Test Streaming-Verstärker Naim Audio Uniti Atom

Ein kurzes Intermezzo zum Thema Datenschutz

Leider gehört es zu den Schattenseiten der digitalen und immer stärker vernetzten Audiowelt, sich auch hier Gedanken um solche Dinge wie Privatsphäre, Datenschutz und -Sicherheit machen zu müssen.

Während der Einrichtungsprozedur des Atom wird der Naim-Nutzer gefragt, ob er ChromeCast verwenden möchte. Dazu ist die Einwilligung in Googles Nutzungsbedingungen nötig, was nicht jeder toll findet, da Google nun mal Geld mit den Daten seiner Nutzer verdient. Im Atom hat man die Freiheit, diese Bedingungen abzulehnen, wodurch ChromeCast deaktiviert bleibt (siehe Bildschirmfotos oben). Wer will, kann es später immer noch aktivieren. Eine Produktregistrierung wird in der Naim App ebenfalls angeboten, ist aber im Gegensatz zu manch anderen (z.B. Sonos) nicht Pflicht und kann jederzeit nachgeholt werden. Als Anreiz für die Registrierung bietet der deutsche Naim-Vertrieb music-line eine Garantieverlängerung von 2 auf 5 Jahre an.

Diese Wahlfreiheit fehlt bei anderen oft, oder man kann das komplette Gerät ohne Registrierung und Angabe persönlicher Daten gar nicht erst in Betrieb nehmen. Um ihre Privatsphäre besorgte Nutzer sollten allerdings zusätzlich in den Einstellungen der Naim App unter „Sonstiges“ nachsehen, ob dort „Google Analytics“ aktiviert ist. Auf meinem iPad war das der Fall. Später habe ich die Naim App auch auf dem iPhone installiert. Dort war „Google Analytics“ standardmäßig ausgeschaltet.

Ich hoffe sehr, dass die HiFi-Hersteller dieses Thema künftig verstärkt im Sinne ihrer Kunden mit der gebotenen Sorgfalt behandeln. Naim ist da schon auf einem guten Weg, aber wenn schon Tracker wie Google Analytics in der App eingesetzt werden (müssen?), dann bitte nur als Opt-In-Lösung und nicht standardmäßig aktiviert. Noch besser wäre ein kompletter Verzicht auf Tracker. Sollte das aufgrund von Vorgaben nicht möglich sein – etwa, wenn Lizenzbedingungen dem Hersteller das vorschreiben, um z.B. Google ChromeCast einsetzen zu dürfen – sollte dem Nutzer auf jeden Fall die Wahl bleiben. Bei Naim ist das der Fall. Vorbildlich.

Weiter im Takt… zur Bedienung des Uniti Atom

Die Bedienung des Atom ist ebenso selbsterklärend und gibt nur wenige Fragen auf, die aber durch Ausprobieren schnell geklärt sind. Leicht irritierend war anfangs die Lautstärkeregelung über die Fernbedienung: Der große Drehknopf an der Oberseite des Geräts ist eindeutig. Nähert man sich mit der Hand dem riesigen Drehteller, leuchten – je nach eingestellter Lautstärke – automatisch für einige Sekunden kreisförmig um den Regler angeordnete LEDs auf:

Bedienelement
Neben einer numerischen Anzeige im Display wird die Lautstärke auch über LEDs am großen Drehregler angezeigt, sobald man sich mit der Hand dem Gerät nähert (Foto: F. Borowski)

Die mit einem Bewegungssensor ausgestattete Fernbedienung wird automatisch beleuchtet, wenn man sie zur Hand nimmt. Dabei zeigt sie die Lautstärke in dem Tastenkreis mit ähnlichen LEDs wie am Gerät an:

Naim Fernbedienung
Die bidirektionale Fernbedienung des Naim Audio Uniti Atom zeigt die Lautstärke ebenfalls an. Die Regelung erfolgt hier allerdings durch die Tasten in der unteren Reihe (Foto: F. Borowski)

Das sieht so aus, als würde es sich um ein Touchfeld handeln, ähnlich wie beispielsweise das berühmte Click Wheel an früheren iPods, aber dem ist nicht so. Die Lautstärke muss an der Fernbedienung über die Tasten – und + in der unteren Reihe eingestellt werden. Das runde Element dient lediglich der Navigation und Auswahl per Tastendruck.

Die Bedienung per Display/Fernbedienung spiegelt sich in wesentlichen Punkten in der App wieder. Beispielsweise werden die Quellensymbole auf die gleiche Weise wie im Display dargestellt. Alles in Allem halte ich die Naim-Lösung mit App und Fernbedienung für eine der gelungensten aller derzeit erhältlichen Streaming-Devices. Und ich betone noch mal, wie sehr ich es zu schätzen weiß, dass Naim eine anständige Fernbedienung mitliefert, denn so vielseitig man mit einer App sein mag, sie ist nicht in jeder Situation praktisch. Oft geht es mit der Remote viel schneller von der Hand.

Ein paar Fakten, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind:

Fangen wir mit einem kleinen Manko an: Das Grundrauschen des Naim Audio Uniti Atom könnte niedriger sein. Zumindest im Nahfeld ist eine leichte Rauschfahne wahrnehmbar. Nicht schlimm, aber es soll auch nicht verschwiegen werden.

Naim bevorzugt ganz klar die Wiedergabe über das Netzwerk und sieht lokale Wiedergabeoptionen eher als zweitrangig an. Zwar kann man via USB auch eine lokale Festplatte, SSD oder einen Stick anschließen, aber die Sortierung der Titel erfolgt hier nur über eine simple Ordnerstruktur und einige Metadaten (z.B. Cover Art) werden nicht angezeigt, es sei denn, man legt die Cover in einem Extra-Ordner ab. Empfohlen wird die Wiedergabe via UPnP aus dem Netzwerk, also von einem NAS oder eben auch über eine im Netzwerk freigegebene USB-Festplatte – oder Online-Streaming. In dem Fall werden auch Cover formatfüllend im großzügigen Farbdisplay angezeigt. Die Wiedergabe erfolgt dabei übrigens „Gapless“, also ohne die lästigen kurzen Unterbrechungen zwischen Titeln, die nahtlos ineinander übergehen.

Wer eine noch komfortablere Verwaltung seiner Sammlung haben möchte und Besitzer einer roon-Lizenz ist, kann den Naim Audio Uniti Atom auch als entsprechenden Endpoint nutzen.

Ringkerntrafo Uniti Atom
Das aufwendige Innenleben des Atom mit dem großen Ringkerntrafo. Die Kabel sind Antennen für die Wireless-Funktionen. Auf einen hässlichen Antennenstummel außen kann der Atom dadurch verzichten (Foto: Naim)

Der Naim Audio Uniti Atom besitzt zwei Standby-Optionen, die nötig waren, um den EU-Regularien gerecht zu werden und dennoch einige Komfortfeatures bieten zu können, wie beispielsweise das Aufwecken des Gerätes über die App. Ein kurzer Druck auf die Power-Taste während des Betriebs schaltet den Atom in einen Bereitschaftszustand, bei dem nur die Endstufe und ein paar andere Baugruppen abgeschaltet werden. Wesentliche Teile der Digitalsektion und eine eventuell angeschlossene Festplatte bleiben aber in Betrieb. Ich habe dabei eine Stromaufnahme zwischen rund 2W (ohne USB-Festplatte) und bis zu 15W mit angeschlossener Bus-Powered USB-Platte gemessen. 15W entspricht auch dem ungefähren Energiebedarf im Betrieb bei Zimmerlautstärke. Die Festplatte läuft dabei permanent und geht nicht in Ruhezustand. Das ist ein recht hoher zusätzlicher Standby-Verbrauch, wenn man bedenkt, dass ich nur eine handelsübliche 2,5“ Mobilfestplatte angeschlossen hatte. Zieht man die Festplatte ab, sinkt der Standby-Verbrauch auf rund 2W.

Da die EU-Regeln einen Verbrauch im Standby von unter 1W vorsehen, gibt es noch einen zweiten Standby-Modus. Der kann aber nur aktiviert werden, indem man die Power-Taste am Gerät (nicht auf der Fernbedienung) für ein paar Sekunden gedrückt hält. Dadurch werden weitere Baugruppen im Gerät abgeschaltet und der Verbrauch sinkt, nun regelkonform, auf unter 1W. So in Tiefschlaf versetzt kann der Atom aber nur am Gerät selbst aufgeweckt werden. Nicht über die App und auch nicht über die Fernbedienung. Außerdem muss der Atom hierbei nach jedem Einschalten erst mal das Betriebssystem neu booten, was ca. 45 Sekunden dauert.

Eine Besonderheit ist auch der oben schon erwähnte Annäherungssensor. Das Display des Naim Audio Uniti Atom zeigt normalerweise, je nach Quelle, ein großes Coverbild, die eingestellte Webradio-Station oder z.B. das AirPlay-Symbol an (wahlweise auch die Uhrzeit). Nähert man sich dem Display, schaltet es auf eine detailliertere Titelansicht um. Diese Ansicht kann man auch über eine Taste an der Fernbedienung aufrufen, aber sie lässt sich derzeit nicht standardmäßig auswählen. Die Fernbedienung hat keinen Annäherungssensor, sondern den besagten Bewegungssensor.

Falls Sie sich fragen, was die aktuelle Naim-Uniti-Serie von der vorherigen Generation unterscheidet: Es ist hauptsächlich die verwendete Streaming-Plattform. Basierte die Vorgänger-Serie noch auf einer zugekauften Streaminglösung, ist in der Neuen alles 1a, 100% Naim-Hauszüchtung. Die neu entwickelte Streaming-Plattform basiert auf einem achtlagigen Board mit 40-Bit-SHARC-Prozessor und ADSP-21489 Wandlerchip von Analog Devices. Die hohe Prozessorleistung und mehr RAM als bisher sorgen für eine durchweg flüssige Bedienung. Etwas, das bei Streaming-Komponenten längst noch keine Selbstverständlichkeit und für die Praxis enorm wichtig ist.

So klingt der Naim Audio Uniti Atom

Und der Klang? Mit passenden Lautsprechern: Ausgezeichnet! Keine Frage: Mit nur rund 40W an 8 Ohm pro Kanal sind die rein analogen Class-A/B-Endstufen des Atom nicht geeignet, um (Lautsprecher-) Berge zu versetzen. Nicht zu anspruchsvolle Schallwandler mit mittlerem bis hohem Wirkungsgrad und die Vermeidung von Extrempegeln vorausgesetzt, reicht das locker für mächtig Musikspaß. Denn natürlich ist der Atom in erster Linie für das Kleine & Feine gedacht. LowBeats Chefredakteur Holger Biermann hat ihn eine Zeitlang im LowBeats Büro an der ProAc Tablette 10 laufen lassen. Gut: laut ging das nicht. Klanglich aber war es ein Gedicht. Vor allem Stimmen klangen wunderbar natürlich.

Verglichen mit mächtigeren (und deutlich teureren) Verstärkern muss sich der kleine Naim die Kritik gefallen lassen, bei höheren Pegeln etwas flacher und grobdynamisch nicht ganz so potent zu klingen. Geschenkt! Wer das unbedingt braucht, schließt am Vorverstärkerausgang des Atom Endstufen beliebiger Leistung an. Oder man greift gleich zu einem der größeren Uniti-Geräte, wie dem (ja ebenfalls überragend guten) Naim Audio Uniti Nova.

In Sachen Auflösung und Timing ist der Naim Audio Uniti Atom ein Meister. Eine glaubhafte Bühnendarstellung und feine Detailabbildung gelingen dem Atom mit praktisch jeder Quelle, egal ob HiRes-Files aus dem Netzwerk oder auch nur komprimiertes Internetradio – solange letzteres keine zu niedrige Bitrate hat. Und es sind trotz eindeutiger Limits genug Leistungsreserven vorhanden, um mal ordentlich die Frau Netrebko in der Oper schmettern oder mit Elektropop à la Roosevelt Tanzstimmung aufkommen zu lassen.

Klangregelungen gibt es übrigens nicht. Das soll keine Kritik sein, aber gerade für die Musikberieselung bei geringen Lautstärken könnte eine (gut gemachte) dynamische Loudness-Korrektur durchaus nicht schaden – solange sie abschaltbar ist, natürlich. Puristen werden das ganz sicher nicht vermissen und erfreuen sich an dem stets neutralen und dabei nicht zu trockenen Charakter des Uniti Atom.

Kühlrippen
Die seitlichen Kühlrippen werden im Betrieb nur selten mehr als handwarm. Optisch fügen sie sich sehr harmonisch in das Design (Foto: Naim)

Fazit Naim Audio Uniti Atom: Bedienung und Klang überzeugen

Der Atom empfiehlt sich als Zentrum eines sehr kleinen, feinen, knuddeligen und modernen Streaming-High-End-Systems, für eine anspruchsvolle Beschallung von Nebenzimmern oder als Ergänzung zu anderen Multiroom-fähigen Naim-Komponenten.

Was besonders erfreut, ist der hohe Reifegrad der Naim-Software. Wie oft habe ich schon Digitalkomponenten mit App-Steuerung im Test gehabt, bei denen ich mich irgendwie als Beta-Tester gefühlt habe? – zu oft! Nicht so mit dem Uniti Atom. Hier läuft alles reibungslos. Auch klanglich gibt sich der kleine Naim keine Blöße: Er ist nicht sonderlich kräftig, aber sein audiophiler Charakter hebt ihn heraus und beschert ihm unter dem Strich ein ausgezeichnetes Preis/Leistungsverhältnis.

Und ebenfalls wichtig: Die Zukunftssicherheit der Technik sollte dank Naims neuer Streaming-Plattform für viele Jahre gesichert sein. So, wie die Zufriedenheit seines Besitzers.

Naim Audio Uniti Atom
2018/18
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
Bewertung
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.

Autor: Frank Borowski

Frank Borowski
LowBeats Experte für Schreibtisch-HiFi und High End kennt sich auch mit den Finessen der hochwertigen Streaming-Übertragung bestens aus. Zudem ist der passionierte Highender immer neugierig im Zubehörbereich unterwegs.