Musical Fidelity M6si – lautstärkepoti
Schlicht, massig, solide und leistungsstark: der M6si ist auch nach vier Jahren Laufzeit immer noch einer der besten Verstärker seiner Klasse (Foto: H. Biermann)

Test Musical Fidelity M6si

Es ist ein bisschen wie ein Dejà Vu: 2014 hatte ich den Musical Fidelity M6si schon einmal im Test. Der damalige Musical Fidelity Chef Anthony Michaelson (er verkaufte die Firma vor wenigen Monaten an Heinz Lichtenegger von Pro-Ject) brachte das gute Stück selbst und nicht ohne Stolz vorbei und postulierte, dass es einen besseren Vollverstärker der 2.500 Klasse so bald nicht geben werde. Große Worte. Dementsprechend genau testeten wir den M6si auf Herz und Nieren – und mussten am Ende den Hut ziehen: mehr Verstärker gab es damals nicht fürs Geld.

Und nun läuft er mir wieder über den Weg. Und zwar als Vollverstärker-Zentrale in einer Kette (Standbox Triangle Esprit Australe EZ, CD-Player Musical Fidelity M6scd, DAC Musical Fidelity M6sdac), die sowohl auf den Norddeutschen HiFi-Tagen 2018 als auch auf der HIGH END 2018 für richtig Furore sorgte und jetzt im LowBeats Hörraum spielt.

Also machen wir nach vier Jahren Laufzeit (und ein Ende ist ja noch nicht absehbar) eine erneute Standortbestimmung: wo steht dieser Musical Fidelity M6si heute?

Musical Fidelity M6si – Totale
Der M6si wirkt auf dem Bild graziler, als er wirklich ist. Seine Abmessungen liegen bei 44,0 x 12,5 x 40 cm (B x H x T) und sein Gewicht bei 16,6 Kilo. Die zentimeterdicke Alu-Front wird dazu einiges beitragen… (Foto: MF)

Festhalten lässt sich: Er ist von der Erscheinung her immer noch sehr beeindruckend. Ein schwerer und großer Bolide mit zentimeterdicker Aluminium-Front und garstig nach außen gestellten (aber handzahm abgerundeten) Kühlkörpern an der Seite – außen wie innen richtig solide verarbeitet.

Und er verkauft sich gut – nicht nur im Rahmen der MF/Triangle-Kette. Im Laufe der letzten vier Jahre ist der M6si zu so etwas wie zu einem Standard seiner Klasse geworden, obwohl er mit dem um 1.000 Euro günstigeren M5si den vielleicht ärgsten Mitbewerber in der eigenen Familie hat.

Der M5si ist um zwei Jahre jünger und seit seinem überragenden Test bei uns (Juli 2016) ein fester Bestandteil des LowBeats Referenz-Regals. Den Ausstattungsvergleich mit dem kleineren M5si gewinnt der große Bruder jedenfalls nur knapp (1 x Hochpegel Eingang mehr, seine Phonostufe kann auch MC).

Musical Fidelity M6si – Rear
Die Eingänge des M6si: 4 x Hochpegel RCA, 1 x Hochpegel XLR (symmetrisch), 1 x USB-Eingang (Typ B bis zu 24 Bit 96kHz), 1 x Phono-Eingang für MM und MC. Einer der AUX-Eingänge ist für das Einbinden in eine Mehrkanalanlage durchschleifbar (Foto: MF)

Und die 2.0 Kilo, die er mehr auf die Waage bringt (M5si = 14,6 Kilo, M6si = 16,6 Kilo), könnten durchaus auch dem größeren Gehäuse geschuldet sein.

Musical Fidelity M6si vs M5si
Der M6si ist ganz klar der größere Bruder. Ob das vergrößerte Platzangebot im Inneren tatsächlich notwendig ist, bleibt eine andere Frage (Foto: H. Biermann)

Die Technik des Musical Fidelity M6si

Der M6si gibt sich als „Dual-Mono“-aufgebaut, ein Verstärker also, dessen linker und rechter Kanal komplett getrennt sind.

Es stimmt bis zum Trafo: da hat Anthony Michaelson dem M6si nämlich nur einen spendiert, der aber mit seinen zwei Abgriffen einen zweiten simuliert. Das ist leicht geschummelt, denn natürlich wären zwei getrennte Trafos hier noch besser. Dennoch ist der Aufbau für die Klasse außergewöhnlich.

Musical Fidelity M6si – Trafo
Zwar Dual-Mono“ aufgebaut, aber nur ein Netztrafo (Foto: H. Biermann)

Seine Leistung von knapp 300 Watt Sinus pro Kanal an 4 Ohm bezieht der M6si aus jeweils zwei Pärchen Sanken Bipolar-Transistoren STD03N (NPN) plus STD03P (PNP) – das gleiche Konzept wie beim kleineren M5si also.

Anthony Michaelson hat auch nie ein Hehl daraus gemacht, dass sich die beiden Verstärker in diesem Punkt sehr ähnlich sind. Die erkennbar höhere Leistung des M6si von 70 Watt generiert der Große aus seiner höheren Netzteilstabilität.

Musical Fidelity M6si – Endstufenplatine
Eines der beiden Endstufen-Module mit 2 Pärchen Sanken-Transistoren sorgen für die stattliche Leistung (Foto: H. Biermann)

Die Ausstattung des Musical Fidelity M6si…

…ist keineswegs überbordend. Er ist ein solide ausgestatteter Vollverstärker mit einem asynchronen 24-Bit 96 kHz USB-Eingang – den allerdings schon auch die meisten Vollverstärker der Unter-1.000-Euro-Klasse zu bieten haben.

Anders sieht es beim Phono-Eingang aus, der sowohl im MM- wie auch im MC-Modus ausgesprochen rauscharm und klanglich sehr überzeugend agiert.

Ich habe den Phono-Eingang mit verschiedenen externen Phonostufen zwischen 300 – 400 Euro verglichen. Und obwohl eine Auslagerung der sensiblen Schaltungen in der Regel klangliche meist Vorteile hat, konnte sich der Phono-Eingang des Musical Fidelity M6si fast immer mit höherer Dynamik und Lebendigkeit behaupten. Ich halte ihn für ausgesprochen gut.

Musical Fidelity M6si – Phono
Die Phonostufe des M6si (Foto: H. Biermann)

Erwähnenswert ist auch die Home-Theatre-Funktion des einen AUX-Eingangs: Über einen Jumper an der Rückseite umgeht der HT-Modus den Lautstärke-Regler des M6si.

So kann man den Vollverstärker und die angeschlossenen Lautsprecher leicht in ein Mehrkanalsystem einbinden, in dem dann der AV-Prozessor die Lautstärkeregelung übernimmt.

Apropos: Die Lautstärke ist natürlich wie die meisten Funktionen fernbedienbar. Aber nicht simpel über ein – womöglich nicht so gutes – Motorpoti, sondern über den bestens beleumdeten, sehr rauscharmen Pegelregler PGA2320, der über das Motorpoti nur angesteuert wird.

Musical Fidelity M6si – Motorpoti
Huckepack: Das Motorrpoti steuert nur den eigentlichen Pegelregler an (Foto: H. Biermann)

Der Musical Fidelity M6si in der Praxis…

…macht erst einmal zufrieden. Ich habe keinen einzigen Lautsprecher im großen LowBeats Arsenal gefunden, mit dem dieser Vollverstärker nicht klargekommen wäre. Seine immense Kraft und seine Stabilität ermöglichten auch hohe Pegel mit Lautsprechern, deren Impedanz auf 2 Ohm absackt. Und sein Klangcharakter ist so durch und durch neutral, dass in keiner Konstellation der Eindruck eines Missmatches aufkam.

Und doch gibt es natürlich gute und bessere Kombinationen. Reichmann Audio, der hiesige MF-Vertrieb, hat ja – wie oben schon angedeutet – eine Kette aus Triangle und Musical Fidelity zusammengestellt. Und tatsächlich muss man sagen, dass diese Kombination aus M6si und Triangle Esprit Australe EZ eine ausgesprochen gelungene ist.

Die extrem lebendige Gangart der Triangle passt wirklich gut zu dem ebenfalls sehr lebendigen, aber nicht unnötig hell-hochauflösenden M6si. Ausdruckskraft, Basstiefe und -Präzision, eine selbstverständliche Räumlichkeit und ein hoher Maximalpegel – hier stimmt fast alles, weshalb wir die Hörtests auch überwiegend mit der Französin machten.

Aber natürlich nicht nur. Ebenfalls mit im Hörtest liefen die Dynaudio Contour 20, die Magnat Signature 1109 und die Referenz, die Wolf von Langa Chicago.

Eine Eigenart allerdings legte er auch an der französischen Standbox nicht ab: der M6si wird im Bereich des Netzttrafos recht warm.

Ein Gerätestapel mit beispielsweise dem passenden CD-Player Musical Fidelity M6scd auf dem Vollverstärker ist also nur die zweitbeste Idee; er sollte nach oben hin genügend Luft haben.

Der Hörtest …

… des Musical Fidelity M6si begann mit einem Vergleich zum kleineren, aber technisch doch sehr ähnlichen M5si. Deshalb war bei uns die Verwunderung doch recht groß darüber, wie krachend der ältere M6si diesen Vergleich im LowBeats Hörraum für sich entschied.

Musical Fidelity M6si im LowBeats Hörraum mit CD-Player M6scd und den überragend gut passenden Triangle Standboxen Australe EZ (Foto: H. Biermann)

Das unglaublich dynamische „Crying“ aus James Blood Ulmers Album Live At Bayerischer Hof München  klang mit dem M6si noch authentischer, lebendiger und vor allem mitreißender. Dieser Verstärker macht nicht wirklich viel Glanz, aber fast alles richtig.

Er trifft den Ton, behält die Bässe sehr gut unter Kontrolle und hat einen sehr überzeugenden Grundton. Die Balance aus beeindruckender Dynamik und ausgewogener Natürlichkeit gelingt ihm fraglos besser als dem kleinen Bruder M5si. Dass dieser Unterschied allein in der höheren Leistung begründet sein soll, ist schwer vorstellbar.

Mit dem M5si klang die Kombination mit der Triangle längst nicht mehr so selbstverständlich natürlich und verzaubernd. Irgendwie fehlte ein bisschen der Kick. Mit den anderen Lautsprechern – mit Ausnahme der Chicago – fiel die lebendigere, kraftvollere und natürlichere Spielweise allerdings nicht mehr ganz so schwer ins Gewicht, denn letztendlich ist ja auch der M5si ein klasse, sehr natürlich klingender Verstärker.

Plattencover Carlos Caceres Muros Argentina
Eine fantastische Aufnahme mit rauchiger Stimme und  authentischer Tango-Atmosphäre: Carlos Caceres Murga Argentina (Cover: Amazon)

Aber gerade an der (fast 40.000 Euro teuren) Chicago, die dank Elektromagneten im Tief- und Mittelton und offenem Dipol-Gehäuse  den mit Abstand präzisesten Bass aller bislang bei LowBeats getesteten Lautsprecher macht, ließen sich die größere Impulsivität und die größere Natürlichkeit bei der Wiedergabe von Trommeln bestens nachvollziehen.

Und das macht natürlich echt Spaß, einen solchen Kraftprotz wie den Musical Fidelity M6si auf eine Dynamik-Maschine wie die Von Langa Chicago loszulassen. Da ist man immer schnell in der Nähe des Lautstärke-Vollausschlags…

Auch der Exposure 3010 S2D, ein superber bodenständiger Verstärker mit viel Energie und Gripp, hatte dieser unaufgeregte Lebendigkeit des M6si nicht viel entgegen zu setzen.

Der Exposure gefiel an der Dynaudio besonders gut, doch auch mit der dänischen Zweiwegebox machte sich der M6si nicht schlecht, weil er mit ihr die Stimmen so schön zelebrierte.

Eine Verstärker-Hürde aber nahm der M6si nicht: Unser Redaktions-Favorit Atoll IN 300 ließ sich von dem Engländer nicht so schnell abhängen wie die anderen beiden Klassen-Referenzen.

Der Atoll meisterte die wuchtigen Cajon-Schläge auf Carlos Caceres Murga Argentina noch schneller, noch federnder, noch „echter“ und legte auch bei James Blood Ulmers „Crying“ noch eine Schippe Energie obendrauf.

Der IN 300 tendiert minimal zum Hellen und ist deshalb nicht unbedingt der Top-Partner für die Triangle. Aber an der Magnat oder der Chicago ließ er es noch ein bisschen mehr funkeln.

Fazit

„Einer für alle“ hieß es früher bei den drei Musketieren. Und so ist es auch mit dem M6si, der wie das Sinnbild eines Vollverstärkers auftritt.

Seine Ausstattung ist solide, die Verarbeitung über jeden Zweifel erhaben, klanglich gibt er sich neutral und Leistung hat er in Hülle & Fülle, sodass er mit fast jedem Lautsprecher gut harmoniert.

Und mit einem – dieser Tipp muss hier genannt werden – ganz besonders: mit der Triangle Esprit Australe EZ gibt er ein Traumpaar.

Er ist zwar schon vier Jahre alt, aber im klassischen (analogen) Verstärkerbau sind vier Jahre wenig. Er war es damals und ist es noch heute: so etwas wie ein Maßstab der Klasse zwischen 2.000 und 3.000 Euro.

Musical Fidelity M6si
2018/07
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Natürlicher, dynamischer Klang
Exzellente Verarbeitung
Sehr hohe Leistungsreserven
Kein Kopfhörer-Ausgang

Vertrieb:
Reichmann AudioSysteme
Graneggstraße 4
78078 Niedereschach
www.reichmann-audiosysteme.de

Preis (Hersteller-Empfehlung)
Musical Fidelity M6si: 2.700 Euro

Mit- und Gegenspieler:

Musical Fidelity M5si: der Alleskönner Verstärker
Test Atoll IN 300: DAC-Amp mit Kraft und Feindynamik
Test Exposure 3010 S2D: Hohe Dynamik & Agilität
Test Triangle Esprit Australe EZ – Standbox mit 2 x Hochtonhorn
Test Dynaudio Contour 20: Absolute Natürlichkeit
Test Magnat Signature 1109 – Standbox mit HiRes-Lizenz
Test Wolf von Langa Audio Frame Chicago: die neue Referenz

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