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Der Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl (Preis: 3.500 Euro) ist so etwas wie der "finale" Phonovorverstärker – und das nicht nur wegen seiner 5 (!) Eingänge und der Nuvistor-Röhren im Ausgang (Foto: H. Biermann)

Test Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl: Phonovorstufe mit 5 Eingängen

Reine Phonostufen gibt es ja wieder wie Sand am Meer. Kleine, große, günstige, teure, spartanische, luxuriöse. Gerade zu diesem letzten Punkt hat Musical Fidelity jetzt ein weiteres Kapitel hinzugefügt: die aktuelle Spitzen-Phonovorstufe Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl protzt mit gleich fünf Eingängen sowie allem erdenklichen Luxus. Und ist damit nicht nur für Angehörige einer Testredaktion ein wahres Fest…

Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl: das Konzept

Jetzt die ganz Schlauen nach vorn: Was, bitte, sind Nuvistoren? Please choose: Eine Sonderabteilung der Sturmtruppen aus Star Wars, ein spezielles Protokoll zur Reaktorsicherheit oder ein längst vergessener Baustein der Elektrotechnik?

Richtig. Die dritte Antwort trifft die Wahrheit. Nuvistoren waren so etwas wie die Krönung unter den Röhrenelementen. Entstanden in den späten 50er Jahren des vorigen Jahrtausends. Wer sie betrachtet, muss staunen. Das sieht so überhaupt nicht nach einer Röhre aus. Kein sichtbarer Glaskolben, kein Glimmer, kein Schimmer. Vor allem sind Nuvistoren erstaunlich klein. Man könnte sie auch für kompakte Elkos halten.

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Die kleinste Form der Nuvistoren. Die Entwicklung dieser Spezialröhren fand zeitlich am Übergang zum Halbleiterzeitalter statt. Die Konstruktion mit Metallgehäusen statt Glaskolben macht diese Bauform sehr unempfindlich gegenüber elektrischen Einstreuungen und Mikrofonie, also Körperschall. Nach Militärstandards produziert, sollen Sie einen Betrieb von 50.000 Stunden absolvieren können. Auf dem Weltmarkt sind die kaum noch zu haben: Musical Fidelity kaufte fast alle auf… (Foto: H. Biermann)

Aber sie sind die Superhelden ihrer Bauart – enorm langlebig, keine Empfindlichkeiten gegenüber Mikrofonie, zudem gibt es kaum Streuungen in der Serienfertigung. Schließlich punkten die Kleinen auch mit einem unfassbar guten Rauschabstand. Aber ihnen war nur eine kurze Blüte gegeben. Denn zeitgleich erreichten die ersten Transistoren den Markt. Keiner wollte ab diesem Moment mehr mit Röhren zu tun haben, seien sie auch noch so potent.

Schade eigentlich. Sagte sich auch der langjährige Chef von Musical Fidelity, Antony Michaelson. Er liebte die Klangeigenschaften und kaufte faktisch den Markt an Nuvistoren leer – rund 23 000 Stück sollen es gewesen sein, die passenden Sockel noch dazu. Eine mutige, doch vorausschauende Entscheidung. Denn Nuvistoren sollten fortan die höchste Baustufe im Katalog von Musical Fidelity ausmachen. Einen CD-Player gibt es, zwei Vollverstärker – nun auch eine eigene Phonostufe.

Derv Name Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl verleitet zu der Annahme – doch sie ist falsch. Nein, dieser mächtige Phono-Amp ist keine überwiegend Röhren-gesteuerte Konzeption. Die wegen vieler Meriten gerühmtem Nuvistoren sitzen lediglich im Ausgang des ansonsten durch und durch Transistor-bestückten Amps.

3500 Euro wünscht sich Musical Fidelity dafür. Das ist gehoben, aber noch human, angesichts  der Ausstattung und der Verarbeitung. Die Verarbeitungsqualität hat übrigens auch nach dem Besitzerwechsel (Musical Fidelity gehört mittlerweile zum Pro-Ject Konzern von Heinz Lichtenegger) und dem damit verbundenen Umzug in die österreichische Manufaktur in keinster Weise gelitten. Da sitzt jede Schraube, die Spaltmaße sind minimal. So soll es sein.

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Die Verarbeitung ist klassisch Musical Fidelity: präzise und robust wie ein Bunker. Die Kühlkörper sind übrigens reine Optik, um mit den anderen Modelle der Nu-Vista-Serie zu harmonieren (Foto: H. Biermann)

Wen das noch nicht begeistert, der sollte einen Blick unter die Haube werfen. Da gibt es zwar viel Luft, aber auch einen wunderbar stringenten Aufbau – die beiden Stereo-Kanäle werden strikt getrennt. Das ist echtes, doppeltes Mono, das sich durch die gesamte Schaltung zieht.

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Eine Menge Luft, aber genügend Platz, um die beiden Netztrafos von den sensiblen Schaltungen auf Distanz zu halten. Was aber zu dem sehr luftigen Eindruck führt, ist die Verwendung von SMD-Technik, bei der kleinste Bauteile von Robotern auf die Platine gesetzt werden. Das garantiert kürzeste Signalwege (Foto: H. Biermann)
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Hier sieht man die Anpassungsschaltung des Nu-Visty Vinyl an den jeweiligen Tonabnehmer mit Widerständen für MC-Systeme und Kondensatoren für MM-Systeme. Die Umschaltung erfolgt im Betrieb geräuschlos durch Relais-Schaltung. Und auch hier ist die saubere (auf dem Bild vertikale) Trennung in linker und rechter Kanal bestens zu erkennen (Foto: H. Biermann)
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Das Bild zeigt die Netzspannungseingangsplatine mit einer Netzfilterung und einem kleinen Netzteil für die Bedienfunktionen des Gerätes. Die Audioschaltkreise werden völlig getrennt von zwei stattlichen Ringkerntrafos versorgt. Auch gut zu erkennen: Das Gehäuse ist komplett separat geerdet und hat keinerlei Kontakt zur Signalmasse.
(Foto: H. Biermann)
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Die Abbildung zeigt die eigentliche Verstärkung des Phono-Signals, die strikt kanalgetrennt aufgebaut ist. Am linken Bildrand noch zu erkennen: einer der beiden Transormatoren, die ebenfalls doppelt Ausgeführt sind. Auffallend sind die für diese Gerätegattung recht großen Kühlkörper, die den Transistoren (nach anfänglicher Aufwärmung) ständig eine optimale Temperaturumgebung liefern (Foto: H. Biermann)
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Sogar die Stromaufbereitung spielt mit – es gibt gleich zwei größere Ringkern-Trafos. Und wie viele der legendären Nuvistoren spielen hier nun auf? Wie bei einem altgedienten Röhrenkonzept: Es sind nur vier an der Zahl.

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Die vier Nuvistoren der Musical Fidelity sind als Pufferstufe (je zwei pro Kanal) am Verstärkerausgang eingesetzt (Foto: H. Biermann)

Die echte Machtparade fährt Musical Fidelity an der Rückseite auf. Hier gibt es gleich fünf Zugänge per Cinch. Hinaus geht es wahlweise auch per Cinch oder XLR. Den Tonabnehmer, der sich nicht physikalisch einbinden lässt, den gibt es praktisch nicht. An jedem Eingang können wir zwischen MM oder MC wählen, dazu noch Sensibilität von 10 Ohm bis 47 Kiloohm. Die Entzerrung folgt nach RIAA-Protokoll oder im RIAA/IEC-Standard. Ok – es gibt keine explizite Entzerrung der frühen Plattenfirmen wie beispielsweise Decca. Doch mal ehrlich: Wer nennt schon solch seltene Exemplare sein Eigen und das gleich mehrfach?

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Gleich fünf Cinch-Eingänge. Die Eingänge sind – wie bei Musical Fidelity Nu-Vista üblich –  hochwertig vergoldet. Und sogar die Erde (Ground) ist in drei verschiedenen Stufen schaltbar. Hier gilt: Ruhig einmal ausprobieren, was besser klingt (Foto: H. Biermann)

Ausgangsseitig steht ein symmetrischer (XLR) und ein asymmetrischer Ausgang zur Wahl. Wir haben beide ausprobiert und klanglich keine Unterschiede feststellen können. Bei größeren Entfernungen zum Verstärker aber sind die XLR-Verbindungen dringlich empfohlen – sie haben keine Brumm-Einstreuung.

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(Foto: H. Biermann)

Umgekehrt und nochmals: Hier stehen fünf Eingänge bereit – wer unterhält so einen Fuhrpark? Also fünf unterschiedliche Laufwerke oder zwei Laufwerke mit multiplen Armen. Selten, sehr selten. Die ideale Zielgruppe wären beispielsweise Händler, die ihren Kunden die weite Welt des Vinyls offenbaren wollen. Stimmt auch nicht ganz: Dieser Phono-Amp spricht natürlich auch alle Single- und Doppel-Abnehmer-Besitzer an. Glauben Sie mir: Es bereitet keine psychischen oder gar körperliche Schmerzen, drei oder vier Cinch-Paare ungenutzt zu lassen. Denn die Klangausbeute des Gesamtkunstwerks ist groß…

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Die Bedienung erfolgt über kleine Drucktasten, die Funktion wird über das Leuchten der jeweiligen LED dezent angedeutet (Foto: H. Biermann)

Bedient wird der Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl vorn an der Front aus gebürstetem Aluminium per Fingerdruck. Das fühlt sich gut an und trotzdem erachte ich das als kleine Schwäche im Konzept: Ein solches Luxus-Flaggschiff ohne Fernbedienung? Musical Fidelity wird argumentieren, dass nur ein Bruchteil der Phonovorstufen am Markt fernbedienbar sind. Und trotzdem ist es angenehmer, die Anpassungen an den jeweiligen Tonabnehmer vom Hörsessel aus vorzunehmen. Zumal wir hier theoretisch gleich fünf unterschiedliche Abtaster anschließen könnten. Und manchmal klingt eine nach Theorie und Empfehlung unsinnige Anpassung am Hörplatz einfach besser…

So klingt der Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl

Aber unabhängig von diesem „Luxusproblem“ klingt der Nu-Vista Vinyl überwältigend. Phonostufen dieser hohen Bauweise erreichen nicht jeden Tag unseren Hörraum und schon nach kurzem Hören war klar, dass wir ganz nach oben ins Referenzregal greifen mussten. Das war in diesem Falle die „The Groove Anniversary“ von Tom Evans, die LowBeats hat als Dauer-Referenz im Hörraum stehen hat. Ein geniales Werk im Kunststoffgehäuse, ein Fetisch für viele Vinylfreunde. Ein weltweit anerkanntes Masterpiece. Und mit knapp 3.000 Euro Verkaufspreis auch nicht eben billig.

Doch auch er kämpfte gegen die Meriten des Musical Fidelity an. The Groove liebt das Samtige, das Bad im Vinylklang. Sehr körperreich und kraftvoll. Doch der Nu-Vista Vinyl konnte in unserem Test einiges eine Schaufel besser. Wie die Faszination beschreiben? Wir haben hier eine ganz hohe Musizierfreude und vielleicht das größte Klangbild, das ich je von einer Phonostufe gehört habe.

Die Deutsche Grammophon hat in den 70er Jahren das Maximum ihrer Tonmeisterkunst und ihrer Pressqualität erreicht. Da gibt es beispielsweise die vierte Symphonie von Anton Bruckner. Herbert von Karajan dirigiert die Berliner Philharmoniker. Die Eröffnung zum ersten Satz interpretiert er so leise, dass manche nachschauen, ob die Nadel tatsächlich in der Rille sitzt.

Anton Bruckner, 4. Symphonie, Karajan
Bruckner 4. Symphonie mit den Berliner Philharmonikern unter Karajan. Ein großes Werk (Cover: Amazon)

Unfassbares Piano, ein feines Flirren – ein mystisches Erlebnis. Da ist nicht nur das Laufwerk gefordert, nicht nur der Abnehmer, auch der Phonostufe kommt eine besondere Rolle zu. Der Nu-Vista Vinyl erfasste die Magie, so leise sie auch war – es herrschte eine sehr körperliche Präsenz. Dazu ein Panorama der Extraklasse. Da gab es Informationen aus einem Winkel, an dem eigentlich keine Membranen tönten – links und rechts neben den Lautsprechern eröffnete sich ein Extraraum, nicht diffus, sondern höchst konkret. Wirklich Magie – der Interpretation und der mitspielenden Elektronik.

Klingt so eine Ausgangsstufe aus Nuvistoren nun eher nach Röhre oder nach Transistor? Gute Frage, schwierige Frage. Es ist das Beste aus beiden Welten. Wir haben hohe Rauschfreiheit und dennoch eine gehörige Portion Samt im audiophilen Spiel. Der dynamische Spielraum ist enorm. Wenn Karajan beispielsweise seine Hundertschaft ins Fortissimo stürzt, dann beginnen viele Phonostufen mit dem Komprimieren – es wird eng und unelegant. Im Gegenteil dazu der Musical Fidelity. Kraft ist in Hülle & Fülle vorhanden. Das entwickelte eine Schubkraft, wie ich sie sonst nur von besseren High-Res-Files kenne. So viel Power steckt in einer Vinyl-Rille. Das ist super, verwirrend und irgendwie auch sehr beglückend.

Jetzt kommt ein leiser, aber ganz besonderer Tipp: In London gibt es ein mutiges Label, das die großen Air-Studios im Norden anmietet und dort LPs im Direktschnitt produziert. Ein Unterfangen wie zu Beginn der Tonaufzeichnung. Die Musiker stehen vor den Mikrofonen, vom Pult wird ein Stereomix weitergeleitet. Der aber nicht auf Band oder Festplatte aufgezeichnet wird, sondern direkt an einer Schneidemaschine in Vinyl geritzt wird. Bedeutet: Rund 20 Minuten müssen live und perfekt eingespielt werden. Keine Chance für Reparaturen und Schönheitspflaster. Umgekehrt: Hier kommt maximal viel Aura und ungefilterte Dynamik in die Rille.

Chasing The Dragon
Pure analoge Dynamik: Chasing The Dragon (Cover: Amazon)

Ganz frisch versammelte sich das Jazz-Quintett um Quentin Collins in den Air-Studios. Der Chef an der Trompete, dazu ein Kontrabass, ein Schlagzeug, ein Klavier und Percussion. Whow, klingt das gut. Die LP kostet zwar ein paar Euro mehr, als vergleichbare Veröffentlichungen, aber das ist es wert. Die Phonostufe von Musical Fidelity zeigte ein herrliches Gespür für die Binnenkräfte, welche Atmosphäre im Studio geherrscht hat, bis hin zu so winzigen Informationen wie die Atemfrequenz der Jazzer. Und wieder dieses Wunder des Raumes – weit, präzise, wie eine Umarmung.

Fazit Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl

Das auffälligste Merkmal des Nu-Vista Vinyl ist auch das irritierendste: 5 Eingänge? Was soll man denn damit? Wir als Redaktion sind natürlich hellauf begeistert. Was kann man da für herrliche Vergleiche fahren… Auch Händler, die sich für Analog interessieren, sollten den Nu-Vista Vinyl unbedingt in der Ausstellung stehen haben: einfacher wird der Vergleich mehrerer Plattenspieler nicht.

Dass man als Besitzer eines hochklassigen Plattenspielers mit nur einem Abtaster beim Kauf zögert, ist verständlich. Jeder der fünf Eingänge ist erstklassig aufgebaut und kostet dementsprechend Geld. Aber der Musical Fidelity Nu-Vista klingt trotzdem überragend gut und besser, als viele Phonostufen dieser Preis- und Anspruchsklasse mit nur einem oder zwei Eingängen.

Es ist schlichtweg faszinierend, wie viel Rauminformationen diese Phonostufe erringen kann. Ein Klangbild in allen Dimensionen, eine wunderbare Dichte und Zauberkraft. Man spürt förmlich die Gegenwart von Röhren. Und dann ist es doch ein schönes Gefühl, noch etliche Eingänge zum Spielen zu haben, oder?

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Musical Fidelity
Nu-Vista Vinyl
2019/10
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Ausgewogener, transparenter Klang, großes Klangbild
Fünf Eingänge; Ausgänge mit Cinch und XLR
Umfassende Tonabnehmer-Anpassung möglich
Keine Fernbedienung

Vertrieb:
Reichmann AudioSysteme
Graneggstraße 4
78078 Niedereschach
www.reichmann-audiosysteme.de

Preis (Hersteller-Empfehlung)
Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl: 3.500 Euro