Hegel H120 OLED display
Hegels neuester Streich ist der Netzwerk-Vollverstärker H120. Hier stimmt alles: Design, Leistung, Klang und nicht zuletzt der Preis: 2.600 Euro (Foto: J. Schröder)

Test Streaming-Vollverstärker Hegel H120 – klare Kante

Was bewegt Musikliebhaber, sich nach einen neuen Vollverstärker umzuschauen? Die einen, dass sie an ihrem jetzigen Gerät ein wichtiges Feature vermissen – beispielsweise einen Streaming Client. Die anderen, dass ihnen ein neuer Amp noch intensivere Klangerlebnisse bescheren soll – beispielsweise mit außergewöhnlicher Technik. Der hier vorgestellte Vollverstärker Hegel H120 lockt gleich beide Käuferschichten zum HiFi-Händler. Zum einen verfügt er über einen integrierten, Roon-fähigen Streamer. Zum anderen verspricht er dank ungewöhnlicher, patentierter Schaltungstechnik außergewöhnliche Klangqualität.

Im Vollverstärker-Line Up des norwegischen HiFi-Spezialisten Hegel löst der H120 seinen direkten Vorgänger Hegel Röst ab. Ebenso wie dieser verfügt auch der H120 über eine Nenn-Ausgangsleistung von 2 x 75 Watt an 8 Ohm. Der H120 wäre freilich nicht von Hegel, würde er nicht ebenso aussehen wie sein Vorgänger. Wie das „Familienfoto“ in der nachfolgenden Galerie zeigt, kann schließlich keiner der jemals gebauten Hegel-Amps seine Abstammung leugnen. Ehrensache daher, dass auch der Hegel H120 im schwarzen und weißen Finish erhältlich ist.

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Hegel H120 with ir remote
Alles drin – alles dran: Trotz seines aufgeräumten Erscheinungsbilds hat der Hegel H120 alles Wichtige an Bord – beispielsweise auch einen Kopfhörerausgang, der von einem eigenen Verstärkerbaustein gespeist wird (Foto: J. Schröder)
Hegel H120 Ambiente
Besonders in der weißen Ausführung kann der H120 im passenden Wohnumfeld optische Akzente setzen (Foto: Hegel)
Co-Founder Anders Ertzeid at Hegel Museum
Hegel-Vize Anders Ertzeid im „Hegel Museum“: Konsequenter lässt sich Formensprache kaum umsetzen (Foto: J. Schröder)
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Ebenfalls in bester Hegel-Tradition zeigt sich der H120 äußerst solide gebaut und top verarbeitet. So besteht sein Gehäuse aus robustem Stahlblech, während die konvex geschwungene Frontplatte aus einem massiven Stück Aluminium gefertigt ist. Von hoher haptischer Qualität zeigt sich auch die mitgelieferte Infrarot-Fernbedienung. Die winzigen Tasten auf ihrer Oberfläche sind eher Geschmacksache. Immerhin bieten sie einen spürbaren Druckpunkt.

Interessant ist die Firmenphilosophie, die Hegel-Vize Anders Ertzeid zusammenfassend so formuliert: „Jedes Bauteil, das dem Klang nicht dienlich ist, lassen wir weg.“ So ist die Tatsache, dass der Hegel H120 auf drei Füßen ruht, denn auch kein Statement im Sinne von: „Drei Füße klingen besser als vier“. Sondern vielmehr „Drei Füße klingen nicht schlechter als vier.“ Diese Reduktion aufs Wesentliche beweist der Hegel H120 auch an anderen Stellen.

Basis – die Hegel SoundEngine

Prägendes Merkmal aller Hegel-Amps ist ihre spezielle Schaltungstechnik, „SoundEngine“ genannt. Im H120 ist sie in ihrer jüngsten Generation implementiert. Gegenüber dem ursprünglichen Patent von Hegel-Mastermind Bent Holter aus dem Jahre 2001 finden sich hier einige nicht ganz unwichtige Veränderungen.

Hegel Besuch Übermahmeverzerrungen
Beim LowBeats Besuch bei Hegel erklärt Bent Holter die SoundEngine (Foto: H. Biermann)

Besonders anschaulich zeigt sich die Wirkungsweise von SoundEngine im Vergleich zu herkömmlichen Analog-Verstärkern. Eine Schlüsselrolle hierbei spielt die Gegenkopplung (negative Feedback) – das gängige Patentrezept zur Verbesserung nahezu aller Verstärkereigenschaften. Üblicherweise erfolgt diese als sogenannte Über-Alles-Gegenkopplung für die jeweilige Verstärker-Baugruppe (Phono Stage, Pre-Amp, Endverstärker). Die Gegenkopplungsschleife enthält dabei meist mehrere, verstärkende Elemente (Transistoren, Röhren).

Anders geht dagegen die Schaltungstechnik der Hegel Amps vor. Ähnlich dem Antischall-Prinzip bei Noise-Cancelling-Hörern bewirkt SoundEngine eine „subtraktive Verzerrungskompensation“. Das Prinzip dahinter: Zieht man das Eingangssignal einer Verstärkerstufe von ihrem (um den Verstärkungsfaktor reduzierten) Ausgangssignal ab, so erhält man als Differenz die in dieser Stufe erzeugten Signalverzerrungen. Fügt man dieses Differenzsignal hernach mit invertierter Phasenlage dem Ausgangsignal wieder hinzu, so löschen sich die auftretenden Verzerrungskomponenten – zumindest theoretisch – komplett aus.

Ob statisch oder dynamisch – prinzipbedingt ist es dieser Methode weitgehend egal, auf welche Weise die Signalverzerrungen zustandekommen. Damit eignet sie sich auch für besonders kritische Verstärkerelemente – beispielsweise die Gegentakt-Ausgangsstufen mit ihren typischen Übernahmeverzerrungen. An dieser Stelle liegt meiner Ansicht nach denn auch das größte Potential der Hegel’schen SoundEngine. Weil sie von Haus aus keine Über-Alles-Gegenkopplung erfordert, können Last- und Steuerstrom-Kreislauf im Verstärker unabhängig voneinander agieren. Somit kann die vom Lautsprecher kommende Gegen-EMK keine Rückwirkungen auf die empfindlichen Eingangsstufen ausüben.

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Hegel H120 main board
Innenleben des H120: Kein Show-Layout, sondern elektrisch sinnvoller Schaltungsaufbau beherrschen das Bild. Bei der Auswahl der Ringkern-Transformatoren entschieden ausgiebige Hörtests (Foto: J. Schröder)
Hegel H120 Output Stage
Gegentaktendstufe im H120: Hegel-Mastermind Bent Holter setzt überzeugt auf Bipolar-Endtransistoren von Toshiba (Foto: J. Schröder)
Hegel H120 volume control
Als Lautstärkesteller verwendet der H120 einen integrierten, analogen CMOS-Baustein vom Spezialisten Japan Rectifier Company (Foto: J. Schröder)
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Unterstützt wird dies durch die Tatsache, dass Last- und Steuerstromkreis über jeweils eigene Stromversorgungen einschließlich separater Transformatoren verfügen. DualPower heißt diese Technik im Hegel-Jargon. Sie findet sich selbstverständlich auch im H120.

Digitales

Ein wesentlicher Kaufanreiz beim neuen Hegel H120 ist fraglos sein Roon-tauglicher Streaming Client. Zun Testzeitpunkt gelang die netzwerkbasierte Einbindung als Roon-Endgerät allerdings nur via Airplay-Protokoll. Von Anders Ertzeid war jedoch aktuell zu erfahren, dass sich ein entsprechendes Firmware-Update auf das kompromisslose Roon-Übertragungsprotokoll R.A.A.T. bereits im Landeanflug befindet.

Bis es soweit ist, braucht der Streaming Client im Hegel H120 jedoch nicht ungenutzt bleiben. Als UPnP-taugliches Device kann er nämlich von jedem DLNA-kompatiblen NAS Musik wiedergeben – im einfachsten Fall also von einem USB-Stick, eingestöpselt in eine AVM FritzBox. Auf dem Spielplan stehen außerdem noch das bereits erwähnte Airplay sowie Spotify connect. Bei allen gilt jedoch: Netzwerk-Einbindung via Ethernet-Kabel ist Pflicht – „gefunkt“ wird aus Qualitätsgründen weder WLAN noch Bluetooth.

Sind Apps dem Klang dienlich? Nicht wirklich – darum verzichtet Hegel auch auf eine eigene. Vielmehr überlässt man dieses „Spielfeld“ gern Spezialisten, die sich hier schon seit vielen Jahren profilieren – beispielsweise JRiver Remote, PlugPlayer oder BubbleUPnP.

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DAC AK4490
Anders als sein Vorgänger Röst verwendet der H120 als DAC-Chip nun den AK4490 von Asahi Kasei (Foto: J. Schröder)
ASRC chip
Fürs digitale Upsampling ist der ASRC-Baustein AK4127 zuständig. Upsampling erfolgt beim H120 stets synchron als Vielfaches der jeweiligen Abtastfrequenz. Das erlaubt die Konvertierung mit höchstmöglicher Präzision (Foto: J. Schröder)
Spotify connect/airplay controller
Gefunkt wird nicht: Das WiFi-Modul im H120 ist lediglich für die Integration von Spotify connect und Airplay zuständig (Foto: J. Schröder)
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Gründlich überarbeitet im Vergleich zum Röst präsentiert sich die D/A-Wandlerabteilung des Hegel H120 – natürlich ganz im Sinne der Hegel’schen Reduktionsphilosophie. Computer-USB ja – aber nicht um jeden Preis: Für uneingeschränkte Hi-Res-Wiedergabe gibt’s ja schließlich den Streaming Client. Darum kann man die USB-Anbindung unbesorgt dem nicht mehr ganz neuen Interface-Baustein Tenor TE7022 anvertrauen. Der klingt bekanntermaßen gut und erfordert keine Treiber-Installation (USB 2 Class Compliant), erlaubt allerdings nur Abtastraten bis maximal 96 Kilohertz.

Den beim USB-Eingang eingesparten Etat investierten die Norweger dafür beim neuen D/A-Wandlerchip, wo er allen Digitaltonquellen zugute kommt. Wie viele seiner Konkurrenten setzt auch der Hegel H120 nun auf den AKM AK4490.

Hegel H120 – Sinn fürs Praktische

Trotz Hegel’scher Reduktionsphilosophie besticht der H120 im täglichen Umgang durch einige clevere Detaillösungen. Beispielsweise lässt sich der Lautstärkesteller für einen beliebigen der drei Analog-Eingänge auf einen fixen Maximalwert programmieren. Das ermöglicht die einfache Integration in Heimkino-Systeme. Weiterhin kann man den beim Einschalten gültigen Lautstärke-Sollwert vorgeben, was böse Überraschungen verhindert.

Eine feine Sache ist auch die Möglichkeit, Firmware-Updates direkt aus dem Setup-Menü via Internet einzuspielen (…was uns hoffentlich bald auch das Roon-Update beschert). Last but not least: Dank seines Vorverstärkerausgangs kann der Hegel H120 sogar externe Endverstärker ansteuern, was ihn Bi-Amping-tauglich macht.

Anschlüsse
Protzt nicht mit Anschlussvielfalt, bietet jedoch alles, was man in der Praxis braucht: Terminal auf der Rückseite des H120 (Foto: Hegel)

Der Hegel H120 im Hörtest

So mancher Halbleiter-Verstärker benötigt nach dem Einschalten einen halben Tag Aufwärmzeit, um sein Klangpotenzial vollständig zu entfalten. Der Hegel H120 hingegen war bereits nach wenigen Minuten „voll da“. Das verdankt er wahrscheinlich der Hegel SoundEngine: Offenbar bewirkt deren subtraktive Verzerrungskorrektur, dass seine Endstufen wesentlich unkritischer auf temperaturbedingte Ruhestrom-Einflüsse reagieren.

Die nächste Überraschung für mich war die Wiederentdeckung des mittlerweile 30 Jahre alten NAD-3020-Phänomens. Man glaubt kaum, wie packend dynamisch Musikwiedergabe auch bei moderatem Leistungsniveau des Verstärkers sein kann. Anders ausgedrückt: Selbst an Lautsprecher-Dickschiffen wie der Canton A 55 hatte der Hegel H120 keinerlei Probleme, bei pulsierenden Tracks wie etwa Rykketid von Trentemøller gehörige Schubwellen durch den Hörraum zu treiben. Die zur Selektion etlicher Netztrafos investierte Hörtestzeit des Hegel-Teams hat sich also unbedingt gelohnt.

Vom Grundcharakter her zählt der Hegel H120 zu den agil-lebendigen Verstärkern, ohne dabei jedoch im Mitten- und Präsenzbereich aufgehellt daherzukommen. Das bestätigte auch der Hörvergleich mit dem Ausnahme-Vollverstärker Neukomm CPA1155S. Den A-B-Vergleich mit dem immerhin fast dreimal teureren Schweizer bewältigte der Hegel H120 sogar erstaunlich souverän. Das beileibe nicht nur in tonaler und dynamischer Hinsicht, sondern auch in „musikalischen“ Disziplinen wie innere Dramatik – sehr gut zu hören etwa beim Spannungs-gelandenen „Broken Promise“ von Scroobius Pip.

Der klare Klangcharakter des H120 war dabei keineswegs von einer unterkühlten Note begleitet. Vielmehr war es das auch nach oben hinaus weitreichende Spektrum, was seine Artikulationsfähigkeit ausmachte. Insofern ist die Vertriebsehe von Hegel mit KEF eine ziemlich glückliche: Der distinguierten Hochtonwiedergabe beispielsweise einer KEF R3 kommt der Norweger mit seiner Abstimmung perfekt entgegen. Drum wundert es nicht, dass Anders Ertzeid bei der Präsentation des hausintern „Baby Giant“ genannten H120 ein Paar KEF Blade Two als Lautsprecher verwendete.

Hegel Co-Founder Anders Ertzeid
Keine Angst vor großen Lautsprechern: Welches Potenzial im H120 steckt, demonstrierte Hegel-Vize Anders Ertzeid bei dessen Präsentation an einer KEF Blade Two (Foto: J. Schröder)

Auch digital vollwertig

Angesichts der tollen Klangleistungen als analoger Vollverstärker ist es erfreulich, dass die D/A-Wandler-Abteilung im Hegel H120 durchaus ebenbürtig aufspielte. Zwar offenbarte der Hörvergleich mit dem via Analogeingang einspeisenden Questyle CAS192D Golden Series feine Unterschiede: So trat der immerhin 3.000 Euro teure Goldjunge aus Fernost in dynamischer Hinsicht etwas entschiedener auf und zeigte zudem minimal plastischere Klangfarben. Substanziell fielen diese Differenzen jedoch nicht aus.

Eine verpatzte Premiere legte indes der Streaming Client hin. Zumindest der Auftakt im Roon-Airplay-Modus floppte gründlich: Die Musik klang flau, verdichtete sich im akustischen Zentrum und verlor dadurch all ihren Zauber. Erleichtertes Aufatmen gab’s dann jedoch wieder im DLNA-Modus: Hier zeigte sich der H120 wieder in seiner gewohnten Form. Hegel-Aussagen zufolge lässt sich die Klangqualität bei DLNA-Betrieb über das aktuell erhältliche Firmware-Update sogar noch geringfügig steigern.

Hegel H120 – Fazit

Alles Wichtige konzentriert in einem Gerät, fantastischer Klang, stylisches Design, einfache Bedienung, attraktiver Preis – der Hegel H120 ist das perfekte Gerät für passionierte Musikliebhaber von heute.

Sein Technik-Konzept scheint minimalistisch-audiophil, ist aber äußerst durchdacht und bodenständig. Keine Feature-Schlacht, kein Anbiedern mit unnötigen Gimmicks – all das macht den Hegel H120 zum „echten Typen“. Zum absoluten Hit fehlt ihm nur noch das „Roon Ready“-Logo, was ihm hoffentlich bald zuteil wird. LowBeats bleibt dran…

Im Hörtest erwähnt:
Canton A 55: die bezahlbare Lautsprecherburg
Questyle  CAS192 D: langährige LowBeats DAC-Referenz
Neukomm CPA 155S: der Vollverstärker-Favoritenkiller
Roon – der geniale Musikserver im Videotest

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Hegel H120
2020/01
Test-Ergebnis: 4,5
Überragend
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Kraftvoll-agiler, detailreicher Klang
Robuste Mechanik, hochwertige Verabeitung
Praxisgerechte Ausstattung, einfache Bedienung
Attraktiver Preis

Vertrieb:
GP Acoustics
Kruppstraße 82 – 100
45145 Essen
Deutschland
https://de.kef.com

Preis (Hersteller-Empfehlung)
Hegel H120: 2.600 Euro