Cayin CS-300A
Der Cayin CS-300B hat nur 2 x 8 Watt, klingt aber überrragend. Sein Preis: 4.000 Euro (Foto: Cayin)

Test Röhrenverstärker Cayin CS-300A: Eintakt-Triode mit acht Watt

Der Cayin CS-300A ist der Verstärker, vor dem uns Langweiler immer gewarnt haben: Eintakt-Triode, acht Watt. Aufregender Klang, der uns auf die schiefe Bahn bringt. Der ein HiFi-Paralleluniversum öffnet, aus dem viele nicht mehr zurückfinden. Ein fantastischer Verstärker, von dem man einfach nicht die Finger und Ohren lassen kann.

Man sollte ja meinen, dass das Hobby HiFi mit der Anschaffung eines 4000-Euro-Verstärkers eine Art Zenit erreicht. Und dann ertappt man sich dabei, wohlgemerkt mit einer schwarzen Null auf dem Bankkonto, dass man den Cayin CS-300A als günstig bezeichnet. Und das ist er auch. Die chinesische High-End-Großmanufaktur Zhuhai Spark wickelt Kilo um Kilo Kupfer kunstvoll zu eigenen Trafos, biegt und schweißt dickwandige Stahlblechgehäuse, lackiert und poliert sie sorgfältig auf Hochglanz, verlötet Widerstände und Kondensatoren in Handarbeit zu komplexen, freitragenden Netzwerken – zu einem Preis, der bei aller Extravaganz im Vergleich zu anderen Angeboten am Markt ausgesprochen fair bleibt. Erst recht, wenn man bedenkt, dass der deutsche Vertrieb, der mit dem Hersteller schon seit Jahrzehnten zusammenarbeitet, auch Qualitätssicherung und Service sehr ernst nimmt.

Cayin CS-300A Front
Audiophiler Schlüsselreiz: Der Cayin CS-300A in voller Pracht. Die charakteristisch bauchige Form der großen Leistungstrioden erinnert an die Venus von Willendorf. Ihren Fans verheißt sie aber nicht Fruchtbarkeit wie die Steinzeit-Figurine, sondern reichen, weichen, luziden Klang (Foto: Cayin)

Cayin CS-300A: Single Ended Class-A

In der langen Reihe vorzüglich klingender und zuverlässiger Cayin-Röhrenamps, die über die Jahre in meinem Hörraum gastierten, spielt der CS-300A eine Sonderrolle: Single Ended Class A, mit direkt beheizten Trioden des Typs 300B, steht er für den entschlossenen Schritt auf die ganz dunkle Seite der Röhrenmacht. Cayin macht einige der besten, umgänglichsten und konsensfähigsten Röhrenamps auf dem deutschen Markt: Modelle wie den CS-55A, die preislich noch im Rahmen bleiben, ordentlich Leistung bieten und dank konservativ-solider Auslegung lange problemlosen Spaß machen. Und die sich im Zusammenspiel mit Lautsprechern unterschiedlichster Hersteller und Philosophien überraschend tolerant verhalten. Diese pflegeleichte Gutmütigkeit reicht sogar bis zu den kleinsten Modellen hinunter, die auf dem Papier nicht viel hermachen: Der MT-12N etwa kommt für 900 Euro noch ohne Fernbedienung und protzt im Datenblatt mit neun Watt pro Kanal. Es ist nicht zu glauben, was dieses schnuckelige Verstärkerchen, das eine Art Dauergast-Status in meinem Haushalt genießt, für einen organischen, dynamischen Klang an jedem auch nur einigermaßen röhrentauglichen Lautsprecher erzeugt. Mehr Power brauche ich im Wohnzimmer selten – trotz freistehendem Haus und großem Hörabstand.

Der CS-300A schafft laut Datenblatt acht Watt pro Seite, also knapp die gleiche Leistung des kleinen MT-12N. Er braucht dafür aber mit konstant 160W das Doppelte an Strom, wiegt das Dreifache und kostet gut das Vierfache. Schuld an der Eskalation ist das Arbeitsprinzip: Der CS-300A arbeitet als Eintaktverstärker, lässt also je Kanal eine einzige Leistungstriode der gesamten Signalauslenkung folgen. Das ist ein folgenschwerer Unterschied zu den heute üblichen Gegentaktverstärkern, die positive und negative Auslenkungen separat verarbeiten. Es ist der älteste, aber auch der inhärent linearste Weg, einen Verstärker zu bauen. Und derjenige, der sowohl rechnerisch als auch praktisch das harmonischste Verzerrungsspektrum zeitigt.

Cayin CS-300A Röhren
Wenig Show, viel Klang: Die 300B sind rein optisch die dunkelsten Röhren auf dem Cayin-Oberdeck. Das liegt an ihren großen Anodenblechen, die die darin befindlichen Kathoden nach außen weitgehend abschirmen. Nur senkrecht von oben (im Bild rechts vorn) sind die dünnen, auf Rotglut erhitzten Wolframdrähte zu erkennen (Foto: B. Rietschel)

Eintakt- oder Single-Ended-Verstärker sind sagenhaft ineffizient. Damit ihre Endröhren für positive wie negative Signalauslenkungen gleich weit ausholen können, müssen sie konstant mit vollem Ruhestrom laufen. Single Ended bedeutet also zwingend auch Class A, und zwar in reinster Form, ohne irgendwelche Tricks. Wenn man das dann auch noch mit einer Triode umsetzt, schwindet der letzte Rest an Wirkungsgrad. Denn die Triode als erster und ältester zu Verstärkungsdiensten fähiger Röhrentyp muss noch ohne Schirm- und Bremsgitter auskommen. Also ohne jene zusätzlichen Elemente, die in den moderneren Pentoden den Flug der Elektronen durchs Hochvakuum erleichtern und somit Verstärkung und Effizienz erhöhen.

Wie in den Laboraufbauten und Patentschriften von Lee de Forest aus dem Jahr 1906 bestehen auch die Trioden auf dem Cayin lediglich aus drei Bauelementen: Eine Kathode, die elektrisch zum Glühen gebracht wird, um den Elektronen den Austritt aus dem Metall zu erleichtern. Eine Anode, die unter Hochspannung steht und die Elektronen anzieht. Sowie dazwischen das Steuergitter, das den Elektronenstrom mit dem zu verstärkenden Signal moduliert. Das Ganze funktioniert zwar nicht besonders effizient. Aber dafür besteht zwischen Gitterspannung und resultierendem Elektronenstrom ein wunderbar lineares Verhältnis, das Verstärkerentwickler heute noch schätzen.

Auf dem Cayin übernimmt diese vornehmste Form der Energievernichtung nicht irgendeine Triode, sondern quasi der Rockstar unter den verstärkenden Glaskolben: Die 300B wurde 1938 von Western Electric eingeführt, um Sprachsignale mit ausreichend Schmackes durch Amerikas lange Telefonleitungen zu treiben. 50 Jahre später bildete sie mit ihrer klangfreundlich schnurgeraden Verstärkungskennlinie die Speerspitze der audiophilen Eintakt-Röhrenverstärker-Renaissance.

Die 300B auf dem Cayin 300A stammen aus chinesischer Produktion und geben sich mit Gold-Kontaktstiften und Porzellansockel bereits als deutlich gehobene Vertreter ihres Typs zu erkennen. Der deutsche Vertrieb bekräftigt diesen Eindruck mit einer ungewöhnlichen zweijährigen Garantie auf diese meist als Verbrauchsartikel ausgenommenen Röhren. Auf den Rest des Amps gewährt Cayin sogar drei Jahre Garantie. Ersatzröhren gibt es in reicher Auswahl, aber nie wirklich billig: Geprüfte Markenware geht bei knapp 200 Euro pro Paar los, nach oben ist dem Preis keine Grenze gesetzt.

Cayin CS-300A Bias
Mit dem Anzeige-Instrument ist der Bias schnell eingestellt (Foto: B. Rietschel)

Der Vertrieb selbst hält erlesene Bestände der Cayin-Originalröhren vor, die mit 800 Euro pro Paar zwar schon empfindlich teuer sind, dafür aber immerhin wieder mit der langen Garantie kommen. Vorgeschrieben ist deren Verwendung aber nicht: Was immer an hochwertigen 300B gerade greifbar ist, darf der Kunde in die stabilen Keramikfassungen stecken. Der dann auf jeden Fall erforderliche Abgleich der Ruheströme geht dank beleuchtetem Drehspulinstrument und gut von außen zugänglichen Trimm-Potis spielend von der Hand. Mit den Serienröhren musste ich den Schraubendreher gar nicht in die Hand nehmen: Sowohl frisch aus dem Karton als auch nach ein paar hundert Betriebsstunden stand der Zeiger wie festgeklebt in der Mitte der Skala.

Wenn man nicht Tester oder sonst wie Intensiv-Dauerbetriebsnutzer ist, muss man über einen Röhrentausch aber ohnehin erst viele Jahre nach dem Kauf nachdenken. Zumal die Kolben nur im Betrieb altern. Lagern lassen sie sich praktisch unbegrenzt – sehr zur Freude der New-Old-Stock-Gourmets, die schwindelerregende Preise für fabrikfrische Vorkriegsware zahlen.

Cayin CS-300A Tubes
Achtzylinder: Jedem Kanal stehen auf dem Cayin vier Röhren zu. In der Mitte zwei Doppeltrioden, von denen die vordere als Eingangsstufe und die hintere als Treiber dient. Sowie hinter den 300B jeweils eine GZ34 alias 5AR4 als Gleichrichter für die Anoden-Hochspannung (Foto: B. Rietschel)

Da die einsame 300B jedes Kanals wie beschrieben das gesamte Signal übernimmt, muss dieses stromaufwärts auch nicht umständlich in zwei Hälften gesplittet werden. Entsprechend geradlinig sieht die Aufbereitung der ankommenden Musikspannungen aus. Zunächst schalten Relais auf einer kleinen Hilfsplatine den gewählten der insgesamt vier Eingänge dauerhaft verlustarm durch. Einer davon dient als ungeregelter Direktzugang, der den CS-300A praktisch als Endstufe an einem externen Preamp oder einer regelbaren Quelle nutzbar macht.

Bei gewöhnlichen Amps wird solch ein Input gerne als Home-Theater-Eingang verkauft, der dann die Frontkanäle eines externen Surround-Prozessors oder -Receivers übernehmen kann. Bei einem Trioden-Eintakter dürfte die Integration in ein Heimkinosystem ein eher unwahrscheinlicher Anwendungsfall sein. Aber es gibt ja auch genügend Phono-Preamps oder Streamer mit eigenem Volume-Steller, die sich für eine kultivierte Nutzung des Pre-In ganz ohne Filmton-Krawumm anbieten.

Cayin CS-300A rear
Das Anschlussfeld des Cayin CS-300A ist übersichtlich. Links geht‘s über grundsolide, direkt mit der Rückwand verschraubte Teflonbuchsen hinein und rechts über zwei Boxenklemmen-Vierergruppen gekräftigt wieder heraus (Foto: Cayin)

Denn auch wenn Cayin im 300A ein wirklich hochwertiges, gekapseltes ALPS-Motorpoti japanischer Provenienz verbaut, ist und bleibt es eben doch ein Potenziometer. Welches ein grundsätzlich zu laut ankommendes Signal per variablem Widerstand auf die praktisch erforderliche Amplitude dämpfen muss. Und dieser Weg ist für Digitalhörer eben nicht mehr automatisch der ideale, weil man hier mit Mathematik und Algorithmen auch einfach gleich die gewünschte Signalspannung erzeugen kann. Die überragenden Linn-Streamer etwa – im Hörraum standen sowohl der 2008er-Klassiker Sneaky Music DS als auch ein brandneuer Majik DSM /4 – klangen noch detailreicher und beschwingter, wenn die Linn-FPGAs den Pegel gleich dort kleinkalkulierten, statt die Musik erst noch mit vollem Karacho durch ein Poti zu zwängen.

Ob via Poti oder nicht – auf alle Fälle begegnet die Musik im Cayin als erstem aktivem Bauelement zunächst einer Doppeltriode des Typs 6SL7. Deren zwei Elektrodensysteme bilden eine sogenannte Kaskodenschaltung, die einerseits in Richtung Quelle schön hochohmig ist (was angesichts der nicht sehr strompotenten Ausgänge vieler Röhren-Phonostufen gut zu wissen ist), andererseits Rückwirkungen von Seiten der Endstufe zuverlässig abblockt. Die zweite Röhre in jedem Kanal ist dann eine 6SN7, deren zwei Systeme als Kathodenfolger beschaltet sind – ein probat strompotenter Treiber für die in dieser Hinsicht recht anspruchsvolle 300B, die dann auch schon das letzte aktive Bauteil im Signalweg darstellt.

Cayin CS-300A innen2
Baukasten-System: Das Chassis und periphere Baugruppen wie etwa die Eingangswahl (oben links) oder die Lautstärkeregelung (unten Mitte) musste Cayin für den CS-300A nicht neu erfinden, sondern konnte sie von anderen Modellen übernehmen. Der eigentliche Signalweg ist weitgehend frei verdrahtet (Foto: B. Rietschel)

Rein passiv, dafür aber nicht minder qualitätsentscheidend sind die Ausgangsübertrager, die das verstärkte Musiksignal aus der Hochspannungs-Röhrenwelt auf die vergleichsweise geringen Spannungen heruntertransformieren, die ein HiFi-Lautsprecher erwartet. Single-Ended-Amps sind hier besonders anspruchsvoll: Ihre Trafos müssen bezogen auf die umzusetzende Leistung vergleichsweise riesig ausfallen, weil ihre Primärseite neben dem Nutzsignal auch noch die komplette Anoden-Gleichspannung vertragen muss, ohne gleich in die Sättigung zu gehen.

Hat der Entwickler dann auch noch hohe Ansprüche an Bandbreite und Linearität, entstehen aus mächtigen Kernblechpaketen und viellagig verschachtelten Kupferwickeln schnell wahre Trafokolosse. Zwei davon flankieren auf dem Cayin-Chassis einen nicht minder imposanten Netzumspanner. Zusammen tragen die drei Brummer zum kapitalen Eigengewicht des CS-300A bei, in dem das dickwandige Stahlblechgehäuse des Verstärkers, so schön es auch gemacht ist, nur noch eine sehr untergeordnete Rolle spielt. 26 Kilo – das ist ein Gewicht, das man noch gut handhaben kann. Der Eindruck von kompakter, neutronensternartiger Dichte, der sich beim ersten Hochheben des 300ers einstellt, kommt dann aber doch überraschend. Und markiert zugleich den Moment, ab dem das 4000-Euro-Preisschild vor dem geistigen Auge magisch zu verblassen beginnt.

Und zu diesem Zeitpunkt hat man den chinesischen Amp noch nicht mal gehört. Erstmal müssen die Boxenkabel ran: Für 4, 8 und sogar 16 Ohm Lautsprecherimpedanz bieten die Übertrager jeweils passende Abgriffe an – zugänglich über solide, isolierte Schraubklemmen mit Banana-Mittelbohrung. Die Entscheidung trifft der Cayin-Betreiber nicht nach Aktenlage, sondern per Gehör – schon, weil die publizierten Impedanzwerte von Lautsprechern ihrem komplexen, frequenzabhängig schwankenden Verhalten nicht gerecht werden und häufig einfach komplett daneben liegen. Er (oder sie) stellt dabei schnell fest, dass die 16Ω-Klemme wirklich nur bei sehr hochohmigen Speaker-Raritäten Sinn ergibt. Dann jedoch – etwa bei bestimmten BBC-Monitoren oder Vintage-Hornlautsprechern, honoriert der Cayin die korrekte Anpassung klanglich umso deutlicher. Ein weiterer hochohmiger Abgriff speist den hervorragend klingenden Kopfhörerausgang.

Cayin CS-300A Kopfhörer
Erspart in aller Regel den Kopfhörerverstärker: Die 6,3mm-Klinkenbuchse am CS-300A führt direkt zu den passenden Anzapfungen der Ausgangsübertrager und treibt auch anspruchsvolle Kopfhörer mit rassigem, dynamischem Klang (Foto: Cayin)

Da sämtliche Röhren bereits in ihren Fassungen stecken, gilt es jetzt nur noch eine Quelle und schließlich das Netzkabel anzuschließen. Der Startvorgang des CS-300A verläuft denkbar unspektakulär: Eine halbe Minute lang bleiben die Lautsprecher bei blinkendem Volume-Regler stummgeschaltet, während die Röhren Schritt für Schritt unter Heiz- und dann Anodenspannung gesetzt werden. Dann signalisiert ein Relais-Klicken und der nunmehr konstant leuchtende Indikatorstrich Betriebsbereitschaft. Läuft die Quelle nicht bereits, hört man zunächst mal: nichts.

 

Und das ist gut so. Denn die 300B ist eine direkt beheizte Triode: Heizwendel und Kathode sind hier ein und derselbe Wolframdraht, Unsauberkeiten im Heizstrom finden sich daher schnell im Ausgangssignal wieder – etwa als Brumm. Davon ist der Cayin aber ebenso frei wie von jeglichen anderen Störungen. Was hier umso wichtiger ist, weil Trioden nun mal meist mit wirkungsgradstarken Boxen betrieben werden, die jeden Fehler gnadenlos vergrößern.

Wie die meisten neueren Cayins bietet auch der CS-300A eine Feintuning-Möglichkeit in Form einer schaltbaren Gegenkopplung. Diese Funktion ist nur per Fernbedienung zugänglich, und interessanterweise hat Cayin ihr auf dem Vollmetall-Infrarotgeber sogar einen Ehrenplatz gegeben: Während Volume, Mute und Eingangswahl einer Vierer-Reihe exakt gleich großer Alu-Buttons obliegen, thront „NFB“ (für „Negative Feedback“) darüber mit glatt dem doppelten Durchmesser. Rückmeldung über den aktuellen Betriebszustand gibt ein LED-Duo an der Frontplatte: Leuchtet das „0 dB“-Lämpchen bernsteinfarben, findet keinerlei Über-Alles-Gegenkopplung statt. Erstrahlt das rote „-3 dB“-Licht leitet der Amp eine kleine Portion des Ausgangssignals zwecks Verzerrungsminderung und Stabilisierung an die Eingangsstufe zurück. Da sich die Verstärkung um den Betrag der Gegenkopplung vermindert, ist diese aber auch ohne Lämpchen leicht zu erkennen: Ohne Feedback spielt der Verstärker genau um besagte drei Dezibel lauter. Was man bei eventuellen Hörvergleichen natürlich kompensieren sollte.

Cayin CS-300A mit Käfig
Geschlossenes Visier: Den mitgelieferten, höchst stabilen Röhrenkäfig schreibt die deutsche Zulassungsbehörde vor. Und das völlig zu Recht! Wenn Mitbewohner, Haustiere oder gar Kinder fern sind, kann der 300B-Genießer das Verdeck immer noch mit einem kräftigen Ruck nach oben abziehen (Foto: Cayin)

Für meine Ohren spielt der Cayin CS-300A ohne Gegenkopplung eindeutig besser: Gerade Stimmen treten klarer und räumlich deutlicher abgesetzt aus der Stereobasis heraus, singen feiner artikuliert, wunderbar beweglich und ausdrucksstark. Zugegeben – der Bass wird etwas weicher und der Raum vielleicht etwas schmaler. Aber für Tieftongeprügel und meilenweite Orchester-Dioramen kauft man sich auch keinen 300B-Verstärker. Und wofür dann?

Zum Beispiel für die absolut klaren, leuchtenden Klangfarben, die damit möglich sind. Wer eine Anlage haben will, die die Existenz von Mikrofonen, Studios, Mischpulten, Equalizern, Kompressoren und dem ganzen Berg an Technik, der zur Musikproduktion aufgehäuft wird, rundheraus leugnet und so tut, als sei ihr die Musik nicht von irgendeinem Player via Kabel mitgeteilt worden, sondern in einer Art göttlichen Eingebung erschienen, tut gut daran, mit dem Cayin CS-300A zu starten. Am richtigen Lautsprecher bekommt die Musik mit ihm eine Nähe, Frische und Natürlichkeit, die den traditionellen HiFi-Begriff sprengt. Eine hypnotische, fast magische Intensität, die auch bei leisen Pegeln nicht einfach berieselt, sondern verführt, fesselt und mitreißt.

Hörtest Cayin CS-300A

Eintakt-Trioden haben den Ruf, besonders liebevoll mit Stimmen umzugehen. Der CS-300A bildet hier keine Ausnahme: Sängerin Beth Gibbons klingt auf dem Portishead-Erstlingswerk Dummy (Go! Beat – 828 522-1) wärmer und weicher, als ich das von der hundertfach gehörten Platte eh schon in Erinnerung hatte. Die spröden, metallisch-kühlen Samples dagegen, die dem Album seine charakteristische Sixties-Filmmusik-Dramatik verleihen, scheinen noch geisterhafter und distanzierter – was den Kontrast in der Musik weiter erhöht. Präzise Nachschärfung am einen, ein wärmendes Glühen am anderen Ende: Die Röhren tun, was sie am besten können, und sie tun es mit einer Überzeugungskraft, die jeden Thermionik-affinen Hörer augenblicklich gefangen nimmt.

Portishead-Erstling „Dummy“
Das Meisterwerk des Triphop ist von 1994 und gibt es auch auf LP (Foto: Amazon)

Für Transistor-Überzeugte, die bereits mit normalen Gegentaktröhren hadern, wäre der CS-300B dagegen ein zu radikaler Schritt. Das Budget wäre dann, wenn schon Röhre, sicher besser in den gleich teuren CS-100A investiert, der mit acht KT88-Strahlpentoden mal eben die zehnfache Leistung des CS-300A mobilisiert.

Was mit Push-Pull-Muskelamps besser geht, sind elektronische Beats und Rock-Drums, die durch die höhere Leistung an den allermeisten Lautsprechern mehr Härte und Kontur bekommen. Der Triodenverstärker ist kein gnadenloser Durchsetzer, eher ein milder Meister der Zwischentöne und Schattierungen. Besonders ausgeprägt wird das an Lautsprechern mit eher mäßigem Wirkungsgrad. Besitzt die Box eine Effizienz von deutlich unter 90dB/Wm (wobei Herstellerangaben meist optimistisch ausfallen), darf man nicht mehr auf extrovertierte Dynamik hoffen. Bleibt bei der Box jedoch die Impedanz eher ausgewogen, etwa bei einer Dynaudio, Dali oder Harbeth, lässt sich dann immer noch ein weicher, schwelgerisch vollmundiger Klang genießen, der seine Wärme nicht mit abgedunkelten Details erkauft, sondern es schafft, auf unaufdringliche Weise eindeutig und differenzierungsfreudig zu bleiben.

Auch wenn der 300A wie alle Trioden Umsicht und Experimentierfreude bei der Lautsprecherwahl honoriert, zeigt er sich gegenüber weniger idealen Lautsprecherlasten doch auffällig tolerant: Cayin ist kein Lautsprecherhersteller, sondern baut praktisch nur Verstärker. Universalität, ein gutmütiges Zusammenspiel mit einem großen Spektrum an möglichen Lautsprecherpartnern, ist hier ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Wenn ich die vielen Cayins, die ich getestet habe, Revue passieren lasse, scheint der Firma das nicht nur bewusst zu sein, sondern in den letzten Jahren auch immer besser zu gelingen. Die inzwischen fast unübersichtliche Auswahl an 300B-Amps hält jedenfalls sehr viele deutlich zickigere Modelle bereit. Die nicht schlecht sein müssen und womöglich – ich kenne nicht alle – sogar besser spielen können, dafür aber oft auf ein viel engeres Spielfeld hinsichtlich Impedanzverlauf und Wirkungsgrad angewiesen sind.

Aus meiner naturgemäß begrenzten Auswahl an Boxen bevorzugte der CS-300A eindeutig die Heco Direkt Einklang, einen Breitbänder, der wirklich breitbandig spielt und die Trioden zu anspringender Spielfreude animierte. Zum (relativ) Leisehören eigneten sich die Dynaudio Evoke 20 und die ganz frisch eingetroffene Harbeth Super HL5 Plus XD ganz hervorragend. Auch meine Tannoy Legacy Eaton funktionierte gut: Erwartungsgemäß mit mehr Dynamik und Präsenz als die vorgenannten, dafür etwas gnadenloser im Ton, aber immerhin schon so großformatig, dass ich damit mühelos und wiederholt Ermahnungen von Mitbewohnern herausspielen konnte. Gar nicht auszudenken, wie der Amp dann an einer explizit röhrenfreundlichen großen Tannoy mit sechs dB mehr Wirkungsgrad spielt – noch erschwinglich etwa in Form der Legacy Arden, die für 7500 Euro mit einem 15-Zoll-Koax an den Start geht.

Fazit

Den Cayin CS-300A empfehle ich mit bestem Gewissen auch weniger unerschrockenen Musikfans. Er bringt das Abenteuerliche, Aufregende der Musik in den Vordergrund, wie nur Trioden das können. Dabei verhält er sich aber relativ kooperativ im Zusammenspiel mit unterschiedlichen Lautsprechern. Nicht rundum sorglos: Etwas suchen und experimentieren muss man schon, vielleicht dann auch in den quantitativen klassischen HiFi-Disziplinen Kompromisse machen. Der Lohn ist eine musikalische Wahrhaftigkeit, die nur auf diesem Weg zu erreichen ist.

Preislich steht der CS-300A für das, was er ist und kann, höchst attraktiv da. 300B sind teure Röhren, die zwar wenig Komplexität, dafür aber hohen Bauteilaufwand erfordern, um klanglich zu überzeugen. Eine so solide Umsetzung wie auf dem Cayin gibt es kaum günstiger – zumal Löhne und Materialkosten in absehbarer Zukunft weiter steigen werden. Wer auf eine noch erschwingliche, komfortable und irgendwie berechenbare Gelegenheit gewartet hat, in die bizarre und faszinierende Welt des Triodenklangs zu starten – bitte schön: Grüner wird‘s nicht.

Cayin CS-300A
2022/01
Test-Ergebnis: 4,3
SEHR GUT
Bewertungen
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Seidiger, warmer, trotzdem extrem direkter Klang
Für Triodenverhältnisse gutmütig und vielseitig kombinierbar
Komfortable Ruhestromeinstellung; umschaltbare Gegenkopplung
Benötigt für volle Dynamik sehr wirkungsgradstarke Lautsprecher

Vertrieb:
Cayin Audio Distribution GmbH
An der Kreuzheck 8
61479 Glashütten-Schlossborn
Telefon: 06174-9554412
www.cayin.com

Preis (Hersteller-Empfehlung):
Cayin CS-300A: 3.980 Euro

Die technischen Daten

Cayin CS-300A
Konzept:Single Ended Class-A Röhrenverstärker
Leistung:2 x 8 Watt
Bestückung:2 x 6SL7, 2 x 6SN7, 2 x GZ34, 2 x 300B
Eingänge:3 x Line, 1 x Pre-In
Abmessungen (B x H x T):42,0 × 38,2 × 19,5 cm
Gewicht:
26,2 Kilogramm
Alle technischen Daten
Mit- und Gegenspieler:

Test Heco Direkt Einklang – Breitbänder zum Verlieben

Mehr von Cayin:

Test Röhren-Vollverstärker Cayin CS-55A: Evolution und Emotion
Test Vollverstärker Cayin CS-150A: 2 x 100 Röhrenwatt
Test Mobil-Player Cayin N3 Pro: HiRes-Taschenspieler mit Röhrensound

Autor: Bernhard Rietschel

Bernhard Rietschel ist gelebte HiFi-Kompetenz. Sein Urteil zu allen Geräten ist geprägt von enormer Kenntnis, doch beim Analogen macht ihm erst recht niemand etwas vor: mehr Analog-Laufwerke, Tonarme und Tonabnehmer hat keiner gehört.