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Familientest Audio-Technica VM95: 6 MM-Abtaster unter 200 Euro

Hörtest Audio Technica VM95 C

Audio-Technica VM95 C
ATVM95 C (Foto: P. Schüller)

Preislich geht es überraschend klein los: Das AT-VM95 C liegt offiziell bei 34 Euro. Faszinierend, dass man für diesen Preis überhaupt einen Tonabnehmer entwickeln kann. Das „C“ steht für einen konischen Nadelschliff – auf einem Nadelträger aus Aluminium montiert, eigentlich eine simple Rundung, einfach zu bewerkstelligen und deshalb günstig. Erkennungszeichen des Nadeleinschubs: blau.

Das Labor sagt: Die Tiefenabtastfähigkeit ist mit knapp 90 Mikrometer völlig ausreichend. Nur die Abtastverzerrungen könnten niedriger sein. Bedeutet: Das Audio-Technica VM95 C holt die Informationen aus der Rille, aber die große Vinylkunst ist begrenzt. Genau unser Klangeindruck. Ich hatte eine Edelpressung der Deutschen Grammophon aufgelegt: Herbert von Karajan dirigiert die Berliner Philharmoniker in Bartoks „Konzert für Orchester“. Hier ist jede Klanginformation vertreten, vom doppelten Piano bis zum berstenden Fortissimo. Jede Orchestergruppe darf ihre Stärken zeigen, flirrend die hohen Streicher, solistisch die Holzbläser, mitunter brachial die Blechbläser.

Das VM95 C ließ den Charme der guten Pressung aufleben. Da herrschten Drive und smarter Charme. Doch die höchste Auflösung blieb verwehrt. Wer nur Pop/Rock hört, kann mit diesem Tonabnehmer glücklich werden, wer die Feininformationen sucht, sollte aufstocken.

Hörtest Audio Technica VM95 E

Audio-Technica VM9 5E
Audio-Technica VM95 E (Foto: P. Schüller)

Beispielsweise auf das Audio-Technica VM95 E. Erkennungszeichen: grün. Also wie das legendäre AT95? Genau – hier haben wir den adäquaten Nachfolger des legendären Systems. Hier lassen sich alt/neu-Vergleiche anstellen. Auch der offizielle Preis stimmt: Damals wie heute liegt er bei 49 Euro. Die Nadel liegt ebenfalls auf einem Aluminiumträger, diesmal jedoch mit einem elliptischen Schliff.

Unser Messlabor sagt: Die Tiefenabtastfähigkeit ist hervorragend, die Ausgangsspannung überraschend hoch. Im Hörtest überkam uns die Gänsehaut – gleich doppelt. Zum einen vermittelte das System Wärme und stattliche Auflösung, zudem erschien der Preis geradezu unanständig. So wenig Geld für so viel Klang. Die Audio-Technica Entwickler haben das alte AT95 in die Neuzeit überführt. Klar ist die aktuelle Generation besser. War das AT95 bereits ein Preis/Leistungsbrecher, hier wird die Messlatte nochmals höher gelegt. Zum Besipiel bei meiner aktuellen Lieblingspressungen – Sgt. Pepper’s im neuen Mix von Giles Martin auf 180-Gramm-Vinyl. Am AT95 war das ein Fest mit Groove und strammen Bassfiguren. Am VM95 E war auch das präsent, dazu gab es aber einen enormen Push an dynamischem Ereignissen. Wie sich die Stimmen von der Boxenachse lösten, wie uns die Saiten der E-Gitarren ansprangen – nichts weniger als ein Wunder in dieser Preisklasse. Man stelle sich vor: Ein System, dass deutlich besser klingt als sein Vorgänger, aber trotzt globalem Markt und Währungsschwankungen noch das Gleiche kostet – Audio-Technica wächst mir zunehmend ans Herz.

Hörtest Audio Technica VM95 EN

Audio-Technica VM95 EN
Audio-Technica VM95 EN (Foto: P. Schüller)

Es geht noch einige Stufen hinauf. Es folgt beispielsweise das Audio-Technica VM95 EN (Erkennungszeichen: orange). Im Kern treffen wir hier auf einen edlen Verwandten des „E“ – doch die Nadel wurde „nackt“ befestigt, „Elliptical Nude“. Klingt wie eine Petitesse, ist aber ein dramatischer Unterschied in der Fertigung. Bei den kleinen, günstigen VM95-Nadeln wird die Abtastspitze auf einen Lötkegel aufgesetzt – was das Verhalten und die Dynamikausbeute beeinflusst. „Nackt“ hingegen bedeutet, dass ein größerer Diamant wie ein Stift in einer vorgebohrten Fassung befestigt wird. Deutlich aufwendiger. Aber auch deutlich besser?

Ich meine: ja. Das VM95 EN zeigte im Messlabor den deutlich ausgewogeneren Frequenzgang. Unseren beiden Hörplatten verlieh das EN mehr Zwischenwerte, insbesondere im Dynamischen. Da zeigten sich Impulse mit feinem Drive. Das Bartok-Orchester gewann mehr Rauminformationen, in der Tiefenstaffelung wie links und rechts im Stereopanorama. Mit 120 Euro liegt das EN allerdings über dem doppelten Preis des E. Hier wird es kritisch. Das EN scheint mir zwischen den Stühlen zu sitzen – in der Höhe kommen noch ein paar Superwandler, und das gemeine E ist bereits sehr, sehr gut in seinem Output. Das macht es dem EN schwer.

Hörtest Audio Technica VM95 ML

Audio-Technica VM95 ML
Audio-Technica VM95 ML (Foto: Audio-Technica)

Zumal für 50 Euro mehr bereits das Audio-Technica VM95 ML auf Kunden wartet (Erkennungszeichen: rot). Hier  spendiert Audio-Technica einen Diamanten mit Microlinear-Schliff. Salopp formuliert: Das ist die spitzest-mögliche Art, einen Abtaster zu schleifen. Die Eintauchtiefe in das Vinyl ist maximal. Auch hier sitzt der Edelstein „nackt“ auf dem Aluminiumträger. Das Versprechen von Audio Technica: die Lebenserwartung dieser Nadel liegt um das Doppelte höher als bei den günstigen Modellen mit konischen Nadeln – bei 1.000 Stunden.

Zudem gibt es keine Verzerrungen bei den innenliegenden Grenzbereichen der Rille. Der Frequenzbereich ist größer, die Höhenabtastung besser. Was mir aber vor allem gefiel: Es kam mehr Samt in das audiophile Spiel. Das ML wirkte smarter, natürlicher als seine Familienmitglieder. Mit deutlich mehr Informationen erfreuten gerade die Beatles. Die Stimme von Paul McCartney in „When I’m Sixty-Four“ hatte mehr Druck, aber auch mehr Stimmbandflirren und Lunge – auf einmal stand ein vollkommener Entertainer vor den Lautsprechern. Die Preis/Leistungs-Relation ist sehr gut: für 169 Euro gibt es hier ein echtes Feinschmecker-System.

Hörtest Audio Technica VM95 SH

Audio-Technica VM95 SH
Audio-Technica VM95 SH (Foto: P. Schüller)

Nun der Sprung in die Königsklasse: Auch mit dem legendären Shibata-Schliff ist das Audio-Technica VM95 zu bekommen. Dann hört es auf das Kürzel VM95 SH (Erkennungszeichen: braun). Was diese Version so besonders macht? Der Schliff ist aufwendig, die Nadelspitze ist eine komplizierte Komposition aus mehreren Facetten – einst entwickelt von Norio Shibata für die anspruchsvolle Abtastung von Quadrofonie-Aufnahmen. Alles sollte aus der Rille geholt werden, nur die bösen Störeinflüsse nicht. 199 Euro möchte Audio-Technica für das SH. Das ist nicht fair. Jedenfalls nicht für den Hersteller.

Denn wir hätten für diesen Klang sogar das Doppelte ausgegeben – großartig, wie das Audio-Technica VM95 SH bislang Unerhörtes aus der Rille an die Ohren brachte. Das weiteste Panorama in diesem Testfeld, das Maximum an dynamischen Informationen. Die Berliner Philharmoniker klangen im Testfeld nie saftiger, nie weiter – da veränderte sich der Kontext der gesamten Aufnahmen. Plötzlich nahmen wir die feinen Phrasierungen der Streicher wahr. Saßen die Holzbläser zuvor in einem geschlossenen Kubus in der Mitte, so staffelten sie sich nun am VM95 SH deutlich abgegrenzt voneinander. Alles wirkte aufgeräumter. Aber nie kalt. Da war eine Musizierlust zu spüren, Vinyl-Kunst auf hohem Niveau.

LowBeats Autor Andreas Günther im LowBeats Hörraum
LowBeats Autor Andreas Günther im Hörraum (Foto: H. Biermann)

Fazit Audio-Technica VM95

Fabelhaft. Es war ein mutiger Schritt von Audio-Technica, einen Superseller abzulösen – doch die neue Generation liegt um Quanten über ihren Vorgängern. Der direkte Vergleich zwischen AT95 und AT-VM95 E konnte nicht eindeutiger sein. Überall legte der neue Bruder zu – Analyse, Spielfreude, Frequenzgang. Die einzige Frage, die quält: Welche Ausbaustufe soll ich kaufen? Ich formuliere es mal direkt: Das kleine VM95 C ist nett, aber nicht verlockend. Richtig spannend wird es ab dem VM95 E – da versagt sogar unsere Vorstellungskraft: Einen besseren Abnehmer für unter 50 Euro kann ich mir nur schwer vorstellen. Danach folgt ein Finanzsprung in die Welt über 100 Euro. Ich rate zum Sparen und zum ganz großen Einkauf: Das Audio-Technica VM95 SH mit Shibata-Schliff ist ein Meisterwerk. Nominell liegt es bei rund 200 Euro, doch der Markt wird bald günstigere Angebote parat haben. Was jedoch so gar nicht dem Gefühl entspricht: Audio-Technica könnte eine weit höhere Summe auf diesen Tonabnehmer schreiben – er würde immer noch im Range eines Fetischs rangieren.

Alle Ergebnisse in der Slideshow:

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Wie oben schon beschrieben, haben wir die Tonabnehmer der neuen VM95 Serie unter besten Bedingungen aufgenommen. Das heißt: Nachdem Peter Schüller jeden Abtaster optimal eingebaut und gemessen hat, macht er anschließend einige Aufnahmen mit ihnen. Anschließend werden die Aufnahmen auf den gleichen Pegel gebracht. Das ermöglicht die Vergleichbarkeit unter allen Tonabnehmern im Klang Orakel.

Klang Orakel Audio Technica VM95

Wichtig für einen ernsthaften Vergleich ist ein guter Kopfhörer und – wenn man es besonders gut heraushören möchte – ein Kopfhörer-DAC. Wir sind gespannt, ob Sie unsere Einschätzungen nachvollziehen können…

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