ATC SCM 11 vorn und Rück
Hat bei LowBeats schon längst seinen Stammplatz im Referenz-Regal, weshalb der Test jetzt echt überfällig war: die Kompaktbox ATC SCM11 für 1.900 Euro (Foto: H. Biermann)

Test Kompaktlautsprecher ATC  SCM11: kleine Bestie an der langen Leine

Wieder einmal die Briten. Sie halten sich nicht an Maße noch Spielregeln. Und doch erschaffen sie Zauberkraft. Wie hier bei der ATC SCM11. Das ist ein Zweiwegler, der noch eine Wunderschicht obendrauf streuselt. Eine 2-Wege-Box, die noch ein wenig überzeugender musiziert als alles andere, was wir unterhalb 2.000 Euro kennen…

Die Augen täuschen uns. Das sieht aus wie der übliche, tausendfach kopierte Zweiwegler. Kennen wir, entlockt uns ein elegantes Gähnen. Doch das ist die falsche Fährte. Denn es überraschen uns drei Details. Zuerst: Es gibt keinen Bassreflexport. Die englischen Entwickler nennen den Bassreflex-Ausgang einen Bereich des Unberechenbaren. Das will man nicht. Also erstes Alleinstellungsmerkmal – das ist trotz der kompakten Maße ein komplett geschlossenes Gehäuse.

Die Überraschung zwei folgt auf dem Fuße: Fast alle Lautsprecherhersteller lassen in Fernost bauen. Mal unterhält man ein Werk, das dem Firmenverbund gehört, mal beauftragt man einen freundlichen, ungenannten Dienstleister. Anders ATC: Die Briten bestehen auf ihre eigenen Fertigungsstraßen und nennen es ganz stolz „The finest Audio Systems in the World“. Da muss jemand stramme Brustmuskeln haben. Die Fertigung und die Entwicklung liegt direkt am Flughafen von Aston Down. Kennt man nicht? Zu Recht. Man muss sich eine Kleinstadt weit von London vorstellen. Weit im Westen, etwas nördlich über Bristol. Da kommt eigentlich kaum ein Tourist vorbei. Das schöne Niemandsland. Und doch entstehen genau hier alle Lautsprecher von ATC. Das nennt man Treue. Wahrscheinlich hängt vor der Firmenzentrale in der Gypsy Lane der Union Jack und noch eine Huldigung an das Jubiläum der Queen…

ATC SCM11: die Technik

Das war polemisch. Aber tatsächlich fällt es mir schwer, diesen eigenwilligen Hengst einzufangen. Denn noch eine Besonderheit gibt es bei der SCM11 laut Katalog. Sie ist nicht nur geschlossen, sie ist laut Katalog auch ein verkappter Dreiwegler, obwohl wir nur zwei Chassis sehen. Ein Geheimnis soll dahinterliegen. Was wie eine Staubschutzhaube im Zentrum der Tieftöners aussieht, soll wie die legendäre Mitteltonkalotte von ATC funktionieren. Doch wer in der Entwicklungsabteilung der Briten nachfragt, blickt in verdutzte Gesichter: Unfug. Die Leute von der Marketing-Agentur, die sich das ausgedacht haben, lachen wahrscheinlich immer noch. Nein: Die SCM11 hat so etwas nicht nötig. Wir haben es hier mit einer klassischen 2-Wege-Konstruktion zu tun. Übergangsfrequenz: bei etwa 2200 Hertz.

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ATC SCM 11 Tiefmitteltöner-Membran
Der wulstige Dustcap in der Mitte der der Membran ist einfach nur ein Dustcap – und keineswegs ein eigenständig schwingendes Element, wie uns der Katalog glauben machen möchte… (Foto: H. Biermann)
ATC SCM 11 Bass-Magnet
Der Tiefmitteltöner ist eine echte Show: Der Magnet ist fast so groß wie die Membran selbst, der Korb ist aus unverwüstlichem Druckguss. Man ahnt, dass hier viele Watt fließen dürfen und zu Schwingungen verarbeitet werden (Foto: H. Biermann)
ATC SCM 11 Frequenzweiche
Auch die Frequenzweiche vermittelt eine eindeutige Botschaft: Weil hier ausschließlich Luftspulen verwendet werden, ist eine hohe Pegelfestigkeit ohne Verzerrung gewährleistet. Die Platine verweist zudem auf die lange Tradition der SCM11: wir sind schon bei Mk3 angekommen (Foto: H. Biermann)
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Der Blick auf die Treibertechnik macht deutlich: alles äußerst solide, alles Made in Great Britain. Deshalb liegt der Preis etwas höher, aber noch immer akzeptabel. Laut dem offiziellen deutschen Importeur ATR – Audio Trade liegt der bei 1.900 Euro pro Paar. Das geht wunderbar mit unserem Höreindruck überein. Für die Augen: Schwarz und Weiß fixen mich nicht an, auch Esche schwarz wirkt hausbacken – das Herz geht aber bei Kirsche auf. Das ist echtes Holz-Furnier, bestens verarbeitet. Das hat, was die Italiener „Grandezza“ nennen.

Die Praxis

Erfreulich sind zunächst die völlig unproblematischen, elektrischen Werte. Jetzt der ultimative Tipp für die Zielgruppe: Mein Raum ist klein, aber symmetrisch. Ich stelle die beiden SCM 11 auf Ständer und schließe meinen leicht untermotorisierten Röhrenverstärker Simply Italy von Unison Research an. Erstaunlich, welches Fest vor meinen Ohren entsteht.

LowBeats Messung ATC SCM 11: IMpedanz, Phase, EPDR
Die Impedanz (rote Kurve) zeigt im Bass nur einen Peak – eindeutiger Hinweis auf die geschlossene Bauform (Messung: J. Schröder)

Kein Wunder. ATC stammt eigentlich aus dem Studiobereich und entsprechend dieser DNA liegt auch die Impedanz der HiFi-Lautsprecher vergleichsweise hoch: nämlich überwiegend über 6 Ohm. Das lieben Röhren-Amps. Aber auch Phase und EPDR sind absolut im grünen Bereich. Wie gesagt: Auch eine so „kleine“ Röhre“ wie der Simply Italy holt schon sehr viel aus der SCM11 heraus.

Der Wirkungsgrad liegt im Durchschnitt der Klasse – trotz des geschlossenen Gehäuses, dem ja der Schalldruck-Zugewinn der Reflex-Öffnung fehlt. Erfreulich hoch indes ist der maximale Pegel: 100 dB (weitgehend unverzerrter) Dauerpegel (in einem Meter Abstand) entspricht etwa 112 dB mit dynamischer Musik. Das ist kein Hungerhaken, sondern ein feinst-mamoriertes Steak, das auch ziemlich laut ziemlich gut schmeckt.

Allerdings ist die Pegelfestigkeit auch ein Plädoyer für den Einsatz eines kräftigeren Verstärkers als den Unison. Denn für die 112 dB werden deutlich mehr als 100 Watt gefordert – und nicht die 12 Watt des Simply Italy…

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IM-Spektrum ATC SCM 19 @94dBspl
Bei klassischen Wohnzimmerpegeln lassen sich so gut wie keine Verzerrungen erkennen (Messung: J. Schröder)
IM-Spektrum ATC SCM 19 @100dBspl
Selbst bei 100 dB Dauerbelastung zeigt die SCM 11 kaum Verzerrungs-Artefakte (Messung: J. Schröder)
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Geschlossenen Boxen sagt man ja oft eine etwas präzisere Basswiedergabe nach. Das ist natürlich in erster Linie eine Frage der Abstimmung und nicht des Gehäuse-Konzepts. Dennoch erfüllt die kleine ATC dieses Vorurteil: Wir spielten sie wandnah und mit knapp 60 Zentimeter Abstand zur Rückwand. Beides funktionierte bestens. Selbstverständlich klingt eine frei aufgestellte Box in der Regel räumlicher und etwas klarer im Oberbass. Aber wenn es die Verhältnisse nicht zulassen, ist eine SCM11 an der Rückwand klanglich immer noch ein sehr guter Kompromiss.

Der Hörtest

Der Weltmarktführer in Sachen HiFi-Magazin, die britische What HiFi, hat in ihrem SCM11-Test erstaunliche fünf Sterne vergeben. Mehr geht nicht, ohne den mindesten Haken. Hier muss der beste Kompaktlautsprecher seiner Preisklasse aufspielen. Stimmt das?

Der erste Eindruck erstaunt mich nicht: Das ist typisch ATC. Die SCM11 ist kein Lautsprecher für den Show-Effekt. Alles wirkt harmonisch, perfekt dazu die Harmonie innerhalb der Membranen. Hier gibt es kein Feuerwerk im Finale eines Live-Auftritts der Rolling Stones. Sind wir wirklich in der Welt eines BBC-Monitors? Dieser Lautsprecher sitzt zwischen den Stühlen und das höchst elegant.

Ich streame – passend zum kürzlich hier in München miterlebten Konzert — das neueste Remastering von „Paint it Black“ der Stones herbei. Die ersten Informationen, die den Zuhörer erreichen? Das Schlagzeug und sein unerbittlicher Drive. Die ATC ist sofort auf Kurs. Das ist nicht nur ein heller Anschlag, sondern ein komplexer Klang mit Tiefton und mächtigem Drive. Toll – das kenne ich von Kompaktlautsprechern dieser Klasse nicht. Ich bin sofort in der Welt der frühen Rolling Stones und ertappe mich beim Spielen der Luftgitarre…

Bleiben wir in der Zeit der Aufnahme, gehen bei der Komposition aber ein paar Jahre zurück. Die beste Aufnahme der letzten, sechsten Symphonie von Tschaikowsky? Da gibt es keinen Streit unter den Kritikern. Evgeny Mravinsky hat seine Leningrader in die perfekte Mischung aus Ekstase und Präzision getrieben. Das war Anfang der 1960er Jahre, auch in der Orchesteraufstellung eine Überraschung für die Kenner. Meine Güte, das ist 60 Jahre her.

Tschaikowsky Symphonie No.6 Evgeny Mravinsky Leningrader
In der Edition ist die meisterliche 6. Symphonie selbstverständlich enthalten (Cover: Amazon)

Die Bänder gibt es mittlerweile als SACD, als Esoteric-Mix und natürlich als High-Res-Download. Mein Tipp: 50 Cent – so viel darf eine Mainstream-Pressung aus den mittleren 80er Jahren nicht kosten. Die Sechste wurde damals unter dem Label der „Großen Komponisten“ regelrecht verscherbelt. Aber perfekt in der analogen Ausbeute. Deshalb: Ein Flohmarkt-Besuch lohnt allein schon für diese Scheibe…

Die SCM11 ist ultimativ nah am Original. Im ersten Satz versinkt eine Klarinette im Nichts, dann ein Blitzschlag im Fortissimo – großartig, wie ATC dieser Effekt gelingt. Als Herzkranker sollte man diese Musik nicht über diesen impulsstarken Lautsprecher hören. Dazu ein Teppich der feinsten Streicher. Ich grase, ich schwelge, ich gehe in einen anderen Bewusstseinszustand über.

Gibt es keine Konkurrenten? Rhetorische Frage, bei dem großen Angebot am Markt. Und auch die Harwood LS3/5a hat ihren Stammplatz im LowBeats Referenz-Regal. Der Nachbau des legendären BBC-Monitors hat immer noch diese umwerfend schöne Stimmwiedergabe. Aber die ATC zeigt einfach noch mehr und müheloser feinste Details auf. Und im Bass spielt sie mit ihrer Dynamik, ihrer Präzision und Wucht die kleine Legende voll an die Wand. Und da haben wir über Pegelfestigkeit noch gar nicht gesprochen…

ATC SCM 11 vs LS 3/5a
Geschlossenes Gehäuse und „englische“ Abstimmung? Da war doch was. Genau: die legendäre LS3/5a (hier rechts die Harwood-Version) folgt den gleichen Vorgaben (Foto: H. Biermann)

Passender war daher der Vergleich mit der sehr modernen und fast gleichgroßen Inklang Ayers One. In Bezug auf Neutralität und offener Spielweise liegen beide sehr dicht beieinander – mit minimalen Vorteilen für die Inklang. Allerdings verfügt die ATC über die tiefere Raumabbildung und die höheren Pegelreserven. Und sie reicht im Bass erkennbar tiefer, spielt souveräner und mitreißender.

Inklang Ayers One vs ATC SCM 11 im LowBeats Hörraum
ATC SCM11 und Inklang Ayers One im kleinen LowBeats Hörraum (Foto: H. Biermann)

Jetzt quillt die Geschmacksfrage auf. Es wird subjektiv und wir müssen es aushalten. Also: Für mich ist die SCM11 die erste Wahl, weil sie wunderbar mit meinem Röhrenamp zusammen zu spielen versteht. Alles auf den Punkt, keine Show, keine Hyperdynamik. Und die Stimmwiedergabe ist schlicht exzellent.

Fazit ATC SCM11

Es gibt viele Gründe, die SCM11 zu lieben. Sie ist im besten Sinn altmodisch und dennoch auf der Höhe der Zeit. Sie kann nicht böse. Hier wird jede Form der Energie in Eleganz umgesetzt.

Klingt wie ein Leichtgewicht, ist die SCM11 aber nicht. Sie spielt quicklebendig und ist höchst flexibel bei der Wahl des perfekten Verstärkers. Wer es kernig und knorrig laut mag, nimmt einen kräftigen Transistor-Amp. Wer das Ideal und den feinen Samt liebt, der schwenkt auf eine kleine Röhre um und wird mit den noch schöneren Stimmen oder Streichern beschenkt.

ATC SCM 11 Kalotte
Wir sehen die Schraubköpfe für die Chassis. Da gibt es keine Blenden, keinen Weihrauch. Umgekehrt kennt die englische Sprache dafür das schöne Wort: „straight“. Alles direkt ins Herz, vergesst die Form und die Finessen – der Klang entscheidet (Foto: H. Biermann)

Das Schöne an der SCM11 ist ihre Universalität. Sie harmoniert mit fast jedem Verstärker und auch mit räumlich eingeschränkten Aufstellungs-Möglichkeiten. Und genau deshalb stellen wir nun die britische Kompakte wieder dorthin, wo sie hingehört: in das LowBeats Referenzregal.

ATC SCM11
2022/06
Test-Ergebnis: 4,7
Überragend
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Klingt sehr fein, offen, direkt und präzise
Dröhnfreier Bass, auch für wandnahe Aufstellung geeignet
Elektrisch anspruchslos: auch an kleine Röhren-Amps klingt sie prachtvoll
Erfreulich pegelfest

Vertrieb:
ATR – Audio Trade
Schenkendorfstraße 29
45472 Mülheim an der Ruhr
www.audiotra.de

Preis (Hersteller-Empfehlung):
ATC SCM11: 1.900 Euro

Die technische Daten der ATC SCM11

ATC SCM11
Konzept:2 Wege geschlossen
Bestückung:HT = 25 mm (SH25-76), TMT = 17,5 cm
empf. Mindest-Leistung des Verstärkers:2 x 20 Watt
Besonderheiten:geschlossene Bauform
empf. max. Raumgröße20 Quadratmeter
Maximalpegel (Dauer):100 dB
Abmessungen (H x B x T):38,1 x 23,2 x 26,4 cm
Gewicht:10,8 Kilo (Stück)
Alle technischen Daten
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Autor: Andreas Günther

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Der begeisterte Operngänger und Vinyl-Hörer ist so etwas wie die Allzweckwaffe von LowBeats. Er widmet sich allen Gerätearten, recherchiert aber fast noch lieber im Bereich hochwertiger Musikaufnahmen.