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Technics ST 9600
Technics ist mit seinen 55 Lenzen unter den großen japanischen HiFi-Anbietern mit der jüngste. Und doch gibt es wohl kaum eine Marke, die derart viele ikonische Produkte (wie hier auf dem Bild der Tuner ST-9600) herausbrachte... (Foto: Archiv)

55 Jahre Technics – eine Würdigung

55 Jahre Technics – 55 Jahre? Ja, tatsächlich ist der HiFi-Spross der mächtigen Muttergesellschaft Panasonic im Vergleich zu seinen japanischen Mitbewerbern fast noch ein Jungspund. Matsushita (bis 2008 nach dem Firmengründer Konosuke Matsushita benannt) vermarktete seine Produkte der Unterhaltungselektronik lange unter den Namen „National“ und „National Panasonic“. Mitte der 1960er-Jahre hielt man es jedoch für angebracht, eine eigene HiFi-Linie einzuführen. Eine mehr als nachvollziehbare Entscheidung, denn der Markt verlangte nach guten HiFi-Produkten. Mitbewerber wie Sansui (1954 erste Vor-/ Endstufenkombination) oder Pioneer (1953 erster HiFi-Lautsprecher) mischten damals schon kräftig in diesem Segment mit. Eine neue Marke sollte sich von dem etablierten Hersteller von Haushaltsgeräten und Fahrrädern absetzen.

Die Geschichte über 55 Jahre Technics könnte hier nun mit der Aufzählung von Meilensteinen weitergehen, was aber nahezu unmöglich ist. Auf der einen Seite hat Technics unglaublich viele herausragende Produkte herausgebracht, die – alle zu würdigen – den Rahmen sprengen würde. Auf der anderen Seite ist ausgerechnet die junge HiFi-Marke Technics mit Mythen, Legenden und Superlativen aufgeladen wie kaum eine andere aus dem Land der aufgehenden Sonne.

55 Jahre Technics: die Anfänge

Die Geburt von Technics beginnt bereits mit einer recht ungewöhnlichen Namensfindung. Irgendwas Neues, Innovatives musste her. Heute würde dafür eine große Werbeagentur beauftragt. Nicht 1965 und nicht bei Matsushita. In einem 2014 von dem japanischen Nachrichtenportal Impress News veröffentlichten Interview plauderte der einstige MEI- (Matsushita Electric Industries) Entwickler Shinichiro Ishii so ganz nebenbei aus dem Nähkästchen. So hätten er und sein Kollege Naratsugu Sakamoto den noch zu findenden „Brand“-Namen selbst kreieren müssen.

Ihr Vorgehen kann durchaus als pragmatisch bezeichnet werden. Sie nahmen ein Japanisch-Englisch-Wörterbuch zur Hand und landeten schließlich bei dem englischen Plural für „Technologie“: Technics. Dabei blieb es. Das erste Produkt unter diesem Namen erschien noch im selben Jahr, 1965, die von Sagamoto und Ishii entwickelte „Technics 1“. Ishii, Jahrgang 1934, hatte bereits einen neuen Hornhochtöner entwickelt, den 5HH17, der nun in der neuen Zweiwegebox zum Einsatz kam. Sagamoto – ebenfalls kein Anfänger – erntete schon 1954 Lorbeeren für seinen Doppelmembranlautsprecher 8PW1 (der späteren Technics EAS-20PW56, die den Spitznamen „Genkotsu“ für „Faust“ innehatte). Zwei leitende Ingenieure, die ihrer Kreativität freien Lauf lassen durften – das konnte nur gut gehen.

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Technics 1
55 Jahre Technics: Das erste HiFi-Produkt von Technics hieß auch ganz pragmatisch „Technics 1“. 1965 kam der Zweiwege-Regallautsprecher auf den Markt und wurde gut angenommen
Technics SB-1
Auf der Rückseite der Technics 1 wird die Belastbarkeit der Kompaktbox mit 12 Watt angegeben
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So kam es dann auch: Schon der erste Entwurf wurde ein voller Erfolg! Der Klang des Regallautsprechers überzeugte Kritiker wie Konsumenten. Ein perfekter Start also. Dann ging es Schlag auf Schlag. Bereits im Jahr darauf kam der erste Plattenspieler – mit Riemenantrieb. Bis zum serienreifen Direktantrieb sollte es noch ein paar Jährchen dauern. Der Technics 100P war durchaus eine sehr moderne Konstruktion, denn er verfügte über einen angesagten Tangentialtonarm. Hierbei wurde die Position des Tonabnehmers durch einen Servo-Mechanismus reguliert, um die Abtastnadel beim Abspielen der Schallplatte – oder bei der Songauswahl – punktgenau über die Rille zu führen. Das hatte zudem den entscheidenden Vorteil, dass Spurfehlwinkel und Klangverzerrungen deutlich reduziert werden konnten.

Technics 100PO
55 Jahre Technics: Der erste Plattenspieler erschien bereits 1966 und hatte einen Riemenantrieb. Der Direktantrieb folgte erst 1970. Technisches Highlight des Drehers: Er verfügte über einen Tangentialtonarm

Sich von der Masse abzuheben, könnte aber ebenso eine Rolle gespielt haben. Im selben Jahr erblickte auch die erste Vor-/ Endstufenkombination das Licht der Öffentlichkeit: die Modelle Technics 10A und 20A. Die Vorstufe 10A überzeugte die Fachwelt technisch etwa mit zweistufigen NF-Schaltkreisen, die für eine große Dynamik bei geringer Verzerrung verantwortlich waren. Der für seine Zeit recht potente Endverstärker 20A verfügte über 20 Elektronenröhren vom Typ 50HB26 – zehn für jeden Kanal. Die für den HiFi-Betrieb modifizierten Pentoden waren Eigenentwicklungen von Matsushita und kamen auch in Fernsehern zum Einsatz. Der Amp erreichte bei geringen Verzerrungen eine bemerkenswert hohe Ausgangsleistung von 2 x 80 Watt an 16 Ohm. Wer sich über die 16 Ohm wundert: Der 20A war nach dem OTL-Prinzip (OTL = Output Transformer Less) aufgebaut und dieses benötigte zur Leistungsentfaltung eine Impedanz von 16 oder 32 Ohm. Andere Zeiten, technisch war Technics ohne Zweifel auf dem richtigen Weg.

Technics 20A
55 Jahre Technics: Die erste Vor-/Endstufenkombination erblickte ebenfalls im Jahr 1966 das Licht der Öffentlichkeit. Die Endstufe war mit 20 Pentoden ausgestattet, die zuvor auch in TV-Geräten ihren Dienst versahen. Beachtliche Leistung: 2 x 80 Watt an 16 Ohm

Man wurde aufmerksam auf die junge Marke, so auch der Industriedesigner und Redakteur von Japans erstem HiFi-Magazin „Stereo Sound“, Fuyuki Segawa. Er lobte die Vor- Endstufenkombination, beschwerte sich aber in einem Brief an die Konstrukteure über das Design. Aus seiner Sicht sahen die wohlklingenden Komponenten „wie Haushaltsgeräte aus“. Es müssen kurze Wege gewesen sein damals, denn Ishii und Sagamoto, die auch für die Optik verantwortlich zeichneten, ließen daraufhin Segawa das Design des kommenden Vollverstärkers entwerfen. Das war ein wenig gewagt, denn der Industriedesigner hatte zuvor auch schon für Pioneer Entwürfe gemacht. Kein Wunder, dass dessen einzige Bedingung gewesen sein soll, dass niemand von seiner Arbeit erführe. Erst 2014 lüftete Shinichiro Ishii das gut gehütete Geheimnis.

Tragischerweise starb Fuyuki Segawa bereits 1981 im Alter von nur 46 Jahren. Sein Einfluss auf die kommenden Gerätegenerationen ist jedoch unverkennbar, er setzte die ersten Grundlagen für das bis heute unverwechselbare Design der glorreichen Siebzigerjahre von Technics. Segawas erstes Werk: Der Vollverstärker 30A. Dabei blieb es nicht, auch das Design des ersten Transistorverstärkers ging auf sein Wirken zurück, ein Produkt, das ihn selbst auch klanglich überzeugte: „Was bei mir einen starken Eindruck hinterließ, war die hervorragende Klangqualität des Technics 50A.“

Technics 50A
Technics 50A: Auch dieses Verstärker-Design stammt aus der Feder von Fuyuki Segawa

Das war garantiert nicht übertrieben, denn Segawa war, wenn es um die Sache ging, kein typisch japanischer Vertreter höflicher, zurückhaltender Worte. Er beschrieb den Klang der damaligen Transistorverstärker ganz unverblümt „mit dem groben und unangenehmen Gefühl, als ob eine Drahtbürste mein Ohr streicheln würde.“ Deutlicher geht es kaum. Es bedurfte erst des 1969 erschienenen Technics 50A, um ihn vom Transistorprinzip zu überzeugen. Zitat, Jahre später, in einem Rückblick: „Der 50A war in der Tat ein Meisterwerk der Ishii-Gruppe, die ihr Bestes mit Röhrenverstärkern gegeben hatte und darauf abzielte, einen Klang zu erzeugen, der so gut wie die besten war, und er stellte mich mit seinem weichen, sanften und natürlichen Klang zufrieden.“

Auch optisch hatte sich wieder etwas getan. Das Technics-Logo und die werbewirksamen Begriffe „Solid State Stereo Amplifier“ schimmerten, von hinten beleuchtet, dezent durch die vordere Acrylplatte. Ein echter Hingucker.

55 Jahre Technics: der SP-10 und weitere Legenden

Noch im selben Jahr kündigte Technics das Produkt an, das der Marke weltweit zum Durchbruch und zu internationaler Anerkennung verhelfen sollte: das erste direktangetriebene Plattenlaufwerk SP-10! Eine Ankündigung mit Hintergedanken. Der Leiter der Entwicklungsabteilung für Plattenspieler, Shuichi Obata, war zunächst etwas verunsichert ob seines Werkes. Nicht wegen der Technik, er befürchtete schlicht, dass die Produktion zu teuer werden könnte. Shinichiro Ishii jedoch war überzeugt von dem Laufwerk und ließ sich einen mutigen Marketingtrick einfallen. Er kündigte den SP-10 im Juni 1969 einfach erst für das Jahr 1970 an und wartete ab, wie die Reaktionen ausfallen würden. Und die waren enthusiastisch! Besonders die großen Radiostationen gierten nach schnellanlaufenden, wartungsfreien Laufwerken. So kam der SP-10 im Juni 1970, genau ein Jahr nach seiner Ankündigung, auf den Markt und die BBC war eine der ersten Rundfunkanstalten, die zugriff. Der damalige Preis: 82.000 Yen. Inflationsbereinigt entspricht das im Jahr 2020 rund 2.200 Euro.

Technics SP-10
55 Jahre Technics: 1969 angekündigt und 1970 auf den Markt gebracht: Das erste direktangetriebene Plattenlaufwerk war ein voller Erfolg und verschaffte dem Unternehmen weltweite Anerkennung. Sein Konstrukteur: Shuichi Obata

Bald darauf folgten Laufwerke mit Zarge und Tonarm (SL-1000), 1971 das Mittelklassemodell SL-1100 und 1972 der erste SL-1200. Dieser sollte in all seinen Revisionsnummern einen unvergleichlichen Siegeszug um die Welt antreten. Maßgeblich verantwortlich für den Erfolg des robusten Drehers waren jedoch zunächst nicht HiFi-Fans, sondern die DJs. Allen voran DJ Kool Herc, der als Erfinder des HipHop gilt. Er entwickelte die „Merry-Go-Round“-Technik. Herc nutzte die Platte, um sich auf einen kurzen, stark perkussiven Teil zu konzentrieren: den „Break“. Da dieser Teil der Platte den meisten Zuspruch auf der Tanzfläche erhielt, isolierte Herc den Break und verlängerte ihn, indem er einfach zwischen zwei Plattenspielern wechselte. Diese waren, wie konnte es anders sein, von Technics.

Wenn eine Platte das Ende des Breaks erreicht hatte, setzte DJ Kool Herc eine zweite Platte an den Anfang des Breaks, was es ihm ermöglichte, einen relativ kurzen Abschnitt der Musik auf fünf Minuten auszudehnen. Da der DJ einen Plattenteller mit sehr schnellem Anlaufmoment benötigte, war ein Direkttriebler essenziell.

Auch den Ingenieuren von Technics blieb dieser Erfolg nicht verborgen. Sie hörten auf die DJs, die Kleinigkeiten im professionellen Einsatz bemängelten, so erschien 1978 der SL-1200MK2, das bis heute bekannteste Modell. Technics verbesserte den Motor und die Stoßfestigkeit, fügte ein Erdungskabel hinzu und änderte den Dreh-Pitch-Regler in einen Schieberegler. Bis 2010 wurden mehr als fünf Millionen Exemplare des SL-1200 gebaut. Ein Rekord, der sogar für einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde sorgte – für das am längsten produzierte Konsumprodukt der Unterhaltungselektronik.

Auch im gehobenen Bereich blieb Technics am Ball. So folgte nach dem SP-10 im Jahr 1976 der SP-10MK2. Dieser verfügte nun als erstes Modell über eine Quarzkontrolle des Motors (die zwei Jahre später auch in den SL-1200 mit dem MK2 einzog). In der Praxis stellte sich heraus, dass die per Servo kontrollierten Motoren, je nach Temperatur, leichte Geschwindigkeits-Abweichungen aufwiesen. Dies konnte zwar per Poti nachgeregelt werden, die nun eingesetzte Quarzkontrolle machte aber mit diesem Makel ein für alle Mal Schluss. Eindeutig in Richtung HiFi-Anhänger ging auch der aufwändig gefertigte Tonarm EPA-100, der mit Rubinkugellagern ausgestattet und aus Titannitrid gefertigt war. Dieser steckte bei den kompletten Modellen SL-1000MK2, SL-1000MK2A und SL-1000MK3 in einer „Obsidian“-Zarge (Obsidian = vulkanisches Gesteinsglas). Sie bildeten zu dieser Zeit das technisch machbare ab. Besser konnte es keiner.

Die Ahnenreihe des Technics SP-10R.
55 Jahre Technics: Die Ahnenreihe des Technics SP-10R. Im Vordergrund der SP-10 MK III (Foto: H. Biermann)

Dies wollte Technics darüber hinaus mit einer Vor-/ Endstufenkombination beweisen, um die sich die meisten Mythen und Legenden ranken, der SU-A2 und der SE-A1. Erstmals wurde sie in Deutschland im HiFi-Katalog von 1977 der Öffentlichkeit präsentiert. Allein die Masse beeindruckt noch heute: Der mit zahlreichen Reglern und Schaltern ausgestattete Vorverstärker brachte gut 40 Kilogramm auf die Waage, bei der Endstufe blieb der Zeiger erst bei 51 Kilogramm stehen. Die Endstufe lief im reinen, von Technics entwickelten Class A+ Betrieb und leistete 350 Watt an 4 und an 8 Ohm.

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Technics SU-A2
Die Vorstufe der Träume: 1977 tauchte sie erstmals im Technics-Katalog in Deutschland auf. Unzählige Regler und ein Gewicht von 40 Kilogramm machten neugierig, wie das Teil denn wohl klingen mag. Erfahren durften es nur wenige … (Foto: AudioScope)
Technics SU-A1
… wie auch bei der 51 Kilogramm schweren Endstufe, die im, von Technics entwickelten, Class A+ Betrieb 350 Watt an 4 oder 8 Ohm leisteten. Informierte Sammlerkreise berichten von höchstens 150 betriebsfähigen Exemplaren in drei Jahren. Der Preis für das Duo: 38.000 DM. 1700 DM mehr, als damals ein Porsche 911 kostete (Foto: AudioScope)
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Allein schon die Optik der dominanten Endstufen-VU-Meter brannte sich in die Netzhaut von Generationen und wurde zu einem Markenzeichen von Technics-Verstärkern. Die nur auf Bestellung gefertigten Amps kosteten zusammen 38.000 D-Mark – genau 1.700 Mark mehr, als Porsche für einen 911er seinerzeit verlangte. Wer das nötige Kleingeld besaß und die edlen Teile haben wollte, musste Geduld mitbringen. Sehr viel Geduld. Obwohl der Legende nach 350 Techniker nur für die Produktion dieser zwei Gerätetypen zuständig gewesen sein sollen, um unter anderem die Bauteile per Hand zu selektieren, blieb die Ausbeute nach drei Jahren gering. Bis Ende 1980, als Matsushita die Reißleine zog, waren kaum mehr als 150 Exemplare produziert und an den Mann gebracht, heißt es in Kennerkreisen.

Tatsächlich gab es selbst auf der „Audio Fair 1980“ in Tokio kein anderes HiFi-Produkt, das mehr Geld kostete als diese Vor-/ Endstufenkombi. Sammlern zufolge gleicht kein Exemplar dem anderen, was ein früher Test der Geräte von Fuyuki Segawa zu bestätigen scheint. So schrieb er 1978 in „Stereo Sound“: „Ich habe mir zwei SU-A2-Vorverstärker angehört, die jedoch leicht unterschiedlich klangen (…).“

So war sie 1977 im Katalog zu sehen: Die sogenannte „Jahrhundertanlage“. Vor- und Endstufe SU-A2 und SE-A1, Tonband RS-1800. Im Hintergrund die mächtigen SB-10000 Lautsprecher, die in Deutschland nicht zu haben waren (Foto: Archiv)

Auch den passenden Lautsprechern vom Typ SB-10000 hatte er sein Ohr gewidmet und schrieb: „Was Sie nicht hören, können Sie fühlen.“ Klingt vermessen, ist aber schon aufgrund der technischen Daten nachvollziehbar. Denn die SB-10000 waren, es ist kaum anders zu erwarten, ein Materie gewordenes Superlativ: Es brauchte fünf Jahre, sie zu entwickeln, sie wogen je 140 kg, verbaut waren ein 46 cm-Bass, gepaart mit einem Mittel- und Hochtonhorn – die Membran des Hochtöners war aus Bor hergestellt. Sie erreichten einen Wirkungsgrad von 95db (1W/1M). Frei interpretiert: Wer nicht hören konnte, der musste hier fühlen, es ging gar nicht anders.

SB-9500
55 Jahre Technics: Die Technics SB-9500 scheinen von der Modellbezeichnung her kleiner gewesen zu sein als die SB-10000. Das Gegenteil ist der Fall: Sie brachten je 190 kg auf die Waage und waren über 180 cm groß. Preis 1977: 1 Million Yen (Foto mit freundlicher Genehmigung von kenricksound.com)

Ursprünglich waren die SB-10000 für die erste transistorisierte Vor-/ Endstufenkombi SU-10000 und SE-10000 (1972) gedacht. Diese Komponenten erschienen jedoch niemals auf dem europäischen Markt. Das galt leider auch für die SB-10000, die aber im deutschen Prospekt stets mit den legendären SU-A2 und SE-A1 abgebildet wurden. Preislich passten die Lautsprecher gut zur Verstärkerkombi, denn heute (inflationsbereinigt) müssten dafür mehr als 26.000 Euro auf den Tisch gelegt werden.

War das nun alles notwendig, mag mancher fragen? Ja, denn irgendjemand musste es tun. Das maximal technisch Erreichbare herauszukitzeln, erforderte nicht nur kluge und risikobereite Köpfe, wie es Ishii und Sagamoto waren. Sondern auch jemanden, der bereit war, das Ganze zu finanzieren.

Das erkannte auch Fuyuki Segawa, den wir hier noch ein letztes Mal zu Wort kommen lassen. Der anerkannte HiFi-Kritiker und Designer war angetan davon, dass Technics sich, als Tochter eines Elektronik-Giganten, solche Experimente überhaupt leistete: „Ich hoffe, dass die Marke Technics nicht zu groß wird. Aber ich denke, ich muss mir keine Sorgen machen. Denn solange es sich diese Firma erlaubt, unglaublich aufwändige Produkte wie die SB-10000, die SE-A1, die SU-A2 und weitere mehr zu entwickeln, die für ein kleineres Unternehmen normalerweise schwer zu produzieren sind, denke ich, dass solche Sorgen nur die Sorgen alter Frauen sind. Dass ein so mächtiges Unternehmen in der Lage ist, ein solches Ultra-Luxus-Produkt herzustellen, ist wohl eine Seltenheit.“

Doch neben den „Ultra-Luxus-Produkten“, die schwer bis gar nicht zu haben waren, gab es bei Technics vor allem gutes, wertiges HiFi für Jedermann. Man musste vereinzelt schon etwas länger sparen, doch das galt in der Boomzeit der 43-cm-Komponenten für alle Hersteller. Eine der vielen herausragenden Komponenten war die Vor-/ Endstufenkombination SU-9600/SE-9600, welche einiges von der in Deutschland niemals erhältlichen 10000er-Reihe geerbt hatte. Die Kombi kostete 1977 zusammen immerhin auch noch 5.600 D-Mark, das war aber wenigstens deutlich weniger als der Preis für einen VW Käfer im selben Jahr: 7.785 D-Mark. Und den fuhren viele.

Technics SU:SE 9600
Die Vor-/Endststufen-Kombination SE-/SU 9600 brachte viel Technik von der 10000er-Reihe mit, die in Deutschland leider nie herausgebracht wurde. Die Endstufe hatte ein Sicherheitsfeature an Bord: Ein Thermoetikett auf den Kühlrippen wechselte die Farbe von gelb auf orange, wenn ihr zu heiß wurde. Ihre Leistung: 2 x 165 Watt an 4 Ohm (Foto: Archiv)

Diese edlen HiFi-Komponenten waren, wie von Technics zu dieser Zeit gewohnt, „aus dem Vollen gedreht“. Gemeinsam brachten sie über 35 kg auf die Waage, an Material wurde nicht gespart. Sie hatten diese findigen Kleinigkeiten, an denen man erkennen konnte, dass sie noch reine Ingenieurswerke waren, ohne eine spürbare Einflussnahme von Kaufleuten. Die Endstufe, die 2 x 165 an 4 Ohm Dauerleistung brachte, hatte zum Beispiel auf den Kühlrippen ein Thermoetikett, dessen Farbe von Gelb auf Orange wechselte, um den Benutzer zu warnen, wenn die Temperatur über einen bestimmten Wert anstieg. Die Phonostufe des Vorverstärkers war zigfach anpassbar, sodass viele verschiedene Tonabnehmer genutzt werden konnten. Praxisnahe Ideen, die bei späteren Generationen dem Sparstift zum Opfer fielen. Gerüchte besagen, dass Technics sich mit seinen „Ultra-Luxus-Produkten“ möglicherweise verhoben hatte …

Dem Erfolg konnte das jedoch keinen Abbruch leisten, denn die Marke befand sich weiter im Aufwind. Technics brillierte nicht nur im Lautsprecher- und Verstärkerbau, sondern zeigte auch bei der Herstellung von Tonbandmaschinen wie der ikonischen RS-1500 oder der noch deutlich ambitionierteren, aber sehr raren RS-1800, Kassettenrecordern (RS-9900US) oder Tonarmen (EPA-100MK2), wo der Hammer hängt. Das Produktportfolio wuchs beständig und ab und zu griff man auch mal ins Klo. Ob beispielsweise bei der Elacaset, einem größeren Kassettenformat, das in Konkurrenz zur Philipskassette gehen sollte (1980 eingestellt), oder der digitalen Compact-Cassette – DCC (eingestellt 1996) – nicht alles konnte die Endkunden überzeugen.

die Tonbandmaschine RS 1500
Steht bei Tonband-Fans immer noch ganz hoch im Kurs: die Technics RS 1500 (Foto: Technics)

Bis in die 1990er-Jahre blieb Technics vor allem in den angestammten Segmenten Verstärker, Tuner, Kassette, CD-Player und – natürlich ­– Plattenspieler stark. 1984 besann man sich gar auf die Wurzeln der eigenen Geschichte und brachte einen neuen Tangentialplattenspieler im gehobenen Segment auf den Markt. Das Modell SL-M3 steckte in einem edlen Mahagoni-Gehäuse und erinnerte optisch an einen SL-10MK3, dessen Steuereinheit auf die Zarge gewandert war. Ab Mitte der 1990er Jahre begann das Angebot zu schrumpfen. Das Angebot an Lautsprechern, mit denen Technics einst gestartet war, wurde reduziert, von High-End war nicht mehr viel übrig, da konnten auch Boxen wie die SB-M10000 nicht mehr viel daran rütteln.

Zu dieser Zeit verlangte die Masse nach Surround und dieses Feld wurde von der Konzernmutter Panasonic bestellt. Erreichten die CD-Verkäufe 1997 ihren niemals wieder erzielten Absatzrekord von 2,7 Milliarden Euro, ging es danach für die gesamte Branche bergab. Mit der zunehmenden Anzahl von Internetanschlüssen, höherer Bandbreite und der Einführung von datenkomprimierten Musik-Files war Musik erstmals nicht mehr an ein Medium gebunden. Zudem konnten die MP3-Stücke nun auch auf CD gebrannt werden. Nach dem Marktstart des iPods war auch selbst das nicht mehr notwendig. Die klassische Audioanlage, sie schien ausgedient zu haben. Die Verkäufe gingen zurück und 2010 stellte Technics still und heimlich die Produktion des SL-1200/1210MK6 ein. Zurück blieb nur ein einsamer DJ-Kopfhörer, als letzter Vertreter einer Marke, die einst mit so viel Leidenschaft und Energie 45 Jahre zuvor an den Start gegangen war.

Der Neustart 2015

Doch die Geschichte hat ein Happy End: Fans wandten sich an Panasonic, wollten sich mit dem Ende des kultigen Drehers nicht abfinden. Darüber hinaus gingen die CD-Verkäufe zurück, die von Vinyl stieg in unerwartete Höhen. 2015, in dem Jahr, als Technics wie Phoenix aus der Asche wiederentstand, wurden wieder zwei Millionen LPs verkauft. Technics brachte seinen heißgeliebten Sl-1200 in einer neuen Revisionsstufe mit der Endung GAE wieder auf den Markt und sogar das High-End-Segment wurde bald darauf mit dem SL-1000R wieder bedient. Damit nicht genug: Neue Lautsprecher wurden konstruiert, man erkannte den potenziellen Markt des HiRes-Streamings, für den HiFi-Enthusiasten. Wie in alten Zeiten räumte Technics mit seinen Komponenten, wie der Reference Class R1-Serie, Testsiege ab.

Reference1
Besser denn je: Die neue Reference 1-Anlage von Technics knüpft an glorreiche Zeiten an und demonstriert, dass Technics nichts verlernt hat. Ein gelungener Wiedereinstieg (Foto: Technics)

Der Ur-Vater von Technics, Shinichiro Ishii, konnte es übrigens auch nach seiner Pensionierung nicht lassen und wandte sich der Softwareentwicklung zur Optimierung der Raumakustik zu. Wenn er nicht gerade ein Segelflugzeug baute – von Hand versteht sich.

In eigener Sache: An dieser Stelle sei mir verziehen, dass ich nicht alle ikonischen Produkte, die Technics in seinen Hochzeiten hergestellt hatte, berücksichtigen konnte. Wer auf die Hyperlinks klickt, wird indes noch viele interessante Internetseiten finden, die noch weiter in die Tiefe gehen, als es mir hier möglich war. Des Weiteren möchte ich dem Technics-Sammler und Kenner Dieter Schaub danken, ebenso wie dem Inhaber und Geschäftsführer von AudioScope, Stefano De Mario. Sie haben mir beide sehr geholfen. Ohne sie hätte diese Geschichte über 55 Jahre Technics nicht entstehen können – vielen Dank!

Wer übrigens wissen will, womit Fuyuki Segawa damals gelauscht hat, der probiere es mit David Oistrach Violin Konzert von 1962. Das hat ihm gefallen.

Aktuelles von Technics:

Test Technics SC-C70MK2: das Gute-Laune-Klangmöbel
Test SACD/CD-Netzwerkspieler Technics SL-G700
Test Plattenspieler Technics SL-1500C: Direktantrieb für alle
Test Direct Drive Spitzen-Laufwerk Technics SL-1000R
Test Technics SL-1200GR – die Direktantriebs-Legende

Autor: Andrew Weber