Audi R8 Spyder
Kantiger Kurven-Star: Der Audi R8 Spyder vergöttert Serpentinen. Unser Autor Stefan Schickedanz erlebte Auto und Anlage in den Bergen rund um Barcelona (Foto: Alexander Schraufstetter)

Audi R8 Spyder mit V10 und B&O im Test

Glück ist, wenn Du auf Stil stehst und vorm frühmorgendlichen Abflug nach Barcelona im Halbschlaf instinktiv die richtige Jacke rausgekramt hast. Weil die gelben und die roten Roadster nicht zum Cognacbraun meines Wildlederblousons passten, setzte ich mich zielstrebig in einen dunkelgrünen Audi R8 Spyder.

Doch es kam kein Mitfahrer an Bord, weil sich alle Kollegen auf die bunten Renner stürzten. Deshalb konnte ich den ganzen Nachmittag die pure Freude am technischen Vorsprung allein inhalieren. Welches Los ich da gerade gezogen hatte, sollte mir erst während der Fahrt aufgehen. Denn Auto, Anlage und Streckenführung übertrafen sämtliche Erwartungen.

Zwar bin ich bei den meisten in der Szene als der HiFi-Onkel abgespeichert, doch gewöhnlich finde ich einige fundierte Kritik zum rollenden Hörraum, der die Anlage überhaupt erst mobil macht. Nicht so beim Audi R8 Spyder.

Du musst kein Audi-Freak sein, nicht auf Allradantrieb stehen und nicht mal eine Schwäche für Mittelmotorbauweise mitbringen. Dieses Auto ist hochverdichtete Fahrfreude, der letzte der V10s – ein Saugmotor ohne die allgegenwärtige Aufladung.

Zwangsbeatmung gibt es höchstens für die beiden Insassen, die bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h das Stoffverdeck elektrisch öffnen können.

Das Plus an Sauerstoff geht einher mit einer Extraportion Bass. Denn Audi hat sich richtig Mühe gegeben mit dem Sound-System und im Headunit zwei Abstimmungen für offenes und geschlossenes Dach hinterlegt – wie wir seit dem Rolls-Royce Dawn wissen, keine Selbstverständlichkeit …

Doch Audis Ambitionen gingen noch weiter. Gemeinsam mit Bang & Olufsen schufen die Ingolstädter eine aufwändige Beschallung, die auf je zwei Breitband-Lautsprecher in den Kopfstützen setzt.

Wer bei diesem Thema zuerst an den Mazda MX5 denkt, ist entweder zu jung oder wohnt nicht in Stuttgart, wo man schon mal am Tresen mit einem Recaro-Mitarbeiter Benzin reden kann. Bereits 1977 brachten die schwäbischen Sitzspezialisten unter dem Namen RECAROfonie Kopfstützenlautsprecher auf den Markt.

Da ich aber schon lange vor der Vorstellung des neuen R8 Spyder einem Versuchsträger lauschen durfte, weiß ich, welchen Entwicklungsaufwand die Ingolstädter trotz der naheliegenden Idee betrieben, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Schließlich sollen Fahrer und Beifahrer von den kopfnahen Lautsprechern profitieren, sie aber nicht bewusst als Schallquelle direkt hinterm Ohr wahrnehmen.

Audi R8 Spyder: Die Neuerungen

Von der Kopf-Arbeit ganz abgesehen betrieb Audi ebenfalls deutlich mehr Aufwand als beim Vorgänger, dessen Anlage auch schon ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis aufwies.

Beim 300-km/h-Härtetest, den ich für die sportauto schrieb, bügelte sie sogar das kostspieligere System der M GmbH, dem es im BMW M5 bei voller Fahrt an Bass mangelte. Das lag aber nicht an den Chassis, sondern am dynamischen Equalizer aus dem Mutterhaus, welcher daraufhin in Garching feingetunt wurde.

Hier im Stenogrammstil die wichtigsten Features: Das Bang & Olufsen Audio-System im Audi R8 Spyder ermöglicht Surround-Sound-Wiedergabe durch die Verbindung aus 16-Kanal-Verstärker mit einer Gesamtleistung von 550 Watt mit insgesamt 13 Hochleistungs-Lautsprechern inklusive Center-Speaker plus je zwei Breitbändern für die Kopfstützen der Sport- oder Schalensitze.

Für das nötige Fundament sorgen zwei Tieftöner in den Türen plus Subwoofer im Beifahrerfußraum. Und das Beste: Im Spyder und Coupé gehört das B&O System sogar zur Grundausstattung.

Im 610 PS starken R8 Coupé V10 plus kostet das Extra knapp 2.000 Euro, dürfte jedoch von den meisten Käufern dieses Extremsportlers ohnehin eher als unerwünschte Ablenkung beziehungsweise vermeidbarer Ballast angesehen werden.

Virtuelles Cockpit
Das virtuelle Cockpit liefert eine Flut von Informationen auf einen Blick und lässt sich unterschiedlich konfigurieren. Allerdings erinnert es eher an den VW Passat respektive an eine Sony PlayStation als an einen Supersportler (Foto: S. Schickedanz)

Kaum verwunderlich, dass jemand, der auf möglichst große Harmonie von Auto und Kleidung achtet, sich auch bei der Musikauswahl von einem solchen Ausnahme-Auto beeinflussen lässt.

Nachdem ich mein iPhone via USB mit dem Multi Media Interface (MMI) verbunden hatte, wählte ich einen Rap-Song nach dem anderen. Der Kombination haftete etwas Berauschendes an, abgerundet durch die schroff schöne Berglandschaft um Barcelona.

Genau drei Dinge braucht es, um Deine eigene Audi-Dauerwerbesendung zu gestalten: Den R8 Spyder mit geöffnetem Dach, Songs wie „Cosmic Girl“ von Jamiroquai (vom Musikvideo mit dem Lamborghini) oder „Lighters“ von Bruno Mars featuring Eminem (der Song mit dem „Iron Man Audi“) und Serpentinen so weit das Auge reicht.

Das ist ganz großes Kino in 3D, auch wenn die B&O-Anlage wie im Audi TTS mit der 2D-Version des Symphoria-Algorithmus vom Fraunhofer Institut Vorlieb nimmt.

B&O Klänge unter freiem Himmel

Als ich dann das Album Toy von Yello spielte, genoss ich unter freiem Himmel einen genial ausbalancierten Sound mit tollem, nicht übertriebenem Surround-Panorama. Das Album passt zur Abstimmung des B&O-Sounds wie die Keramikbremsen zum sportlich abgestimmten ABS des Audi R8 Spyder.

Fast schien es, die beiden beständigen Schweizer Elektro-Popper  hätten das Album in diesem Auto abgemischt, dessen Klang sich mit einer BeoLab 5 vergleichen lässt, die man auf einen Formel-1-Wagen geschnallt hast.

Der etwas dicke, nicht besonders konturierte Bass arbeitete in diesem Fall nicht gegen, sondern für die Musikabmischung. Die Mitten und Höhen waren trotz des lauten Umfelds sehr fein und ausgewogen.

Die elektronischen Sound-Effekte schwirrten dabei munter rund um einen herum. Eine Pracht! Ich war so begeistert, dass ich mir sogar eine Audi-Sport-Kappe aufsetzte…

B&O System Kopfstützen-Lautsprecher
Die Kopfstützen-Lautsprecher des Bang & Olufsen Systems verbessern nicht nur das Panorama und die Klarheit des Klangbilds. Sie steigern die Sprachverständlichkeit der Freisprechanlage gerade bei offenem Dach (Foto: Audi)

Eine besondere Kostprobe der Kopfstützen-Lautsprecher lieferte mir der Anruf eines Kollegen, den ich mit den Knöpfen am Lenkrad entgegen nahm und über die Freisprechanlage führte.

Das war deutlicher als über viele Limousinen, was unter diesen Bedingungen durchaus beeindruckte. Unter den Knöpfen am Lenkrad finden sich nicht nur solche aus dem Infotainmentbereich.

Wie von Ferrari mit den großartigen Manettino vorexerziert und von Porsche beim neuen Panamera aufgegriffen, gewährt auch der R8 Spyder Zugriff auf die Fahrmodi und ESP-Setups direkt am Volant. Das Setup meiner Wahl für die Tour de Force: Drive-Select-Schalter auf „Dynamic“, Performance-Regler auf „dry“.

Wenn ich mir etwas von der Theorie aus der Fahrschule gemerkt habe, dann war es der Teil der Fahrphysik, wo es um verschiedene Antriebskonzepte ging. Danach war mir klar, dass ich ein Mittelmotor-Fahrzeug haben wollte. Leider verschwieg die Lehrstunde einen wesentlichen Teil der Story.

Der Grenzbereich mag zwar später kommen, aber bei meinem ersten Auto, einem Fiat X1/9 – so einer Art Ferrari für Arme – kam er gnadenlos, was im Laufe von zwei Jahren zu zwei glücklicherweise folgenlosen Drehern führte.

So kannst Du es durchaus als Verbeugung vor Ingolstadt beziehungsweise Neckarsulm, wo der R8 bei der Quattro GmbH entsteht, ansehen, dass ich fast die ganze Fahrt mit deaktiviertem ESP unterwegs war, obgleich ich alles andere als zaghaft mit Gas und Bremse umging.

Audi R8 Spyder
Go green. Ein Ausflug mit dem grünen Spyder in die Bergwelt bei Barcelona ist ganz großes Kino. Das B&O Sound-System liefert mit seinen Kopfstützen-Lautsprechern den passenden Soundtrack (Foto: S. Schickedanz)

Zugeben: Vor der Fahrt hatte ich nie ganz verstanden, warum Audi das Mittelmotor-Konzept mit einem Quattro-Antrieb kreuzt. Schließlich setzen die Allrad-Vorreiter sinnigerweise den Seriensieger R8 LMS in der VLN-Meisterschaft auf der Nürburgring Nordschleife mit Hinterradantrieb ein!

Doch ich muss sagen, die 20 Prozent Antriebsleistung an der Vorderachse bekommen dem Spyder äußerst gut und treten in der für Audi-Verhältnisse extrem gefühlsechten Lenkung nicht negativ in Erscheinung. Im Gegenteil, es entsteht eine schier magische Mischung.

Klar, es gibt immer Muffel und Neider, die Sportwagen als Verlängerung gewisser Körperteile ansehen, und dieser Roadster gibt ihnen gewissermaßen Recht.

Der Audi R8 Spyder scheint die direkte Fortsetzung der Nervenstränge zu sein. Er setzt Deinen Willen so trägheitslos um, als sei er mit Dir verwachsen. Dabei scheint er sogar Deine Gedanken lesen zu können.

Dem Allrad-System kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Mit seiner elektrohydraulischen Lamellenkupplung an der Vorderachse gestattet es ganz nach Fahrsituation und Gripverhältnissen die vollvariable Verteilung der Antriebsmomente auf Vorder- und Hinterachse.

Im normalen Betrieb übertragen die Hinterräder 100 Prozent der Leistung. Bei Bedarf leitet eine elektrohydraulische Lamellenkupplung die Antriebskraft stufenlos bis zu 100 Prozent auf die Vorderachse um.

Das mechanische Sperrdifferenzial an der Hinterachse leistet ebenfalls einen wertvollen Betrag zur möglichst schlupffreien Kraftübertragung auf die Fahrbahnoberfläche.

Der Fahrtest: Flacher, schneller, Audi R8 Spyder

Du darfst nur nicht groß überlegen und keine Angst haben vor dem knapp 1,8 Tonnen schweren, 540 PS starken Boden-Geschoss. Im Audi R8 Spyder musst Du instinktiv reagieren wie mit Skiern in der Halfpipe. Oder wie mit dem Skeleton-Schlitten im Eiskanal, wo so wenig Zeit zum Denken bleibt, dass die meisten Fahrer sich anschließend an nichts mehr erinnern.

Also im möglichst niedrigen Gang der automatischen Siebengang-S-tronic bleiben und feste Gas geben. Ich fuhr übrigens die ganze Zeit im manuellen Modus und nutzte die Paddel am Lenkrad.

Die Kombination aus zweitem oder drittem Gang, Quattro mit vollvariabler Momentenverteilung und reichlich Zug an den Antriebsrädern macht den Audi zu einer Art Schweizer Taschenmesser auf Rädern.

So kannst Du Dich mit dem R8 Spyder mit Gas in die Kurve hineinziehen oder mit abartigem Speed wieder herausziehen. Wo andere noch lupfen, bist Du schon längst wieder auf dem Gas.

Wenn Du vor engen Spitzkehren noch einen Wimpernschlag länger auf der Bremse bleibst und dabei schon mit dem Einlenken beginnst, dreht der nicht gerade leichte Sportler in die Kurve ein wie ein Go-Kart. Das ist die reinste Choreografie der Geschwindigkeit. Nur noch zu steigern mit den richtigen Songs aus den Lautsprechern.

Audi R8 Spyder
Grüne Völle: Mit über 500 PS und fettem Bass bastelt man sich in den Bergen bei Barcelona den perfekten Audi-Werbespot. Unser Autor setzte sogar die Audi-Sport-Kappe auf (Foto: Alexander Schraufstetter)

Während die Anlage im Keller fast schon zu viel anschiebt, wirkt der Motor Kraft seiner 5,2 Liter Hubraum unten heraus zwar nicht gerade lahm, doch erst ab zirka 5.000 Touren legt er sich ernsthaft ins Zeug.

Moderne Turbo-Triebwerke wie im BMW M 140i liefern mit 500 Nm bei 1.550 U/min schon knapp über Leerlaufdrehzahl mächtig Durchzug.

Doch sie fühlen sich beim Lastwechsel immer ein wenig nach dem Gummiband eines Katapults an, das Dich beschleunigt. Beim Audi R8 Sypder spürst Du dagegen im oberen Drehzahlbereich die 540 Newtonmeter wie eine mächtige Stahlfaust im Rücken. Das rockt.

Dazu brüllt der deutsche Tenor mit den italienischen Anleihen gerade bei gedrückter Sportauspufftaste – bei gewöhnlichen Motoren eigentlich ein No-Go in meinen Ohren – wie ein Formel-1-Bolide auf der Rennstrecke.

Immerhin dreht er ja auch 8.500 Touren und tummelt sich damit in einem Bereich, der Turbomotoren allenfalls im Motorsport vorbehalten bleibt.

Der letzte seiner Art: Schade, dass es solche prächtigen, natürlich beatmeten Motoren jetzt schon kaum noch zu kaufen gibt und über der Zukunft des Verbrennungsmotors ohnehin düstere Wolken aufziehen. Zumal der Spiegel in einem Beitrag über die Modellpolitik von Audi die Zukunft der R8-Baureihe in Frage stellt. Fast überkam mich das melancholische Gefühl, dem äußerst sonoren Schwanengesang einer aussterbenden Art zu lauschen.

Mit offenem Dach vor dem Panorama der Bergmassive um Barcelona oder wahlweise mit Meerblick ein Gefühl, das in wenigen Stunden einen ganzen Urlaub ersetzen kann. Nicht zu vergessen die musikalische Untermalung durch Songs, die dem Audi und seinem fett abgestimmten B&O-System auf den Leib geschneidert sind.

B&O System Subwoofer im Beifahrer-Fußraum
Die vorderen Tür-Bässe des B&O Systems erhalten Unterstützung durch einen Subwoofer im Beifahrer-Fußraum. Das groovt gewaltig (Foto: Audi)

Angesichts des Virtual Cockpits, in dem die klassischen Rundinstrumente durch ein hochauflösendes Display ersetzt werden, findet wie schon im Audi TTS ein völlige Verschmelzung des Infotainments mit dem Fahrzeug statt.

Du kannst Tacho und Drehzahlmesser schrumpfen und im Hintergrund eine Mischung aus Google-Maps und Navi-Karten laufen lassen.

Oder Du bläst den Drehzahlmesser wie bei Porsche, wo die zentrale Positionierung Teil der sportlichen DNS ist, auf Riesengröße auf. Trotzdem siehst Du auf dem Display auch Wissenswertes zum Infotainment, das gut zu bedienen ist und mit Apple CarPlay aufwartet.

Allerdings kann dieses Mäusekino für echte Auto-Enthusiasten unter emotionalen wie ästhetischen Aspekten keinesfalls mechanische Instrumente ersetzen – zumal das Design fast 1:1 dem biederen VW-Passat entspricht.

Sehr gut finde ich dagegen, dass die aus anderen Ingolstädter Fahrzeugen bekannte Phone-Box Einzug hielt. Hier tut sich Audi ohnehin positiv hervor, weil das Handy in diesem Fach die Besatzung durch geringe SAR-Werte schont und gleichzeitig von der höheren Empfangsleitung der Fahrzeugantenne profitiert. Laden ist entweder induktiv nach dem Qi-Standard oder via USB möglich.

Besonderes Lob verdienen sich die Audianer durch die automatische Sprachwarnung, wenn Du die Tür öffnest und Dein Handy vergessen hast – für Menschen wie mich wie geschaffen.

Damit Du die Fahrt im R8 Spyder nicht so schnell vergisst, spielt einem das MMI zum Abschied noch das Herzklopfen aus der Audi-Werbung ein. Dieses kleine Gimmick unterstreicht noch einmal den hohen Stellenwert, den Klänge beim Horch-Nachfolgeunternehmen besitzen.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Manchmal kann man von den alten Hasen der Autotester-Riege noch etwas lernen. Fast wäre ich nur mit einem marginalen Kritikpunkt nach Hause gereist.

An diesem bemerkenswert ausgereiften und ausgewogenen Aushängeschild eines jungen ambitionierten Entwickler-Teams fiel mir neben dem verspielten Passat-Cockpit lediglich die primitive Tankanzeige negativ auf.

Die Leucht-Dioden-Lösung störte mich schon bei meinem Cooper S und wirkt in einem Supersportwagen wie dem Audi R8 Spyder erst recht billig.

Doch dann fuhr ich als Beifahrer mit Tester-Urgestein und Buchautor Jürgen Lewandowski zum Flughafen. Dabei konnte ich über den vermeintlich perfekten R8 noch etwas lernen.

Nicht etwa wie man noch wilder um die Ecken fährt oder mit Speed über die Autobahn brettert. Ich glaube, nicht mal der Dalai Lama wäre angesichts dieser Rakete ruhiger und besonnener geblieben.

Aber der Mann misst 1.95 Meter und befand sich daher permanent jenseits des Grenzbereichs der Sitzeinstellung. Sollte Clint Eastwood noch mal einen Western drehen und dabei sein Schlachtross gegen ein Pony eintauschen, dann würde es wohl ein ähnliches Bild abgeben.

Mit stark angewinkelten Beinen und dem Lenkrad im Schoß saß der Kollege auf dem bis zum Anschlag zurückgestellten Fahrersitz, was ihn bemerkenswerterweise aber gar nicht störte.

Muss ehrlich sagen, in einer solchen Bobby-Car-Haltung hätte ich panische Angst vor jeder Vollbremsung oder Bodenwelle gehabt. Jedenfalls war ich selten so froh, mit 1,75 Meter nur zu den Durchschnittseuropäern zu gehören.

Zu Hause angekommen, tauschte ich mich noch via Mail mit Dr. Ian Kuah über den Audi aus. Er nannte einen nicht ganz unwesentlichen Kritikpunkt, der bei mir allerdings zwei zentrale Fragen aufwarf:

Wie hart muss Ian den Spyder rangenommen haben und wie gut muss erst die von ihm für absolut perfekt befundene geschlossene Variante des R8 sein?

Mein britischer Freund empfand den Spyder im Vergleich zum Coupé (die Links führen zu seinen Tests auf 9tro.com) als zu wenig verwindungssteif, weshalb Vorder- und Hinterachse bei extremer Fahrweise nicht harmonierten.

Und er schaffte es offenbar, den extrem hoch angesiedelten Grenzbereich, den ich immerhin in den Serpentinen zart streichelte, zu überschreiten.

Woher sollte der international bekannte Heißsporn sonst wissen, dass der Über-Audi am Ende wohl doch – mein X1/9 lässt grüßen – abrupt von Unter- in Übersteuern wechselt?

Audi R8 Spyder
Exklusives Vergnügen: Weil sich unser Autor Stefan Schickedanz seinen Testwagen passend zum Outfit auswählte, musste er ihn nicht teilen. Die Kollegen stürzten sich auf die gelben, roten und blauen Audi R8 Spyder (Foto: Alexander Schraufstetter)

Fazit: Audi R8 Spyder

Unterm Strich runden aber auch Ians Anmerkungen das durchweg positive Bild vom Audi R8 Spyder nur ab. Audi hat sich selbst übertroffen.

Eine volldigitalisierte High-Tech-Maschine, die sich trotz virtuellem Cockpit so gefühlsecht und analog fahren lässt, verdient höchsten Respekt, ganz gleich ob jemand bei süddeutschen Supersportwagen gewöhnlich zuerst an Porsche oder AMG denkt.

Mit dem rasanten V10-Roadster hat sich Audi selbst überholt. Der Vorgänger, den ich in der geschlossenen Variante fahren konnte, fühlte sich dagegen am Volant richtiggehend rustikal an und konnte auch in Sachen Klangintensität, Dynamik und Bandbreite nicht mithalten.

In einer Limousine hätten wir den Lautsprechern übrigens höchstens vier Sterne gegeben, aber als aufpreisfreie Dreingabe bei einem kompromisslosen Spaß-Gerät wie dem R8 gibt es fast die maximale Klangpunktzahl.

Mit dem B&O Audi-System und seinen Kopfstützen-Lautsprechern haben auch die Klangtüftler ihre Hausaufgaben gemacht. Sie widerstanden der Versuchung, die mit großem Aufwand perfektionierten Treiber hinter den Ohren explizit in Erscheinung treten zu lassen.

Man nimmt dieses tolle Extra bewusst kaum wahr, weidet sich aber an einer plastischen Räumlichkeit, hoher Klarheit selbst bei Vollgasorgien unter freiem Himmel und profitiert von exzellenter Sprachverständlichkeit beim Telefonieren mit der Freisprechanlage.

Allerdings führen die beiden Klangabstimmungen für offenes und geschlossenes Dach zu einem Interessenkonflikt. Als Audiophiler würde ich die ganze Zeit nur geschlossen fahren, um einen trockeneren Bass zu genießen.

Als Auto-Liebhaber würde ich das Dach sogar im Regen auflassen und somit die volle Dröhnung aus Panoramablick, Motorsound-Kick, frischer Luft und Disco-Bass zu inhalieren.

Doch wie so oft in solchen Fällen nimmt mir meine Brieftasche die lästige Entscheidung ab.

Denn wenn Du nicht knapp zwei Meter groß bist oder keine knapp 200.000 Euro übrig hast, gibt es einfach kein Argument gegen den grandiosen Audi R8 Spyder.

Ähnliche Beiträge:
3D-Hörtest im neuen Audi A4 2.0 TFSI Ultra
Tracktest Audi TTS mit B&O Symphoria-Sound
Test Rolls-Royce Dawn mit Bespoke Audio
Test BMW M 140i xdrive mit Harman-Kardon
Fahrtest Mazda MX5 mit Bose-Sound
McLaren 570S mit B&W: Test von Dr. Ian Kuah

Fraunhofer Symphoria: 3D-Klang vom MP3-Erfinder

Audi R8 Spyder mit B&O Sound
2016/11
Test-Ergebnis: 4,9
Überragend
Bewertung
Anlage
Auto
Spaßfaktor

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Natürliche Stimmwiedergabe mit Musik, perfekte Sprachverständlichkeit mit Freisprechanlage
Differenzierter und für Cabrio-Verhältnisse räumlicher Klang
Extrem agiles Fahrverhalten, standfeste, perfekt dosierbare Keramikbremsen, exzellente Traktion, hoher Grenzbereich
Gerade mit offenem Dach weicher und etwas zu üppiger Bass

Preis (Herstellerempfehlung):
Audi R8 Spyder ab 179.000 Euro
inkl. B&O Sound System

Vertrieb:
Audi AG
85045 Ingolstadt
www.audi.de


Autor: Stefan Schickedanz

Stefan Schickedanz
Schneller testet keiner. Deutschlands einziger HiFi-Redakteur mit Rennfahrer-Genen betreut bei LowBeats den Bereich HiFi im Auto sowie die Themengebiete Mobile- und Smart-Audio.