Home / Test / Kopfhörer / Kopfhörer mobil / Test Grado RS2e: mobiler On Ear mit Live-Charakter
Edelholz trifft auf ambitionierten Klang: Der Grado RS2e (Preis: 549 Euro) ist einer der spielfreudigsten Hörer seiner Klasse (Foto: A. Weber)

Test Grado RS2e: mobiler On Ear mit Live-Charakter

In der highendigen Welt hat das bisweilen sympathisch skurril anmutende Unternehmen Grado Labs Ikonen-Status: Hier werden die legendären Tonabnehmer und Kopfhörer nach guter Väter Sitte aus edlen Materialien und in Handarbeit zusammengesetzt. Dabei verschließt sich das in New York ansässige Unternehmen keineswegs dem Neuen: Mit dem Grado RS2e haben die Amerikaner einen der interessantesten Mobilkopfhörer im Programm – meint zumindest LowBeats Autor Andrew Weber, der den Grado RS2e über viele Wochen im Dauertest hatte und nun gar nicht mehr von dem kleinen On Ear lassen kann. Hier ist sein Bericht:

„Spürst du was?“ Wer diese Frage beim Zahnarzt verneinen kann, freut sich. Interessanterweise erfasst die gleiche Freude auch Menschen, die einen guten Kopfhörer tragen. Denn wie die Behandlung durch einen unmotivierten Dentisten kann allein ein anatomisch schlecht designter Kopfhörer ähnlich enervierende Folgen haben. Es drückt, es zwickt und das Hören wird zur Last. Dabei muss das nicht sein. Denn, Zufall oder nicht, ausgerechnet aus den USA, dem Land, dem wir auch die Jacketkrone zu verdanken haben, stammen federleichte, tragbare und sehr anhörenswerte Kopfhörer. Grado heißt das Unternehmen, das seit beinahe 65 Jahren am selben Standort in New York City aktiv ist und bis heute Kopfhörer überwiegend in Handarbeit fertigt.

Tonabnehmer Grado Reference 2 auf Schallplatte
Tonabnehmer und Kopfhörer haben konstruktiv mehr Ähnlichkeiten, als man meinen mag. Beides sind Schallwandler. Hier ein Bild des Grado Abtasters Reference 2 für 1.600 Euro (Foto: Grado)

Grado ist ein Unikum, das man eher in England als in der neuen Welt vermuten würde. So befindet sich die Manufaktur in demselben Gebäude, in dem die Familie einst ihren Obst- und Gemüsehandel betrieb. „Der heimische Küchentisch wurde für die Tonabnehmerproduktion einfach zu klein“, lautet die lapidare Erklärung von Firmenchef John Grado für den damaligen Umzug des Unternehmens ins größere Gebäude am Sunset Park in Brooklyn. Der Park ist – ganz nebenbei – unter Kennern besonders wegen der guten chinesischen Restaurants geschätzt. Dass hier auch Kopfhörer mit Weltruf gebaut werden, wissen dagegen nur echte HiFi-Gourmets. Und obwohl die Immobilienpreise in New York sich jährlich zu neuen Rekorden hochschaukeln, bleibt Grado vor Ort.

Die Technik des Grado RS2e

Unser Testmodell ist der Grado RS2e, ein offener Kopfhörer mit einem dynamischen Wandler. Wie ein hochwertiges, exklusives Musikinstrument verfügt der RS2e über einen Klangkörper aus Mahagoni. Nicht das einzige seltene Material, das den Kopfhörer veredelt. Um die Anschlüsse im Inneren vor Korrosion zu schützen, werden diese mit einer Schicht des äußerst raren Edelmetalls Rhodium versehen.

Der Grado RS2e arbeitet mit zwei 44 Millimeter großen Treibern, deren Schwingspulen aus UHPLC-Kupferdraht gewickelt sind (UHPLC = Ultra-high purity, long crystal copper; sinngemäß sauerstofffreier, großkristalliner Kupfer). Klingt nach Wissenschaft. John Grado erklärt das so: „Hierzu wird der Kupferdraht in einem aufwändigen Fertigungsprozess langsam und in vielen Einzelschritten durch die immer kleiner werdende Zugmatrize gezogen; nach jedem Zugvorgang wird das Material thermisch entspannt. Das resultierende Kupfer weist eine extrem hohe Leitfähigkeit und beste Übertragungseigenschaften mit niedrigmöglichsten Verzerrungswerten auf. Der Klang dieses Kupfers ist vergleichsweise bruchloser, sauberer und dynamischer.“ Mit Schwingspulen kennt man sich bei Grado Labs aus: Qualitativ höchstwertige und leichte Schwingspulen sind ja auch das Geheimnis des legendären Grado Tonabnehmer-Klangs.

Der Treiber des Grado RS2e
Der 44 Millimeter große Breitbandtreiber sitzt – eingespannt in dem Mahagoni-Rahmen – hinter einer gelochten Abdeckung und dem darüber gespannten, hautfreundlichen Gewebeflies (Foto: H. Biermann)

Der Übertragungsbereich der Treiber reicht von 14 bis 28.000 Hertz. Und wie es sich für eine highendige Manufaktur gehört, sind die Treiber des RS2e gematched: Grado garantiert eine maximale Kanal-Abweichung von gerade einmal 0,05 Dezibel. Das ist ein überragender Wert. Auch auf der Waage macht er erwartungsgemäß eine gute Figur, ohne Kabel wiegt er 150 Gramm, zusammen mit dem 1,5 Meter langen Kabel sind es dann 225 Gramm. Anschluss findet der Kopfhörer via 3,5 Millimeter Stereo-Klinkenstecker, ein vergoldeter 6,3 Millimeter Adapter liegt bei. Seine Impedanz liegt wie bei den meisten Mobilhörern bei 32 Ohm, was einen problemlosen (also ausreichend lauten) Mobilbetrieb an Smartphone & Co. sichergestellt.

Der Grado RS2e in der Totale
Klein, leicht, edel und gut: der Grado RS2e hat auf den ersten Blick alle Attribute eines mobilen Nobel-Kopfhörers (Foto: A. Weber)

Allerdings – und hier zeigt sich die schon angedeutete Skurrilität der New Yorker – ist der Grado RS2e für den Mobileinsatz nur eingeschränkt nutzbar. Wegen seiner sogenannten „offenen“ Bauweise hört der Nachbar in Bus, Bahn und Zug fast genauso viel wie der RS2e-Nutzer selbst; die meisten Mobilhörer sind deshalb geschlossene On- oder Over Ear Hörer oder gleich In Ears. Bei diesen drei Bauweisen dringt so gut wie keine Schallenergie zum Nachbarn. Die Mobilität des offenen Grado RS2e bleibt deshalb auf die einsamen Wanderungen in Mutter Natur oder auf Fahrrad-Fahrten beschränkt. Wenig Mobil-freundlich ist auch das Anschlusskabel, das zwar alle mechanischen Geräusche unterdrückt (die meisten Kopfhörerkabel reagieren auf Berührung oder Druck mit hörbaren Störgeräuschen), aber halt doch einfach ziemlich dick ist.

Der Antrieb des Grado RS2e Treibers
Wegen der offenen Bauweise kann man den Magneten des Treibers (rot) gut sehen (Foto: H. Biermann)

Beide Punkte sind dem hohen Qualitätsanspruch von Grado Labs geschuldet. Ein offener Kopfhörer klingt in der Regel einfach besser als ein geschlossener. Punkt. Also ist der Grado RS2e ein offener On Ear. Außerdem sind diese Kabelgeräusche durch Berührung nun einmal lästig und mit dem highendigen Grado Ideal nicht zu vereinbaren. Also werden sie durch eine Ummantelung unterdrückt. Wenn man dafür dicke Kabel nutzen muss, dann bekommt eben auch so ein mobiles Leichtgewicht wie der RS2e dicke Signalkabel.

Ein absolut Grado-typischer Zug sind auch die Ohrpolster aus Akustikschaumstoff. Das akustische Verhalten dieser Schaumstoffringe ist Teil des Abstimmungskonzepts. Man kann sie also nicht einfach gegen ähnliche Polster aus Leder austauschen. Schade. Denn nicht jeder kommt mit dem Schaumstoff auf den Ohren zurecht. Aber auch hier regiert wieder die Grado Doktrin des besseren Klangs: Der Schaum klingt besser als glattes Leder, also wird er eingesetzt – übrigens auch bei den ganz großen, stationären Over Ear Modellen. Hier empfehle ich eine Anprobe: Die meisten werden wie ich gut damit zurecht kommen. Jene, die nicht, sollten sich nach anderen Marken umschauen.

Die Ohrpolster des Grado RS2e
Die Ohrpolster des Grado RS2e bestehen aus einem speziellen Akustikschaum, dessen Wirkweise mit in die Übertragungskurve des RS2e integriert wurde. Für eine mögliche Reinigung kann man sie problemlos abnehmen (Foto: H. Biermann)

Und damit sind wir schon beim Tragekomfort: Der Grado RS2e trägt sich so leicht wie ein an der frischen Luft getrocknetes Seidenhemd. Der Kopfbügel ist gepolstert und lederbezogen und nicht zu spüren.

Der Bügelbezug des Grado RS2e
Der Bügel des Grado RS2e ist gepolstert und mit weichem Leder bezogen – einer der Gründe, warum er sich so angenehm trägt (Foto: H. Biermann)

Auch der Druck auf die Ohren war angenehm sanft, obwohl mein Kopf gar nicht zu den kleinsten zählt. Die Einstellbarkeit des Grado RS2e wirkt simpel, aber absolut praxistauglich.

Seite 1    Hintergrund, Technik
Seite 2    Praxis- und Hörtest, Kopfhörer-Verstärker Grado RA1, Bewertung