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CES 2019 in Las Vegas
Im Hardrock Hotel zeigte Harman, wie wir in naher Zukunft Autofahren sollen: Mit personifiziertem Sound, individuellen Kommunikationszonen und einem zentralen virtuellen Ansprechpartner für sämtliche Sprachassistenten. (Foto: S. Schickedanz)

Premiere in Las Vegas: Harman News 2019

Harman hatte auf der CES 2019 mal wieder Quartier im Hardrock Hotel bezogen und zog seine ganz eigene Show innerhalb der Show ab. In diesem Jahr war das Ganze größer und schöner als je zuvor. In einer großen Halle innerhalb des Hotelcasinos demonstrierte mir die Samsung-Tochter die Harman News 2019: von Wireless-Speakern und Kopfhörern über HiFi, Heimkino, Pro Audio bis Automotive. Und in der interessantesten der Harman News 2019 verschmolzen die meisten von ihnen sogar. Harman will den Trend zur Personalisierung, sprich zu maßgeschneiderten Produkten, auf den Klang übertragen. Die Lösung heißt folgerichtig und doppeldeutig Personi-Fi.

So smart wie der Name, so smart gelang auch die Umsetzung. Im Zentrum der Harman News 2019 steht eine neue App, die den Nutzer durch einen Hörkurs führt. Mit dem Ziel, seiner musikalischen Wahrnehmung auf die Spur zu kommen. Das Ergebnis speichert der User dann in seinem Profil, welches über die Cloud auch auf anderen geeigneten Harman Produkten zur Verfügung steht. Dort wirkt es wie ein ganz individuelles Equalizer-Preset, wie man es etwa aus Soundbars kennt. Allerdings haben die meisten sicher auch festgestellt, dass diese eher selten genau den eigenen Geschmack treffen. Das soll sich mit Harman Personi-Fi radikal ändern. Wie sich das in der Praxis auswirkt, konnten wir in einem VW-Golf mit umgebauter Head-Unit auskosten. Trotz der total unterschiedlichen Lautsprecher ergab sich das gleiche Ergebnis wie beim Kopfhörer. 

Harman News 2019 Teil 1: Personi-Fi

Weil Harman Personi-Fi erst im Laufe des Jahres startet, wollten die Amerikaner noch nicht alle Schleier lüften. So wurde der Hörkurs – er ermöglicht der App die Erkennung, wie, wo und was der User bevorzugt hört – durch drei vorbereitete Profile von imaginären Charakteren ersetzt, die an allen unterschiedlichen Hörstationen zu den gleichen Präferenzen führten. Mein Favorit war – passenderweise – das auf möglichst ausgewogenen Klang optimierte Profil, das sich hinter einem fiktiven Namen versteckte. Es gefiel mir in allen Anwendungen am besten, was für das Konzept spricht.

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CES 2019 in Las Vegas
Harman Personi-Fi soll das Hörerlebnis perfekt an unsere Hörgewohnheiten anpassen, egal ob wir vom Smartphone mit Kopfhörer Musik abspielen oder im Auto sitzen (Foto: S. Schickedanz)
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In einem VW Golf mit modifizierter Head-Unit zeigte Harman das Potenzial von Personi-Fi, das den Klang dramatisch verbesserte und zahlreiche zuschaltbare Klangeffekte bereitstellt (Foto: S. Schickedanz)
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Das vom VW gelieferte Sound-System im Golf – es handelte sich dabei nicht um die größte Option – wirkte damit sehr viel ausdrucksvoller und mitreißender. Die zuschaltbaren Live-Konzert-Effekte (im fertigen Produkt sollen es mehr als 200 DSP-Effekte namens „Virtual Venues“ sein) waren eher Geschmacksache, aber nicht schlecht.

Noch beeindruckender fand ich allerdings die für Car Sharing oder Fahrzeuge ohne Sound-Systeme von Harman Automotive gedachte Nutzungsvariante. Wenn die Hardware Personi-Fi nicht unterstützt, können die zur Umsetzung des persönlichen Klangprofils erforderlichen Signalbearbeitungen auch direkt in der App auf dem Smartphone vorgenommen werden, das über Bluetooth mit der Wiedergabekette verbunden ist. So streamt dann das Handy die bereits nach den Wünschen des Nutzers aufbereiteten Signale in die Anlage. Was das in einem als Beispiel dienenden Mercedes GLA mit Standard-Sound bewirkte, war schlicht imposant. Der Klang, bei dem einem vorher die Füße einschliefen, entwickelte plötzlich Farbenpracht, Dynamik und Hochtonglanz. Gerade auch der zugeschnürte Bass wirkte wie zwei Klassen besser, obwohl sich an der Hardware nichts änderte. 

Kurzum: Obwohl es sich um ein manipuliertes Signal handelte, klang es echter als das Original. Ist klar, das verspricht letztlich auch jeder Hersteller von seinen Equalizer-Presets. Der Unterschied: Diesmal war es wirklich so, was mich bei den Machern auf die zentrale Frage brachte: „Das geht doch nicht, ohne die genauen Eigenschaften des Wiedergabegeräts zu kennen?“

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In einer weiteren Nutzungsvariante übernahm das Smartphone die Bereitstellung der persönlichen Klangabstimmung in einem Mercedes GLA mit Standard-Audio-Anlage. Der Effekt war gewaltig (Foto: S. Schickedanz)
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Ebenfalls beeindruckend: Durch Personi-Fi auf dem Handy beherrschte das einfache Sound-System im Mercedes plötzlich Tricks, die sonst Burmester vorbehalten bleiben: Der Klang ließ sich durch einen Klick auf bestimmte Sitzplätze optimieren, was große Wirkung zeigte (Foto: S. Schickedanz)
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Als Dreingabe beherrscht Personi-Fi auch noch DSP-Raumeffekte, sogenannte „Digital Venues“. Hier ließ sich ein mit der Entwickler-Software „Audioworx“ kreierter Effekt zur Demonstration zuschalten. Schließlich handelt es sich noch um eine sehr frühe Beta-Version der Personi-Fi App (Foto: S. Schickedanz)
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Und genauso ist es: Personi-Fi wird Lautsprecher-Profile nutzen, etwa das von besagtem Benz, um die Klangwünsche des Users immer optimal umzusetzen und die Hardware nicht zu überfordern. In der finalen Version, laut der Harman News 2019, sollen die Profile von vielen Hundert Auto-Sound-Systemen, Bluetooth-Geräten und WLAN-Lautsprechern enthalten sein.

Die Smartphone Companion App von Personi-Fi nutzt außerdem das Smartphone-Mikrofon zur Raumeinmessung von Wireless-Lautsprechern. Im Auto sind mit ihr sogar Klangzuschnitte auf einen bestimmten Sitzplatz hin möglich – etwa die VIP-Funktion bei den großen Burmester-Systemen von Mercedes. So eine Funktion durch eine App in seinen Wagen holen zu können, finde ich ausgesprochen reizvoll – zumal das Ganze in der Demo wirklich überzeugte.

Harman News 2019 Teil 2: Personal Communication Zones im Auto

Eine andere Harman News 2019 betrifft ausschließlich den Automobilbereich und wird vor allem dann nützlich, wenn das Gefährt –  wie bei den boomenden Geländewagen schnell mal der Fall – die Abmessungen eines Kleintransporters erreicht. Bei drei Sitzreihen und aktivem On-Board-Entertainment kann da schon mal die Stimme des Herrn (oder der Dame) am Lenkrad nicht alle Familienmitglieder klar und deutlich erreichen. Mit den Personal Communication Zones soll sich das ändern. Das ganze Fahrzeug wird dazu in Ein-Mann-Hörzonen aufgeteilt, die sich mit 25 dB Kanaltrennung individuell beschallen lassen. Eine solche Lösung zeigte mir Harman bereits vor Jahren auf dem Genfer Autosalon. Doch damals konnte das mit einer Mischung von Schallbündelung und aktivem Noise-Cancelling arbeitende Infotainment-System nur seine Wiedergabe an einzelne Plätze adressieren. Etwa so, dass der Fahrer die Navi-Stimme lauter hörte als alle anderen.

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Die Autoindustrie macht die Fahrzeuge größer, Harman Personal Communication Zones rückt den Innenraum durch „Lautsprecherdurchsagen“ wieder dichter zusammen und ermöglicht, von jedem Platz aus ungestört Telefongespräche führen zu können (Foto: S. Schickedanz)

Mit Personal Communication Zones geht Harman allerdings einen Schritt weiter und überträgt die Kanaltrennung auf raffinierte Mikrofonarrays, um auch neue Perspektiven für Dialoge in und aus dem Fahrzeug zu ermöglichen. Dann kommt der Fahrer endlich lauter beim Sprachassistenten an als lärmende Mitfahrer. Das gleiche gilt beim Telefonieren, wobei es keine Rolle spielt, wo der oder die Tonangebende sitzt. Doch auch bei der Kommunikation zwischen den Insassen kann Personal Communication Zones eine Vermittlerrolle übernehmen.

Die Amerikaner demonstrierten uns ihre Harman News 2019 in einem amerikanischen Monster-SUV mit drei Sitzreihen. Ich saß links hinten im Eck, diverse Kollegen auf den Rängen davor. Aus dem Soundsystem eingespieltes Brummen simulierte die Fahrgeräusche. Wir hatten alle viel dabei zu lachen, doch die mit einer Frau außerhalb des Fahrzeugs durchgespielten Telefonate ließen sich von sämtlichen Sitzen mit Personal Communication Zones und unterstützenden Techniken wie ClearChat (sorgt mit Far-End Noise Cancelling für noch nie dagewesene Klangreinheit bei Telefonaten und Sprachbefehlen) viel besser führen als ohne das unmittelbar vor der Marktreife stehende System. Das Gleiche galt für Gespräche unter den Insassen des großen Fahrzeugs.

Dennoch sehe ich bei aller Begeisterung zwei Punkte: Die speziellen Lautsprecher-Arrays sind auf Sound-Zones optimiert, nicht auf maximalen Sound-Genuss. Und ich unterstelle mal, die in der Regel höchstens zweiköpfige Besatzung der meisten Kompakt- und Sportwagen dürfte auch ohne dieses Sprachrohr ihren Weg finden. Aber für Familienkutschen auf dem Weg in die Ferien dürften die 25 dB Kanaltrennung zwischen den einzelnen Plätzen, die übrigens bis 100 Hz hinab funktionieren soll, ein echter Segen sein.

Harman News 2019 Teil 3: IRA ist eine Bombenidee

Neben Personi-Fi war IRA die eindrucksvollste Demo im Rahmen der Harman News 2019. Ich bin mir etwas unsicher, ob das für Intelligent Reasoning Agent stehende Kürzel in Großbritannien und Nordirland nicht für Missverständnisse sorgt – sofern niemand vom Hersteller dabei ist, der die drei Buchstaben wie einen Frauennamen ausspricht. Allerdings bin ich mir sehr sicher, dass Harman vor dem Hintergrund der vielen angebotenen Sprachassistenten hier das einzig Sinnvolle getan hat: von Alexa bis Google Assistant werden alle in IRA gebündelt und verfügbar gemacht.

Das neue Verfahren ist letztlich ein Kanal, der den Dialog zwischen den gängigen Sprachassistenten kanalisiert. Der Nutzer wendet sich immer an IRA und das System fragt im Hintergrund den geeignetsten Kollegen für die Aufgabe, also mal Amazon, mal Google, oder was auch immer am besten passt. Wie nahtlos die virtuellen Helfer mit IRA Hand in Hand arbeiten, demonstrierte eindrucksvoll und vergnügt eine junge Lady in einem von Harman modifizierten Fiat 500, in dem man gleich noch Harmans puristische, von Displays geprägten Visionen von Kleinwagen-Cockpits der Zukunft auf sich wirken lassen konnte. Dabei hatte ich die Freude, von der Dame mit Strohhut auf den Beifahrersitz eingeladen zu werden und alles wirklich aus nächster Nähe erleben zu können. Zwar war die Fahrt an den Strand nur Fake und auch viel zu kurz, aber der Eindruck bleibt: Da kommen einige Dinge die nächsten Jahre auf uns zu, die Sinn und Freude machen. Und das kann man wahrlich nicht von allen Neu-Vorstellungen dieser CES behaupten…

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Über IRA lassen sich die Kräfte aller möglichen Sprachassistenten hinter einem einzigen virtuellen Ansprechpartner bündeln. Das demonstrierte Harman mit einer nachgestellten Fahrt ans Meer. Nebenbei konnte man einmal mehr bestaunen, wie sich die Samsung-Tochter das Kleinwagen-Cockpit der nahen Zukunft vorstellt (Foto: S. Schickedanz)

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