Burmester 175 Test Aufmacherbild
Der Burmester 175 ist ein echtes Statement: schwer (61 Kilo), teuer, (32.800 Euro) und klanglich in der nur kleinen Weltspitze zu Hause (Foto: Burmester)

Test Burmester 175: Plattenspieler in einer eigenen Liga

Der Burmester 175 ist so schwer, dass er ganz von selbst zum Gravitationszentrum der Anlage wird. Er ist der Planet – alle anderen sind Trabanten. Der erste Plattenspieler in über 40 Jahren Firmengeschichte ist aber auch eines der musikalischsten Geräte, die je aus Berlin kamen.

Der schon verstorbene Firmengründer Dieter Burmester war kein Analogfan. Er war großer Musikfan, aktiver Musiker und stand leidenschaftlich gern nicht nur auf, sondern auch vor der Bühne: Bis heute sind die Guinness-Flecken nicht ganz rausgegangen, die meine Stiefel nach einem langen Open-Stage-Abend mit Dieter in einem Berliner Irish Pub davongetragen hatten. Er liebte diese Open-Stage-Events, die doch das Gegenteil der sonst in High-End-Kreisen gerne zelebrierten Etepetete-Hochkultur waren: Amateurmusiker, einzelne und als Bands, aus unterschiedlichsten Stilrichtungen, die nach- und miteinander dieselbe Bühne bespielen: Spontan, unberechenbar, emotional und gerade durch das unperfekte, improvisierte Element so spannend.

HiFi-seitig dagegen machte Burmester zeitlebens keinen Hehl daraus, dass er der Perfektion der CD, ihrer Verzerrungsarmut und Dynamik klar den Vorzug gab. Er verstand aber schon früh, was für Analogfans den klanglichen Charme ihres Lieblingsmediums ausmachte, und wie dieses gewisse Etwas technisch entstand. Seine Firma baute von Anbeginn überragende Phonoeingänge und mit der modularen Vorstufe 808 ein ideales Werkzeug zum fairen Vergleich unterschiedlicher Plattenspieler und Tonabnehmer. An den Spielern selbst zeigte man in Berlin aber keinerlei Interesse. Die ließ man andere bauen und nahm in Kauf, dass Burmester-Kunden mit analoger Ader ausgerechnet am Frontend ihrer prachtvollen Systeme einen Stilbruch begehen mussten, indem sie zu Transrotor, Clearaudio, Acoustic Signature, jedenfalls aber zu Fremdmarken griffen.

Burmester 175 Front
Ein in allen Belangen solides Stück analoge Handwerksarbeit: Der Burmester 175 hat die Abmessungen 40,0 x 25,0 x 40,0 cm (B x H x T) und wiegt stattliche 60,8 kg (Foto: Burmester)

Der Aufbau des Burmester 175

Erst im Mai 2017 wurde ein echter Burmester-Plattenspieler vorgestellt. Der Name 175 bezeichnet Jahr und Monat der Premiere, die auf der High End in München stattfand. Bis der 175 ausgeliefert wurde, verbrachten die Berliner nochmal zwei Jahre mit Feintuning und Perfektionierung – nach 40 Jahren braucht man dann auch keine Hektik mehr zu machen.

Geliefert wird der 175 in zwei gigantischen Kartons auf einer Europalette. Das ist kein Spieler, den man schnell und diskret im Alleingang in den Hörraum integriert, ohne dass der Partner etwas bemerkt. Im Normalfall rückt dazu der Händler im Sprinter an und bringt mindestens einen kräftigen Gehilfen mit. Die einzelnen Bauelemente des Spielers sitzen sicher in passgenau zugeschnittenen Schaumstofflagen, allesamt groß und deutlich durchnumeriert, sodass nicht nur das Aus- sondern auch das Wiedereinpacken eines 175 ohne Rätselraten möglich ist.

Das erste, was einen dann nach dem Entfernen der ersten Schaumstofflage anstrahlt, ist ein Chrom-Telefonhörer. Den braucht man aber nicht, um in Berlin anzurufen – zumal der Aufbau des 175 nahezu perfekt selbsterklärend ist, wie wir gleich herausfinden werden. Vielmehr ist der Chromhörer in Wirklichkeit ein besonders hübscher Saugheber, wie ihn Fliesenleger und Glaser verwenden, um glatte, schwere Werkstücke zu bewegen, ohne um die Kanten zu fassen. Burmester-Aufbauer brauchen das Ding, um den Plattenteller auf das Laufwerk (und gegebenenfalls wieder hinunter) zu bekommen. Ohne das Spezialwerkzeug hat man definitiv keine Chance, das ohne Verletzungen und / oder Beschädigungen zu schaffen.

Der Zusammenbau des Burmester 175 ist denkbar einfach: Wie bei den aktuell im Einsteiger-Bereich beliebten Plug-&-Play-Drehern muss man nur das Laufwerk hinstellen, den Teller aufsetzen, das Netzteil anschließen und ist dann direkt startbereit. Jeder dieser Schritte dauert aber etwas länger als bei einem billigen Spieler.

Zuerst braucht man einen Stellplatz, der die rund 60 Kilo wackelfrei und ohne mit der Zeit abzusacken tragen kann. Typische Racks mit MDF- oder gar Glasböden fallen da größtenteils aus. Beim Tester steht zum Glück ein unglaublich solides Lowboard von Tabula Rasa, dessen 45 Millimeter starke Hartholzplanken vermutlich auch drei 175er nebeneinander aushalten.

Auf die gewählte Stellfläche kommt zunächst die für Burmesters Reference-Serie typische Grundplatte aus Aluminium. Sie besitzt vier runde Vertiefungen für die massiven, höhenverstellbaren Zylinderfüße des Laufwerks, das man dann am besten zu zweit aufsetzt. Mit der beiliegenden, hochgenauen Wasserwaage bringt man das Ganze nun in die Horizontale – die Einstellung wird später mit aufgesetztem Teller aber nochmal überprüft.

Denn was wirklich gerade stehen soll, ist eben in erster Linie das Tellerlager. Es ist äußerst massiv dimensioniert und wartungsfrei, seine daumenstarke Welle mündet in einen Alu-Subteller. Das Ganze ist ab Werk schon zusammengesetzt, Lagerwelle und -Buchse werden zum Transport also nicht getrennt.

Burmester 175 von oben
Die Aufsicht noch ohne Plattenteller: Der Antrieb ist unter einer passgenauen Luke verborgen (Foto: B. Rietschel)

Subteller und Motoren sind unter einer dicken Aluminiumplatte verborgen, nur der dicke Konus, der später den Teller trägt, schaut durch einen passenden Ausschnitt hindurch. Bei nagelneuen Spielern öffnet man nun diese Luke, um die Riemen aufzulegen. Mehrzahl, denn es sind vier Stück, angetrieben von vier in einem Quadrat um den Innenteller herum angeordneten Motoren, wobei jeder Riemen nicht einen, sondern zwei benachbarte Motor-Pulleys umschlingt.

Das Resultat ist ein lustiges Gummitwist-Muster und eine sehr symmetrische sowie effiziente Kraftübertragung: Der über 16 Kilo schwere Teller setzt sich so zügig in Bewegung, dass man fast einen Direktantrieb vermuten könnte, wäre da nicht das hörbare Riemenschlupf-Rubbeln während der ersten Motorumdrehungen.

Burmester 175 Antrieb
Aufwendiger lässt sichein Riemenantrieb kaum umsetzen: der Burmester 175 mit vier Motoren (Foto: Burmester)

Die Motoren selbst sind klassische Synchronmotoren ganz ähnlicher Bauform, wie sie seit Ewigkeiten auch zum Beispiel von Linn verwendet werden. Der Vorteil gegenüber hochspezialisierten Antriebseinheiten ist gerade bei einem Gerät wie dem 175, das über Generationen hinweg seinen Dienst verrichten soll, dass diese Standard-Motoren auch in Jahrzehnten noch völlig problemlos zu bekommen sein werden.

Wie ruhig sie laufen, hat man als Hersteller über eine sorgfältige Selektion und natürlich über das Netzteil selbst in der Hand. Burmester erzeugt die von den vier Motoren benötigte Zweiphasen-Wechselspannung in einem externen Gerät von Größe und Aussehen einer ausgewachsenen Endstufe, das über eine dicke Multicore-Leitung mit dem Laufwerk verbunden ist. Dabei kommen DSPs zum Einsatz, um die gewünschte Sinuswelle lupenrein zu generieren, und verzerrungsarme Verstärker, um sie auf den nötigen Spannungshub zu vergrößern – die Endstufen-Anmutung kommt also nicht von Ungefähr.

Burmester_175-Netzteil
Das Netzteil ist natürlich ausgelagert. Hier wird die perfekte Spannung generiert (Foto: Burmester)

Das externe Stromhaus muss aber noch weitere (nun aber Gleich-) Spannungen an das Laufwerk liefern, denn in dem massiven Alu-Tresor schlummern nicht nur Motoren und Mechanik, sondern auch ein Weltklasse-Phono-Vorverstärker. Als unabhängiges Gerät mit eigenem Gehäuse, mehr Flexibilität und Ausstattungs-Features gibt es diesen Preamp als Burmester-Modell 100. Im 175 dagegen steckt ein um alle verzichtbaren Elemente abgespeckter 100er: MM-Systeme in einem 30.000-Euro-Spieler? Macht niemand, also weg mit dem MM-Eingang. A/D-Wandler zum LPs digitalisieren sind heute, in Zeiten totaler Streaming-Verfügbarkeit, auch nicht mehr so entscheidend – also flog auch diese Funktion raus.

Übrig bleibt jedoch der vollständige MC-Verstärkungs- und Entzerrungs-Zug samt Impedanz-Anpassung via Relais, der nun, erleichtert um unnötigen Featureballast, allenfalls noch besser spielen dürfte als er das im eh schon umwerfend guten 100er tat. Zumal er allen externen Preamps einen ganz wichtigen Schritt voraus ist: Er sitzt einfach viel näher am Tonarm und bekommt das Musiksignal auf dem kürzestmöglichen Weg, was bei phonoüblichen Spannungen erfahrungsgemäß klangliche Wunder bewirkt.

Burmester 175 von hinten
Auf der Rückseite des Boliden befinden sich symmetrische XLR-Ausgänge und die Anpassung der eingebauten MC-Vorstufe (Foto: Burmester)

Aber zurück zum Laufwerk, das ja immer noch keinen Teller hat: Zum Abschluss des Aufbaus muss man diesen auf den Konus der Lagerwelle aufsetzen, wobei kleine rote Pfeile auf beiden Bauteilen die perfekte Ausrichtung zueinander vorgeben. Der Teller ist ein dreilagiges Sandwich: Oben und unten Alu, dazwischen fingerdick Messing. Die Messinglage ist am Außenrand verchromt, denn schließlich hat man den Werkstoff nicht wegen seiner Kontrastfarbe, sondern wegen seiner hohen Dichte gewählt, die zusammen mit dem leichteren Alu einen akustisch absolut toten Verbund ergibt. Und natürlich auch eine entsprechende Gesamtmasse von über 16 Kilo, die fraglos dem Gleichlauf zugute kommen wird.

Da der Teller halb im Oberdeck versenkt ist, man ihn also nicht einfach an der Unterkante fassen kann, kommt zum Aufsetzen das Chrom-Telefon zum Einsatz: Es saugt sich an der seidig-glatten Oberfläche des Tellers fest und man hat nun einen Griff, mit dem man den schweren Rundling problemlos bewegen kann. Sitzt der Teller, wie er soll, öffnet man die Saugnäpfe und kann den Griff wieder abnehmen.

Burmester 175 Plattentellerabziehhilfe
Der Plattenteller wird mit Hilfe dieses Ansaug-Tools abgehoben (Foto: B.Rietschel)

Ganz geheuer war mir diese Lösung ehrlich gesagt nicht: Was, wenn das Vakuum nicht hält und das Teller-Trumm unvermittelt abstürzt? Das ist natürlich nicht passiert, aber mir wäre eine verbindlichere Haltevorrichtung lieber, wie sie zum Beispiel Technics beim SL-1000 mitliefert. Dessen ebenfalls schweren, versenkten Teller hebt man mit zwei Stahl-Griffbügeln, die einfach in dafür vorgesehene Gewinde im Teller eingeschraubt werden. Das funktioniert definitiv immer, und immer gleich gut. Es bedingt aber – und das ist vermutlich der Grund für die Saugnapf-Lösung – unschöne Gewindelöcher im Teller.

Nicht, dass man die Telleroberfläche im Alltag groß zu Gesicht bekäme – sie ist normalerweise unter einer Matte aus gewobener Kohlefaser verborgen, deren genaue Verwendung aus der Anleitung nicht wirklich hervorgeht. Ihre Oberseite ist mit Firmenlogo bedruckt und sieht zweifellos gut aus, weshalb der Spieler meist auch so fotografiert wird. Innigeren Kontakt mit der Platte stellt aber die andere Seite der Matte her, die mit weichem Samt beschichtet ist, samt Aussparung für das bei älteren Platten oft etwas erhabene Label. Letztlich lief der Spieler optimal mit dieser Seite der Matte nach oben. Da der darunterliegende Teller im Labelbereich ebenfalls etwa einen Millimeter abgesenkt ist, kann man die Matte dort für optimale Traktion mit ein paar streichholzkopfgroßen Kügelchen Blu-Tack (oder sonstiger Fotoknete) fixieren, ohne ihre Planlage zu beeinträchtigen.

Burmester_175-Plattentellerauflage
(Foto: Burmester)

In echter Plug-&-Play-Manier kommt der Burmester 175 fix und fertig mit Tonarm und perfekt justiertem Tonabnehmer. Bei letzterem handelt es sich um ein stattliches Moving-Coil-System, das dem Analogfan schon mit seinen Prospektdaten gehörig Appetit macht: Die niedrige Ausgangsspannung von 0,5mV und vor allem die geringe Impedanz von 5Ω verraten kleine, leichte Spulen mit wenig Wicklungen, die entsprechend trägheitsarm den wildesten Modulationen folgen können. Der Nadelträger besteht für maximale Verwindungssteifigkeit bei minimalem Gewicht aus Saphir, und an seinem vorderen Ende trägt er einen Diamanten im vornehmen, verzerrungsarmen Shibata-Schliff.

Diese Eckdaten entsprechen denen des Ortofon Quintet Black, und auch andere Details – die drei Höcker auf der Montageplatte, die Bauform des Generators – verraten, dass das Burmester-System bei dem dänischen Spezialisten gefertigt wird – fraglos eine der besten Adressen für hohe, konstante Qualität zu noch realistischen Preisen.

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Der Tonabnehmer steckt in einem eigens für Burmester entwickelten Systemkörper aus Aluminium. Er liegt für das Foto auf der Plattentellermatte, deren Carbon-Struktur hier schön zu erkennen ist (Foto: B.Rietschel)

Solo würde das System 2.000 Euro kosten, beziehungsweise spart man diesen Betrag, wenn man sich für den 175 ohne Tonabnehmer entscheidet. Das wäre angesichts des wirklich vornehm aus dem Vollen gefrästen und gestrahlten Alugehäuses und der noch engeren Selektion im Laufe der Herstellung selbst dann völlig in Ordnung, wenn es sich technisch eins zu eins um ein Quintet Black handeln würde. Zumal der Burmester-Pickup absolut perfekt in den Arm des 175ers passt – der von einem prominenten deutschen Spezialisten entworfen wurde und auch gebaut wird.

Während die schiere Wucht und Masse des Spielers, die perfekt polierten Chromfronten von Laufwerk und Netzteil Phono-Unkundige auf Anhieb beeindrucken, verfällt der solchen oberflächlichen Reizen gegenüber abgestumpfte Kenner in Ehrfurcht, wenn er diesen Arm handhabt. Und ärgert sich vielleicht auch ein bisschen. Aber der Reihe nach. Wer den Arm am Griffbügel seines massiven Alu-Headshells aus der Arretierung löst und einfach mal über dem Teller hin- und herschwenkt, ein bißchen daran ruckelt, ihn kurz loslässt und wieder fängt (den Lift sollte man dabei lieber obenlassen!), vorsichtig mit dem Fingernagel gegen den Headshell-Rand klopft, und wer schon ein paar hundert Arme auf diese Weise haptisch begrüßt und kennengelernt hat, spürt beim Burmester-Arm auch ohne aufwändige Messungen eine faszinierende Verbindung aus Festigkeit, blitzschnellem Energieabbau nach mechanischen Anregungen, Leichtlauf und perfekter Spielfreiheit.

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Ebenfalls ein Meisterwerk: der Tonarm des Burmester 175 (Foto: B.Rietschel)

Erreicht wird diese wirklich selten zu findende Synthese eigentlich widersprüchlicher Eigenschaften unter anderem mit einem Sandwich-Armrohr aus zwei ineinandergeschobenen, mit elastischem Spezialkleber verbundenen Kohlefaser-Rohren, mit edelsten Keramik-Stahl-Hybridlagern des US-Herstellers Timken und mit allergrößter Sorgfalt bei Zusammenbau und Justage dieser edlen Zutaten.

Etwas zu Murren gibt es wie gesagt auch – wenn auch nur in der Praxis- und Handlingnote: Weder für die Auflagekraft (sprich das auf einem Feingewinde verdreh- und arretierbare Gegengewicht), noch am griffigen Antiskating-Drehknopf, noch an der mit klassischem Klemmflansch realisierten Höhenverstellung gibt es irgendeine Art von Skalierung. Das spielt im ersten Moment keine Rolle, weil der Spieler ja tatsächlich perfekt justiert das Werk verlässt.

Will der Besitzer aber etwa die Auflagekraft noch etwas feintunen – ein Zehntel hin oder her kann schon wegen unterschiedlicher Temperaturen am Aufstellort sinnvoll sein –, muss er jedesmal eine Tonarmwaage auspacken. Ein ganz schlichter Ring aus Teilstrichen in 1/10-Gramm-Abständen würde die Arbeit ungemein erleichtern. Das Gleiche gilt fürs Antiskating. Denn spätestens bei der Justage eines neuen Tonabnehmers muss man es vorübergehend auf Null drehen, würde dann aber gerne schnell das ursprüngliche Setting wiederfinden. Bleistift-Merkstriche halten auf dem seidenmatten Aluminiumknopf zwar sehr gut, sind aber nicht jeden Burmester-Eigners Sache.

So klingt der Burmester 175

Im Hörtest fanden wir allerdings kaum Anhaltspunkte dafür, dass ein baldiger Systemwechsel angezeigt oder irgendwie sinnvoll wäre: Es klang, als hätte jemand bei Burmester (vielleicht noch Dieter selbst?) gesagt: „OK, wir machen einen Spieler – aber dann darf er nicht mehr wie ein normaler Plattenspieler klingen“. Als hätte man versucht, den legendären Coup mit den gegen jede Vernunft riemengetriebenen – und gegen jede rationale Erwartung sagenhaft gut funktionierenden – CD-Spielern der Marke zu wiederholen und einen Spieler zu bauen, der die Grenzen seines eigenen Mediums transzendiert.

Mit dem 175 ist es den Berlinern – und ihren Verbündeten in anderen deutschen Bundesländern und in Dänemark – gelungen, selbst abgebrühte Tester, die schon so manches Analogmonster gehört haben, in freudig-ungläubiges Staunen zu versetzen. Zentrale Eigenschaft ist eine unglaubliche Ruhe und Stabilität im Klang, die drastische Auswirkungen auf die Abbildungsfähigkeiten hat. Der Unterschied ist gerade bei Aufnahmen mit realitätsnah eingefangener Bühne – etwa dem 1963er Wagner-Ring mit den Wiener Philharmonikern unter Solti – frappierend: Jeder andere Spieler im Arsenal des Testers hält nach dem Burmester das Opernglas mit zittriger Hand – als hätte man vor dem Betreten des Wiener Sofiensaals, der dem Decca-Team damals als Aufnahmestudio diente, statt Sekt eine Kanne Kaffee getrunken.

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Spielt jede Art von Musik überragend gut – auch gut aufgenommenen Pop früherer Tage (Foto: Burmester)

Die Genauigkeit und Eindeutigkeit, mit welcher der 175 die Akteure, Instrumente oder einfach nur virtuell lokalisierte Studiospuren moderner Multitrack-Produktionen auf, vor, hinter und auch weit neben der Stereobasis platziert, ist eine ganze Klasse jenseits dessen, was man von Spielern bis in den fünfstelligen Preisbereich hinein kennt. Sie ist nicht einzigartig – die Statement-Spieler anderer Hersteller aus Deutschland, Japan oder den USA können das auch, sind aber nochmals wesentlich unhandlicher und teurer – zumal, wenn man den Phono-Preamp in angemessener Qualität mit einrechnet.

Tonal wirkt der Burmester 175 anders, als man es basierend auf Erfahrungswerten – die Shibata-Nadel mit ihren schlanken Flanken, die häufig eher präsent-brillante Abstimmung der Burmester-Elektronik – erwarten würde, nämlich angenehm rund und weich. Das ist bei Platte schonmal eine gute Nachricht, denn es verrät ein über das Frequenzband hinweg konsistentes Abtast- und Verzerrungsverhalten. Hier wird kein Zischlaut ausfällig – es sei denn, die Platte ist vorgeschädigt oder schlicht schlampig gemastert – und die Artikulation auch sehr präsent aufgenommener Vocals bleibt stets absolut klar und kontrolliert. Die enorme Steifigkeit des Saphir-Nadelträgers und der akkurate Rillenkontakt der Shibata-Nadel bringen hier nichts als Freude, Farbe und Feinheit, weil sie an dem sagenhaften Arm und auf dem mechanisch quasi nichtexistenten Laufwerk völlig frei von störenden Einflüssen bleiben.

Der integrierte Phono-Preamp klingt dynamisch, energisch und saftig-druckvoll – und der Leser kann sich jetzt fragen, woher ich das weiß, wo er doch von außen gar nicht zugänglich und nur als Teil des Gesamtspielers beurteilbar ist. Aber erstens habe ich den zugrunde liegenden und im MC-Zweig identischen Burmester 100 vor Jahren ausführlich getestet – wobei den eigentlichen Artikel dazu dann der Kollege Stefan Schickedanz schrieb – und zweitens hindert mich ja niemand daran, einen separaten Spieler (ganz pragmatisch einen 1200GR von Technics) danebenzustellen und über ein gestripptes Phonokabel mit den Tonarmdrähten des Burmi-Arms zu verschnubeln.

Das ist zwar nicht high-endig, reicht aber für ein klangliches Déjà-Vu, dem andere separate Phonostufen im Haushalt auch nichts Wirksames entgegensetzen konnten. Mit anderen Worten: Über die Vorverstärkung muss man sich wirklich keine Gedanken machen, zumal sie wirklich sehr rauscharm arbeitet und damit Systeme praktisch beliebig geringer Ausgangsspannung unterstützt.

Unter diesen elektrisch wie mechanisch perfekten Arbeitsbedingungen lassen sich edle MCs tief in ihre Seele blicken. Und natürlich geht es noch abgründiger als mit dem Ortofon-basierten Haussystem. Stellt letzteres mit ca. einem Euro pro gehörter LP einen schönen Kompromiss zwischen Betriebskosten und technischer Perfektion dar, dürften solche Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen für viele Besitzer sekundär sein. Und dann spricht nichts dagegen, den 175er-Arm mit beliebig abgehobenen Systemen zu bestücken.

Denn ausreizen lässt sich mit diesem Spieler alles, was Markt oder Testfundus hergeben – etwa ein historisches Ortofon Status, das auf einer ultrapräzisen OrtoLine-Diamantkufe mit 4,5×100µm Verrundung durch die Rille gleitet und zwei Fragen beantworten hilft: Was tut sich mit einem wirklich hochauflösenden System? Und wie kommt der Preamp mit der extrem niedrigen Ausgangsspannung von nur 0,13 mV zurecht, die das Ortofon aus seinen Silberspulen entlässt? Letzteres funktioniert schon einmal verblüffend gut: Auch wenn man derart leise Systeme bevorzugt mit Übertragern aus dem Rauschgrund hebt, meistert der Burmester-Preamp vorbildlich rauscharm und absolut brummfrei selbst diese grenzwertige Aufgabe.

Das war einerseits zu erwarten angesichts der dokumentiert hohen Rauschabstände, bekommt aber andererseits nicht jedes messtechnisch vergleichbare Phonoteil so geschmeidig und körnungsfrei hin. Häufig hält unter diesen Bedingungen eine leicht graue, griesige Note Einzug ins Klangbild, die an die Oberfläche des – aus einem Titanblock gefrästen und dann glaskugelgestrahlten – Ortofon-Systembodys erinnert. Der 175 dagegen spielte mit dem Status so warm, seidig und relaxt – bei aller Genauigkeit, für die es ohnehin bekannt ist –, wie ich es mit diesem System bislang nicht gehört habe. Wobei das „bislang“ immerhin ins Jahr 1999 zurückreicht.

Obligatorischer Jazzplatten-Hörbericht

Das für High-End-Reviews verpflichtende Auflegen diverser Jazzplatten zeigte schön, wie vielfältig die Abbildungsfähigkeiten des Spielers in Erscheinung treten konnten: Der üppige Bigband-Jazz des Mike Westbrook Orchestra auf On Duke‘s Birthday zeigte wie herausprojiziert einzelne Solisten oder Bläsergruppen vor einem dunkel-homogenen Bass-Schlagzeug-Keyboard-Hintergrund. Das wirkte zwar etwas artifiziell im Stil eines 3D-Kinofilms, aber auch schön satt, weiträumig und für eine Liveaufnahme in dem voluminösen Mehrzweck-„Grand Thèatre“ im Maison de la Culture d‘Amiens mit über 1.000 Sitzplätzen absolut passend.

Dann ein heftiger Dreh am Zoom beim Wechsel zu John Coltranes Album Expression, das 1967 kurz nach seinem Tod veröffentlicht wurde und uns mitnimmt in die legendäre Akustik von Rudy Van Gelders Studio in Englewood Cliffs, New Jersey. Hier meint man, Coltrane in den Sax-Trichter blicken zu können, es klingt nah, staubtrocken, direkt und unglaublich frisch.

John Coltrane „Expression"
Ein großes Werk, das über den 175 herausragend gut klang (Cover: Amazon)

Diese Kontraste und Kompromisse zwischen Nähe und Weite, scharfem und diffusem Fokus liegen bei jeder Aufnahme anders, mal geringfügig, mal dramatisch. Und der Burmester 175 macht diese Spannweite eben besonders groß. Wenn alle Platten riesig klingen, ist etwas verkehrt. Ebenso, wenn ein Spieler bei den großen Panoramen eigenmächtig die Luft rauslässt – auch teure Maschinen leisten sich solche Eingriffe, sei es bewusst by design oder als willkürliches Resultat irgendwelcher Unzulänglichkeiten. Dem 175 ist hoch anzurechnen, dass er mit dem Raum extrem souverän umgeht, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen.

Während sich der Berliner Spieler wegen seiner fabelhaften Sauberkeit und Abbildung auch an kleinen, feinen Anlagen lohnt, braucht man zum Ausloten der dynamischen Fähigkeiten schon wirklich erwachsene Lautsprecher. Denn erst dann fällt auf, dass der Burmester nicht nur irgendwo, sondern im gesamten hör- und spürbaren Frequenzband mit unbändiger Kraft zu Werke geht. Singularity von Jon Hopkins lotet mit massiven Elektronik-Beats zu Trance- und Ambient-Anklängen den musikalischen Souterrain meisterhaft aus, und man staunt über seine eigene, wohlbekannte Anlage, die plötzlich fast schon bedrohlich viel Luft in Bewegung versetzt. Und das hat auch hier nicht nur mit der selbstverständlich sehr satten Aufnahme zu tun, sondern mit dem Spieler, der sein hochflexibles Zoom-Objektiv nun eben ganz in Richtung „weich und riesig“ verschiebt und andere Spieler danach fast mickrig klingen lässt.

Als potentielle System-Upgrades aus aktueller Produktion haben wir Lyra und Dynavector (mit dem Kleos respektive dem Te Kaitora Rua) probiert, die beide ebenfalls ganz fabelhaft harmonierten. Aber das sind keine Pflicht-Upgrades und es besteht angesichts des exzellenten Original-Tonabnehmers auch keine Eile. Zumal das serienmäßige Gegengewicht des 175er-Tonarms auf das (mit 17g) sehr schwere eigene System ausgelegt ist und man für typische 10-Gramm-MCs ein leichteres Exemplar nachordern muss. Was mir während des Tests am 175 auch fehlte, war eine Haube: Wer seine Anlage nicht gerade in einem Reinluftraum betreibt (und diesen nur in Schutzoveralls betritt), wird sich auf dem Zubehörmarkt nach einem passenden Staubschutz umschauen müssen. Zum Glück gibt es dafür zahlreiche Anbieter, und vermutlich hat der Händler bereits den passenden Acryl-Schneewittchensarg gefunden.

Fazit Burmester 175

Als vollständige, in sich absolut stimmige Analogquelle höchster Qualität nimmt der Burmester 175 in der Welt der Plattenspieler eine ziemlich einzigartige Rolle ein. Man braucht einen stabilen Aufstellort, ein Pärchen XLR-Kabel, das nahezu beliebig lang sein darf (was wiederum die Zahl möglicher Standorte enorm vergrößert) – und hat seine Anlage um Plattenwiedergabe erweitert, die alles Unruhige, Unberechenbare und Unsaubere abgelegt hat. Also fast wie CD. Nur besser.

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Im Beitrag erwähnt:
Test Direct Drive Spitzen-Laufwerk Technics SL-1000R
Test Plattenspieler Technics SL-1200GR

Burmester 175
2019/12
Test-Ergebnis: 4,6
ÜBERRAGEND
Bewertung
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Überragend stabiler, natürlicher und feiner Klang
Top-Phonostufe integriert, XLR-Ausgänge
Überragende Verarbeitung
Keine Haube, Bedienungsanleitung etwas knapp

Vertrieb:
Burmester Audiosysteme GmbH
Wilhelm-Kabus-Straße 47
10829 Berlin
www.burmester.de

Preis (Hersteller-Empfehlung)
Burmester 175: 29.800 Euro
Burmester 175 inkl. Tonabnehmer: 31.800 Euro


Autor: Bernhard Rietschel

Bernhard Rietschel
Bernhard Rietschel ist gelebte HiFi-Kompetenz. Sein Urteil zu allen Geräten ist geprägt von enormer Kenntnis, doch beim Analogen macht ihm erst recht niemand etwas vor: mehr Analog-Laufwerke, Tonarme und Tonabnehmer hat keiner gehört.