten. Ihre Wirkung ist somit sofort per A-B-Vergleich überprüfbar.

Türöffner Roon

Das eröffnet kreativen Audio-Entwicklern völlig neue Möglichkeiten. Audiodata Elektroakustik beispielsweise kann über diese Schnitstelle sein Raumakustik-Korrektursystem AudioVolver Engine in jede Roon-fähige Anlage einbinden. Auch unser virtueller Hörraum LowBeats Klang Orakel ist „Roon kompatibel“: Er nutzt dieses Interface zum A-B-Hörvergleichen von Lautsprechern.

Dank der Roon-Schnittstelle geht ein langgehegter Wunsch nun endlich in Erfüllung: Die akustische Phasenkorrektur für beliebige Lautsprecher. Den Aufschlag macht der Essener Spezialist Fink Audio-Consulting. Das überrascht nicht, beherrscht doch das Team um Karl-Heinz Fink das Metier Lautsprecher aus dem Effeff. Natürlich weiß man dort: Selbst allerbeste, hauseigene Schallwandler wie etwa die FinkTeam Borg lassen sich mittels akustischer Phasenkorrektur auf elektronischem Wege elegant perfektionieren. Mit passiven Filtern gelänge das nur teilweise und zudem mit horrendem Aufwand.

Vorwärts Zurück
Fink Team
Fink Tank: Das Team von Fink Audio Consulting ist ein echtes Kompetenzzentrum im Bereich Audio. Hier im Bild (v. l. n. r.) Karl-Heinz Fink; Walter Fuchs, (Elektronik), Markus Strunk (Laser-Analyst) und Produktionsleiter Bernd Röckert (Foto: J.Bauer)
Shauk Khan, FAC
Shauk Khan ist der Spezialist fürs Digitale und somit auch zuständig für die akustische Phasenkorrektur von Lautsprechern per Software (Foto: K.H. Fink)
Vorwärts Zurück

Um das Verbesserungspotenzial von Lautsprechern in puncto Phasengang individuell auszuloten, muss man diese zunächst messtechnisch gründlich abklopfen. Nicht zuletzt deshalb kann Fink Audio-Consulting das Thema Lautsprecher-Phasenkorrektur gelassen angehen. Schließlich verfügt man im eigenen Hause über sämtliche hierfür notwendigen Messeinrichtungen.

Going deeper…

Lautsprecher-Phasenkorrektur – umgangssprachlich mag dieser Begriff vielleicht durchgehen. Korrekt müsste es allerdings heißen: Kompensation des akustischem Phasengangs von (Mehrwege-)-Lautsprechern mit elektronischen Mitteln. Das liest sich zwar wie der Titel einer Diplomarbeit, beschreibt den Vorgang jedoch recht treffend. Vier wesentliche Punkte werden dadurch erkennbar.

1. Akustische Phasenkorrektur wirkt unmittelbar auf den vom Lautprecher abgestrahlten Schall. Hierbei wird nur der Lautsprecher an sich korrigiert – eine Über-Alles-Kompensation wie bei Raumeinmess-Systemen findet nicht statt. Dadurch profitieren alle Zuhörer von den Verbesserungen, weitestgehend unabhängig vom Hörplatz.

2. Akustische Phasenkorrektur geht nicht zwingend mit einer Anpassung des Amplitudenfrequenzganges einher. Die tonale Abstimmung des Lautsprechers bleibt also erhalten.

3. Akustische Phasenkorrektur ist nicht vergleichbar mit der Laufzeitanpassung, wie sie beispielsweise Subwoofer in Home-Cinema-Anlagen erfordern. Laufzeitanpassung erfolgt über einstellbare, frequenzunabhängige Verzögerungszeiten (Delay). Akustische Phasenkorrektur hingegen erfordert Filter mit einstellbarem Phasenverlauf. Die hierfür eingesetzten Digitalfilter verursachen zwar ebenfalls (gewollte) Zeitverzögerungen, im Gegensatz zur Laufzeitanpassung sind diese jedoch frequenzabhängig.

4. Akustische Phasenkorrektur hat keinen direkten Bezug zum Phasenverlauf der elektrischen Impedanz des Lautsprechers – also das, was der Verstärker als Last an seinem Lautsprecherausgang „sieht“. Akustische Phasenkorrektur und Impedanzlinearisierung sind zwei unterschiedliche Paar Stiefel.

Zeit ist Klang

Technik um ihrer selbst willen macht keinen Sinn. Daher interessiert zunächst die Frage, ob und warum korrekter, akustischer Phasengang bei Lautsprechern wichtig ist. Physikalisch betrachtet, lautet die Anwort: Je phasentreuer ein Lautsprechersystem arbeitet, desto exakter kann es komplexe, impulshafte Schallereignisse reproduzieren. Dadurch bleibt die ursprüngliche Hüllkurve des Signals erhalten. Sie zerfließt nicht in seine unterschiedlichen, spektralen Anteile (Dispersion).

Doch ist das für den Höreindruck wirklich von Bedeutung? Das klärt ein kurzer Abstecher in die Psychoakustik. Evolutionär ist das menschliche Gehör darauf getrimmt, unser „Überleben“ zu sichern. Darum ist es in der Lage, selbst ultrakurze Schallereignisse im Millisekundenbereich erstaunlich präzise auszuwerten – bespielsweise deren Schalleinfallsrichtung. Knickende Äste, raschelndes Laub, plätscherndes Wasser, prasselndes Feuer – all diese impulshaften Schallereignisse zeichnen sich durch ein weitreichendes Frequenzspektrum in der initialen Entstehungsphase aus. Entsprechend hoch ist ihr Aufmerksamkeitswert, was die „Fluchtchancen“ erheblich verbessert.

Gezupfte oder angeschlagene Saiten, Anblasgeräusche von Windinstrumenten, aber auch eine mit Holzschlegel gespielte Kick Drum – viele Musikinstrumente verhalten sich kaum anders als natürliche Schallereignisse. Auch sie erzeugen in der klanglichen Entstehungsphase zunächst erstaunlich breite Frequenzspektren, die in der Regel weit über den eigentlichen Tonumfang hinausreichen.

2019-12-spectrogram-bass-drum-infected-mushroom-deeply-disturbed
Das Spektrogramm zeigt einen Bassdrum-Kick, untermalt von einem Bass-Synthesizer. Auffällig das weitreichende Frequenzspektrum (>10kHz) beim Auftreffen des Schlegels (Screenshot: J. Schröder)

Die Wiedergabe solch klanglich charakteristischer Einschwingvorgänge (Transienten) erfordert jedoch nicht bloß einen ausgedehnten Übertragungsbereich. Auch müssen die zeitlichen Bezüge aller beteiligten Schwingungen zueinander gewahrt bleiben, um das Schallereignis in seiner ursprünglichen Gesamtform (Hüllkurve) zu erhalten. Denn eben diese ist psychoakustisch von großer Bedeutung. Reine, harmonische Schwingungen hingegen kommen als natürliche Schallereignisse praktisch niemals vor.

Korrigieren – was denn eigentlich?

Jeder Lautsprecher hat einen nach unten und oben hin begrenzten Übertragungsbereich. Demzufolge kann man ihn als mechanisch-akustisches Filter beschreiben. Im Bassbereich wirkt er als Hochpass, bei hohen Frequenzen als Tiefpass.

Jeder Lautsprecherbastler weiß: Tieftöner ändern ihre Basswiedergabe deutlich, baut man sie in ein Gehäuse ein. Dabei beeinflussen Gehäusegröße und -art (geschlossen; Bassreflex; Bandpass), was sich „unten herum“ tut. Das Lautsprechergehäuse prägt also ebenfalls auf seine Weise das Filterverhalten der „Beziehungskiste“ Lautsprecher und Gehäuse.

Dieses (Hochpass-)-Filterverhalten ist durchaus erwünscht – beispielsweise, um einen kleinen 13er-Treiber nicht mit subsonischen Frequenzen zu belasten. Den Herren Thiele und Small sei es dabei gedankt, dass sich das Zusammenspiel von Lautsprecher und Gehäuse filtertechnisch exakt berechnen lässt.

2019-12-aparisi-winisd-gui
Typische Hochpass-Filterfunktionen von Tieftonlautsprechern, eingebaut in Gehäuse. Hier dargestellt im Lautsprecher-Simulationsprogramm WinISD (Screenshot: www.aparisi.org)

Ob elektrisch wie bei der Frequenzweiche durch Spule, Widerstand und Kondesator, oder mechanisch wie beim Lautsprecher durch Feder, Reibung und Masse: Filter besitzen nicht nur einen Amplituden-, sondern auch einen Phasenfrequenzgang. Dieser beschreibt, wie groß der (frequenzabhängige) Phasenunterschied des Ausgangsignals im Vergleich zum Eingangssignal ist.

Damit einher geht natürlich ein (ebenfalls frequenzabhängiger) Zeitversatz zwischen Aus- und Eingangsignal. Beträgt beispielsweise die Phasendifferenz bei einer Frequenz von 40 Hertz 90 Grad, so „hinkt“ das Ausgangs- dem Eingangssignal um 6,3 Millisekunden hinterher. Grundsätzlich gilt: Je steiler das Filter, desto steiler auch der Verlauf des Phasengangs.

2019-12-hochpass-uebertragungsfunktion
Übertragungsfunktion Hochpass 1. Ordnung, hier dargestellt im sogenannten Bode-Diagramm (Grafik: www.elektroniktutor.de)

Stichwort Gruppenlaufzeit

An dieser Stelle wird’s Zeit für ein kleines Gedankenspielchen. Zunächst mal stellen wir uns eine Tonquelle vor, die alle hörbaren Tonfrequenzen gleichlaut und exakt gleichzeitig für einen ultrakurzen Moment ausgeben kann (Grafik 1, unten). Diese „Frequenzmauer“ geben wir per Verstärker auf eine passive 2-Wege-Bassreflexbox und überprüfen mit Mikrofon und Spektrum-Analyser, was diese daraus akustisch macht.

Vorwärts Zurück
2019-12-spectrogram-dirac-impulse-direct
Spektrogramm (Draufsicht) eines idealen Dirac-Impulses. Alle Frequenzen sind gleichlaut und starten zum gleichen Zeitpunkt. Die Gruppenlaufzeit (schwarze Linie) beginnt somit für alle Frequenzen bei 0 Millisekunden (Diagramm: J. Schröder)
2019-12-spectrogram-dirac-impulse-totem-acoustic-fire-1m
Gruppenlaufzeit eines realen Lautsprechers (Totem Acoustic Fire) bei In-Raum-Messung in 1m Abstand. Gut erkennbar die Gruppenlaufzeit-Verzögerungen im Tieftonbereich sowie im Übergangsbereich von Tiefmittel- und Hochtöner (Diagramm: J. Schröder)
Vorwärts Zurück

Überrascht stellen wir fest, dass die wiedergegebene „Soundwall“ nun nicht mehr geradlinig verläuft (Grafik 2). Während die hohen Frequenzen noch pünktlich und einigermaßen im Gleichschritt ausgegeben werden, hinken vor allem die sehr tiefen Frequenzen ziemlich hinterher – und das auch noch recht ungleichmäßig. Besonders spät sind diejenigen dran, die im Bereich der Resonanzfrequenz unserer Lautsprecherbox liegen.

Unregelmäßigkeiten im Mauerverlauf zeigen sich jedoch auch in demjenigen Frequenzbereich, wo der Hochtöner den Tieftöner ablöst – hier kommt es ebenfalls zu Verwerfungen.

Dies ist zwar eine fiktive Geschichte, aber genau das passiert in der Realität. Die schwarze Linie oben auf dem Mauerkamm markiert die sogenannte Gruppenlaufzeit (group delay): Sie beschreibt als Graph, wieviel Zeit schmalbandige Wellengruppen (beispielsweise Tonebursts) bei der interessierenden (Träger-)-Frequenz benötigen, um das Lautsprechersystem zu passieren.

Bereits 1975 publizierten Audio-Koryphäe Jens Blauert und die Physik-Spezialistin Priscilla Laws, dass das menschliche Gehör zumindest in bestimmten Frequenzbereichen überraschend empfindlich auf solche Group-Delay-Ausreißer reagiert. Nach der weitestgehend anerkannten, publizierten Tabelle jedenfalls fällt der in Grafik 2 dargestellte Lautsprecher (reale Messung) in dieser Hinsicht bereits krachend durch. Mit annähernd 25 Millisekunden Gruppenlaufzeit im Bereich um 2.5oo Hertz liegt der Group-Delay deutlich über der Hörbarkeitsschwelle von etwa einer Millisekunde.

Abbiegen in die Zielgerade

Zusammenfassend hier nochmal das Wichtigste im „Elevator Pitch“: Lautsprecher sind akustisch-mechanische Filter. Somit zeichnen sie sich durch typische Amplituden- und Phasenfrequenzgänge aus. Letztere beschreiben indirekt die frequenzabhängige Verspätung, mit der das Ausgangs- dem Eingangssignal hinterherhinkt.

Amplituden- und Phasenfrequenzgang – dieses „Übertragungsfunktion“ genannte Gespann wird beim Tieftöner maßgeblich vom umgebenden Gehäuse mitbestimmt. Beim Hochtöner hingegen ist es vor allem die Frequenzweiche, die meist in der Nähe seiner Resonanzfrequenz den Übergang zum Tieftöner bewerkstelligt.

Sowohl das Hochpassfilter „Tieftöner-Gehäuse“ als auch das Hochpassfilter „Hochtöner-Frequenzweiche“ weisen unterhalb ihrer Grenzfrequenz zunehmend große Phasenverschiebungen von Ausgangs- zu Eingangssignal auf. Diese machen sich durch mehr oder weniger große Verwerfungen in der Gruppenlaufzeit bemerkbar. Letztere zeigen sich im Bassbereich vor allem bei der Bassreflex-Abstimmfrequenz; im Mittelhochtonbereich dagegen im Übergangsbereich von Tiefmittel- zum Hochtöner. In beiden Fällen führen solche Unregelmäigkeiten zu spektralen Verspätungen, die im Tieftonbereich prinzipbedingt deutlich größer ausfallen.

Zwar werden die kritischen Grenzwerte allenthalben noch diskutiert, unumstritten jedoch ist: Auf Unregelmäßigkeiten in Sachen Gruppenlaufzeit reagiert das menschliche Ohr ausgesprochen sensibel – speziell im Bereich der größten Ohrempfindlichkeit zwischen 2000 und 4000 Hertz.

Zurück in die Zukunft

Wie lassen sich solche Gruppenlaufzeit-Verzerrungen denn nun kompensieren? Das gelingt mit einer Methode, die sich nur auf digitalem Wege kompromisslos umsetzen lässt. Das Prinzip dahinter ist simpel: Man hält alle pünktlich eintreffenden Spektralanteile so lange zurück, bis auch die letzten „Wellenbummler“ eingetroffen sind. Hierfür bieten sich mehrere Möglichkeiten an, wobei Fink Audio Consulting die meiner Ansicht nach kompromissloseste gewählt hat: inverse Phasenkorrektur mittels FIR-Allpass.

Vorwärts Zurück
2019-12-Q-Acoustics-C-500 Filter 1 Phase Response LF
Das Diagramm zeigt den Amplituden- und Phasenfrequenzgang des Korrekturfilters für den Tieftonbereich der Q Acoustics C 500. Während der Amplituendenfrequenzgang vollkommen linear verläuft, steigt der Phasengang zu hohen Frequenzen hin in Richtung 360 Grad an (Messung: J. Schröder)
2019-12-Q-Acoustics-C-500 Filter 1 EGD Comp LF
Hier die Darstellung der Gruppenlaufzeit. Die negativen Werte deuten an, dass die tiefen Frequenzen wie gewünscht eher passieren. Das kompensiert den Zeitversatz zwischen hohen und tiefen Frequenzen, bedingt durch die Hochpasswirkung von Tieftöner und Gehäuse (Messung: J. Schröder)
2019-12-Q-Acoustics-C-500 Filter 2 Phase Response HF
Das Diagramm zeigt die Übertragungsfunktion des Hochton-Korrekturfilters für die Q Acoustics C 500. Korrigiert wird hier vor allem der Phasengang der Frequenzweiche (Messung: J. Schröder)
Die Gruppenlaufzeitanpassung für den Hochtöner beträgt nur etwa 200 Mikrosekunden (Messung: J. Schröder)
Vorwärts Zurück

Allpässe sind Filter, die im Amplitundenfrequenzgang keinerlei Änderungen vornehmen – wohl aber im Phasenfrequenzgang. Allerdings hat diese Lösung zwei (verschmerzbare) Schattenseiten: Aufgrund der Last-In-First-Out-Taktik entsteht eine konstante Latenzzeit zwischen Ein- und Ausgangssignal. Zudem ist eine gehobene Rechenpower erfoderlich, die manchen Hardware-DSP bereits ziemlich auslasten würde. Die genutze 64bit-Filter-Engine in Roon hingegen ist derart effizient programmiert, dass sie diese Arbeit sozusagen im „Standgas“ erledigen kann.

Lautsprecher-Phasenkorrektur in der Praxis

So kompliziert der ganze Sachverhalt in der Theorie auch scheinen mag – so einfach ist der Vorgang in der Praxis. Das Wenige, was man als Roon-Anwender zu tun hat: Man muss für das zu korrigierende Lautsprecherpaar zwei ZIP-Files in die DSP-Sektion des Roon-Cores laden und ein entsprechendes Filter-Preset anlegen (Grafik unten). Mehr ist nicht zu tun. Die Zip-Files enthalten passende Korrekturfilter für alle gängigen Abtastraten. Ihre Umschaltung übernimmt Roon automatisch je nach Vorgabe des aktuell gewählten Musiktitels.

Vorwärts Zurück
2019-12-roon-group-delay-compensation-finkteam-borg-on
Konfiguration der DSP-Sektion in Roon: Hierfür sind zunächst mal zwei Faltungsfilter in den Signalweg zu schalten. Anschließend können von dort aus die ZIP-Korrekturfiles in den Roon Core geladen werden (Screenshot: J. Schröder)
2019-12-roon-group-delay-compensation-finkteam-borg-off
Nach Anlegen eines DSP-Preset lassen sich die Korrekturfilter, wie hier dargestellt, gemeinsam oder aber separat für Hochton und Tiefton aktivieren (Screenshot: J. Schröder)
Vorwärts Zurück

Aktuell enthält ein Lautsprecher-Filterset zwei Zip-Files, getrennt zur Phasenkorrektur für Tiefmittelton- und Hochtonbereich. Mir persönlich kommt diese Lösung entgegen, weil sich damit die Korrekturwirkung nicht nur im Ganzen, sondern auch separat für beide Bereiche im A-B-Vergleich hörtesten lässt.

Vor dem Hörtest sei noch eine abschließende Frage geklärt: Wie heißt es denn nun richtig – Phasen- oder Gruppenlaufzeit-Korrektur? Beides stimmt – mir persönlich liegt Phasenkorrektur näher, weil dieser Begriff unmittelbar auf den Ursprung verweist. Die Gruppenlaufzeit hingegen stellt die mathematische Ableitung des Phasenverlaufs nach der Frequenz dar.

Die Lautsprecher-Phasenkorrektur im Hörtest

Fink Audio Consulting stellte LowBeats exklusiv erste, noch nicht ganz finale Korrektur-Filtersets für zwei Lautsprecher zur Verfügung. Zum einen für die FinkTeam Borg, zum anderen für die Q Acoustics Concept 500. Glücklicherweise waren beide Modelle verfügbar, sodass wir ausgiebige Hörvegleiche mit gleich zwei Lautsprechern durchführen konnten.

Wer sich bis hierhin durchgearbeitet hat, ahnt wahrscheinlich schon, dass die Lautsprecher-Phasenkorrektur bei beiden Modellen sehr ähnliche klangliche Auswirkungen hatte. Genauso war es denn auch. Daher werde ich im Wesentlichen auf diejenigen eingehen, die sich klanglich sowohl bei der FinkTeam Borg als auch bei der Q Acoustics C 500 zeigten.

Zunächst mal galt es, sich von einer allgemein verbreiteten Hörerwartung zu befreien. Nämlich der, dass essentielle Klangveränderungen vornehmlich über die spektrale Ebene erfahrbar sind. So waren die Unterschiede nach der üblichen, quantitativen Betrachtungsweise nur sehr unzureichend zu beschreiben. Vielmehr spielten sich diese in einer Dimension ab, die ein völlig anderes Vokabular erfordert.

Zunächst mal überraschte die Einhelligkeit der Tester-Urteile: Die Beschreibung der klanglichen Unterschiede war über alle Testpersonen hinweg in jeder Hinsicht deckungsgleich. Alle empfanden die Wiedergabe mit aktivierten Korrekturfiltern deutlich akzentuierter; im wahrsten Sinne „auf den Punkt“. Insgesamt wirkte die Musik dynamischer, merklich engagierter. Im Gegensatz dazu erschien die Wiedergabe ohne Korrektur geradezu harmlos, oder, noch bildhafter ausgedrückt, „dahinplätschernd“. Perfekte Hörbeispiele hierfür waren unter anderem „Give Me One Reason“ von Tracey Chapman oder Quality Of Mercy von Michelle Shocked.

Einigkeit herrschte auch, dass ein Deaktivieren der Phasenkorrektur stets mit einem Mangelgefühl einherging. Das Aktivieren hingegen glich dem „Zurechtrücken der Klänge“; feindynamische Strukturen wurden selbstverständlicher erfassbar.

Nicht nur die klanglichen Konturen, sondern auch der „tonliche“ Bereich gewann mit aktivierter Phasenkorrektur. So schien es, als singe der Chor bei „Trois beaux oiseaux du paradis“ auf dem retro-futuristischen Album Australasie des Pariser Schlagzeugers Astrobal aus vollerem Hals – die Töne wirkten klarer, farbiger und befreit von jeglicher Trübung.

Subtil, aber dennoch nachhaltig beeinflusste die Phasenkorrektur auch den Tieftonbereich. Wie zu erwarten, zeigte sich das vor allem im akustisch kritischen Bereich von etwa 40 bis 100 Hertz. Hier neigen viele Räume zum Dröhnen – meist unterstützt durch ungünstiges Impulsverhalten von Bassreflex- oder Bandpasslautsprechern. So klang der bewusst dicklich aufgenommene Bass-Synthie beim verspielt-subversiven JLP Smoked A Doobie mit aktivierter Korrektur zwar immer noch immer tollpatschig-pummelig. Er verlor jedoch sofort sein unangenehmes Nachdröhnen während der Ausklingphase.

Lautsprecher-Phasenkorrektur: das Fazit

Angesichts solch überzeugender Resultate wie diesmal fällt es schwer, nicht ins Schwärmen zu geraten. Bei grundlegenden Themen wie der hier vorgestellten Lautsprecher-Phasenkorrektur empfiehlt sich jedoch stets eine seriöse Distanz, will man nicht wie so oft eine neue Sau durchs Dorf treiben. Drum hier zunächst mal drei aufs Wesentliche reduzierte Aussagen.

1. Ein guter Lautsprecher bleibt ein guter Lautsprecher – ob mit oder ohne Phasenkorrektur.
2. Ein schlechter Lautsprecher wird allein durch Phasenkorrektur nicht zu einem guten.
3. Phasenkorrektur kommt jedem Lausprecher zugute – egal, ob gut oder schlecht.

Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass das menschliche Gehör vor allem auf tonale Abweichungen im Amplitudenfrequenzgang reagiert. Darum stand dieses Thema bei der Lautsprecherentwicklung bislang zurecht im Mittelpunkt, da bei ihnen prinzipbedingt die größten Abweichungen auftreten. Mittleweile gibt es denn auch kaum mehr ernstzunehmende Lautsprecher, die nicht über einen linearen Amplitundenfrequenzgang verfügen.

Alle Musikliebhaber wissen, dass sich Lautsprecher mit ähnlichen Frequenzgangschrieben klanglich trotzdem massiv unterscheiden. Wie schon seit vielen Jahren bekannt, basieren diese Unterschiede zum großen Teil auf unterschiedlichem Verhalten im zeitlichen Bereich. Jedoch fällt die klangliche Interpretation der zugehörigen Signale (Sprungantwort; Impulsantwort) im Vergleich zum Amplitudenfrequenzgang deutlich schwerer. Entsprechend „unterbelichtet“, führte das zeitliche Verhalten von Lautsprechern bislang eher ein Schattendasein.

Hier zeichnet sich gerade ein Paradigmenwechsel ab. Ausgelöst durch die dank Roon flächendeckend verfügbaren Möglichkeiten zur Lautsprecherkorrektur rückt deren zeiliches Verhalten nunmehr voll in den Blickpunkt. Die hier bislang gemachten Kompromisse zeigen sich jetzt ganz offenkundig.

Der HiFi-Technik eröffnet sich damit eine zwar bekannte, bislang aber nur wenig genutzte Dimension. Nach Jahren der Stagnation mit klanglichen, raumakustischen oder musikalischen Trendabstimmungen besteht nunmehr wieder die Möglichkeit, die Klangqualität im Sinne werkgerechter Wiedergabetreue deutlich zu verbessern.

In diesem Sinne ist die von Fink Audio Consulting vorgestellte Lautsprecher-Phasenkorrektur per Roon eine Maßstäbe setzende Initiative, die definitiv Schule machen wird.

Im Beitrag erwähnt:
Q Acoustics Concept 500: beste Box unter 5.000 Euro?
FinkTeam Audio Borg: die neue LowBeats Referenz
Roon – der geniale Musikserver im Videotest