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Johnny Depp mit seiner VDB Uhr
Von Erfurt nach Hollywood: Superstar Johnny Depp posiert öffentlich mit seiner Vintage VDB aus Erfurt. (Foto: VDB)

Vintage VDB Uhren aus Erfurt: Wo geht’s nach Hollywood?

Was haben harte Kerle wie der Schlittenhunde-Rennfahrer Hugh Neff oder die Jungs von Kiss und der Sänger von Rammstein gemeinsam? Wer sich ernsthaft mit Armbanduhren auskennt, dem wäre die naheliegende Antwort „sie sind Weltstars“ zu trivial. Er könnte womöglich auf eine nur Insidern bekannte Marke mit einem schlichten Kürzel verweisen. Sie alle und noch weitere Prominente aus Film, Musik und Sport besitzen Uhren von Vintage VDB. Nun klingt das für sich genommen noch nicht spektakulär.

Traditionsmarken wie Breitling oder Rolex können Legionen von Weltstars auffahren, die ihre Produkte tragen und bewerben. Doch, wenn sich hinter den drei Buchstaben ein Kleinbetrieb aus Thüringen versteckt, der erst vor gut zehn Jahren an den Start ging, dann will Mann einfach mehr darüber wissen. So ging es mir jedenfalls, nachdem ich bei der Munich Time Messe im letzten Herbst durch meinen Kollegen Falk Visarius auf die Marke aufmerksam gemacht wurde. Die VDB-Story ist ein Lehrstück in drei Akten.

Vintage VDB: das Abenteuer wartet mitten in Erfurt

Um dem Geheimnis der bisweilen martialisch wirkenden Uhren mit ihrem mal mehr, mal weniger ausgeprägten Macho-Look auf den Grund zu gehen, muss man sich nach Erfurt begeben. In der Thüringer Landeshauptstadt liegt das Epizentrum der Marke, deren Kürzel für „Vintage Daily Beater“ steht  also für Vintage-Uhren, die man jeden Tag tragen kann. Für funktionales Design, für ein robustes Instrument, das auch unter widrigen Bedingungen zuverlässig und präzise die Zeit anzeigt. 

Genau so eine Uhr suchte der Gründer Stephan Obst, aber fand sie nicht – zumindest nicht für den Preis, den er sich als Angestellter leisten konnte. Doch dann wurde es am Ende sogar richtig teuer. Der Feinmechaniker wählte einen Weg, den vor ihm schon Pioniere wie Ferdinand Porsche, Dieter Burmester oder Amar G. Bose beschritten: Er beschloss, das Objekt seiner Begierde selbst zu bauen. Zu der Zeit trieb sich der talentierte Tüftler in seiner Freizeit gerne in einem großen Onlineforum zum Thema Uhren herum.

VDB TROOP MS KOMPASS
Unter den handgemachten Uhren von VDB befindet sich in einstelliger Auflage auch diese Uhr mit integriertem Kompass auf der Mittelachse. Die Kleinstserie ist längst ausverkauft (Foto: VDB)

Er begann mit Konstruktionszeichnungen und stellte seine Entwürfe im Forum vor. Dass er sich daraufhin im Zentrum einer kontroversen Diskussion wiederfand, muss erst recht seinen Pioniergeist geweckt haben. Statt aufzuhören, machte er sich wie besessen an die Umsetzung. Schließlich hatte er in den Neunzigerjahren als Rennmechaniker im Team seiner ersten Frau, der bekannten deutschen Rad-Vize-Meisterin Vera Hohlfeld, bereits erfolgreich bewiesen, dass er komplexe Materie beherrscht – etwa durch das leichteste regelkonforme Rennrad der Welt. Dieses immense Wissen floß in seine erste eigene Uhrenkonstruktion mit ein.

VDB 1: Vom Ladenhüter zur Wertanlage

Das war die Geburtsstunde der VDB 1. In der Folge war Obst bereit, sein ganzes beschauliches Leben aufzugeben. Er arbeitete seit 2002 in einem von Radsportlern aus ganz Mitteldeutschland geschätzten Fahrradgeschäft als Mechaniker und genoss unter Profis einen exzellenten Ruf. Dafür ließ er die Chance verstreichen, für ein sehr bekanntes deutsches Radsportteam zu arbeiten. Er wollte nicht aus dem Koffer leben, sondern lieber in seiner Komfortzone bei vertrauten Menschen in Thüringen bleiben. Die blieb ihm schließlich bis heute erhalten. Doch ansonsten krempelte Obst nach einigen Jahren in dem von Wolfgang Kühn, einem der besten DDR-Radsportler, geführten Betrieb sein ganzes Leben um. 

Er verkaufte sogar seinen Opel Zafira, um das nötige Startkapital für sein Leben als Uhrenhersteller aufzutreiben, obwohl seine zweite Frau Tanja gerade schwanger war. Wie wir heute wissen, ging diese Wette auf die Zukunft auf. Doch danach sah es zunächst überhaupt nicht aus. Kein Mensch wollte ihm seine erste Kreation zum regulären Preis abkaufen. Obst hatte gerade formal seinen Job im Fahrradgeschäft gekündigt und hielt sich vor allem mit dem Gründerzuschuss am Leben. Im Gespräch mit Familie und Freunden ließ er keinen Zweifel: „Ich will das machen.“ Manch einer versuchte, ihn davon abzubringen, Einmal hieß es „Lass das! Bist Du verrückt?“ Mal hieß es: „Ausgerechnet Uhren, die gibt es heute an jeder Ecke. Wenn ich bei Aral für 100 Euro tanke, kriege ich auch eine Uhr.“ Solchen Kritikern entgegnete Stephan Obst: „Ihr wisst nicht, was eine gute Uhr ist.“ 

VDB-Gründer Stephan Obst im Atelier
Feinmechaniker Stephan Obst gründete Vintage VDB im Alleingang. Heute erhält er Unterstützung von zwei Uhrmachern und einem weiteren Mitarbeiter (Foto: VDB)

Ein Freund mit Marketingerfahrung bot an: „Wenn Du das willst, ich bin frei im Moment. Ich helfe Dir ein bisschen. Aber ich möchte wissen: Willst Du einfach nur Uhren bauen, oder willst Du eine Marke etablieren? Für den ersten Weg brauchst Du nur Dich selbst. Das Internet wird immer stärker, es gibt heute Plattformen, wo Du geile Sachen, die Du produziert hast, einstellen kannst.“ Obst entgegnete: „Ich will schon eine Marke“ – eine wichtige Erkenntnis auf dem Weg zum Erfolg.

Der Aufstieg der Marke aus Thüringen gestaltete sich allerdings anfangs immer noch mühsam. Zunächst lag der Fokus auf Deutschland. Doch selbst dieses beschränkte Gebiet erwies sich als schwieriges Terrain. Keine der acht VDB 1 mit DDR-Glashütte-Spezimatik-Werk ließ sich zum vollen Preis von 2.600 Euro verkaufen. Potenzielle Käufer stellten sich die Frage: Gibt es die Firma in zwei Jahren überhaupt noch? Wie ist das dann mit einer Reklamation?

Gründer haben’s schwer

Der Entrepreneur überlebte nur über den Gründerzuschuss. Heute bezahlt man für eine VDB 1 zwischen 10.000 und 12.000 Euro. Stephan Obst kaufte vor zwei Jahren sogar eine zurück – für fast 9.000 Euro. Denn für ihn selbst blieb ursprünglich keine übrig. Anfangs musste er, wenn er Material eingekauft und verbaut hatte, auch jede Uhr verkaufen.

Im Rahmen der Presse- und PR-Arbeit kam es zu Szenen, die Stephan Obst als Nachtreten empfand. Er schickte eine Pressemeldung an eine Koryphäe bei einem führenden Uhrenmagazin. Die barsche Antwort: „Wenn sie mir eine korrekte und wunderbare PM schicken – das können ja schon viele nicht – über eine Bahnhofsuhr mit einem Ledergürtel dran, dann glauben Sie doch wohl nicht, dass ich darüber berichten werde.“ Das saß.

Obst schmunzelt: „Heute ist dieser Mann bestens informiert, was wir tun. Aber ich habe ihm nie gestattet, über uns zu schreiben. Einmal im Jahr fragt er, warum ich so nachtragend bin.“

Die Taucheruhr VDB P 1000 kann mit ihrem Heliumventil 1000 Meter tief tauchen. Außerdem widersteht sie Magnetfeldern von etwa 80000 A/m. Der Preis der Kleinserie liegt je nach Ausführung im mittleren vierstelligen Bereich (Foto: VDB)

Vintage VDB startet durch

Trotz aller Startschwierigkeiten war Entwickler Obst zufrieden mit seinem Erstlingswerk. Er hatte Zuspruch erhalten. Nicht viel, aber immerhin. Nach dieser Erfahrung kam es im engsten Kreis zu Diskussionen um die Ausrichtung von Vintage VDB. Stephan Obst schwebten weiterhin handgefertigte Kleinstauflagen vor. Seine Unterstützer warnten: „Kann man machen, überleben wir aber nicht.“

Obst ächzte: „Ich will eine Uhr in Handarbeit herstellen und jetzt heißt es, ich soll 500 Stück machen? Das schaffe ich doch gar nicht. Das Jahr hat doch nur 365 Tage.“

Seine Sorge: „Dann wird doch die Uhr wie das, was ich schon kaufen kann. Das ist nicht meine Uhr!“ Ein Freund, der Obst im Marketing unterstützte, forderte jedoch mehr Vielfalt und eine niedrigere Einstiegsschwelle. Er wählte dazu einen Vergleich mit Einstiegsdrogen: „Wie willst Du jemandem harten Stoff verkaufen, wenn er vorher nicht einmal gekifft hat?“

Der drastische Vergleich zeigte bei Stephan Obst die gewünschte Wirkung. 2010 entstand daraus die Philosophie der drei Säulen von VDB, die sich selbst in der Dreiteilung auf der Website spiegelt.

Von der Taucheruhr Vintage VDB 2018 wurden weniger als 200 Exemplare in verschiedenen Ausführungen hergestellt und zu zu Preisen zwischen 1.000 und 2.000 Euro angeboten. Nur die auf fünf Exemplare limitierte Carbon-GMT-Variante mit ETA Automatikwerk kostete über 3.000 Euro und war schnell vergriffen. Die ebenfalls schwarze Variante aus Metall mit PVD-Beschichtung und normalem ETA 2824-2 (links) ist aber noch zu haben (Foto: F. Visarius)

2011 kamen die jährlich neu aufgelegten Serienuhren in einer limitierten Auflage von 100 bis 200 Exemplaren (heute 100 bis 120) ins Portofolio. Diese werden in Handarbeit bei Vintage VDB von Stephan Obst und einem weiteren Mitarbeiter zusammengebaut. Ihre Gehäuse und Lederbänder kommen jedoch von Zulieferbetrieben aus der Region, die sonst allerdings nichts mit Uhren zu tun haben.

Die Vintage-Werke werden von selbständigen, hochqualifizierten Uhrmachern bearbeitet, von denen einer zu den erfahrensten und besten im ganzen Land zählt. Obst ist kein Uhrmacher, er macht Gehäuse und Zeiger. Außerdem baut er die ersten fünf Prototypen, dann fertigt ein deutscher Partner aus der Metallindustrie nach diesem Vorbild die Seriengehäuse. 2012 entstanden dann noch auf Basis dieser Serienuhren erste modifizierte Ableger in ganz kleinen Auflagen. Die Lederbänder kommen wie die meisten Teile aus der Region, in dem Fall vom Maßschuhmacher Mario Thieme („Jakob F.“) aus Erfurt.

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