Test Vertere Dynamic Groove Plattenspieler + Mystic MC-Tonabnehmer

Ein reales Problem dagegen kann die Elastizität der vertikalen Lager darstellen: Wiederum ähnlich den Clearaudio-Magnetlagern nimmt die Auflagekraft deutlich zu, wenn der Arm aus seiner horizontalen Ruhelage herausbewegt wird. Mit anderen Worten: Verstellt man den Arm in der Höhe, muss man stets auch die Auflagekraft neu justieren, und braucht dazu zwingend eine Waage, die exakt auf Höhe der Plattenoberfläche misst.

Letztere gibt es zum Beispiel von Ortofon (die DS-3 ist beispielsweise bei Thomann für 125 Euro zu haben) oder die noch günstigere Dynavox TW-4, die beispielsweise bei Idealo für 25 Euro zu haben ist. Als echter Analogfreund sich man sich für regelmäßige Kontrollen sowieso eine eigene leisten – auch wenn der Händler den Spieler zuhause justiert hat.

Relativ simpel funktioniert das Antiskating: Dafür wird die Rückstellkraft des verdrillten Nylon-Lagerfadens genutzt, die man per Drehknopf etwas steigern oder senken kann. Im Test lag die gehörmäßig richtige Einstellung meist am Ende des ersten Drittels der Skala.

Der Tonabnehmereinbau ist – abgesehen von der, wie erwähnt, fummeligen Gewichtseinstellung – denkbar einfach, eine Schablone überflüssig. Denn Vertere hat die zwei Nulldurchgangs-Punkte auf einen der silbernen Strahlen der Tellermatte gedruckt. Platz ist unter dem flachen Arm praktisch unbegrenzt, und der Balance-Bereich des Gegengewicht-Zusatzgewicht-Kombi reicht für sehr leichte wie sehr schwere Systeme gleichermaßen.

Die Stecker der Tonarmkabel gleiten gewaltfrei und trotzdem sicher auf die Anschluss-Pins des Systems. Die Verkabelung – ein hauchdünnes Folienkabel mit vergoldeten Kupferbahnen – ist bei aller Flexibilität recht robust und bis an die Cinch-Anschlussbuchsen des Spielers durchgeführt. Danach übernehmen Vertere-eigene Cinchkabel.

Das Vertere Mystic

Als System schickte der Vertrieb Beat Audio den brandneuen, Vertere eigenen MC-Abtaster Mystic (zur ausführlicheren Vorstellung hier) mit, das mit 2.500 Euro aber schon eher als Upgrade-Option für einen Spieler dieser Preisklasse durchgeht denn als Erstbestückung.

Das Mystic sitzt in einem schönen, blau eloxierten Alugehäuse mit eingeschnittenen Gewinden und jenen drei Kontakt-Höckern auf der Montageplatte, die eine definierte Ankopplung ans Headshell gewährleisten sollen, und die man so auch an Ortofon-MCs sieht. Wobei der Generator des Mystic eher eine Fertigung in Japan und ziemlich sicher nicht in Dänemark nahelegt.

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Vertere Acoustics Mystic Seite
Das Vertere Mystic steckt in einem robusten Aluminium-Body und auch der Nadelträger ist aus Alu (Foto: Vertere Acoustics)
Vertere Acoustics Mystic unten
Der Nadelschliff ist mikroelliptisch, die Ausgangsspannung liegt bei 0,5 Millivolt. Als Auflagekraft empfiehlt Moghaddam einen Wert um 2,0 Gramm (Foto: Vertere Acoustics)
Vertere Mystic Verpackung
Das Mystic ist vergleichsweiese großzügig verpackt (Foto: Vertere Acoustics)
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Nadel und -träger sind recht rustikal gewählt: Der „micro elliptical“ Diamant kommt ohne genaue Angabe von Schliffradien, es handelt sich aber vermutlich um den unter gleichem Namen auch woanders eingesetzten etwas schlankeren elliptischen Schliff mit 7,5/15,5µm Verrundung. Dessen etwas kleinerer Quer-Radius (Standard-Elliptische haben 18µm) lässt ihn etwas tiefer in der Rille gleiten, was Nebengeräusche bei älteren Platten reduzieren kann.

Gehalten wird der Diamant klassisch von einem Alu-Röhrchen, das mit seinem hinteren Viertel in einem etwas größeren Röhrchen steckt, dort also teleskopisch versteift ist. Mit relativ hochohmigen Spulen (40Ω) erzeugt es unproblematische 0,5mV Ausgangsspannung – so weit, so unauffällig.

In der Praxiswertung schneidet das Mystic sehr gut ab: Seine geraden Gehäusekanten, kompakte Abmessungen, klassisch mittelschweres Eigengewicht (9,1g)  und die eingefräste Stufe in der Montageplatte, die exakt die Lage des Diamanten auf der gegenüberliegenden Seite kennzeichnet, machen das britische MC äußerst einbaufreundlich. Etwas ungewöhnlich ist allenfalls der kurze Abstand zwischen Montagegewinden und Nadelspitze: hier gelten 8,5-9mm als Quasi-Standard, das Mystic muss mit seinen 7mm im Headshell etwas weiter nach vorne rutschen.

Zum Vergleich montierte der Autor ein technisch eng verwandtes System vom gleichen Zulieferer, jedoch für eine andere Marke im zweiten Ekos: Gleicher Schliff und Nadelträger, soweit man das erkennen kann, gleiche Spulenimpedanz und Ausgangsspannung, gleiche Nadelnachgiebigkeit.

Aber auch zahlreiche Unterschiede im Detail – etwa das unten offene vordere Magnetjoch beim Mystic, das die Feldlinien nicht ganz so effektiv auf die Spule fokussiert wie ein klassisch gelochtes (entspricht einem Verlust an Wirkungsgrad, den man eventuell mit einem stärkeren Magneten ausgleicht), dafür aber womöglich bessere Linearität bietet.

Hörtest Dynamic Groove und Mystic

Die Hörtests starteten wir mit einem betont preiswerten MM aus dem Audio-Technica-Programm – getreu der Devise: Im Zweifelsfall den besten Spieler nehmen, der ins Budget passt, und dann schauen, was fürs System übrig ist. Alles andere führt schnell zu Frust und bestenfalls mit höheren Kosten ans gleiche Ziel. Denn wer sich etwa den DG-1 verkneifen muss, weil das Geld sonst nicht mehr für irgendein Luxus-MC reicht, hat nachher womöglich ein Supersystem mit entsprechenden Betriebskosten, das auf einem mediokren Laufwerk hinter seinem wahren Potential herhinkt.

Vor allem aber hat, wer den DG-1 verschmäht, einen einzigartigen Spieler mit genauso einzigartigem Klang verpasst. Dabei ist es erstmal sekundär, ob vorne am Arm das teure hauseigene MC hängt oder ein braves Großserien-MM. Der Vertere zeigt mit beiden die gleichen unverkennbaren Stärken, den gleichen Grundcharakter: Ungebremste, extrovertierte Dynamik, punktgenaues Timing und einen klaren, direkten, enorm strukturierten Ton. Wer mit seinem Plattenspieler nicht mehr glücklich ist, weil moderne, ausgereifte (Streaming-) Digitalplayer im Vergleich einfach schmissiger, vitaler, präsenter klingen, könnte mit dem DG-1 auf einen Schlag seine gesamte Plattensammlung in die Gegenwart beamen.

Richtig mitreißend spielte der DG-1 schon mit einem Audio-Technica VM-530EN, das im LowBeats Test eigentlich eher elegant-unauffällig und wenig dynamikbetont gewirkt hatte. Aber obwohl der hochwertige, nackte Diamant mit seinem elliptischen Schliff auch im DG-1 wieder detailreich, nuancenstark und sauber abtastete, schien das japanische System charakterlich wie ausgewechselt: Absolut feinste Klasse etwa, wie sich das Piano auf Skagerrak  vom Tingvall Trio zwischen den Boxen materialisierte: kernig-unvermatscht im Anschlag, exakt definiert in Tonhöhe und Ausklingen, leuchtend real in den Klangfarben – und getragen von wirklich saftigem Bass- und Drums-Wumms, der auch gleich den Verdacht zerstreute, der britische Spieler konzentriere sich vielleicht für mehr Kick etwas zu sehr auf den Mittelton – keineswegs!

Tingvall Trio "Skagerrak" Cover
Große Piano-Dynamik und große Musik: Skagerrak  vom Tingvall Trio (Cover: Amazon)

Der Vertere Dynamic Groove ist vermutlich nicht ideal für Vinyl-Romantiker, die in dem Medium eher einen Fluchtweg aus der aufnahmetechnischen Wirklichkeit suchen – dafür ist er zu direkt, zu wenig euphonisch, zu nüchtern. Aber Eskapistendreher gibt‘s ja bereits zur Genüge, genauso wie gutmütige, jede Fehljustage verzeihende Komfortmodelle.

Mit dem Vertere kommt man extrem weit, muss dafür aber auch arbeiten und manchmal etwas leiden: Kleine Veränderungen etwa am VTA zeichnen sich hier überraschend deutlich im Klang ab – und zwar auch bei Systemen wie dem VM530EN, die eigentlich nicht als justagekritisch gelten.

Was bei sorgfältiger Justage hinzukommt, ist eine Portion Extra-Glanz im Hochton, die möglicherweise der Arm beisteuert. Da die darunterliegenden Strukturen jedoch ebenfalls wie mit besonders intensivschwarzer Tinte auf extraweißem Papier gezeichnet scheinen, wirkt das im Ganzen wieder stimmig – ein ganz besonders kontrastreicher Klang, der Dynamik in ihren feinsten Schattierungen auch da findet, wo sie niemand erwartet, der Noten zu Phrasen, Motiven und Spannungsbögen verbindet, wo man sonst nur Plingplong hört.

Diese stets vorhandene, spürbare Wachheit verleiht dem Vertere auch sein exzellentes rhythmisches Timing – jene Qualität, unter der man sich oft solange nichts vorstellen kann, bis man sie wirklich erlebt hat.

Mit dem Mystic wird erwartungsgemäß das MM-Kunstlicht zur MC-Sonne, Klangfarben gewinnen an Eindeutigkeit und Strahlkraft, die Bühne (hier mal wieder Wagners Siegfried  in der 1963er Solti-Einspielung) zugleich an Breite und Fokussierung. Klar – hier spielt eine System-Laufwerks-Kombi, die miteinander und füreinander entwickelt wurde, und die prächtig harmoniert.

Der Autor hat das Mystic aber auch auf fremdem Terrain getestet – im Headshell eines seiner zwei Ekos-Arme auf dem Linn LP12 mit Lingo-Netzteil und Kore-Subchassis. Insgesamt etwas neutraler, gemessener und breitbandiger, dafür aber auch weniger aufregend, bewegt sich der Linn mehr am Klang-Mainstream, schien aber vom Mystic im Mittelhochton enorm zu profitieren. Denn auch das System an sich trägt unverkennbar Moghaddams Handschrift, wenn man es mit ähnlich spezifizierten Modellen anderer Herkunft vergleicht.

Nach zwei, drei Armwechseln wird schnell klar, dass das Mystic besser klingt als sein Verwandter: transparenter, durchhörbarer, ohne obenrum heller zu werden und dynamischer, ohne dabei aufdringlich zu tönen. Der Unterschied ist nicht gering, und das ist schon deshalb interessant, weil die beiden Systeme sich rein von den Prospektdaten her kaum unterscheiden, das Mystic aber fast doppelt so viel wie der Mitbewerber kostet: An der Qualität sind viele Faktoren beteiligt, und meist werden nicht alle verraten.

LowBeats Bewertung Vertere Mystic

Aber macht das Mystic aus dem DG-1 einen anderen Plattenspieler? Das genau nicht. Es gibt dem Klang mehr Natürlichkeit, eine akkuratere Abbildung und viel schönere Klangfarben – was MCs halt so machen. Warum man sich für den Vertere DG-1 entschieden hat (und damit gegen zahlreiche enorm starke Mitbewerber), lässt sich aber ganz easy auch mit dem 200-Euro-Großseriensystem demonstrieren. Denn Timing, Spielfreude und Dynamik werden dadurch kaum gemindert, und in diesen Disziplinen lässt der Dynamic Groove die anderen einfach stehen.

Fazit:

Der Dynamic Groove ist ein in vielen Belangen außergewöhnlicher Plattenspieler. Gibt man sich bei der Einstellung die Mühe, die er verdient, macht er seinem Namen alle Ehre: Seine Dynamik, natürliche Impulsivität und Direktheit sind wohl nur schwer zu toppen.

Schön ist, dass der kleine Vertere diese Eigenheiten auch mit kleineren Tonabnehmern zeigt. Zu ganz großer Form läuft er jedoch auf, wenn ein Abtaster vom Schlage eines Mystic eingebaut wird. Das Mystic ist nicht ganz billig, aber an ihm zeigt sich die ganze Kompetenz von Touraj Moghaddam: Er gibt das Mystic zwar bei japanischen Spezialisten in Auftrag, spezifiziert aber genau, wie es gebaut werden soll. Kein Wunder also, dass das Mystic in seiner tonalen Stringenz wunderbar zur Klang-Idee des Dynamic Groove passt.

Vertere
Dynamic Groove
2019/12
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
Bewertung
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Spielt sehr dynamisch, offen und temporeich: selten stimmige Kombination aus Spielfreude und Laufruhe
Bringt schon mit preiswerten Systemen sehr erwachsener Klang
Raffiniert-flaches, unverwechselbares Design
Muss für optimale Performance penibel eingestellt werden, Gewichtseinstellung umständlich

Vertrieb:
Beat Audio
Hainbuchenweg 12
21224 Rosengarten
www.beat-audio.de

Preis (Hersteller-Empfehlung)
Vertere Dynamic Groove: 3.250 Euro
Vertere Mystic: 2.500 Euro

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Im Test erwähnt:

Vertere Acoustics Mystic: MC-Tonabnehmer vom Analog-Guru
Test Audio-Technica VM530EN: feiner Abtaster für 200 Euro
Tonabnehmer-Familientest Audio-Technica VM-Serie