Pro-Ject A1 Ambiente
Der A1 bringt neue Farbe und sehr viel mehr Komfort ins Pro-Ject-Portfolio: Er ist der erste Vollautomat des analogen Weltmarktführers. Und mit 400 Euro gar nicht mal teuer... (Foto: Pro-Ject)

Test Pro-Ject A1 – der highfidele Vollautomaten-Plattenspieler

Es gibt eine Angst, die noch kein Psychologe mit einem lateinischen Fachbegriff versehen hat: die Angst vor dem Plattenspieler und der richtigen Bedienung. Hier kommt der Sendbote, der alle erleichtern will: Der vollautomatische Plattenspieler Pro-Ject A1 fegt die Hindernisse hinweg und klingt für seine 400 Euro erstaunlich gut.

Das ist eine echte Zeitenwende. Seit Firmenbeginn hat Pro-Ject einzig manuelle Plattenspieler gebaut. Nun der erste Vollautomat – mit programmatischem Namen, der A1. Wie konnte es dazu kommen? Der Mittelpunkt der Geschichte liegt im Schwarzwald. Hier residiert die Firma Fehrenbacher, die über Jahrzehnte die Plattenspieler für Dual fertigte, später kamen auch Modelle für Thorens hinzu. Alles Auftragsarbeiten.

Nun schwimmt sich Fehrenbacher frei. Keine Frondienste mehr, sondern die Gründung einer ganz neuen Company: Rekkord. Dahinter steht ein schlauer Brückenschlag. Denn die österreichische Audio Tuning Group ist mit eingestiegen, unter der Prämisse, dass die kompletten Produktionskapazitäten von Fehrenbacher hier exklusiv verwaltet werden. Nun muss man wissen, dass zu Audio Tuning auch so große Marken wie Musical Fidelity und eben Pro-Ject gehören. Das Mastermind und der Geldgeber hinter allem ist der umtriebige und höchst geschäftstüchtige Heinz Lichtenegger.

Heimz Lichtenegger
Baut sein analoges Imperium immer weiter aus: Audio Tuning Chef Heinz Lichtenegger hat mit seinem neuen Schwarzwald-Coup nun auch die Technik für halb- und vollautomatische Plattenspieler mit im Portfolio (Foto: R. Voraberger)

Lange Rede, konkreter Sinn: Dual und Thorens by Fehrenbacher sind Geschichte, jetzt gibt es nur noch Rekkord-Plattenspieler. Und einen Ausbüchser. Eben den A1, den Pro-Ject als Sondermodell in Auftrag gegeben hat. Man könnte verwirrt sein. Um die Verwirrung noch etwas anzuheben: Im Markt kursieren damit vier unterschiedliche Namen für eine sichtbar verwandte Basiskonstruktion – Dual, Thorens, Rekkord und nun der Pro-Ject A1. Wir kennen sie alle. Interessant: Die Konkurrenten überbieten sich in unterschiedlichen Finishs, der A1 hingegen kommt in schwarz oder schwarz, basta.

Pro-Ject A1: die technischen Details

Doch Pro-Ject wäre nicht Pro-Ject, hätte der erfolgreichste Plattenspielerhersteller weltweit nicht noch einige Pfeile im Köcher. So baut Dual beispielsweise seine Bodenebene recht luftig, Pro-Ject hat sich hier nach eigenem Bekunden für eine massivere Bauform entschieden. Zudem wird der Teller mit Kunststoff bedämpft und es gibt eine stabilere Headshell hinzu. Der größte Unterschied aber von allen: Der A1 bietet in seinem Inneren einen integrierten Phono-MM-Verstärker an. Das ist mehr als eine nette Zugabe, sondern ein echter Türöffner für jene, die weder über eine im Vollverstärker eingebaute noch externe Phono-Stufe verfügen.

Das Versprechen ist damit vollumfänglich: Keine Angst vor einem Plattenspieler – der A1 soll komplett out of the box funktionieren. Und Pro-Ject hält Wort. Man muss nur noch die Staubschutzhaube aufsetzen und die Befestigung des Tonarms lösen. Sogar das Gewicht ist schon passgenau aufgeschraubt. Klasse auch, dass Pro-Ject hier ein gutes, hochwertiges Phono-Kabel angeschlossen hat. Also einfach den Kontakt zum Verstärker suchen, und das Klangfest kann beginnen.
Was alle genannten Modelle ebenfalls unterscheidet: jeder Hersteller hat sich auf einen unterschiedlichen Tonabnehmer fixiert. So schwört Rekkord in höheren Ausbaustufen auf das wirklich gute 2M Red von Ortofon. Beim gleichen Hersteller kauft auch Pro-Ject an, aber das komplett anders aufgebaute und aussehende OM 10.

Pro-Ject A1 Tonabnehmer Ortofon OM10
Das Ortofon OM 10 ist vorinstalliert. Ein Nadelaustausch ist möglich und damit auch ein Tuning bis zum OM 40 (Foto: Pro-Ject)

Praxis

Was gibt es zu tun? Eigentlich so gut wie gar nichts, jedenfalls kein Hexenwerk: Auspacken, aufstellen, Steckernetzteil einstecken und Kabel zum Verstärker führen. Dann die Lieblingsplatte auflegen, die Umdrehungszahl vorgeben und die Starttaste drücken. Und nun beginnt fast so etwas wie Magie. Der Arm hebt sich aus seiner Halterung, schwenkt exakt auf die Eingangsrille und setzt sich sanft ab. Ist die Plattenseite abgespielt, beginnt der zweite Teil des Zaubers. Der Arm hebt sich, marschiert auf seinen Ausgangspunkt zurück, und der Plattenteller stoppt. Bedeutet aber auch für alle Beatles-Fans: Wir können die innere Rille von Sgt. Pepper mit ihrer Endlosmelodie nicht hören. Eher eine Marginalie.

Bevor wir zum konkreten Klangeindruck kommen, muss ein Vorurteil genannt werden. In manchen Foren gibt es Überzeugungstäter, die fest der Meinung sind, dass Vollautomaten schlechter klingen als rein manuelle Laufwerke. Das ist womöglich richtig. Aber hey: Mit dem Schaltwagen lässt es sich auch etwas schneller auf Hundert kommen als mit der Automatik. Und was fährt sich gelassener? Eben. Es geht um die beruhigende Gewissheit, dass sich der Tonabnehmer am Ende der Platte nicht mit dem nervigen Plop, Plop in der Auslaufrille abhobelt. Und um die schöne Aussicht, selbst nach dem vierten Gin/Tonic den Tonabnehmer zielsicher in die Rille bugsieren zu können – einfach, weil der Pro-Ject A1 das von allein macht.

Pro-Ject A1 Bedienfeld
Vollautomat: Einfach den Hebel auf Start geschoben, schon bewegt sich der Tonarm des Pro-Ject A1 in Richtung Einlaufrille  (Foto: Pro-Ject)

Und was den audiophilen Anspruch angeht: Am A1 klingelt nichts, die Automatik läuft ebenso smooth wie smart und auch die Konstruktion macht einen guten Eindruck. Da habe ich in dieser Klasse schon deutlich dürftigere Angebote gesehen. Gemessen am Preis von 400 Euro habe ich nicht den leisesten Einwand.

Der Pro-Ject A1 im Hörtest

Welche LP kommt mir zuerst zwischen die Finger? Paul McCartney hat vor zehn Jahren ein wundervolles Album aufgenommen: „Kisses on the Bottom“. Das sind seine Lieblingssongs aus Jugendtagen, überwiegend von fremden Komponisten, aufgenommen in den legendären Capitol-Studios in Los Angeles. Alles rein akustisch, mit feinsten Mitstreitern. So greift Eric Clapton in die Saiten und Diana Krall sitzt am Flügel. Das kann man als entspannte Wohlfühlmusik abtun. Aber ein Plattenspieler ist maximal gefordert. Es muss sich Samt und Seide einstellen. Wehe, wenn Stress aufkommt. Genau hier überzeugt der A1. Das hat Charme, da badet man regelrecht in alten Songs und dem hoch beschworenen Vinyl-Feeling. Erstaunlich stark dazu die Basspräsenz, das geht zwar nicht ultratief in den Keller, aber es klingt toll und konturstark, wenn der Kontrabass hinten rechts in der Ecke gezupft wird.

Paul McCartney Kisses on the Bottom Cover
McCartney & Friends: „Kisses on the Bottom“ (Cover: Amazon)

Soweit zum Entspannungsfaktor, schwenken wir um auf die ganz harte Kost. Strawinskys „Sacre du Printemps“ hat bei seiner Uraufführung 1913 in Paris einen Eklat ausgelöst. Strawinsky mutet seinen Hörern völlig neue Harmonie zu und lässt es im zweiten Teil richtig krachen. Da wird es laut, sehr laut. Die beste Aufnahme auf Vinyl? Ich mag die Karajan-Version mit den Berliner Philharmonikern, die ist wunderbar reich an Farben und extrem in der Dynamik. Ob das der kleine Pro-Ject schafft? Überfordern wir ihn? Sagen wir es so: Wir fordern ihn heraus. Klasse gelingt das feine Beben, das Flirren der hohen Streicher. Aber bei den Bassschlägen auf die Große Trommel ist Schluss, da ist der Anschlag der Basiskonstruktion erreicht – da fehlt mir der heftige Druck auf den Brustkorb. Aber ein wirklicher Erfolgsmoment: die Blechbläser schneiden nicht, das hatte Schub, tönte aber nie hart. Soft für die Softis.

Jetzt brauchen wir einen Gegenspieler. Was haben wir denn noch im Fundus und in Gehör? Den Pro-Ject Debut Carbon EVO, der aber rund 100 Euro über dem A1 liegt. Jetzt wird klar, was die passiven Propheten hinausposaunen: Die Automatik frisst halt Geld, das ein Non-Automat direkt in Klang umsetzt. So liegt hier an der Spitze ein Ortofon 2M Red. Wie sagten wir so schön: „fraglos einer der besten MM-Abtaster der 100 Euro Klasse“. Und tatsächlich – das klingt noch eine Spur dynamischer, bei höherer Informationsdichte. Also die Botschaft: Für unsere Faulheit geben wie einige Zentimeter an Klangpräzision auf.

Pro-Ject A1 LowBeats Hörraum
Der Pro-Ject A1 im LowBeats Hörraum – zusammen mit dem Cambridge Audio AX35 und der Quadral Signum 70 (Foto: H. Biermann)

Jetzt aber der Tipp: Die Engstelle des A1 ist der interne Phonoverstärker. Der liegt rechts oben in der Zarge. Die gute Botschaft: Man kann ihn abschalten. Einfach die Filzmatte lüften, dann sehen wir eine ovale Öffnung, die drehen wir auf Nordnordost – und dann erscheint ein winziger Schalter. Aber der Effekt ist groß, wenn wir beispielsweise hundert weitere Euro in eine externe Phonostufe investieren. Pro-Ject selbst legt die Latte hoch, beispielsweise mit der Phono Box E. Da könnten wir sogar direkt am PC unsere Lieblingsplatten hochwertig digitalisieren. Das steigert den Charme.

Pro-Ject A1 Phono-Pre
Unter der Plattenmatte findet sich die Öffnung zum An- oder Abschalten der Phono-MM-Stufe (Foto: Pro-Ject)

Fazit Pro-Ject A1

Es gibt Menschen, die zu Zittern anfangen und gar eine Chance wittern, im Hirn eine Angstsituation mit der Schere wegzuschneiden. So gern würde man mal wieder eine Schallplatte hören. Aber die Justage des Plattenspielers bereitet Pein. Tatsächlich gibt es viele Stellschrauben, die sich zu Fallen ausarten könnten. Pro-Ject trifft mit dem A1 genau den Zahn der Zeit. Einfach aus dem Karton, auf das Sideboard, zwei Griffe und auf Play drücken. Das gelingt fabelhaft. Das hat sogar über die interne und abschaltbare Phono-Stufe den Charakter eines Alleinstellungsmerkmals. Mein Eindruck: Günstiger, besser und stressfreier ist an guten Vinylklang nicht zu kommen.

Pro-Ject A1
2022/03
Test-Ergebnis: 4,5
Überragend
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Klingt angenehm ausgewogen
Maximal unproblematisch, das Gegenteil einer Diva
Alles vormontiert, drei Handgriffe genügen, eingebaute Phonostufe
Günstig

Vertrieb:
ATR – Audio Trade
Schenkendorfstraße 29
45472 Mülheim an der Ruhr
www.audiotra.de

Preis (Hersteller-Empfehlung):
Pro-Ject A1: 399 Euro

Die technische Daten des Pro-Ject A1

Pro-Ject A1
Konzept:Vollautomatischer Plattenspieler mit Phonostufe
Eingebauter Tonabnehmer:Ortofon OM 10 (MM), Nadel tauschbar
Tonarm:ULM-Tonarm, effektiver Länge von 21,1 cm
Besonderheiten:Vollautomat, eingebaute (abschaltbare) Phonostufe
Ausgang:RCA
Abmessungen (B x H x T):43,0 x 13,0 x 36,5 cm
Gewicht:5,6 Kilo (ohne Netzteil)
Alle technischen Daten
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Autor: Andreas Günther

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Der begeisterte Operngänger und Vinyl-Hörer ist so etwas wie die Allzweckwaffe von LowBeats. Er widmet sich allen Gerätearten, recherchiert aber fast noch lieber im Bereich hochwertiger Musikaufnahmen.