HiFiman HE1000 links
Magnetostatischer Kopfhörer HiFiman HE1000; 3.500 Euro (Foto: J. Schröder)

Test: Edel-Kopfhörer HiFiman HE1000

Der knapp 3.500 Euro teure HiFiman HE1000 ist das Topmodell im Line-Up des asiatischen Kopfhörer-Spezialisten, dessen Produkte hierzulande vom Bremer Wohlklang-Experten Sieveking Sound vertrieben werden.

Entsprechend luxuriös präsentiert sich der HE1000 denn auch: Sorgfältig eingebettet in eine solide Holzschatulle, weckt er bereits beim Auspacken Vorfreude auf den kommenden Musikgenuss.

Zum Lieferumfang gehören gleich drei hochwertige Kabel: Eines zum Anschluss an Kopfhörer-Verstärker mit 4-poligem, symmetrischem Ausgang, ein zweites für den Betrieb an üblichen Kopfhörer-Ausgängen mit 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse und ein drittes mit großem Klinkenstecker für klassische 6,3-Millimeter-Anschlüsse.

Als Kabelmaterial wählte HiFiman eine Kombination von Solid-Core-Reinkupfer- und Reinsilberleitern, die zur Reduktion von Körperschall- und Hantierungsgeräuschen zusätzlich mit einer robusten Textilisolation versehen sind.

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HiFiman HE1000 Aufbewahrung in Holzschatulle
Der HiFiman HE1000 wird in einer sorgfältig verarbeiteten Holzschatulle geliefert (Foto: J. Schröder)
Kabel
Zum Lieferumfang des HiFiman HE1000 gehören auch drei hochwertige Anschlusskabel, die mit je einem kleinem und großem Stereo-Klinkenstecker sowie einem symmetrisch beschalteten, 4-poligen XLR-Stecker bestückt sind (Foto: J. Schröder)
HiFiman HE1000 Anschlüsse
Die soliden Mini-Klinkenarmaturen des HiFiman HE1000 ermöglichen einen einfachen Kabeltausch, der durch die eindeutige Kanalkennzeichnung erleichtert wird. (Foto: J. Schröder)
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Über das Retro-orientierte Design des HE1000 mit dem für HiFiman Hörer typischen, breit ausladenden Kopfbügel kann man freilich geteilter Meinung sein – über die Materialauswahl und die Fertigungsqualität aber nicht: Die Kombination aus sorgfältig CNC-gefräster, präzise rastender Edelstahlmechanik und Echtholz-eingefassten Over-Ear-Schallwandlern mit ledernem Kopfband hinterlässt einen ausgesprochen soliden und zudem gediegenen Eindruck.

Natürlich bringt dieser Materialeinsatz einiges an Gewicht mit sich, und so ist der HE1000 mit 480 Gramm nicht gerade einer der leichten Hörer.

Dennoch trägt sich der große HiFiman außerordentlich angenehm, wozu die in weiches Leder eingefassten, sehr gut anliegenden Velours-Ohrpolster erheblich beitragen.

Wegen seines großflächig verteilten Anpressdrucks wird der HE1000 auch bei längerem Musikhören nicht lästig.

HiFiman HE1000 – die Technik

Die Schlüsseltechnologie aller HiFiman-Hörer ist fraglos ihre magnetostatische Arbeitsweise, häufig auch als planar bezeichnet: Hierbei schwingt eine hauchdünne Membranfolie in einem von kräftigen Permanentmagneten verursachtem, magnetischem Gleichfeld.

Auf der Membranfolie ist eine mäanderförmig verlaufende Leiterschleife aufgedampft, die vom Signalstrom durchflossen wird.

Hierdurch entsteht ein dem Signalstrom proportionales, magnetisches Wechselfeld, das in Kombination mit dem magnetischen Gleichfeld eine Kraftwirkung erzeugt und damit die Membran schwingen lässt.

Vorteil dieser planaren Arbeitsweise gegenüber Tauchspulen-Antrieben ist, dass die Antriebskräfte gleichmäßig über die gesamte Membranfläche wirken.

Aus technischer Sicht scheint die magnetostatische Arbeitsweise also beinahe zwingend, doch auch bei ihr gibt es einige Stolpersteine zu überwinden.

Von besonderem Interesse sind hierbei die Schalldurchlässigkeit der Magnetkonstruktion, die Beschaffenheit des Magnetfeldes sowie die Masse der Folie: Diese sollte natürlich so gering wie möglich sein, um dem Wandler zu einem guten Impulsverhalten zu verhelfen.

Aus diesem Grund kommt weltexklusiv beim HE1000 erstmals eine extrem dünne Folie zum Einsatz, deren Dicke nach Angaben des Herstellers im Nanometerbereich liegt – genaue Angaben hierüber gibt’s allerdings nicht.

HiFiman HE1000 Wandler Rückseite
Das stabile, großzügig durchbrochene Schutzgitter ermöglicht den Blick auf die Rückseite des planaren Wandlersystems. Gut zu erkennen dabei die Sprossen mit den hinter der hauchdünnen Membranfolie angeordneten Stabmagneten (Foto: J. Schröder)

Vom ursächlichen Prinzip her strahlen magnetostatische Wandler front- und rückseitig Schall ab – das allerdings gegenphasig (Dipolstrahler).

So auch die Wandler des HE1000: Daher arbeitet dieser in offener Bauweise, was im Vergleich zu geschlossenen Systemen weniger Klangverfärbungen mit sich bringt.

Besonders kritisch hierbei sind die rückseitig, also nach außen abgestrahlten Schallanteile – Besitzer offener Kopfhörer können das leicht selbst überprüfen, wenn sie bei laufendem Musikprogramm mit beiden, flach ausgestreckten Händen auf die  Wandlersysteme zugehen und diese allmählich abdecken: Hierbei machen sich starke Verfärbungen vor allem im Mitteltonbereich bemerkbar.

Um hier absolut auf der sicheren Seite zu sein, nutzt der HE1000 ein patentiertes, „Window Shade“ genanntes System: Gemeint ist damit eine trickreich versetzte Anordnung der Verstrebungen des äußeren Schutzgitters zu den Wandler-internen Sprossen, die die Permanentmagneten tragen.

Auf diese Weise werden akustische Beugungseffekte minimiert und damit Irritationen bei der Membranauslenkung verhindert, was zu besonders klarem Klang führen soll.

Nicht weniger als sieben Jahre Forschung stecken in einem weiteren Technik-Highlight des HE1000, die der Optimierung des magnetischen Gleichfeldes dient.

Die „Advanced Asymmetrical Magnetic Circuit“ genannte Methode funktioniert dabei ähnlich wie der Luftspalt bei einem klassischen Wandler mit Tauchspule.

So befinden sich die kräftigen Permanentmagneten zwar in den Streben auf der Membranrückseite, allerdings werden deren Feldlinen über ein frontales, ebenfalls schalldurchlässig durchbrochenes Joch auch zur Vorderseite der Membran geführt.

Dessen Streben fallen deutlich schlanker aus als auf der Rückseite, weshalb sie den Schallaustritt zum Ohr hin kaum behindern.

Im Gegensatz zu üblichen magnetostatischen Systemen, bei denen die Membran ähnlich einem Luftkissenboot praktisch auf dem rückseitigen Magnetfeld „schwimmt“, arbeitet der Antrieb im HE1000 mit einem geschlossenen, magnetischen Kreis, der die Membran mit einbezieht.

Daraus resultieren ein gesteigerter Wirkungsgrad bei gleichzeitig reduzierten Verzerrungen.

Hörtest

Meine erstes Hörerlebnis mit einem Magnetostaten von HiFiman hatte ich im Herbst 2014, als ich für das Kopfhörer Spezial des HiFi-Magazins stereoplay in der Ausgabe 12/2014 sämtliche Messungen an den Hörern durchführte.

Dabei traf ich auch auf den moderat gepreisten HiFiman HE400i, der mich mit seiner ungewöhnlich klaren, superb artikulierten Wiedergabe sofort in seinen Bann zog und sich auch messtechnisch hervorragend präsentierte. Umso neugieriger war ich natürlich auf das Flaggschiff-Modell HE1000 – und ich wurde nicht enttäuscht.

Sicherlich kann man in Hörtests stets viele Worte darüber verlieren, wie schön dies und jenes über einen Testkandidaten geklungen hat – manchmal ist jedoch mit wenigen Worten bereits alles gesagt.

Beim HE1000 kann ich mir langes Gerede jedenfalls ersparen: Er ist fraglos einer der ehrlichsten Hörer, die ich je erlebte.

Leider ist das Ohr sehr gutmütig im Tolerieren von linearen Verzerrungen sprich Frequenzgangfehlern, so dass es vielen HiFi-Fans speziell bei Kopfhörern mitunter gar nicht auffällt, was sie ihrem Gehör da eigentlich zumuten.

Aus diesem Grunde gewöhnt man sich auch sehr schnell an überzogene Bässe und allzu crispe Höhen, ohne es zu bemerken (wenn diese nicht gerade mit unangenehmen Klirrverzerrungen einhergehen).

Dagegen klingt die „Wahrheit“ mitunter relativ unspektakulär – genau wie beispielweise naturbelassene Erdbeeren im Vergleich zum chemisch aufgeputschten Rote-Beete-Erdbeer-Derivat im Früchtejoghurt.

Wenn Sie also erfahren wollen, wie ihre Lieblingsaufnahme wirklich klingt, kommen Sie um eine Hörsession mit dem HiFiman HE1000 definitiv nicht herum – schon allein deshalb, um Ihr Gehör zu „resetten“ und auf Echtheit zu kalibrieren. Übertreibungen sind dem HE1000 nämlich absolut fremd – das wahrhaft Spektakuläre an ihm ist seine unverblümte Ehrlichkeit.

HiFiman HE1000 Amplitudenfrequenzgang
Der Amplitudenfrequenzgang des HiFiman HE1000 verläuft auch im Bassbereich vorbildlich linear. Die leichte Senke im Frequenzbereich 2 bis 3,5 kHz ist beabsichtigt: Sie dient zur Kompensation der Ohrmuschel-bedingten Concha-Resonanz. Bemerkenswert auch die Kanalgleichheit von linkem und rechtem Wandlersystem (Diagramm: LowBeats)

Auch verzichtet er auf psychoakustische Frequenzgang-Tricksereien, mit denen Entwickler immer wieder versuchen, die Im-Kopf-Lokalisation zu vermeiden – sprich, die Kopfhörerwiedergabe „räumlicher“ erscheinen zu lassen, als es die klassische Stereofonie bei diesem geringen Ohrabstand überhaupt ermöglicht.

Meine persönliche Meinung dazu: Ein Kopfhörer erzeugt Prinzip-bedingt immer Im-Kopf-Lokalisation – will man diese unterdrücken, so ist das nur über Frequenzgangfehler zu erkaufen, die die tonale Klangbalance stets ungünstig beeinflussen.

Mit derartigen Kompensationsversuchen hat der große HiFiman nichts am Hut: Aus diesem Grunde mag er Ihnen klanglich vielleicht sogar außergewöhnlich „direkt“ oder im Kopf spielend erscheinen – falls Sie das nicht mögen, sind ungeschminkt abgestimmte Kopfhörer wie der HE1000 eher ungeeignet.

Zum Schluss nun aber doch noch eine kurze Hörtest-Anmerkung: Wirklich atemberaubend finde ich die ungeheuer präzise Detailwiedergabe und Unmittelbarkeit des HE1000 – es scheint fast so, als würde er die Musik ohne Umweg über die Ohren direkt ins Hörzentrum spielen.

Wie der HiFiman HE1000 klingt, können Sie sich im LowBeats Klang Orakel im Vergleich zum Original und zu seinen Mitbewerbern übrigens direkt anhören.

Mit seiner Kapselimpedanz von 35 Ohm harmoniert der HE1000 am besten mit Kopfhörerverstärkern, die einen niederohmigen Ausgang besitzen. Was die Impedanz angeht, eignet sich der HiFiman auch für die Kopfhörerausgänge von Smartphones, erzielt aber an diesen wegen seines eher mäßigen Kennschalldruckpegels naturgemäß nur verhaltene Lautstärken.

Auch wegen seines Gewichts und seiner offenen Bauweise, die recht viel Schallenergie in die Umgebung entlässt, ist der HE1000 nicht gerade der optimale Partner fürs Hören unterwegs.

Fazit: der Unbestechliche

Kurzfristigen Spaß mit spezieller Musik oder interessante Hörimpressionen kann man heutzutage mit vielen Kopfhörern haben. Geht es jedoch um HiFi, also um möglichst unverfälschte Wiedergabe, reduziert sich das mittlerweile kaum noch überschaubare Angebot auf einige sehr wenige Modelle weltweit.

Der HiFiman HE1000 zählt nicht bloß zu dieser Elite, sondern nimmt hier auch noch eine Spitzenposition ein. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass seine herausragende Klangqualität nicht über psychoakustische Frequenzgang-Tricksereien oder mit spektakulärer Zeitgeist-Tonalität erkauft ist, sondern einzig das Ergebnis seiner hochwertigen Wandlertechnik.

So versucht er erst gar nicht, die bei Kopfhörern Prinzip-bedingte Im-Kopf-Lokalisation zu vermeiden und klingt daher im Vergleich zu anderen Modellen frappierend direkt und unmittelbar – wer das mal erlebt hat, weiß sofort: Von hier aus gibt es keinen Weg mehr zurück.

Weitere Referenz-Kopfhörer:
Test Edel-Kopfhörer Sennheiser HD 800 S
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HiFiman HE1000
2016/04
Test-Ergebnis: 4,9
Überragend
Bewertung

Bewertungen

Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Vorbildlich neutraler, detailreicher Klang
hoher Tragekomfort
herausragende Verarbeitung
Prinzip-bedingt geringe Außengeräuschdämpfung

Vertrieb:
Sieveking Sound GmbH & Co KG
Plantage 20
28215 Bremen
Tel: 0421-68 48 93-0
Fax: 0421-68 48 93-10
www.sieveking-sound.de

Preis (Hersteller-Empfehlung)
HiFiman HE1000: 3.500 Euro

Autor: Jürgen Schröder

Jürgen Schröder
Tonmeister, Mess-Chef und technische Gewissen von LowBeats. Kümmert sich am liebsten um Wissens-Themen, Kopfhörer und den spannenden Bereich zwischen Studio und HiFi.