Monitor Audio Silver 6G – alle 5 Modelle im Familientest

Die Silver 6G Serie in der Praxis

Einer der wichtigsten Punkte bei der Auswahl der Lautsprecher ist der wahrscheinliche Aufstellungsort – siehe Empfehlung in der Übersicht. Zwei Mitglieder der Familie, nämlich Modell 50 und Modell 200, sind explizit für die Aufstellung an der Rückwand konzipiert. Bei Umständen, in denen wenig Platz vorhanden ist, erzielt man mit ihnen in Bass und Grundton den saubersten Klang, weil nahe Wände den Oberbass aufdicken und die beiden in diesem Bereich etwas schlanker abgestimmt sind. Das kleine Modell 50 kann oder sollte man sogar ins Regal oder auf das Sideboard stellen. Die Kleine braucht ein wenig Bassunterstützung von nahegelegenen Flächen; bei freier Aufstellung im Raum klingt sie im Bass etwas karg.

Monitor Audio Silver G6 Modell 100 Ambiente
Das Bild von Monitor Audio zeigt, wie man es auf KEINEN FALL machen sollte: Das gezeigte Modell 100 gehört frei aufgestellt und eben nicht in die Ecke. Für eine solche Situation ist die kleine 50 gemacht. Aber bitte nicht ohne Entkoppler auf dem Sideboard. Und bitte nicht direkt neben dem Plattenspieler… (Foto: Monitor Audio)

Bei dem Modell 100 hingegen ist ein Lautsprecherständer und freie Aufstellung mit mindestens 40 Zentimeter Abstand zu allen Wänden die beste Wahl. Die freie Aufstellung ist auch beim Modell 300 und dem Flaggschiff 500 Pflicht. Ihr souveräner Bass wird an der Rückwand eindeutig zu kräftig. Für eine wandnahe Aufstellung empfiehlt sich in erster Linie das Modell 200. Die 200 spielt selbst in der Nähe einer Ecke wie auf dem Bild noch vergleichsweise sauber im Bass.

Monitor Audio Silver G6 Modell 200 Ambiente
Wenn nicht viel Platz und trotzdem eine Standbox gewünscht ist, empfiehlt sich das Modell 200 (Foto: Monitor Audio)

Eine Art Zwitter ist das Modell 300. Auch die 300 klingt frei aufgestellt am besten, könnte aber zur Not auch in Wandnähe platziert werden.

Aber nicht nur was die Position angeht, verfolgen die Entwickler mit Silver 6G einen erfreulich praxisorientierten Kurs. Ich habe den Eindruck, dass man sich bei Monitor Audio mit der Silver 6G-Linie an den Möglichkeiten von Ein- und Aufsteigerverstärkern orientiert, damit diese nicht überfordert werden.

Praxisnähe heißt in diesem Fall: Weil Ein- und Aufsteiger-Verstärker meist nicht viel Leistung haben, sollte der Wirkungsgrad der angeschlossenen Lautsprecher ist nicht allzu niedrig liegen. Und weil in der Regel die Stabilität der Netzteile dieser Verstärker ebenfalls nicht sehr hoch ist, sollte auch die Impedanz der Boxen einigermaßen linear verlaufen, genauer: im Minimum nicht unter 4 Ohm fallen. Das ist bei fast allen Modellen der Silver 6G Linie gelungen. Ausnahme ist das Modell 500, bei dem die Impedanz im Bassbereich auf 3,0 Ohm fällt. Doch für das kapitale Flaggschiff würden wir eh höherklassige Verstärker empfehlen.

Nominell haben alle Silver 6G Lautsprecher 8 Ohm und passen somit auch zu nicht allzu starken AV-Receivern. Die tun sich mit den üblichen 4-Ohm-Lautsprechern oft schwer und schalten bei dynamischen Attacken schnell einmal ab. Das dürfte mit diesen Lautsprechern nicht so leicht passieren.

Damit der Wirkungsgrad höher ausfällt, holen sich alle fünf Modelle der Silver 6G Serie Bass-Unterstützung durch Bassreflex-Gehäuse. Die entsprechenden Bassreflex-Ports sitzen jeweils auf der Rückseite der Box. Jedem Lautsprecher liegen Schaumstoff-Pfropfen zum Verschließen der Rohre bei. Damit wird das Rohr nicht luftdicht verschlossen, aber die Bass-steigernde Fuktion deutlich reduziert.

BR-Verschluss
Die Bassreflex-Öffnungen aller Silver G6-Modelle sitzen auf der Rückseite und sind über mitgelieferte Schaumstoff-Pfropfen in ihrer Funktion reduzierbar (Foto: H. Biermann)

Ein besonders breites Experimentierfeld bietet hier das Modell 200. Die kleine Standbox hat für ihre beiden 13er Tiefmitteltöner verschieden große und somit unterschiedlich tief abgestimmte Bassreflexrohre. Je nach Raumakustik ist vielleicht das Verschließen des oberen Ports die beste Wahl? Oder des unteren? Oder von beiden? Die Versuche mit den Bassreflex-Pfropfen empfehle ich allen Besitzern – es sei denn, es mangelt an Bass. Aber das passiert in einem Raum mit festen Wänden nur selten…

Und noch so ein Hinweis auf erfreuliche Praxisnähe: Die Mitglieder der Silver 6G Familie haben alle eine kleine Extraportion Energie in den Mitten. Sind die Monitor Audio Linien Gold und Platinum eher warm und seidig abgestimmt, geht Silver 6G eher in Richtung der kernig abgestimmten (aber auch etwas Diva-haften) Studio. Für kleinere Verstärker ist diese „frische“ Abstimmung perfekt, weil dadurch mangelnde Kraft etwas kaschiert werden kann. Selbst mit einem alten Marantz 1060 oder einem Vintage Receiver Onkyo TX-2500 (beide im LowBeats Bestand) klingen diese Lautsprecher quicklebendig.

Doch wie üblich haben wir an den Test-Lautsprechern auch etliche aktuelle Verstärker ausprobiert. Die Quintessenz daraus: Das kleine Modell 50 passt perfekt zum Exposure 1010 SE, Modell 200 zum neuen Cambridge Audio CX61, Modell 100 und 300 hervorragend zum neuen Cambridge Audio CX81. Auch das Modell 500 harmonierte mit dem Cambridge CX81 sehr gut, entfachte aber mit sehr viel mehr Leistung zum Teil erstaunliche Bassgewitter. Mit dem Pioneer A-70 DA war das schon echt beeindruckend. Zu Schluss hatte ich den großen Atoll IN400 SE dran und das klang überwältigend. Allerdings kostet der allein auch schon 4.500 Euro…

So klingen die Monitor Audio Silver 6G Modelle

Was sofort deutlich wird: Es gibt hohe Familien-Ähnlichkeiten. Alles andere wäre bei der Professionalität von Monitor Audio auch verwunderlich. Und wie oben schon angedeutet, gibt es etwas mehr Energie in den Mitten; im Hochton halten sich die Silber-6G-Modelle hingegen eher zurück. Es ist, wenn man so will, der klassische „british Sound“.

Die größten Unterschiede finden sich erwartungsgemäß im Bass: Nicht nur wegen des Volumens der Lautsprecher und ihrer Bestückung, sondern auch wegen ihrer unterschiedlichen Abstimmung in Bezug auf die Aufstellung.

Und so klingt das kleine Modell 50 tatsächlich frei aufgestellt (wie wir es üblicherweise machen) relativ „klein“, weil sie den schlankesten Bass macht. Das ändert sich schlagartig, wenn man sie in ein Regal oder auf das Sideboard in Eckennähe setzt. Auf einmal wird der Klang voller, aber die 50er behält ihre quicklebendige Spielweise.

Ein Vergleich, der sich hier aufdrängt, ist der mit dem preislich sehr ähnlichen Onwall-Lautsprecher Canton Vento 816. Die Canton klingt insgesamt etwas sanfter, aber nicht ganz so aufgeräumt und dynamisch wie die Monitor Audio. Die 50er macht gerade bei perkussiven Aufnahmen wie Monty Alexanders „Hurricane Come And Gone“ (Album: Caribbean Circle) richtig viel Spaß und lässt den Zuhörer staunen, welch große Klangbilder ein so kleines Böxchen zaubern kann. Die Räumlichkeit allerdings ist – eingebaut zwischen den Büchern des Regals – eingeschränkt. Und verwunderlich: Von allen Mitgliedern der Silver 6G Familie klingt das Modell 50 in den Mitten am „rauesten“, was aber dem oft müden Charakter vieler kleiner Verstärker entgegenkommt.

Monty_Alexander_Caribbean_Circle
Carribean Circle:  Großer Jazz und fantastische Aufnahmen von Tonmeister David Chesky (Cover: Amazon)

Das Modell 100 ist von anderem Charakter. Zum einen macht die große Kompaktbox einen erheblich tieferen und satteren Bass und wirkt dadurch sonorer. Zum anderen aber klingt sie auch etwas dezenter und feiner. Anhand der Monty Alexander Aufnahmen lässt sich das sehr gut beschreiben. Modell 50 wirkt schneller und kerniger, Modell 100 entspannter, feiner, etwas langsamer, aber mit der Souveränität von ganz unten. Mit ihr wurden die Bassdrums plötzlich spürbar, die Triangel klang noch etwas feiner und der üppige Raum der Aufnahme öffnete sich plötzlich weit nach hinten. Das ist schon richtig großartiges HiFi, was Modell 100 hier bietet. Aber es muss halt weitgehend frei stehen.

Das wiederum gilt für Modell 200 nicht. Die schlanke Standbox braucht sogar ein wenig Bassunterstützung durch eine feste Rückwand. Dann klingt sie perfekt, aber immer noch nicht so satt-wuchtig wie die kompakte 100. Am Modell 200 gefiel mir die schnelle, dynamische Gangart, die etwas kernige, aber sehr lebendige Stimmwiedergabe und ein durchaus beeindruckender, hoch präziser Bassbereich.

James Blood Ulmer
Eine großartige Live-Aufnahme aus einem relativ kleinen Konzertraum: James Blood Ulmer Live At The Bayerischer Hof München

Das wunderbar dynamische „Crying“ von James Blood Ulmer bekam mit dem Modell 200 einen herrlichen Drive – das hatte schon etwas sehr Reales. Die zum Vergleich herangezogene (aktuelle) B&W 603 spielt im Hochton präsenter und im Bass satter, aber in den Mitten nicht so offen, detailreich und wieselflink. Doch der Vergleich hinkt sowieso: die B&W stand frei, die Monitor Audio mit dem Rücken zur Wand…

Das Modell 300 kann man zur Not auch an der Rückwand aufstellen, klanglich besser ist es aber bei freier Platzierung. Und so fiel auch der Vergleich mit der B&W leichter… Die beiden britischen Standboxen zeigten viel Druck von unten (die B&W noch etwas mehr), wobei die Monitor Audio Bassdrums und Elektronik-Bässe mit mehr Kick und ein Stückweit kontrollierter, punktgenauer wiedergab.

Vor allem aber in den Stimmlagen wirkte das Modell 300 mitreißender, lebendiger und authentischer, obwohl sie in den Höhen um einiges dezenter agiert als die Bowers. Und das ist ein echter Ritterschlag für das Modell 300, denn die B&W 603 gilt ja preisklassenbezogen als sehr, sehr gut.

Alle Familienmitglieder
Alle fünf Mitglieder der Monitor Audio Silver 6G Familie zum Foto-Shooting im kleinen LowBeats Hörraum. Gut zu erkennen: die Größenunterschiede zwischen den Standboxen (Foto: H. Biermann)

Vom kleineren Modell 200 kann sich das größere Modell 300 locker absetzen: mit mehr Kraft in den Bässen und einer noch feineren Mittenwiedergabe. Die Stimme von James Blood Ulmer klang auch mit der 300 sehr lebendig, aber noch präziser, feiner und authentischer.

Interessant war die Frage, um wieviel mehr das Modell 500 noch zulegen kann. Das Flaggschiff hat zwar den identischen Mittelhochtonbereich und kostet nur 300 Euro mehr, ist aber nochmals um 30% größer und mit zwei 20 cm Bässen (Modell 300: 2 x 15 cm Bässe) ausgestattet. Da ist also deutlich mehr Hubraum vorhanden.

Und das hört man. Vor allem bei hohem Pegel und deftigen Tieftonattacken entpuppt sich das Modell 500 als echtes Tier. Von einem entsprechenden Verstärker angesteuert, kann Modell 500 Bass- und Begeisterungsstürme entfachen. Das hat Kraft und Schwärze, aber immer noch viel Kontrolle. Die Bassdrum-Schläge zu Beginn von B&W 603 drücken über das Modell 500 noch einmal ganz anders auf das Zwerfell.

In den Mitten sind 300 und 500 recht ähnlich: 300 etwas lebendiger, 500 etwas entspannter und gesetzter. Beides hat seine Vorzüge. Doch wenn keine Riesenpegel gefordert oder nur Räume mit üblichen Abmessungen um 20 Quadratmeter gegeben sind, ist mir das Modell 300 lieber – einfach, weil seine etwas größere Lebendigkeit in den Mitten noch ein wenig mehr verzaubert…

Gefallen hat uns die ganze Familie und jeder Preissprung ist hörbar. Für alle, die unsere Hörtests nachverfolgen wollen, haben wir die gesamte Silver 6G Familie in unser Hör-Archiv (siehe LowBeats Klang Orakel) aufgenommen:

Die Lautsprecher im Virtuellen Hörraum

Familientest sind immer spannend – auch, um zu schauen, wie dicht die einzelnen Modelle bei einander liegen. Für die Demonstration dafür hat LowBeats den Virtuellen Hörraum erfunden (aktuell zu hören im LowBeats Klang Orakel). Die Idee dahinter: Alle Prüflinge werden nach einem speziellen Verfahren (Patent angemeldet) immer auf den gleichen optimalen Plätzen gemessen. Alle Aufnahmen werden dabei exakt auf das gleiche Lautstärke-Niveau gesetzt, damit die Vergleiche nicht durch unterschiedliche Pegel beeinflusst werden. Denn je lauter, umso dynamischer klingt es meist.

Aufnahme in den MSM Studios
Die Monitor Audio Silver G6 Familie in den schummrig beleuchteten MSM-Studios, wo die Aufnahmen für den Online-Vergleich gemacht wurden (Foto: H. Biermann)

Bei der Monitor Audio Silver 6G Familie waren die Aufnahmen tatsächlich eine Herausforderung, weil sie für unterschiedliche Aufstellungs-Szenarien entwickelt wurden. Aber LowBeats Tonmeister Jürgen Schröder ist mittlerweile so erfahren bei diesem Verfahren, dass es trotzdem recht gut klappte – wie Sie hier hören können.

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Dafür braucht man nur einen guten Kopfhörer und – das wäre optimal – einen Kopfhörerverstärker/DAC am Ausgang des Rechners. Denn je höher die Qualität der Abhör-Anlage, umso größer die Unterschiede.

Fazit

Die Monitor Audio Silver 6G Linie ist erfreulich universell und praxisnah. Wer die britische Abstimmung mit knackigen Mitten und dezenten Höhen mag, sollte hier fündig werden. Denn durch die schlaue Abstimmungs-Vielfalt hat diese Familie tatsächlich für die unterschiedlichsten Raumgegebenheiten (fast) immer ein Angebot: Gar klein Platz? Modell 50. Ein bisschen Platz? Modell 200. Viel Platz? Modell 100 oder 300. Ganz viel Platz? Modell 500.

Die Verarbeitung der Monitor Audio Lautsprecher ist wie üblich top und mit der 6. Generation sind die Lautsprecher auch technisch so anspruchslos geworden, dass selbst kleinere oder ältere Verstärker oder AV-Receiver gut mit ihnen zurecht kommen sollten.

Wer sich ein bisschen Mühe gibt und sowohl die richtige Aufstellung als auch den passenden Verstärker findet, bekommt hier sehr viel erlebnisreichen Spitzenklang für vergleichsweise wenig Geld. Die einzelnen Ergebnisse in der Slideshow:

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LowBeats Bewertung Monitor Audio Silver 6G 50
LowBeats Bewertung Monitor Audio Silver 6G 100
LowBeats Bewertung Monitor Audio Silver 6G 200
LowBeats Bewertung Monitor Audio Silver 6G 300
LowBeats Bewertung Monitor Audio Silver 6G 500
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Weitere Informationen unter:
Pannes Vertriebs KG
Berliner Straße 3
23795 Bad Segeberg
derbesteklang.de

Mit- und Gegenspieler:

Canton Vento 816: Spitzen-Klang onwall
Test Exposure 1010 S2: Feinster Klang für 650 Euro
Test Atoll IN 400 SE: bester Vollverstärker unter 5.000 Euro?

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Autor: Holger Biermann

Chefredakteur mit Faible für feinste Lautsprecher- und Verstärkertechnik, guten Wein und Reisen: aus seiner Feder stammen auch die meisten Messe- und Händler-Reports.