Harbeth Super HL5 Plus XD
Klassischer geht es nicht: Die Harbeth Super HL5 Plus XD ist ein Monitor mit echten BBC-Genen. Sein aktueller Preis: 6.250 Euro pro Paar (Foto: Harbeth)

Test Monitor-Lautsprecher Harbeth Super HL5 Plus XD

Irgendwann will man nicht mehr alle paar Jahre nach einem neuen Boxenpaar Ausschau halten, weil am aktuellen etwas stört oder fehlt. Dann schlägt die Stunde der ultimativen Schallwandler, die man beliebig lange behalten und mit beliebig hochwertiger Elektronik betreiben kann. Die Harbeth Super HL5 Plus XD ist so ein Kandidat und dabei nicht einfach eine sehr große und ziemlich teure Kompaktbox. Ganz im Gegenteil: Sie ist einer jener letzten Lautsprecher – und einer der günstigsten.

Perfektion braucht meist Zeit. Die besten Malt Whiskys liegen mitunter jahrzehntelang im Fass. Und nur alte Weinstöcke wurzeln tief genug, um ihrem Boden wirklich komplexe Mineralien abzuringen. Als die Urahnen der Harbeth Super HL5 Plus XD vor 45 Jahren in Studios auftauchten, müssen sie aber schon ziemlich gut gewesen sein. Sie waren zwar das erste Harbeth-Produkt. Firmengründer Dudley Harwood brachte aber genug Erfahrung für fünf Firmen mit. Er hatte in den 1960er und 1970er Jahren die legendäre Lautsprecher-Forschungsgruppe des BBC geleitet. Und damit nicht nur alle Monitor-Klassiker des englischen Rundfunks mit verantwortet, sondern auch Grundlagenforschung betrieben, deren Gründlichkeit und wissenschaftliche Herangehensweise bis heute ihresgleichen sucht.

Mit Harbeth fing Dudley Harwood erst nach seiner Pensionierung im Jahr 1977 an. Der erste Lautsprecher hieß Monitor HL und besaß schon genau die Proportionen der heutigen HL5, die damals ganz normal waren, heute ein bisschen old school wirken: Ein großvolumiges, gedrungen-halbhohes Gehäuse, das genügend Luft für wirklich tiefe Bässe und hohe Dynamik bietet und überall da hinpasst, wo man in Radio- und anderen Studios einen echten Vollbereichsmonitor braucht.

Harbeth Super HL5 Plus XD
Gehört auf Ohrhöhe: Das akustische Zentrum der Harbeth Super HL5 Plus XD liegt etwas unterhalb des großen Hochtöners. Der Supertweeter trägt tonal nicht viel bei, fehlt aber spürbar, wenn man ihn versuchshalber mal abdeckt (Foto: Harbeth)

Die Besonderheiten der Harbeth Super HL5 Plus XD

Zwei Kubikfuß Volumen, also knapp 60 Liter – da kommen die meisten Standboxen nicht mit. Die Super HL5 Plus XD ist auf altmodische, untechnische Weise groß und schön. Ein Hingucker, wenn sie in einem zivilen Wohnzimmer steht. Die dafür notwendigen halbhohen Ständer waren vor einigen Jahren kaum noch zu kriegen, aber inzwischen sind sie wieder in großer Auswahl da – zusammen mit stämmigen Lautsprechern von allen möglichen Herstellern, die den Retro-Trend für sich entdeckt haben: JBL hat seine Seventies-Speaker wieder aufgelegt und dafür sogar die alten Waffelschaum-Abdeckungen nachgefertigt – in Orange! Wharfedale feiert mit einer erneuerten Linton Umsatzrekorde – einem Riesenkübel im Minibar-Format mit Walnussfurnier, der die Aluspargel aus den 1990er- und 2000er-Jahren mit einem Basskick von ihrem Platz fegt.

Harbeth Super HL5 Tannoy
Zwei neue Britinnen mit Geschichte: Die Harbeth Super HL5 Plus XD im Hörraum neben der Tannoy Legacy Eaton. Um die akustischen Zentren auf die gleiche Höhe zu bringen, sind unterschiedliche Ständer nötig: Die Tannoy braucht 60 cm, die Harbeth nur 40 – was deutlich wohnzimmerfreundlicher aussieht (Foto: B. Rietschel)

Harbeth folgt mit der Super HL5 Plus XD keinem Trend. Sondern baut schon immer genau so. Der spezielle Stil der Firma geht weit über das Gehäuseformat hinaus. Und ist so unverwechselbar, dass ich ein Pärchen aus dem südenglischen Lindfield sofort erkennen würde, selbst wenn ich es mit verbundenen Augen auspacken müsste. Schon der Duft ist einzigartig: üppig, nach Holz und Wachs. Das Auspacken einer Harbeth hat jedenfalls mehr als irgendwo sonst etwas Sinnliches: Erst freut sich die Nase, kurz darauf aber auch der Tastsinn. Denn auch die Furniere auf den Harbeth-Boxen sind besonders. Besonders seidig, glatt und ebenmäßig, Stilmöbelqualität und leider auch entsprechend empfindlich. Schön sind sie alle. Kirsche, Nussbaum und Rosenholz habe ich schon ausgepackt. In der HiFi-Welt sind das alles Standardoberflächen, die aber nirgends so aussehen und sich anfühlen wie bei Harbeth.

Harbeth Super HL5
Ungewöhnliche Bestückung: Die Super HL5 arbeitet mit zwei Hochtönern in den Größen 25 mm und 20 mm. Hier haben wir ein Bild mit Palisander-Ausführung. Die kostet 6.375 Euro pro Paar (Foto: Harbeth)

Passend zu den samtweichen Oberflächen ist auch das Gehäusedesign nicht auf maximale Härte und Steifigkeit ausgelegt. Im Klopftest geben die Seitenwände daher nicht das helle „Klick“ neurotisch verstrebter Hightech-Kabinette von sich, sondern eher ein dumpfes „Buff“. Ganz ähnlich klingt‘s, wenn ich auf die geschlitzte Sperrholzoberfläche meiner AbFuser klopfe. Das sind Akustikelemente, die zugleich als Absorber und Diffusor wirken – sicher kein Fehler, wenn sich Gehäuse mit so großen potenziellen Abstrahlflächen wie die Harbeth ähnlich verhalten.

Die Idee dahinter geht auf alte BBC-Forschung zurück und wird auch bei anderen Herstellern verfolgt, die in deren Tradition stehen: Statt jegliche Bewegung der Gehäusewände durch Steifigkeit von vornherein zu unterbinden – ein Kampf, den man fast nicht gewinnen kann – setzt Harbeth relativ dünnes Holz ein, erlaubt damit eine gewisse Nachgiebigkeit und konzentriert sich dann darauf, dieses Eigenleben so präzise wie möglich zu steuern. Dazu tragen Bitumenmatten, offenporiger Schaumstoff, aber auch der verschraubte Aufbau der Gehäuse bei. Darüber runzelt man so lange die Stirn, bis man ein Paar dergestalt konstruierter Lautsprecher gehört hat. In meinem Hörraum jedenfalls habe ich nie einen neutraleren, effektiver aus dem Musikgeschehen verschwindenden Monitor gehört.

Die Harbeth-Boxen sind also nicht rundherum verleimt. Seiten, Decke und Boden bilden einen Rahmen, Schall- und Rückwand sind darin eingesetzt und mit jeweils zwölf dicken Kreuzschlitz-Schrauben fixiert. Und zwar nicht irgendwie: Das Anzugsdrehmoment wirkt sich – nicht überraschend – auf die Schwingungseigenschaften des Gehäuses aus und ist folglich präzise definiert. Anders als bei den ganz klassischen BBC-Baumustern montiert Harbeth die Chassis aber nicht mehr von hinten gegen die Schallwand, sondern geht den modernen Weg mit bündig von vorne eingepassten Treibern. Davon gibt es pro Box übrigens drei, in einer recht ungewöhnlichen Rollenverteilung. Die auch eine Geschichte hat.

Harbeth Super HL5 innen
Aus gutem Grund wie früher: Die Schallwand der Super HL5 ist nicht fest mit dem Gehäuse verklebt, sondern verschraubt. Die zwölf Holzschrauben greifen in Massivholzleisten, die in den Gehäuserahmen eingeleimt sind (Foto: B. Rietschel)

Bis Ende der 1990er Jahre war die HL nämlich eine reine Zweiwege-Box, mit 20er Polyprop-Tiefmitteltöner und einer 25 Millimeter messenden Gewebekalotte für die Höhen. So weit, so klassisch. Dann kam der Wechsel von der HL MkIV zur HL5 – und damit die tiefgreifendste Veränderung, die der Lautsprechertyp bislang durchgemacht hat. Denn die fünfte Generation bekam einen komplett neuen Tiefmitteltöner, den die Firma nach jahrelanger Entwicklung mit Fördermitteln der britischen Regierung erstmals komplett selbst produzierte. Zum Einsatz kommt dabei ein neues Material namens RADIAL – bestehend aus einem Hightech-Polymer, das der Chemieriese ICI mit mikroskopischen hohlen Glaskügelchen „füllt“. RADIAL kann man nicht – wie etwa Polypropylen – aus einer Folie per Vakuum in Form ziehen. Stattdessen entstehen die Tiefton-Konen teuer und umständlich im Spritzgussverfahren. Was eine sehr verlustarme, akustisch vorbildlich inerte Membran ergibt.

Harbeth Super HL5 Bass
Die Polyprop-Ära ist seit 30 Jahren vorbei: Harbeth fertigt alle Tiefmitteltöner selbst, auch den 20er mit invertierter Sicke und Phaseplug, der in der Super HL5 Dienst tut. Seine Membran besteht aus RADIAL, einem sehr harten und resonanzarmen Polymer-Glas-Gemisch (Foto: Harbeth)

RADIAL steckt seit fast 30 Jahren in Harbeth-Boxen. Was viele HiFi-Kenner nicht davon abhält, bei der Erwähnung der Firma immer noch reflexartig über Polyprop und seine (unterstellten oder tatsächlichen) Schwächen zu referieren. Die Überlegenheit der RADIAL-Treiber war eklatant. Vor allem am oberen Ende des Übertragungsbereichs, beim Übergang zum Hochtöner – und besonders ausgeprägt natürlich bei den größeren Treiberformaten, zu denen der 20er in der Super HL5 eindeutig gehört. Dieses dezente Ermatten des Klangs auf der letzten Oktave (die bei den 17ern und 20ern im Präsenzbereich liegt) hat heute vielleicht noch Nostalgie-Reiz. Aber wer das Feuer und die Farbenpracht einer aktuellen Super HL5 mal gehört hat lässt Vintage lieber Vintage sein.

Die letzte grundlegende Änderung widerfuhr der Box Ende der 1990er Jahre. Mit SACD und DVD-Audio standen die ersten kommerziellen HiRes-Tonträger am Start. Beide versprachen unter anderem Frequenz-Bandbreite bis weit in den Ultraschallbereich. Was im HiFi- aber auch im Studiobereich sogleich eine Welle von Zusatz- und Superhochtönern nach sich zog. Harbeth, deren große Kalotte gerade so bis 20 Kilohertz reichte, reagierten mit der Super HL5 – einer HL5 mit doppelter Hochtönerbestückung: Eine Alu-Kalotte im 25-Millimeter-Format sorgt für perfekten Anschluss an den Mittelton. Ganz oben, auf der allerletzten Oktave, wird sie abgelöst von einem etwas kleineren Titan-Dom. Harbeth traut dem Tandem zu, bis weit über die Hörgrenze hinaus innerhalb der firmentypisch engen Toleranz zu bleiben.

Das untere Limit gibt der Hersteller mit 40 Hertz an – wiederum bei strengen -3dB. Im Hörraum unter moderater Beteiligung der Rückwand war aber auch deutlich darunter noch voller Druck vorhanden: Die Super HL5 Plus XD ist ein Vollbereichs-Lautsprecher auch nach strenger Definition dieses Begriffs. Und will folglich mit etwas Abstand zur Rückwand in nicht zu kleinen Räumen aufgestellt werden. Wobei sämtliche Tieftonquellen der Box wegen der Position des Bassreflexrohrs auf der Vorderseite automatisch bereits rund 35 Zentimeter von der Wand weg sind: Die Box ist 30cm tief und 33 cm breit. Was nebenbei eine ideale Ablagefläche für Schallplattencovers ergibt.

Woher das „Plus“ im Namen einst kam – ich weiß es nicht. Oder doch, grob: Da hatte die Box einen überarbeiteten Tiefmittelton-Treiber sowie neue Hochtöner bekommen. „XD“ dagegen steht für Extended Definition: Alan Shaw hatte dem alten Recken im Harbeth-Programm kürzlich ein ausgiebiges Re-Voicing gegönnt. Auch dieses natürlich mit harbethtypischer Systematik und Reproduzierbarkeit: Statt ein bisschen zu hören, dann eine halbe Stunde an den Weichen herumzulöten, um dann wieder zu hören, verwendet Shaw einen Versuchsaufbau, der den Bauteiltausch vom Hörplatz aus praktisch in Echtzeit ermöglicht. Die neue Abstimmung soll einem behutsam modernisierten, strafferen und direkteren Klangziel folgen.

Harbeth Super HL5 Frequenzweiche
Präzises Stellwerk: Für die Feinabstimmung der Weiche zeichnet Harbeth-Chef Alan Shaw persönlich verantwortlich. Der letzte Feinschliff erfolgt mit systematischen Hörtests (Foto: B. Rietschel)

Wobei wir hier wirklich von Nuancen reden, auf Basis einer Neutralität, von der die meisten anderen Hersteller – ob gewollt oder nicht – weit entfernt sind. So gilt die Super HL5 innerhalb des Harbeth-Lineups als expliziter HiFi-Lautsprecher, der die Direktheit der reinen Monitor-Modelle zugunsten eines größeren Genussfaktors etwas zurücknimmt. Aber ich habe auch schon die gewaltige Monitor 40 getestet – und die Monitor 30 zumindest gehört. Für meine Ohren dominieren ganz klar die Gemeinsamkeiten. Die tonalen Unterschiede zwischen den Harbeth-Modellen sind winzig, gemessen an den Unterschieden zu anderen HiFi-Produkten – BBC-Kollegen wie Spendor einmal ausgenommen. Ich kann auch verstehen, dass Hersteller das für ihre Boxen nicht wollen. In einer klassischen Umschalt- oder Vorführsituation kann eine Harbeth zuerst mal nüchtern und unscheinbar klingen – zumal wegen der höheren Impedanz auch fast immer der Pegel etwas abfällt.

Hörtest

Im Hörraum durfte sich das nagelneue Testpaar – in bezauberndem Palisanderfurnier – einige Wochen lang einspielen und bei der Gelegenheit gleich bei diversen Verstärkertests assistieren: Der Canor AI 1.10 spielte hervorragend an den englischen Monitoren, ebenso der VTL IT-85 und der nicht ganz so bullige, aber nicht minder faszinierende Cayin CS-300A. Die vorgenannten sind allesamt Röhrenverstärker. Den Part der Transistor-Referenz übernahm der Pass INT-25. Und schließlich kamen auch noch ein paar ganz moderne Schaltverstärker zum Zug: einerseits der Auralic Polaris als eine der bestklingenden Implementierungen der Hypex UcD-Endstufen. Und andererseits der Linn Majik DSM/4 mit hauseigener Class-D-Technik.

Harbeth Super HL5 Hörraum
Verstärkerfreundlich: Die Harbeth vertrug sich im Test mit hochwertigen Röhren- und Transistoramps gleichermaßen gut. Im Bild der VTL IT-85 und der Pass Labs INT-25, jeweils beliefert vom überragenden VTL-Phono-Pre TP-2.5i  (Foto: B. Rietschel)

Die Amps reagieren ganz unterschiedlich auf die Last, die ihnen ein Lautsprecher präsentiert: Der Pass fast gar nicht, dank hoher Stromlieferfähigkeit und sehr niedrigem Ausgangswiderstand. Die Cayin-Triode sensibel, mit deutlichem Frequenzgangeinfluss und dank einstelliger Leistung natürlich auch begrenztem Maximalpegel. Die Push-Pull-Röhren immer noch mit Bevorzugung bestimmter, namentlich hochohmiger und/oder impedanzlinearer Lautsprecher. Und schließlich der Hypex-Schaltverstärker mit merklicher Reaktion im Hochton, sowie der Class-D-Linn, der zumindest gehörmäßig nahezu keine Lasteinflüsse zeigt.

Die Harbeth spielte mit allen genannten Verstärkern hervorragend – wenn auch mit der Triode nicht besonders laut. Der Lautsprecher hat zwar nominell keinen besonders hohen Wirkungsgrad, ist durch seine insgesamt hohe Impedanz von acht Ohm aber eine angenehme Last besonders für die in dieser Hinsicht sensiblen Röhren. Traumhaft war die Kombination aus dem Canor-Vollverstärker und der Super HL5: Großformatig die Raumabbildung, mit weiter Staffelung und trotzdem unmissverständlich definierter Akustik – sofern in der Aufnahme vorhanden. Perfekt ausbalanciert der Ton: Es ist ein seltenes Glücksgefühl, wenn man nicht nur gute Musik hört, sondern diese auch besser, vollständiger hört als sonst. Wenn alles gleichzeitig stimmt: Stimmen das richtige Volumen haben, Nylon- und Stahlsaiten jeweils genau die richtigen Obertonspektren, Streicher diese einzigartige Mischung aus Biss und Wärme, die mich jedes Mal unvorbereitet erwischt, wenn ich ein Orchester live höre – und die mit HiFi hartnäckig schwer reproduzierbar ist.

Mit Solveig Slettahjells Album „Tarpan Seasons“ gab die Super HL5 Plus XD eine Paradevorstellung ihrer Doppelrolle als Monitor- und Genusslautsprecher: Die Aufnahme spielte ihren eigenartigen, an analoges Vintage-Equipment erinnernden Klangcharakter voll aus, der mit gewöhnlichen HiFi-Boxen kaum je Erwähnung finden würde. Weil die Platte – genau genommen ein FLAC-Stream – da vielleicht etwas wärmer tönt, aber nicht die vielen Layer aus unterschiedlichen Klirrsignaturen differenziert, die sich hier an den dichteren Stellen auftürmen.

Solveig-Slettahjells-Tarpan-Seasons
Solveig Slettahjells 2009er Album „Tarpan Seasons“ (Cover: Amazon)

Man kann das steigern – mit der Tannoy Legacy Eaton, die preislich, in Format und Historie durchaus mit der HL vergleichbar ist, dem Hörer nun aber wirklich gar nichts mehr erspart. Das hat Vor- und Nachteile: Bei vielen Aufnahmen – „Tarpan Seasons“ inbegriffen – setzt man sich gemütlich mit gestrickter Hausjacke, Bier- oder Brandyglas in der Hand, im Hörraum vor die Anlage. Und eh man sich‘s versieht, ist aus dem Cardigan ein grauer Technikerkittel geworden, aus dem Getränk ein Multimeter und aus dem Hörraum irgendein staubiges Eck unterm Mischpult, wo man dem eigenartigen Knispeln halbrechts bei 3:16:22 nachspürt. Der Harbeth-Hörer hält dasselbe Geräusch für einen harmonischen Teil des Ganzen, behält die virtuelle Hausjacke an und nimmt erstmal einen Schluck. Dafür springt ihm die Stimme der Norwegerin nicht ganz so weit aus der Boxenebene entgegen und überhaupt ist der Stereofokus ein bisschen weicher als bei den obsessiv genauen Schottenboxen.

Es ist also in der Tat ein Hauch Gefälligkeit in der Abstimmung der Super HL5 Plus XD. Wenn man sie mit noch kompromissloseren Monitoren vergleicht. Aus der normalen HiFi-Welt kommend fällt aber etwas ganz anderes auf – beziehungsweise eben gerade nicht: Wie die britische Groß-Kompakte auf höchst eindrucksvolle, nahezu sensationelle Weise aus dem Klanggeschehen verschwindet. Sie wird, kaum angeschlossen und mit Signal beschickt, einfach unsichtbar. Und hinterlässt auf der Stereobühne nur ein dichtes, schimmerndes Gestöber feinster, zuvor unentdeckter Farbnuancen wie ein Schweif aus akustischem Feenstaub.

Relativ frei stehend, auf 40 cm hohen Ständern, liefert sie vom Tiefbass bis in den Ultraschall eine immer sanfte, zugleich aber auch deutliche Wiedergabe, bei der man über alles Mögliche nachdenken darf: Ob der andere Amp vielleicht ein bisschen sanfter obenrum war. Ob der Tonarm womöglich doch hinten noch etwas tiefer muss. Oder ob die MQA-Streams von TIDAL gegenüber den normalen FLACs wirklich klanglichen Mehrwert transportieren. All die feinen Audio-Indizien strömen einfach durch die Speaker hindurch wie durch ein Scheunentor, das sich auf eine blühende Wiese öffnet. Meist freut man sich einfach über die fabelhafte Natürlichkeit und Schönheit, die die Box vor allem menschlichen Stimmen verleiht: Weich, körperhaft-voll und doch bis zum letzten Hauch zu Ende artikuliert – für viele Hörer der Inbegriff von High Fidelity.

Harbeth Super HL5 Bespannung
Präzise Passung: Der Bespannungsrahmen verschwindet komplett in einer umlaufenden, tiefen Fuge. Akustisch wirksam bleibt nur das Tuch – sein Einfluss ist aber sehr gering und in der Abstimmung berücksichtigt (Foto: Harbeth)

Über Stärken und Schwächen der Lautsprecher nachzudenken, kam mir während der ganzen Monate, die die Super HL5 hier standen, nie wirklich in den Sinn. Ich habe sie aufgestellt, bestmöglich ausgerichtet, und dann sind sie irgendwie mit dem Raum verschmolzen. Ich habe nicht mal probiert, wie sie ohne ihre Abdeckungen klingen. Die bestehen ohnehin nur aus einem dünnen, elastischen Tuch. Der rechteckige Stahlreif, über den es gespannt ist, verschwindet vollständig in einer tiefen, schmalen Fuge, die die Schallwand einrahmt. Zusätzliche Kanten und damit Schallreflexionen oder -beugungen entstehen damit nicht. Und da der Rahmen überaus festsitzt, ist er auch mit hohen Pegeln nicht zum geringsten Klappern zu bewegen – anders als die magnetischen Abdeckungen meiner Tannoys zum Beispiel.

Man kann die Spannrahmen im Prinzip abnehmen. Aber niemand weiß wie. Oder doch: Der Vertrieb hat ein Werkzeug dafür. Einen rechten Winkel, dessen Schenkel mit vielen starken Neodym-Magneten besetzt sind, und den man auf eine Ecke der Abdeckung aufsetzen kann, um sie sodann aus ihrem Sitz herauszuziehen. Jede andere Technik – ich betone: jede! – beschädigt entweder die Abdeckung oder das Gehäuse oder beides. Also kann man auch gleich dem Rat des Harbeth-Eigentümers folgen und die Teile einfach drauf lassen. Sie sind, so Alan Shaw, ohnehin in der Abstimmung berücksichtigt.

Fazit Harbeth Super HL5 Plus XD

Es fällt schwer, dieser Box klangliche Eigenschaften zuzuschreiben: Schönheit, Anmut, Feinheit drängen sich auf, sind letztlich aber eher Eigenschaften der damit gespielten Musik als der Schallwandler an sich. „Absolut neutral, wunderbar natürlich und sanft“ trifft den Charakter der Super HL5 schon ganz gut. Dabei aber grundehrlich und dynamisch ungebremst. Die Super HL5 geht laut genug, um auch große Räume mit voller Dynamik zu beschallen – Rock in Konzertlautstärke geht aber nicht, denn dafür reicht ein 20er Tieftöner pro Seite nun mal nicht aus.

Wie so oft bei Lautsprechermodellen mit langer Ahnenreihe wirkt der heutige Preis schon recht selbstbewusst. Man muss aber bedenken, dass eine HL5 von vor 20 Jahren mit der aktuellen Box eigentlich nur noch das Grundkonzept und das klassische Zwei-Kubikfuß-Gehäuseformat teilt. Und dass die Preise handwerklich hergestellter HiFi-Waren auch anderswo explodiert sind: Ein Linn LP12 geht heute bei über 4000 Euro los, eine Klipsch Heresy ebenfalls. Es sieht nicht danach aus, als würde sich diese Entwicklung demnächst umkehren. Zumal mir im preislichen Umfeld der Harbeth kein Lautsprecher einfällt, der sich selbst so effektiv verschwinden lässt.

Harbeth Super HL5 Plus XD
2022/04
Test-Ergebnis: 4,7
ÜBERRAGEND
Bewertung
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Herrlich natürlicher, sauberer Klang – ein Lautsprecher, der verschwindet
Einfach anzutreiben mit Röhren- und Transistorverstärkern ab 20 Watt
Zeitlos schlicht geformte, sehr vornehm verarbeitete Gehäuse
Gute Ständer sind Pflicht, verteuern die Box effektiv um einiges

Vertrieb:
Input audio HiFi-Vertrieb
Ofeld 15
24214 Gettorf
www.inputaudio.de

Paarpreis (Hersteller-Empfehlung):
Harbeth HL5PlusXD: ab 6.250 Euro
Harbeth HL5 Plus XD Palisander: 6.375 Euro

Im Test erwähnt:

Test Röhrenvollverstärker Canor AI 1.10: besser gehts kaum
Test Röhrenverstärker Cayin CS-300A: Eintakt-Triode mit acht Watt
Test Class-A Vollverstärker Pass INT-25: maximaler Pass-Faktor

Mehr von Harbeth:

Test Harbeth P3ESR 40 AE: der designierte LS 3/5 Nachfolger

Technische Daten

Harbeth Super HL% Plus XD
Konzept:2-Wege Bassreflexbox mit Superhochtöner
Bestückung:TT. 1 x 20 cm RADIAL, HT: 1 x 25mm Alu, SHT: 1 x 20 mm Titan
Nennimpedanz:8 Ohm
Empfindlichkeit:87 dB
Empfohlene Verstärkerleistung:
> 20 Watt pro Kanal
Abmessungen (H x B x T):63,8 x 32,2 x 30,0cm
Gewicht:
16,8 Kilo
Alle technischen Daten

 

Autor: Bernhard Rietschel

Bernhard Rietschel ist gelebte HiFi-Kompetenz. Sein Urteil zu allen Geräten ist geprägt von enormer Kenntnis, doch beim Analogen macht ihm erst recht niemand etwas vor: mehr Analog-Laufwerke, Tonarme und Tonabnehmer hat keiner gehört.