Audeze LCD i4
Der Audeze LCD i4 ist der beste in Ear, den LowBeats kennt. Und der teuerste. Sein Preis liegt bei 3.000 Euro (Foto: H. Biermann)

Test In Ear Audeze LCD i4 – klanglich absolute Spitze

Zuerst einmal irritiert der Preis: Wie bitte? 3.000 Euro soll der Audeze LCD i4 kosten? Der sieht doch genauso aus wie der kleinere Bruder Audeze Sine 20 für 700 Euro! Stimmt schon.

Aber die Kalifornier haben sich mit dem LDC i4 ein hehres Ziel gesetzt – nämlich den besten In Ear Hörer der Welt zu bauen. Ich kann das hier vorwegnehmen: es ist ihnen gelungen. Was der LCD i4 in Bezug auf Natürlichkeit, Präzision und Farbigkeit auch im Bass bietet, habe ich von einem Kopfhörer dieser Bauart so noch nicht gehört.

Der Audeze LCDi4 in voller Pracht (
Der Audeze LCD i4 in voller Pracht (Foto: Audeze)

Doch der Reihe nach. Denn der Audeze LCD i4 ist ein in vielen Belangen ungewöhnlicher In Ear. Zum Beispiel will er nur Kopfhörer sein – keine Headset-Funktionen, keine App-Steuerung, keine Kinkerlitzchen. Es zählt nur der allerbeste Klang.

Der Aufbau und das Konzept des Audeze LCD i4

Das beginnt zunächst einmal mit der Audeze LCD i4 Folien-Technologie. Es handelt sich hier – wie bei allen Audeze Modellen – um eine hauchdünne, magnetostatische Folie.

Die flache Membran soll nur unglaubliche 0,005 Millimeter dick sein. Zwar kommen die aufgedampften Leiterbahnen noch obendrauf. Aber alles in allem ist das sehr, sehr dünnes Hightech, was die Kalifornier hier nutzen.

Der Aufbau des Audeze LCDi4
Der Aufbau des Audeze LCD i4: die hauchdünne Membran (weiß) wird durch die Magnete (orange) ganzflächig in Schwingung versetzt. Das Gehäuse (schwarz) ist aus Alu und extrem stabil. Hinter den Lamellen und dem goldenen Vlies sorgt eine Schicht für eine möglichst geringe Schall-Emission dieser „offenen“ Konstruktion (Zeichnung: Audeze)

Im Gegensatz zu fast allen anderen In Ear Hörern am Weltmarkt ist die Membran des Audeze LCD i4 mit ihren 30 Millimetern Durchmesser viel größer als jene Treiber, die mehr oder minder in den Ohrkanal passen müssen.

Die Idee ist bestechend gut: Mehr Membranfläche bedeutet bei gleicher Lautstärke weniger Hub und damit weniger Verzerrungen. Die vergleichsweise große Membran arbeitet auf einen sich verjüngenden Kanal – der dann wieder ins Ohr passt. Innerhalb des Kanals sorgt eine Schallführung für eine bessere Schallverteilung auf engstem Raum.

Der Audeze LCD i4 von der Seite
Der Audeze LCD i4 von der Seite. Gut zu sehen ist die Verengung der Schallfläche auf einen schmalen Kanal (Foto: Audeze)

Keine Frage: Man sieht zwar ein wenig komisch aus mit diesen aus den Ohren herausragenden Goldplättchen, aber dem Klang ist das ohne Frage zuträglich.

Und wer genau hinschaut, sieht, dass hinter den Lamellen der Audeze LCD i4 augenscheinlich eine offene Konstruktion sitzt. Das ist bei In Ears selten – zumal sie in der Regel ja mobil genutzt werden.

Die Kalifornier nennen das „Semi open design“. Dies ist eine klassische offene Konstruktion, die dafür sorgt, dass die Membran frei schwingen kann (das ist ein wesentlicher Bestandteil für besten Klang) und dass der Musikhörer trotz Audeze LCD i4 im Ohr so gut wie alles mitbekommt, was akustisch um ihn herum passiert.

Im Gegenzug hört der Nachbar in Bus und Bahn so gut wie nichts von dem, was der User gerade hört – es funktioniert wie eine akustisch semipermeable Membran. Super.

Das kleine Gehäuse des Audeze LCD i4 sieht zwar genauso aus wie seine kleineren Geschwister aus der Audeze iSine-Serie, ist aber im Gegensatz zu deren Kunststoff-Aufbau aus hochstabilem Aluminium, das – so Audeze – auch noch vibrationsgedämpft ist. Es ist jedenfalls so leicht – der gesamte In Ear wiegt nur 12 Gramm – dass es sich fast wie Kunststoff anfühlt.

Das 1,2 Meter lange Zuleitungskabel ist sicherlich auch besser als das, was gemeinhin am In Ear klemmt. Audeze verwendet ein versilbertes, hochreines Kupferkabel, bei dem linker und rechter Kanal verdrillt sind, sodass auch ohne stärkere Abschirmung der Leiter (was zu einem dickeren Kabel führen würde) ein effizienter Schirm entsteht.

Die berühmtesten Modelle von Kimber Kable sind so aufgebaut. Nicht so schön ist, dass sich das Kabel in der Tasche schnell verheddert…

Der 3,5 Milimeter Kllnckenstecker des Audeze LCD i4
Am Audeze LCDi4 ist alles edel: sogar der 3,5 Millimeter Klinkenstecker und das versilberte Kabel (Foto: H. Biermann)

Wie überhaupt der Audeze LCD i4 in der Praxis gewisse Schwächen aufweist. Zum Beispiel beim Telefonieren: Da muss man nach wie vor das Mikro des Smartphones nutzen.

Es scheint fast so, als wolle der Audeze LCD i4 den geneigten Nutzer dazu bewegen, einen angemessen hochwertigen Hi-Res Mobilplayer als Quelle zu nutzen. Nix Smartphone. Das könnte man konsequent nennen, wenn auch nicht sehr realistisch.

Wenigstens weist ihn die Impedanz von 35 Ohm als waschechten Mobilhörer aus, sodass er auch am Smartphone klangliche Hochleistungen bringen sollte.

Was er auch tat. Aber die Klangqualität dieses In Ear ist so groß, dass man jede auch noch so kleine Verbesserung hört. Der Schritt von meinem iPhone 5S auf den mobilen HiRes-Player Onkyo DP-S1 war ein größerer; der Audeze honorierte die bessere Ausgangsstufe umgehend mit druckvollerem Klang.

Geradezu umwerfend wurde es mit dem stationären Kopfhörerverstärker Questyle CMA600i, der seit seinem Test im LowBeats Hörraum einen überragenden Eindruck hinterließ. Rein von der Performance her könnte man unterstellen, der Audeze LCD i4 sei vor allem für den stationären Einsatz entwickelt…

Und noch so eine kleine Ungereimtheit: Der Audeze LCD i4 hat als Reisetasche ein sehr edles Leder-Etui im Zubehör. Das sieht chic aus, erscheint mir aber ein bisschen groß; es könnte kleiner und damit praktikabler sein.

Audeze LCD i4 Leder Etui
Mitgeliefert wird ein edles Etui aus Leder, das allerdings für die Reise etwas groß erscheint (Foto: H. Biermann)

Nicht so ungewöhnlich, aber ebenfalls konsequent ist der Bügel aus Kunststoff, der den Audeze LCD i4 immer perfekt am oder im Ohr hält. Ich halte den Bügel für sinnvoll, auch wenn er einen weiteren Druckpunkt am Kopf bedeutet.

Bei mir war nach zweieinhalb bis drei Stunden immer Schluss, dann musste ich den Audeze LCDi4 rausnehmen. Mit dem (mir vom Tragekomfort her liebsten In Ear) Bose Quit Comfort 20 komme ich auf vier Stunden. Aber der tönt halt nicht so fein…

Hörtest

Cover Yello "Touch"
Musikalisch und klanglich stark: Yello Touch ist zum Testen bestens geeignet (Cover: amazon)

Fantastisch. Überragend. Präziser, breitbandiger und informativer als jeder andere In Ear. Der Unterschied ist vor allem im Bass frappierend, weil der Audeze LCD i4 auch unterhalb 200 Hertz eine Farbigkeit und Natürlichkeit hat, wie man sie von klassischen In Ears nicht kennt; die produzieren in der Regel einen ziemlich uniformen Tiefton-Sumpf.

Das Aha-Erlebnis hatte ich mit der – bei meinen Hörtests obligatorischen – Touch von Yello. Weil die Bässe bei dieser Aufnahme ja nicht nur stumpf den Beat vorgeben, sondern ungemein facettenreich sind.

Es ist der Wahnsinn, was man über den LCD i4 diesbezüglich hört, wie fein die Klangfarben des „The Expert“ im Bass changieren können.

Die Abstimmung des Audeze LCD i4 ist auf absolut neutral und präzise getrimmt. Das ist heutzutage ungewöhnlich und damit ist er ein angenehm audiophiler Gegenentwurf zu dem derzeit angesagten Bass-Wahn.

Auch im Hochton zeigt der Audeze LCD i4 eine Feinluftigkeit und eine Klarheit, wie man sie nur ganz selten hört; es ist der Vorzug der vergleichsweise großen Membran, die auch bei sehr hohen Pegeln so gut wie nicht verzerrt.

Das wunderbar obertonreiche „Alles im Fluss“ von Büdi Siebert (Album: hmm) fordert auch im Hochton gewaltige Lautstärkesprünge – Dynamik eben. Der Audeze LCD i4 macht das alles völlig unangestrengt; er zieht den Hörer in die Aufnahme, weil man alles hört, aber nichts nervt.

Der Frequenzgang des Audeze LCD i4 verläuft über den gesamten Frequenzbereich sehr linear, also auch in den Mitten, wo Branchen-Größen wie Sennheiser und Beyerdynamic gern etwas Energie aus dem Übertragungsverhalten nehmen.

Die Kalifornier setzen hier mehr auf Linearität statt auf eine gehörmäßige Anpassung an unsere Hörkurve. Das macht den Klang frisch und aufgeräumt, klingt aber schnell auch anstrengend. Die Audeze Entwickler aber haben einen Trick gefunden, die Dynamik im Präsenzbereich etwas abzumildern.

Energisch hohe Stimmen wie die von Sting bei „Roxanne“ (The Police Outlandos d’Amour, remastert 2003 ) kamen fein, detailreich, aber auch minimal gebremst und drückten so auch bei hohen Pegeln nicht unangenehm aufs Trommelfell. Ist das ein Manko? Nein: Klanglich ist dieser Hörer perfekt. Ich kenne einige In Ears, die ähnlich teuer sind, aber keinen, der besser klingt.

Der bislang beste In Ear bei LowBeats war der Fidue A83, der ebenfalls mit einer grandiosen Auflösung im Mittelhochton punktet. Er zeigt fast genauso viele Details wie der große Audeze In Ear, aber im Vergleich fehlt ihm etwas die Lockerheit und die natürliche Selbstverständlichkeit. Vor allem ist der Fidue im Bass gegen diesen Tieftonkönig – wie fast alle In Ears – eintönig und schlapp.

Fazit

Für einen In Ear kann der Audeze LCD i4 bemerkenswert wenig: Keine Headset-Funktion, keine Fernbedienung, schon gar keine App. Dafür klingt der LCD i4 für einen In Ear bemerkenswert gut. Sogar besser als jeder andere. Der LCD i4 spielt derart präzise, dynamisch und natürlich, dass er die Spitze des derzeit Machbare darstellt. Und nach meiner Einschätzung wird er da lange stehen bleiben.

3.000 Euro sind eine Menge Geld, das ist richtig. Aber um einen solchen Klang mit einer klassischen Anlage zu realisieren, muss man sicherlich das Fünffache hinlegen.

Die Beziehung zwischen Tester und Prüfling endet in der Regel kurz nach Veröffentlichung des Tests; dann wandert das Gerät zurück zum Anbieter. So auch in diesem Fall. Aber der Audeze LCD i4 ist eine der wenigen Testkomponenten, die ich wirklich vermissen werde.

Audeze LCD i4
2017/10
Test-Ergebnis: 4,3
SEHR GUT
Bewertungen
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Extrem feiner, natürlicher Klang
Überragende Präzision + Klarheit im Bass
Kein Mikro für Headset-Funktion
Vergleichsweise teuer

Vertrieb:
cma audio GmbH
Münchener Str. 21
82131 Gauting
www.cma.audio

Preis (Hersteller-Empfehlung)
Audeze LCD i4: 3.000 Euro

Mitspieler:
Test Mobilplayer Onkyo DP-S1 – Hi-Res mit MQA
Test Kopfhörerverstärker Questyle CMA600i

Weitere Edel-In-Ears:
Test In Ear Fidue A83 – die geniale Auflösung
Test Luxus-In-Ear Astell & Kern AK T8iE

Autor: Holger Biermann

Holger Biermann
Chefredakteur mit Faible für feinste Lautsprecher- und Verstärkertechnik, guten Wein und Reisen: aus seiner Feder stammen auch die meisten Messe- und Händler-Reports.