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JBL Link 20
Der JBL Link 20 erfordert zu Nutzung via WLAN die Google Home App mit Sprachsteuerung (Foto: S. Schickedanz)

Test JBL Link 20 mit Google Assistant: Big Brother inside

Als wir in der Schule 1984 von George Orwell im Englischunterricht durchnahmen, war das ein schlimmer Alptraum aus einer fernen Zeit. Diese Zukunft war gestern. Während der visionäre Schriftsteller 1948 (für den Titel drehte er die beiden Endziffern einfach um) noch viel Phantasie brauchte, um sich die totale Überwachung durch den „Big Brother“ auszumalen, sind wir heute schon zwei Schritte weiter. Stichwort Datenspur. Doch das ist einigen offensichtlich nicht genug. Google Assistant markiert den nächsten Schritt in eine ungewisse Zukunft. Doch ich hätte bis gestern nie geglaubt, dass es nötig sein könnte, dem Suchmaschinenbetreiber aus dem Silicon Valley quasi unbeschränkten Zugriff auf die Daten meines Smartphones zu gewähren, um einen kleinen Wireless-Lautsprecher zu testen. Dieser Meilenstein kommt ausgerechnet von einem der talentiertesten Hersteller für Bluetooth-Boxen: Der neue JBL Link 20 vertraut ganz auf Google Assistant.

Ohne den Google Sprach-Assistenten ist der Link 20 nur eine in Bezug auf die Bass-Performance etwas groß geratene Bluetooth-Box. Dieses smarte Add-On soll einem nämlich nicht nur die Steuerung seines Multiroom-Systems erleichtern und Fragen wie die nach dem Wetterbericht durch Anzapfen von Big Data über den Internetzugang beantworten. Der Link 20 ließ sich ohne die bedingungslose Kapitulation vor dem von mir in vielerlei Hinsicht durchaus geschätzten, allerdings ganz und gar nicht zu Unrecht als „Datenkraken“ bezeichneten Suchmaschinen-Konzern nämlich – ungeachtet aller Bemühungen – nicht mit WLAN und damit auch nicht mit hochauflösendem Chrome Cast oder im Multiroom-Betrieb verwenden.

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Gleich nach dem Einschalten erklärte mir eine freundliche Stimme in fließendem Deutsch, dass ich zur Nutzung des Lautsprechers die Google Home App herunterladen müsse. Soweit, so gut. Danach ging es in meiner Gunst mit dem JBL Link 20 erstmal Stück für Stück bergab. Zunächst sollte ich mich mit meinem Google Account in der App anmelden, was gewöhnlich im Web-Browser automatisch durch das gespeicherte Passwort passiert. Doch so weit kam ich gar nicht erst. Ich musste schon aus dem E-Mail-Postfach heraussuchen, mit welcher E-Mail-Adresse ich mich überhaupt bei Google angemeldet hatte. Mag auch sein, dass ich mich beim ersten Versuch vertippt habe auf der kleinen Tastatur meines iPhones. Aber auch nach weiteren Versuchen wurde ich nicht einmal als Benutzer erkannt, sonst hätte ich mir nämlich ein neues Passwort schicken lassen können. Ich fand dann noch eine zweite E-Mail-Adresse, die ich, der Korrespondenz nach zu urteilen, irgendwann für irgendwelche Google-Dienste zur Anmeldung genommen habe. Doch auch die wollte die App als Benutzernamen nicht akzeptieren.

JBL Link 20

Deshalb entschloss ich mich dazu, mich als neuer Benutzer zu registrieren. Während etwa Mitbewerber Sonos noch einen vergleichsweise moderaten Daten-Hunger bei der Registrierung an den Tag legt, will es Google schon genauer wissen. Als ich aufgefordert werde, mein genaues Geburtsdatum und mein Geschlecht anzugeben, bin ich bereits angesäuert, doch ohne diese Angaben kann ich nicht weitermachen. Wegen der aktuellen Genderdebatte und dem damit eingeführten dritten Geschlecht machte ich mir einen Spaß daraus, „Sonstige“ auszuwählen (als Geburtsdatum hatte ich schon den 1. April eingegeben). Doch damit wollte sich Google nicht zufriedengeben. Die Auswahl „Sonstige“ öffnete ein weiteres Auswahlmenü, wo ich nicht nur selbst mein Geschlecht definieren sollte, sondern auch noch die gewünschte Anrede. Das bescherte mir ein breites Grinsen im Gesicht und glich meinen Unmut zum Teil aus.

Die Amis sind wirklich mit allem vorne dran, die Programmierer haben ihre Hausaufgaben in Sachen politischer Korrektheit offensichtlich gemacht. Da ich mich jedoch gerade nicht im Kreativmodus befand, beschloss sich daraufhin, mich ganz profan wie im echten Leben dem männlichen Teil der Menschheit zuzuordnen. Der Schmunzel-Bonus war aber gleich wieder aufgebraucht, denn anschließend ging es erst richtig zur Sache. Nachdem ich aufgefordert wurde, Bluetooth zu aktivieren, was dem System die Erkennung des JBL Link 20 ermöglichte, konfrontierte mich die App mit einem immerhin in Deutsch gehaltenen Forderungskatalog zu den nötigen Zugriffsrechten.

Ich bin weder Jurist noch Programmierer, doch was mir da in knappen Worten an Begehrlichkeiten präsentiert wurde, kam für mich einer Blankovollmacht zum Zugriff auf alle Inhalte samt der Sensoren (!) meines Handys gleich. Auf dem vorangegangenen Screen gab es schon eine lapidare Erklärung über Datenschutz, die erkennen ließ, dass Google die Daten auch an Dritte weitergeben möchte – was uns allen aber im Hinblick auf die ganzen personalisierten Werbebanner eh klar ist. Doch das war für mich nur das Tüpfelchen auf dem „i“, um die Reißleine zu ziehen. Schließlich ist es ja nicht so, dass man die Daten durch Löschung der App, was ich gewöhnlich nach jedem Test schon allein aus Platzgründen mache, wieder zurückkriegt, wenn sie erst einmal irgendwo auf einem Server lagern.

Politisch korrekt, aber sonst ganz schön dreist

Mir ging das ganz eindeutig zu weit. Zwar musste ich die Google Home App in der letzten Zeit schon mehrfach benutzen, um Lautsprecher verschiedener Hersteller zu testen. Doch ohne die Sprachsteuerung machte sie bisher auf mich einen harmlosen Eindruck – zumindest was die Situation an der Datenfront betraf. Das einzige, vor dem ich bisher Angst hatte, waren die vielen Abstürze und die oft umständliche Bedienung. Doch diesmal ging es in meinen Augen ums Ganze und mir ist schon klar, dass meine Reaktion als rückständig oder verschroben gewertet werden kann. Für einen 200-Euro-Lautsprecher möchte ich jedenfalls nicht im Vorbeigehen das letzte bisschen Privatsphäre aufgeben. Dumm nur, dass die beteiligten Hersteller hier eine alles-oder-nichts-Strategie fahren, sprich: Wer Google nicht den Zugriff auf alle geforderten Daten gewährt, dem gewährt Google keinen Zugriff auf seinen mit harter Währung bezahlten Lautsprecher. Zwar erschien beim Abbruch der Einrichtung des Google Sprachassistenten ein Dialogfenster mit dem Hinweis, dass man den JBL Link 20 dann nur als integrierten Chrome-Cast-Lautsprecher verwenden könne, aber nicht einmal das gelang. Wie in einer Endlosschleife kam ich bei jedem Versuch, via Google Home auf den Lautsprecher zuzugreifen an den Punkt, wo der arglistige Assistent meine Datenfreigabe einforderte.

In den anderen Apps, die neben Google Home zur Chrome-Cast-Wiedergabe erforderlich sind, konnte ich den Lautsprecher nicht als Ziel der Klangausgabe anwählen. Der Versuch, die Hilfe-Funktion der Home App zu verwenden, nutzte Google zunächst, um mir gleich noch die Installation von seinem Internet-Browser Chrome nahezulegen. Doch ich konnte gnädiger Weise auch Safari, den Standardbrowser des iPhones verwenden – was immerhin als zweite Option angeboten wurde. Die Suche auf den anfangs in Englisch präsentierten Hilfeseiten von Google (man findet Deutsch irgendwo hinter Chinesisch und anderen Fremdsprachen) lief sich allerdings schnell tot. Unter den Hinweisen fand ich nichts, was mich weiterbrachte, unter Problembehebung auch nicht und die Suche nach dem Begriff „JBL Link 20“ lieferte null Treffer. Heißt es nicht immer, dass Sprachsteuerung die nächste große Sache sei, weil sie unser Leben sooooo easy machen würde? Für mich war’s das endgültig an diesem Punkt, ich hatte genug von solchen viralen Lockangeboten, die nebenbei noch meine Daten abgreifen wollen!

Mag sein, dass ich hoffnungslos altmodisch bin, aber ich finde das als Geschäftsgebaren unmöglich und würde mir sogar wünschen, dass sich der Verbraucherschutz mit solchem immer häufiger auftretenden und immer undurchschaubarerem Geschäftsgebaren beschäftigen möge. Als zahlender Kunde, dem der Mund nach einem neuen Produkt mit praktischen und einfachen Sprach-Features wässrig gemacht wird, würde ich auch eine klare Warnung oder zumindest einen Hinweis auf der Verpackung beziehungsweise im Online-Store erwarten, welche weiteren Bedingungen an das Produkt geknüpft sind. Immerhin fragen mich andere Anwendungen, die ich bisher mit Spracherkennung nutze, dann doch etwas differenzierter als der JBL Link 20 mit Google Home.

JBL Link 20
Die vier großen LEDs an der Oberseite der Lautsprecherfront zeigen durch weithin sichtbares rotes Leuchten an, dass das Mikrofon durch den Schalter auf der Rückseite deaktiviert wurde. Wird die Lautstärke am Gerät oder am gekoppelten Smartphone geregelt, zeigen sie in Weiß für einen kurzen Moment den Pegel an (Foto: S. Schickedanz)

Doch Google kennt da keine Gnade, setzt einem die Pistole auf die Brust. Wer nicht alles herausrückt, kann die komplette Sprachsteuerung samt jeglichem Zugriff auf den JBL Link 20 sowie der Einbindung in ein Netzwerk vergessen. Man sieht den Lautsprecher in der App, kann aber über WLAN rein gar nichts mit ihm anfangen, da er kein direktes Anspielen via AirPlay ermöglicht. Jedes Anklicken führt offenbar letztlich zum entscheidenden Dialog mit der Datenfreigabe. Und obwohl Bluetooth bereits für die Einrichtung des Lautsprechers aktiviert werden musste, stand anschließend nicht einmal das für die Wiedergabe zur Auswahl. Ich musste den JBL Link 20 noch mit dem iPhone 8 paaren, dann konnte ich ihn immerhin als reichlich große, kostspielige Alternative des JBL Flip 4 verwenden.

Fortfahren oder Farbe bekennen?

Gerade heute ist es meines Erachtens wichtig, als Journalist auch besonders in technischer Hinsicht Farbe zu bekennen. Sonst hat bald jeder von uns einen Roboter als Aufpasser neben sich sitzen und dann ist es nicht mehr lange hin, bis auch gleich eine Maschine unseren Job macht – ob im Büro oder Schlafzimmer. Ich möchte aber jetzt hier kein ganz großes Fass aufmachen und mich auch weiter auf den JBL Link 20 fokussieren. Immerhin hat Kollege Holger Biermann bei der JBL Presse-Vorführung in München den Google Assistenten schon im Einsatz erlebt und berichtete im Grunde nur Gutes über seine demonstrierte Vielseitigkeit. Vor allem von der Geschwindigkeit der Google Antworten auf nicht nur auf simple Wetter- oder Pizza-Bringdienst-Anfragen, sondern auch durchaus auf komplexe Fragestellungen (etwa: „Wer war US-Präsident, als die Lakers das letzte Mal die Meisterschaft gewannen?“) hat ihn beeindruckt. Nicht einmal drei Sekunden brauchte das System bei der Präsentation, um zu antworten. Auch der Klang in der von JBL gemieteten (und vernetzten) Wohnung war mit allen drei Systemen, Link 10, Link 20 und vor allem Link 300 überzeugend, weil sie bei normaler Zimmerlautstärke einen durchaus substanziellen Bass erzeugten.

Die Einschätzung von Holger Biermann befreit mich an dieser Stelle von einem Dilemma: Ich kann meine Prinzipien wahren und Sie bekommen trotzdem einen Einblick über die Stärken der Sprachsteuerung, womit wir alle Seiten wie von LowBeats gewohnt angemessen beleuchten können.

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