Audio Physic Step 35 im LowBeats Wohnhörraum
Die Step 35 vereint extrem viele Besonderheiten von Audio Physic im Kleinen. Das macht sie zu einer der faszinierendsten Kompaktboxen unter 3.000 Euro (Foto: H. Biermann)

Test Kompaktbox Audio Physic Step 35

Mitte der 90er Jahre hatte ich eine nachhaltige Begegnung: Die Audio Physic Step spielte in einem großen Vergleichsfeld problemlos alle Mitbewerber in Grund und Boden: Feinsinniger und transparenter klang keine Box dieser Klasse. Danach war ich ein Fan und in meiner Fantasie spielt die ikonische Box mit dem außergewöhnlichen Boxenständer immer noch weit vorn. Doch dieses Wunschdenken ist melancholisch verklärt: Mittlerweile sind 25 Jahre vergangen und natürlich hat sich in diesem Vierteljahrhundert technisch/akustisch viel bewegt. Die ideelle Nachfolgerin, die Audio Physic Step 35, ist sehr viel aufwendiger gemacht und – um einige Klassen hochscaliert – kein Deut weniger faszinierend…

Audio Physic Step 35: das Konzept

Die Ur-Step war bezaubernd klein, aber auch weitgehend bassfrei. Die aktuelle Step ist kaum größer, aber um etliches basstauglicher. Wahrscheinlich ist heute einfach mehr Bass gefordert. Aber ehrlich gesagt, klingt es mit etwas mehr Tiefgang ja auch schöner…

Die letzte Überarbeitung der Step zur Step 35 geschah – man könnte es ahnen – anlässlich des 35. Firmenjubiläums. Hier wurde die Kleine noch einmal auf letzten AP-Stand gebracht: Kenner stellen fest, dass Audio-Physic-Entwickler und der Entkopplungs-Großmeister Manfred Diestertich hier auf die gleichen Hoch- und Tiefmitteltöner vertraut wie in der deutlich teureren Avanti 35, die bei LowBeats ja ebenfalls schon im Test war. Nur fehlt der Kompaktbox halt der Subwoofer-Bass.

Aber darüber hinaus fehlt nicht: Der Aufwand ist auch bei der Step 35 gewaltig – so gut wie jedes Detail wurde auf sein audiophiles Potenzial hin abgeklopft. Nehmen wir allein das Gehäuse. Vorder- und Rückwand sind leicht schräg, die Seitenwangen leicht gerundet. Diese Asymmetrien reduzieren einerseits die Gefahr von stehenden Dröhn-Wellen im Inneren.

Audio Physic Step 35 im LowBeats Wohnhörraum
Sieht einfach klasse aus: das Gehäuse der Step 35 ist weitgehend asymmetrisch aufgebaut und lediglich der Boden und der Deckel stehen parallel zu einander (Foto: H. Biermann)

Andererseits soll die leichte Schrägstellung der Front (7 Grad) auch das Zeitverhalten verbessern: Weil durch diesen kleinen Kniff die Schwingspulen beider Treiber in der Senkrechten übereinandersitzen, kommen die Signale des (etwas bautieferen) Tiefmitteltöner in etwa zeitgleich am Ohr des Hörers an wie die Signale des etwas flacheren Hochtöners. Ein solcher Aufbau ist die Grundlage für eine perfekte Räumlichkeit – vorausgesetzt, der Hochtöner ist in etwa auf Ohrhöhe des Zuhörers. Das hübsch gemachte Gehäuse gibt es ohne Preisunterschiede in vier Ausführungen:

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Audio Physic Step 35 Front Nussbaum
In Nussbaum (Walnut) …
Audio Physic Step 35 Front weiß
…. Hochglanz Weiß …
Audio Physic Step 35 Front Ebony
…im sogenannten „Ebony“…
Audio Physic Step 35 Front schwarz
und in …. Hochglanz Schwarz (Fotos: Audio Physic)
Audio Physic Step 35 Rear
Auch die Rückseite ist schlicht gehalten und mit dem Besten der Steckerschmiede WBT bestückt (Foto: Audio Physic)
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Die gerundeten Seitenwagen der Gehäuse werden mit speziellen MDF-Platten aufgebaut, die durch Schlitze auf der Innenseite in einem gewissen Maße biegbar sind. Das machen allerdings viele Lautsprecherhersteller.

Die gebogenen Seiten aber sind wahrscheinlich das einzig „Normale“ an diesem Lautsprecher. So hat Audio-Physic-Entwickler Manfred Diestertich seit geraumer Zeit die Vorzüge von Keramikschaum für seine Konstruktionen entdeckt. Das Siliziumkarbid kennen viele aus dem Bereich der Filter – etwa Katalysatoren. Der Siliziumkarbid sieht zwar massig aus, ist aber recht leicht (er besteht zu 85% aus Luft) und ist zudem luftdurchlässig. In der Step 35 dient er als Innenversteifung wie auch als Luft-Diffusor. Und weil die Bassreflex-Öffnung direkt vor dem Kermikschaum beginnt, werden hier klangschädigende Verwirbelungen ebenfalls von vorn herein vermieden.

Audio Physic Step 35 Keramikschaum
Eine Platte aus Siliziumkarbid sitzt in der Mitte der Step 35 und verstärkt das Gehäuse an den Seitenwänden, sowie an Deckel und an Boden. Mit seiner porösen Oberfläche wirkt er gleichzeitig als Diffusor und wirkt stehenden Wellen entgegen (Foto: H. Biermann)

Noch spezieller aber ist die Bestückung: Der HHCT III ist – zumindest im High End – einer der ganz seltenen Konushochtöner am Markt. HHCT steht für „Hyper Holographic Cone Tweeter“. Aber die Marketing-Begrifflichkeit lenkt von den Besonderheiten ab. Seine Membran besteht (wie übrigens auch die des Tiefmitteltöners) aus einem keramikbeschichteten Aluminium. Die Vorspannung erfolgt über einen außen laufenden Aluminiumring, der die harte Membran bedämpft.

Der in meinen Augen fast noch wichtigere Punkt aber ist die Korbkonstruktion. Weil sie doppelt ausgeführt ist und eine dämpfende Zwischenschicht hat, wird die schwingenden Hochtonmembran von der (unvermeidbar vibrierenden) Schallwand entkoppelt. Diese Schwingungen des Gehäuses verfälschen den Klang sehr viel stärker als man gemeinhin vermuten würde.

Auch der Tiefmitteltöner mit seinem charakteristischen Kunststoff-Phaseplug profitiert von diesem Konzept. Diestertich entwickelt diese Spezial-Treiber alle selbst, lässt sie aber nach genauen Vorgaben beim dänisch-chinesischen Hersteller Wavecor fertigen.

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Audio Physic Step 35 Hochtöner
Sieht nicht so aus, ist aber ein großer Konus-Hochtöner. Der HHCT III  hat einen Durchmesser von 40 mm und eine glänzenden Kalotte in der Mitte. Die Größe gibt ihm eine hohe Belastbarkeit; die Abstrahlung ist etwas mehr gerichtet als bei klassischen Hochtonkalotten. Ein fester Filz verhindert frühe Reflektionen (Foto: H. Biermann)
Audio Physic Step 35 Tiefmitteltöner
Der 15 cm durchmessende Tiefmitteltöner mit Aluminium-Membran und feststehendem Phaseplug. Doch die diese Äußerlichkeiten sind nicht das Besondere an diesem Treiber…
Audio Physic Step 35 Tiefmitteltöner
…sondern der speziell entkoppelte Korb (Foto: H. Biermann)
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Die Frequenzweiche arbeitet mit 18 dB/Oktave vergleichsweise steilflankig und die Trennfrequenz liegt mit 3.000 Hertz für einen Konushochtöner mit 40 mm Membrandurchmesser überraschend hoch. Aber Diestertich hat hier vor allem eine gleichmäßige Abstrahlung als Entwicklungsziel ausgegeben. Wahrscheinlich ist die Abstrahlung über die Winkel bei einer so hohen Trennfrequenz besonders homogen.

Nach dem Öffnen der Step 35 (bitte nicht nachmachen!) sieht der Betrachter innen fast noch mehr Sorgfalt als draußen: Die Frequenzweichenbauteile sind alle fest verankert und die Kabel sind durch Spezial-Überzüge vor Mikrofonie geschützt. Einen solchen Aufbau würde man sich von sehr viel mehr Lautsprechern wünschen…

Audio Physic Step 35 Frequenzweiche
Auch auf der Frequenzweiche lassen sich viele Optimierungen finden. Nach dem von Diestertich „Floating“ genannten Konzept sitzen einzelne Bauteile auch im Minus-Pfad der Schaltung. Das ist ungewöhnlich, klingt aber – richtig dimensioniert – in der Regel besser (Foto: H. Biermann)

Die Audio Physic Step 35 in der Praxis

LowBeats Messung Audio Physic Step 35: unverzerrter Pegel
Bereits bei 94 dB Dauerpegel sind die Verzerrungswerte im Bass um 100 Hertz recht hoch und verbieten eigentlich eine höhere Leistungszufuhr (Messung: J. Schröder)

Die Step 35 ist selbst unter den Kompakten noch zierlich zu nennen. Deshalb ist ihr Tiefbass- wie auch das Maximalpegel-Potenzial erwartbar nicht sehr hoch. Genauer: Echter Tiefbass unter 60 Hertz wird nicht geboten. Und bei unseren Pegelmessungen gehobenem Wohnzimmerpegel 94 dB (in 1 Meter Abstand) war der Dauer-Maximalpegel schon erreicht. Kurzfristig geht natürlich einiges mehr.

Auf der Habenseite verbucht die Kleine eine höchst erfreuliche Verstärker-Verträglichkeit Die Impedanz (rote Kurve) weist die Step 35 eher als 8-Ohm, denn als 4 Ohm-Box aus. Die meisten Verstärker mögen das. Auch der Phasenversatz (blaue Kurve) ist absolut moderat. Daraus resultiert der EPDR-Wert (graue Kurve), die reale Impedanz, die den Verstärker belastet. Und selbst die rutscht nie unter 3 Ohm.

Die kleine Step weiß hohe Verstärkerleistung sehr wohl zu schätzen; sie klang am German Physiks The Emperor, einem echten Leistungsriesen, überragend gut. Doch der kostet locker das 12-fache der kleinen Box! Aber sie brilliert halt auch mit exzellenten „kleineren“ Amps wie dem Atoll IN 50 Signature (oder noch besser: Atoll IN 200 Signature) auf eine Art und Weise, die Staunen macht.

Die Step 35 hat uns auch wegen ihrer beeindruckend großen, zugleich präzisen Raumdarstellung gefallen. Dafür aber muss sie auf der richtigen Höhe platziert sein. Audio Physic will hier bald einen passenden Ständer anbieten. Und akustisch „passend“ bezieht sich in diesem Fall auch immer auf die Sitzhöhe des Zuhörers. Im kleinen LowBeats Hörraum ergab sich der stimmigste und präziseste Raumeindruck, wenn der Hochtöner in etwa auf Ohrhöhe war. Das kann man durchaus auch erreichen, wenn die Step 35 auf dem Sideboard steht. Aber ich würde sie dort nicht aufstellen; sie ist einer jener Lautsprecher, der auf einem Ständer mit Abstand zur Rückwand so deutlich zulegt…

Der Hörtest

Weil wir gerade dabei sind: Die Räumlichkeit der Audio Physic Step 35 empfand ich als überragend. Bei Aufnahmen, bei denen der Raum gut eingefangen ist, zaubert sie eine grandiose Bühne – mit festen Abgrenzungen nicht nur in der Breite, sondern auch nach oben und in der Tiefe. Wenn der Pianist Markus Schirmer mit Mussorgskys „Gnomus“ (Album: Pictures & Reflections, Tacet) seinen Flügel bearbeitet, versetzt die Step 35 den Zuhörer direkt vor das Instrument – so genau meint man, die Abmessungen des mächtigen Bösendorfers hören zu können. Aber auch die einzelnen Klavieranschläge werden fast „sichtbar“.

Mit dem German Physiks Überverstärker The Emperor sind die Dimensionen von Raum und Flügel noch ein Tick fester, die unteren Oktaven kommen noch brachialer. Aber Musikfreunde, die mit der Step 35 liebäugeln, müssen nicht nervös werden: Mit dem Atoll IN 200 war diese ungemein packende Plastizität fast genauso greifbar.

Die Audio-Physic-Modelle aus der Gründerzeit schoben immer sehr viel Tiefbass vor sich her, hatten ein kleines Loch im oberen Bass und klangen darüber recht frisch und lebendig. Den modernen AP-Konstruktionen kann man solch charakteristische Eigenheiten nicht mehr zuschreiben: Sie sind im besten Sinne ausgewogen und klingen mit jeder Art von Musik entspannt – und dennoch absolut spannend.

Die kleine Step ist kein Impuls- oder Dynamikwunder. Die ATC SCM 11, die sich schon längere Zeit bei LowBeats einspielt, geht deutlich kerniger zur Sache. Über den Maximalpegel hatten wir schon gesprochen – diesbezüglich hängte die ATC die deutlich kleinere Audio Physic eindeutig ab. Und doch: Die Klangfarben traf die Step 35 mindestens genauso gut.

Beim Officium, dem klanglich schwierigen Diskurs zwischen dem Hillard Ensemble (Chor) und Jan Gabarek (Saxophon), wirkte die ATC einen Hauch schneller und griffiger. Die Step 35 klang dagegen etwas wärmer, „schöner“, schuf aber mehr Platz zwischen den einzelnen Stimmen und dem Saxophon und modellierte alles sehr viel plastischer heraus.

Audio Physic Step 35 mit der ATC SCM 11
Die Audio Physic Step 35 setzte sich gegen die deutlich größere ATC SM 11 erstaunlich gut in Szene (Foto: H. Biermann)
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Vor allem aber gelingt es der Step, selbst feinste Details auf den Aufnahmen herauszuarbeiten, ohne dabei ja harsch oder vordergründig zu klingen. Wer viel Saxophon oder Streichkonzerte hört, wird diesen Wesenszug lieben. Man schließt die Augen und ist mittendrin: Die Detailfülle ist gewaltig, wird aber ohne jede schmerzhafte Vordergründigkeit dargereicht. Aus den Anfangsjahren von Audio Physic stammt der Slogan „no loss of fine detail“. Der gilt immer noch. Aber es kommt noch ein weiterer hinzu: „the loss of the harshness“. Die vielseitigen Entkopplungs-Maßnahmen von Manfred Diestertich scheinen zu wirken: Selten habe ich so erlebnisreich und gleichzeitig so entspannt gehört.

Fazit

Gleich, ob diese speziell entkoppelten Hoch- und Tiefmitteltöner, die speziell angeordneten Weichenbauteile oder das durch Keramikschaum verstärkte Gehäuse: Die Audio Phaysic Step 35 ist audiophile Fazination im Kleinen. Nun dürften die zahlreichen technischen Highlights den meisten Musikfans ziemlich schnuppe sein. Ihnen sei zugerufen: Aber gerade deshalb ist die kleine Audio Physic auch klanglich so ein genialer Wurf.

Audio Physic konzentriert hier auf engstem Raum fast alles, was auch die großen Modelle aus der Menge heraushebt. Die Step 35 bietet die seltene Kombination aus hoher Detailtreue plus angenehmer Langzeittauglichkeit. In der hart umkämpften Klasse bis 3.000 Euro pro Paar setzt sie damit deutliche Ausrufezeichen – auch, weil sie so problemlos mit den meisten Verstärkern am Markt harmoniert.

Audio Physic Step 35
2021/10
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Authentisch echter, höchst angenehmer und dennoch präziser Klang
Exzellente, sehr stabile Räumlichkeit
Erfreulich verstärkerfreundlich, harmoniert auch mit kleinen Amps
Nicht sehr pegelfest, eher für kleinere Räume geeignet

Vertrieb:
Audio Physic GmbH
Almerfeldweg 38
59929 Brilon
www.audiophysic.com

Paarpreis (Hersteller-Empfehlung):
Audio Physic Step 35: 2.490 Euro

Die technischen Daten

Audio Physic Step 25
Technisches Konzept:2-Wege BR Kompaktbox
Übertragungsbereich:60 – 40.000 Hertz
Besonderheiten:Konus-Hochtöner
Min. empf. Verstärkerleistung2 x 30 Watt / 8 Ohm
Max. empf. Raumgröße:
18 Quadratmeter
Farben:
Weiß Hochglanz, Schwarz Hochglanz , Ebony, Walnuss
Abmessungen H x B x T:30,0 x 17,6 x 25,1 cm
Gewicht:6,5 Kilo
Alle technischen Daten
Mit- und Gegenspieler:
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Autor: Holger Biermann

Chefredakteur mit Faible für feinste Lautsprecher- und Verstärkertechnik, guten Wein und Reisen: aus seiner Feder stammen auch die meisten Messe- und Händler-Reports.