Test: Mercedes E 220 d mit Burmester 3D Sound

Die vorletzte Station liegt in der John-Foster-Dulles-Allee. Dort steht das Haus der Kulturen, das gerade bei Nacht ebenfalls einen schönen Fotohintergrund für den blauen Benz bildet. Von meinem iPhone streame ich drahtlos die neue CD von Yello. Auch wenn dieser ebenso vernünftige wie praktische Mercedes E 200 d kein Männerspielzeug ist – akustisch passen die Elektro-Beats von Toy perfekt. Doch langsam knurrt der Magen.

Mercedes-Benz E 220 d
Die Philharmonie an den Linden ist eine der zentralen Kulturstätten in Berlin (Foto: S. Schickedanz)

Also steuern wir das letzte Ziel für heute an. Das Jazzcafé in Charlottenburg. Es gehört zum benachbarten Jazz-Club A-Trane, wo wir gestern noch ein Live-Konzert des Trios Lauer, Ilg, Héral erlebten. Heute kommt der Jazz von Saxofonist Christof Lauer aus dem „Autoradio“, das damit ähnlich groovig und souverän umgeht wie immer. Live in the streets sozusagen.

Bei einem Wiener Schnitzel klingt die heutige Testfahrt aus. Morgen geht es dann wieder zurück nach Stuttgart. Eine Stadt, die mehr Hügel, dafür aber mehr Staus und weniger Abwechslung bietet als Berlin, die Stadt, die nie schläft.

Mercedes-Benz E 220 d
Das Haus der Kulturen säumt mit seinem Lichtschein den Mercedes E 220 d ein (Foto: S. Schickedanz)

Eine Stadt, deren pulsierendes Kulturleben nicht nur perfekt zum Burmester High-End-3D-System des schwäbischen Bestsellers passt. Eine Metropole, die auch Tag und Nacht vor Augen führt, was gute Musik ist und somit den Referenzklang für die Entwickler bei Burmester liefert.

Auf der Heimfahrt werde ich so viel überholt, wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Das liegt nicht am Motor des Mercedes E 220 d, der ziemlich locker das Limit der Winterreifen bei 240 km/h erreicht.

Der Wagen fährt zwar wie auf Schienen auch um die Kurven, aber er zeigt klar, dass er oberhalb von 180 eigentlich lieber geradeaus fahren möchte. Man muss ihn dann in die Kurven zwingen und dazu bin ich in dieser rollenden Wellness-Oase viel zu entspannt. Aus sportlicher Sicht wäre der Wagen in dieser Ausführung eine herbe Enttäuschung.

Die Sporttaste des Mercedes E 220 d reicht nur, um ihm das Schaukeln auszutreiben, fühlt sich aber so an, wie sich der gemeine BMW-Fahrer einen extremen Komfortmodus wünscht.

Sicher kann die AMG-Variante nicht nur bei der Längs-, sondern auch bei der Querdynamik zulegen. Schließlich ging sogar die größere, schwerere S-Klasse, die ich vor Jahren als AMG S63 ausprobieren konnte, bei deutlich höherem Tempo williger ums Eck.

Aber ein größerer Motor und eine sportliche Abstimmung von Fahrwerk und Getriebe überschreibt sozusagen den einzigartigen Charakter der E-Klasse, die einen so wunderbar entspannend von den eigenen Ambitionen befreit. Und mal ehrlich: Haben wir nicht alle schon im Beruf genug Hetze, Wettbewerb und Stress? Deshalb ziehe ich ein Fazit, das ich mir vor der Fahrt selbst nicht zugetraut hätte.

Mercedes-Benz E 220 d
Burmester-Benz meets Brandenburger Tor (Foto: S. Schickedanz)

Fazit Mercedes E 220 d mit Burmester

AMG ist großartig. Fahrfreude auf rustikale schwäbische Art. Ein Gedicht. Hat nur einen Haken: Du machst alles, was Du in einem starken Audi oder BMW auch machen würdest. Nur dass wegen des Motorsounds das Grinsen etwas breiter ausfällt.

Aber es geht hier ja um eine der weltweit besten Anlagen, die es ab Werk in einem Auto zu kaufen gibt. Warum also in der komfortabelsten Limousine ihrer Klasse den Wettstreit mit Porsche-Piloten suchen und den martialischen AMG-Motor mit dem Burmester-Sound-System um die Wette brüllen lassen?

Deshalb empfehle ich genau jenen Vierzylinder-Diesel, obwohl er eigentlich in keiner einzigen Disziplin besonders bei mir punkten kann.

Der Mercedes E 220 d nagelt nicht so rustikal wie die Vorgängerreihen, die ich regelmäßig als Taxi erlebe, aber so seidig wie der Sechszylinder im kürzlich gefahrenen BMW 740Ld xDrive ist er lange nicht.

Er zieht ordentlich durch, wirkt niemals untermotorisiert, allerdings auch niemals besonders kräftig. Angemessene Fahrleistungen wäre der korrekte Ausdruck.

Zwar kommt er mit seinem moderaten Durst und zierlichen 50-Liter-Tank sehr weit mit einer Füllung. Doch 7,7 Liter pro 100 Kilometer unterbot ich mit der auf  5,4 Meter gestreckten Langversion der Münchner Oberklasse-Limousine auch ganz bequem, obgleich hier ein 3.0-Liter Sechszylinder am Werk ist. Zumindest, solange ich nicht am Limit fuhr. Aber genau das passierte meist.

Ich fuhr die Luxuslimousine wie den in der Golfklasse angesiedelten Kompaktsportler M140i xDrive, nur dass der längere Radstand und die Luftfederung für etwas mehr Komfort sorgten, während der Verbrauch mit durchschnittlich 9,5 Litern Diesel immer noch vergleichsweise sehr sparsam war. Ich staunte also noch beim Tanken über das technische Wunderwerk.

Aber genau das ist es, was ich am Mercedes E 220 d so schätzen lernte: Der Motor fällt in Verbindung mit der 9-Gang-Automatik weder positiv noch negativ auf. Er macht einfach seinen Job und ich habe den Kopf frei für andere, wichtigere Dinge.

Im 7er sitzt man die ganze Zeit und staunt über die tolle Technik. Bei jedem Beschleunigen denkt man unweigerlich: „Boah, was für ein genialer Motor! Wie viel Turbolader hat der noch mal?“ Bei jeder Autobahnbiegung mit Topspeed staunt man Bauklötze über der großartige aktiv mitlenkende Hinterachse und so weiter.

Und im Benz? Da fährt man einfach von A nach B und denkt über die Technik im Hintergrund nicht nach.

Die einzigen Fragen, die aufkommen, haben eigentlich mit Autofahren so viel zu tun wie ein Benzin-Stammtisch mit einer Yoga-Gruppe. Es sind eher weibliche Dinge, die mir durch den Kopf gehen. Gönne ich mir eine Hot-Relaxing-Schulter-Massage oder irgendwas mit Activating oder so ähnlich? Ganz wichtig auch: Welcher Duft passt am besten zu meiner Stimmung und zur Musik, der ich gerade lausche?

Nicht zu vergessen die Luftverteilung, die man jenseits der Regler im Cockpit des Mercedes E 220 d über Menüsteuerung noch weiter individualisieren kann, etwa durch eine diffuse Charakteristik. Last not least quält mich noch die Frage, ob man die Luft ionisiert. Da ich nicht esoterisch unterwegs bin, bin ich spätestens jetzt überfordert. Was passiert da, was soll es bewirken? Ein paar kurze Erklärungen zu den Optionen wie bei den anderen Herstellern wären höchst hilfreich. Aber es klingt spannend, also schalte ich es mal an.

Stefan Größler ist bei Burmester Entwicklungsleiter Audio – also auch zuständig für die Automotive-Entwicklung (Foto: S. Schickedanz)

In das Cockpit eines BMW, Porsche oder Audi fädelt man sich ein wie in einen High-Tech-Kampfjet, vertraut auf die Technik und fokussiert sich mehr oder weniger verkniffen auf die bevorstehende Mission. Hindernisse, die vor einem auftauchen, werden folglich als feindlicher Akt bewertet.

Der Mercedes E 220 d schafft zu einem Bruchteil des Preises etwas, das ich sonst nur von Rolls-Royce kenne: Die totale Entkopplung vom Akt des Fahrens. Und er macht einen besseren Menschen aus dem Fahrer, wirkt wie eine Überdosis Baldrian auf Schnellfahrer.

Dabei verleiht der Mercedes E 220 d einem ein erhabenes Gefühl. Wissen Sie, wobei mir das besonders deutlich wurde? Sie werden es nicht glauben: Als ich einem Rowdy im Audi die Lichthupe gab. Nicht, dass er mich direkt behindert hätte, als er auf der Heimfahrt im strömenden Regen bei mieser Sicht mit einer Extraportion Vertrauen in den Quattro-Antrieb wie ein Geisteskranker mit riesiger Wasserschleppe vorbeischoss. Erst recht nicht, dass ich ihn überholen wollte. Am Steuer dieses Daimlers fühlte ich mich dazu legitimiert, ach was, auserwählt, zu schulmeistern.

Will mal  so sagen: Wenn Du in einem BMW sitzt und einem Audi Lichthupe gibst (oder umgekehrt) ist das wie zwei neidische Lausbuben, die sich auf dem Schulhof raufen. Doch die E-Klasse verleiht Autorität. Sie macht Dich zum Rektor und die kleinen grellen Blitze, die Du mit dem Lenkstockhebel auslöst, besitzen einen pädagogischen Wert. Dieses erhabene Gefühl musste ich einfach mal auskosten! Es war mir geradezu ein Zwang, einmal selbst in die Rolle des an sich verhassten Oberlehrers zu schlüpfen und den erhobenen Zeigefinger zu schwingen.

Eine Grenz- beziehungsweise Benz-Erfahrung, der etwas Befreiendes innewohnte. Es ist so, als könntest Du Dein ganzes Leben einmal von außen bewerten. Andere gehen dafür zum Guru in den Tempel. Reisen nach Tibet. Dabei genügt mir schon eine Dienstreise nach Berlin. Wie praktisch.

Fazit Mercedes E 220 D mit Burmester High-End-3D-System

Wenn Sie mich also fragen: Sparen Sie sich dicke, hedonistische Motoren, sparen Sie beim Sprit- und Nervenverbrauch pro Kilometer und gönnen Sie sich das formidable Burmester High-End-3D-Sound-System aus Berlin in Verbindung mit dem Mercedes E 220 d – das rockende Roycele aus dem Ländle zum Preis, der auch geizige Schwaben nicht erschüttert. Diese Kombination machte mich vielleicht für zwei Wochen zu einem besseren, entspannteren Menschen.

Aber nicht zu einem besseren Autofahrer. Einerseits fuhr ich in meinem ganzen Leben noch nicht so beherrscht und entspannt – andererseits selten so unkonzentriert, um nicht zu sagen geistesabwesend. Ich verpasste sogar die Ausfahrt, obwohl ich nicht schnell war und auch nicht links fuhr – trotz Navi-Ansage. Deshalb fällt es mir jenseits der subjektiven Schilderungen schwer, das Auto mit dem Stern in unsere Sternewertung zu pressen.

Auch scheint mir das revolutionäre neue Bedienkonzept noch etwas Reife zu brauchen. Es reagiert teilweise träge, ist wenig intuitiv, teilweise umständlich und es zieht mit seinem niedrig platzierten, überbreiten Bildschirm und den ganz rechts platzierten Menüs den Blick mitunter weit von der Straße ab.

Außerdem nervte es mit einem permanenten Blinker-Kaputt-Fehlalarm. Deshalb reicht es beim Auto nur für vier Sterne. Dafür habe ich bei Fahrspaß glatte fünf Sterne vergeben, obgleich jene nicht im üblichen Sinne zu verstehen sind und daher nicht mit Porsche, BMW oder Audi vergleichbar. Diese rollende Wellness-Oase ist eine Klasse für sich.

Leicht fällt mir jedoch ein Schlusssatz. Der Mercedes E 220 d  ist speziell mit dem überragenden Burmester-3D-Sound der perfekte Reisewagen für Vielfahrer, die es sich wert sind. Statt sich eine teure, hochmotorisierte Sportlimousine aus Affalterbach, Garching oder Neckarsulm zu kaufen, erscheint es mir nach meiner Erfahrung durchaus überlegenswert, sich den braven, aber praktischen Benz und für das gesparte Geld einen leichten, kleinen Sportflitzer wie den kürzlich getesteten Mazda MX5 oder den Klassiker Lotus Elise zu gönnen.

Mercedes-Benz E 220 d
2016/12
Test-Ergebnis: 4,7
überragend
Bewertung
Auto
Anlage
Spassfaktor

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Sehr homogene Abstimmung, sehr tiefer, konturierter Bass, exzellente Abbildung, sehr hohe Dynamik-Reserven
Perfekt umgesetzter 3D-Sound von Stereo-Aufnahmen ohne vordergründige Effekte
Motor macht einen perfekten Job und tritt bis auf ein gelegentliches Knurren beim Beschleunigen so gut wie nicht in Erscheinung
Bedienung des Infotainments lenkt stark vom Fahren ab, Menüs reagieren langsam und sind teilweise verwirrend und weit aus dem Blickfeld

Preis (Hersteller-Empfehlung): Mercedes-Benz E 220 d ab 47.124 Euro, Burmester HighEnd-3D-System 5.831 Euro

Vertrieb:
Daimler AG
Mercedesstraße 137
70327 Stuttgart
www.mercedes-benz.de

Weitere Informationen zu Burmester und Mercedes-Benz unter www.burmester.de

Ähnliche Themen

Test Mercedes-Benz E 400 4Matic Cabriolet mit Burmester Sound
Test BMW 540i xDrive mit Harman Kardon Surround System
Test Volvo V90 T6 AWD mit B&W Sound
Test Porsche Panamera 4S mit Burmester und Auro 3D
Fahrtest BMW M140i xDrive mit Harman/Kardon
Fahrtest Cadillac CT6 mit Bose Panaray Sound
Fahrtest Mazda MX5 mit Bose Sound
Test Rolls-Royce Dawn mit Bespoke Audio

 

Autor: Stefan Schickedanz

Stefan Schickedanz
Schneller testet keiner. Deutschlands einziger HiFi-Redakteur mit Rennfahrer-Genen betreut bei LowBeats den Bereich HiFi im Auto sowie die Themengebiete Mobile- und Smart-Audio.