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LowBeats beleuchtet den Aufstieg von Roon in der HiFi-Welt und ergründet, wie es dazu kommen konnte.

Der Roon-Report: ein Triumphzug durch die HiFi-Industrie

In diesem Artikel möchten wir den beachtlichen Erfolg der serverbasierten Musikverwaltungs- und Streaming-Anwendung Roon beleuchten. In nur wenigen Jahren stieg diese Lösung zur wohl meist gefragten Anwendung für anspruchsvolle Digital-Musikhörer auf. Was steckt hinter diesem Triumphzug? Der Roon-Report gibt Antworten.

Ganz ohne Hintergrund geht es nicht. Wer Roon verstehen will, sollte etwas über dessen Ursprünge wissen. Die Gründer der ROON LABS LLC, so der genaue Firmenname, waren an der Entwicklung von Sooloos beteiligt. Einer Musik-Anwendung mit ähnlichem Zweck, die später an Meridian verkauft wurde.

Sooloos V3 Screenshot
Ein Screenshot aus Sooloos (ca. 2010, Bild: Meridian)

Es ist nicht überliefert, ob dieser Verkauf zum Ausscheiden der Mitarbeiter und deren Verselbstständigung mit Roon im Jahr 2004 geführt hat, aber es ist wahrscheinlich. Wie so oft bei solchen Übernahmen bleiben manche Mitarbeiter auf der Strecke, oder sie sind mit der neuen Firmenführung nicht einverstanden und versuchen ihr Glück woanders.

Roon beschäftigt nach eigenen Aussagen derzeit rund 50 Mitarbeiter und ist in New York beheimatet. Allerdings gibt es dort kein prestigeträchtiges Großraumbüro im Wolkenkratzer oder gar einen hippen Unternehmens-Campus. Die Roon-Macher sind über alle Kontinente und Zeitzonen verstreut und organisieren sich über die Unternehmens-Kommunikationsplattform Slack.

Roon Übersicht
Screen der Übersichtsseite in Roon (Screenshot: F. Borowski)

Roon-Report: Wie Roon zu einem Quasi-Standard werden konnte

Netzwerkbasiertes Musikstreaming, ob über das Internet oder im lokalen Heimnetz, gibt es schon weitaus länger als Roon. So hat beispielsweise der Computer-Zubehörspezialist Logitech bereits Anfang der 2000er Jahren unter dem Namen Squeezebox Netzwerk-Musikplayer angeboten.

Außerdem haben sich Standards wie die 2003 gegründete Digital Living Network Alliance (DLNA) über die Jahre recht weit verbreiten können und werden von vielen heutigen Geräten unterstützt. Der einst von Microsoft ins Leben gerufene Universal Plug and Play (UPnP)-Standard dient zur herstellerübergreifenden Ansteuerung von Geräten (Audio, TV, Router, Drucker, Haustechnik u.a.m.) im IP-basierten Netzwerk. Seit 2016 gehört UPnP zur Open Connectivity Foundation.

Heutzutage beherrschen die meisten Streamer das UPnP-Protokoll, das von Herstellern verschieden interpretiert und umgesetzt werden kann. Genau darin könnte einer der Hemmschuhe dieses offenen Standards liegen. Uneinheitliche Umsetzung ist keine Standardisierung, nach der man sich richten kann, was zu allgemeinen Unstimmigkeiten in der Kompatibilität führen kann.

Die Grundzüge des Roon-Ökosystems

Erstens: Roon selbst basiert auf einem modifizierten und auf das Wesentliche reduzierten Linux Betriebssystem, dem Roon OS. Eine der Tragsäulen des Roon-Erfolgs ist das selbst entwickelte Netzwerkprotokoll namens RAAT (Roon Advanced Audio Transport), weshalb der Hersteller hier auch von dem Rückgrat seiner Audio Distributionstechnologie spricht und es „das AirPlay für Audiophile“ nennt. Für RAAT existieren sehr genaue Vorgaben, was das Netzwerkgerät zur Kommunikation mit Roon beherrschen bzw. unterstützen muss. 

Roon hat die alleinige Kontrolle über RAAT, so wie Apple allein über AirPlay oder Google allein über Google Cast bestimmt. Das klingt zunächst weniger flexibel als ein offener Standard wie UPnP, ermöglicht aber eine höhere Kompatibilität – sofern sich die Gerätehersteller darauf einlassen. RAAT soll außerdem eine besonders hohe Streaming-Qualität mit bitperfekter Wiedergabe innerhalb des gesamtem Heimnetzwerks sicherstellen. Beispielsweise, indem Roon immer der im Audio-Device verbauten Clock die Kontrolle über das Timing überlässt.

Zweitens hat Roon mit seiner Musikverwaltungs- und Streaming-Anwendung – also der Nutzerschnittstelle – eine App geschaffen, die gezielt auf die Wünsche anspruchsvoller Musikliebhaber ausgerichtet ist und mehr einem digitalen Plattenschrank denn einer Computer-Datenbank ähnelt. Ohne freilich die Vorteile einer Computerdatenbank missen zu lassen.

Die Roon App ist in vielerlei Hinsicht selbst Programmen wie iTunes in Sachen Benutzererlebnis klar überlegen. Sie hat auch einige Features von Sooloos geerbt, wie das praktische Fokus-Feature. Aus meiner und der Sicht vieler anderer gibt es derzeit keine vergleichbar komfortable Software zur Musikverwaltung.

Roon App iPhone
Die Roon App, hier ein Screenshot vom iPhone, ist nur die „Fernbedienung“ für die auf dem Roon Core laufende Server-Anwendung. (Screenshot: F. Borowski)

Die Anwendung ist Server-basiert, erfordert also einen zentralen Rechner, auf dem sowohl die Serveranwendung läuft als auch lokale Musik gespeichert werden kann, um diese über das Heimnetz zu verteilen. Das ist der sogenannte Roon Core. Die eigentliche App auf dem Computer oder Smart-Device ist nur die „Fernbedienung“.

Silent Angel Rhein Z1
Die eigentliche Roon-Anwendung, Core genannt, läuft auf einem Computer oder Netzwerkserver. Hier der für Roon spezialisierte Silent Angel Rhein Z1 (Foto: F. Borowski)

Die Roon-Software ist zudem in der Lage, Musik von Online-Diensten (derzeit Qobuz und Tidal) wiederzugeben. Ein zentraler Punkt dabei ist, dass die Online-Angebote und die eigene Musik wie eine einzige große Musiksammlung behandelt werden. Und Roon bietet auch eine sehr komfortable Möglichkeit zur Wiedergabe von Internet-Radio.

Roon Screenshot
Roon Webradio: Sofern vorhanden, listet Roon alle vorhandenen Streams der Station (Screenshot: F. Borowski)

Drittens: Damit ein Wiedergabegerät – auch Roon Endpoint genannt – mit Roon funktioniert, muss es zumindest „Roon Tested“, besser aber „Roon Ready“ sein. Dafür ist eine Prüfung der Geräte bei Roon erforderlich. Entgegen landläufiger Meinung fallen dafür keine Lizenzgebühren an. Aber der Hersteller muss von jedem Gerät ein Muster zum Verbleib an Roon senden, wo es eingehend auf die strengen Vorgaben getestet wird.

Cambridge Audio EVO Display
Ein Roon Ready Endpoint, hier der kürzlich getestete Cambridge Audio EVO 150, unterstützt das Roon RAAT-Protokoll zur bitperfekten Wiedergabe und kann über das Roon-Interface sehr komfortabel gesteuert werden (Foto: F. Borowski)

Roon listet derzeit 50 Marken mit Produkten, die den „Roon Tested“-Status erhalten haben. Das bedeutet die Geräte funktionieren mit Roon über USB, HDMI, AirPlay, Google Cast und andere Fremd-Protokolle. Sie wurden vom Roon-Team profiliert, um eine einfache Einrichtung und mühelose tägliche Nutzung zu gewährleisten.

„Roon Ready“-Netzwerkgeräte haben die Streaming-Technologie [RAAT] von Roon eingebaut und sind von Roon Labs zertifiziert, um die höchste Qualität und Leistung beim Netzwerk-Streaming zu bieten“ – so die exakte Aussage von Roon. Roon-Ready- bzw. Tested-Geräte werden in der Roon App mit einem kleinen, liebevoll stilisierten Piktogramm angezeigt, um sie auf einen Blick in der Geräteliste wiedererkennbar zu machen. 

Momentan sind nach Zählung der Logos 89 Marken als Roon Ready gelistet. Davon viele mit mehr als nur einem Produkt. Beispielsweise hat allein der recht kleine Hersteller Waversa satte 15 Roon-Ready-Modelle im Programm – wovon je ein Exemplar zum Test nach New York musste…

Roon Partners
Alle derzeit auf der Roon-Seite gelisteten Marken mit Roon-Ready-Komponenten. (Screenshot: F. Borowski)

Roon selbst spricht von „über 200 Audio-Herstellern und 880+ unterstützten Geräten“. Demnach sind auf der „Partners„-Seite also längst nicht alle Logos gelistet.

Der Roon-Ready-Status bietet viele Vorteile. Um nur den wichtigsten zu nennen: Die Übertragung bis zum Endgerät erfolgt damit durchgehend bitperfekt über das RAAT-Protokoll, statt wie bei Roon Tested den Umweg über ein weiteres Protokoll nehmen zu müssen und etwaige klangverschlechternde Konvertierungen zu durchlaufen. Roon-Ready-Geräte lassen sich sehr komfortabel über die App steuern. Oft wird mit Roon Ready sogar das automatische Einschalten unterstützt (per Wake-Befehl über das Netzwerk), sobald ein Musikstück gestartet wird, oder die Lautstärkeregelung kann über Roon erfolgen, auch wenn die eigentliche Regelung von der Hardware im Gerät durchgeführt wird. Roon und die Hardware kommunizieren hier eng miteinander.

Viertens: Die Konzentration auf HiFi-affine Nutzer und deren bevorzugte Hardware. Allein die Kosten für ein Roon-Abo oder eine Lifetime-Lizenz plus der benötigten Server-Hardware limitieren den Kundenkreis auf ein Special-Interest-Publikum. Doch genau hier hat Roon mit seinem ausgereiften Konzept eine Nische gefunden, in der es sich (hoffentlich) gut leben lässt. 

Ohne die HiFi-Hersteller ging es nicht

Einerseits ist es erstaunlich, wie populär Roon in vergleichsweise wenigen Jahren in der HiFi-Szene geworden ist. Andererseits gehörte wohl auch eine Portion Glück dazu, denn die Hersteller von HiFi-Streamingkomponenten mussten sich auf das Roon-Prinzip erst mal einlassen.

Das ist ein insofern ungewöhnlicher Vorgang, weil Hersteller dazu tendieren, fremdentwickelte Standards zu meiden und stattdessen lieber ihr eigenes Süppchen kochen oder auf „offene“ Standards setzen. Was nicht selten zu einer zersplitterten, inkompatiblen Landschaft führt, die nur mit lästigen Adaptern oder Formatkonvertierungen funktioniert – wenn überhaupt.

Irgendwie hat Roon es geschafft, eine kritische Masse an Nutzern und Herstellern hinter sich zu versammeln, um auf ein Level zu kommen, das eine Eigendynamik entwickeln konnte. Daran waren wir, also die versammelte HiFi-Presse, sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Für viele HiFi-Journalisten ist Roon zu einem unverzichtbaren Arbeitsmittel geworden und findet deshalb auch immer wieder Erwähnung.

Naim Uniti Atom Headphone Edition front angled
Naim Uniti Atom HPA (Test demnächst): brandneu und schon Roon Ready. (Foto: Naim)

Inzwischen sieht die Sache so aus: Wer ein Streaming-fähiges HiFi-Gerät auf den Markt bringen will – und die Dinger boomen zurzeit – kommt an einer Roon-Ready-Zertifizierung kaum vorbei. Fehlt der begehrte Badge, hat das den Status einer Ausstattungslücke. Ergo: Immer mehr Hersteller steigen auf den Zug auf und der Standard Roon wird mehr und mehr zementiert.

Roon-Report: Wo ist die Konkurrenz?

Man kann es bewundern, aber auch fürchten. Roon hat ein Quasi-Monopol in einem Mini-Markt erschaffen. Die Hifi-Industrie ist an sich schon ein winziger Markt im Vergleich zu beispielsweise Smartphones. Die High-End-Szene, in der sich die meisten Roon-Nutzer tummeln, ist noch viel winziger. Darum kann außerhalb eingefleischter HiFi-Kreise auch kaum jemand etwas mit dem Namen Roon anfangen. 

Genaue Nutzerzahlen sind uns nicht bekannt, dürften sich aber eher im Hunderttausender-Bereich bewegen und damit Kleinstadtniveau haben. Nur zum Vergleich: Allein Spotify als Abo-Musikdienst verzeichnet mittlerweile deutlich über Hundertmillionen zahlende Kunden.

Nichtsdestotrotz dominiert Roon hier einen Markt unangefochten. Und auf absehbare Zeit wird sich daran wohl auch nichts ändern, denn dazu müsste erst mal jemand eine App schaffen, die mindestens genau so komfortabel und vor allem ausgereift wie Roon ist. Das allein wäre eine Herkules-Aufgabe, denn komplexe Anwendungen sind niemals von jetzt auf gleich ausgereift. 

Eine vergleichbare Infrastruktur aus Übertragungsprotokoll, Serveranwendung und super komfortabler App zu schaffen und dann noch alle Hersteller mit ins Boot zu holen, wäre umso aufwändiger und teurer. Mehr noch. Ein hypothetischer Konkurrent müsste eigentlich deutlich mehr bieten, um die überwiegend zufriedenen Kunden von Roon wegzulocken. Wer will sich hier vortrauen?

Direkte Kritik kam in letzter Zeit von einigen Herstellern. So hörte man Beschwerden über die Dauer des Zertifizierungsvorgangs. Ein halbes Jahr und länger dauerte es bisweilen. Die wahrscheinliche Ursache dafür: Noch bis zum letzten Jahr war es möglich, auch nicht von Roon getestete Produkte im Roon-Ready-Modus zu benutzen, wenngleich ohne entsprechende Funktionsgarantien. Zum Unmut derjenigen, die die Kosten für eine offizielle Prüfung und gegebenenfalls Nachbesserung auf sich nahmen.

Daher verschloss Roon irgendwann diese Möglichkeit, sodass wirklich nur zertifizierte Produkte sich in den Audioeinstellungen aktivieren lassen. Die „Trittbrettfahrer“ mussten nun erst mal, um einen Shitstorm ihrer Nutzer zu vermeiden, ihre Produkte nachträglich so schnell wie möglich in New York testen lassen, was zu einem großen Stau führte. Inzwischen läuft die Prozedur aber wieder deutlich zügiger ab, wie einige Hersteller auf LowBeats-Nachfrage bestätigten.

Roon Geräte Gruppenbild
Kaum ein Hersteller kann es sich leisten, auf Roon zu verzichten. (Foto: Roon)

Fazit – There is no place like Roon

Der Roon-Report zeigt: Es gleicht einem Husarenstück. Roon ist gelungen, was nur wenige von sich behaupten können: Eine dominierende Marktposition einzunehmen, die auf absehbare Zeit keine Konkurrenz zu fürchten braucht und ein Quasi-Monopol darstellt.

Wer sich die Lizenz bzw. Abo und Hardware für Roon gönnt, ist damit in aller Regel äußerst zufrieden – weil das Produkt einfach gut ist. Die finanziellen Hürden werden aber auch künftig dafür sorgen, dass Roon kein Massenphänomen á la Facebook werden wird. Innerhalb unseres geliebten HiFi-Taschenuniversums ist Roon aber zu einer kaum wegzudenkenden Institution geworden.

Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass Roon irgendwann die Möglichkeit zum Kauf einer Lifetime-Lizenz abschaffen und nur noch die Abo-Option anbieten wird. Von daher rate ich jedem ernsthaften HiFi-Fan mit Streaming-Ambitionen, lieber früher als später zuzugreifen.

Eine Roon Lifetime-Lizenz kostet umgerechnet rund 600 Euro. Als Abo werden derzeit gut 85 Euro pro Jahr oder knapp 11 Euro pro Monat fällig – siehe Roon Pricing. Die Kosten für einen Roon Core hängen vom Hardwareaufwand ab und liegen zwischen ein paar Hundert Euro für eine Selbstbaulösung bis hin zu fünfstelligen Summen für Ultra-High-End-Fertiggeräte. 

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Autor: Frank Borowski

LowBeats Experte für Schreibtisch-HiFi und High End kennt sich auch mit den Finessen der hochwertigen Streaming-Übertragung bestens aus. Zudem ist der passionierte Highender immer neugierig im Zubehörbereich unterwegs.