KEF Uni-Q
KEF blickt auf eine 60 Jahre lange, extrem interessante und wechselvolle Geschichte zurück. Der zentrale Akustik-Baustein ist ab 1989 der einzigartige Uni-Q Koaxial-Treiber, den es bereits in der 12. Generation gibt (Foto: J. Bauer)

60 Jahre KEF – der LowBeats Rückblick

Wissenschaft + Pragmatismus = KEF. So oder so ähnlich könnte die Formel für den Erfolg des britischen Lautsprecherherstellers lauten. Einst auf dem Gelände eines metallverarbeitenden Betriebs gegründet, so dass man sich teure Maschinen sparen konnte. Dafür hatte man aber jeden Penny und sämtliche Gehirnzellen in die Erforschung neuer Materialen für den besten Klang gesteckt. Es hat sich gelohnt, 2021 konnte die traditionsreiche Firma ihren 60. Geburtstag feiern. Es gab viele Erfolge, doch es ging nicht nur aufwärts. LowBeats wirft einen ausführlichen Blick auf 60 Jahre KEF und lässt mit Johan Coorg den langjährigen KEF-Botschafter zu Wort kommen, der – weil er bereits 1989 zu KEF kam – auch noch mit dem Firmengründer der Boxenschmiede zusammenarbeitete und so manche Anekdote zu erzählen weiß.

60 Jahre KEF: die frühen Jahre

Überhaupt Boxenschmiede: Wenn ein Lautsprecherhersteller diesen Titel verdient hat, dann KEF. Denn KEF-Gründer Raymond Edgar Cooke (1925 – 1995) startete sein Unternehmen im Oktober 1961 auf dem Gelände einer Gießerei in der englischen Grafschaft Kent. Deren Name: „Kent Engineering and Foundry“. Cooke bildete daraus das Initialwort KEF und hängte den Begriff Electronics dran.

Raymond Cooke
Raymond Edgar Cooke (1925 – 1995) war nicht nur ein studierter Elektroingenieur, der Klassikfan spielte auch Geige und Cello (Foto: KEF)

Nun mag man sich fragen, weshalb ein Pionier der Lautsprecherentwicklung, der zuvor als Tontechniker für die BBC gearbeitet hatte und beim Mitbewerber Wharfedale technischer Direktor war, sein Unternehmen nach einem metallverarbeitenden Betrieb benannte, der industrielle Kehrbesen und Geräte für die Landwirtschaft herstellte. Lange Frage, noch längere Antwort: Die „Kent Engineering and Foundry“ gehörte Leonard Pearch, dem Vater von Robert Pearch, Cookes Geschäftspartner. Robert brachte also die Sachanlagen in das Unternehmen ein, sprich das Grundstück direkt neben der Foundry und eine darauf befindliche Nissenhütte. Die Nähe zur Gießerei hatte praktische Vorteile, so mussten Cooke und Pearch zunächst nicht in Bohr- oder Fräsmaschinen investieren – schließlich war nebenan alles vor Ort.

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KEF Nissenhütte original
In dieser bescheidenen Nissenhütte, direkt neben einer Gießerei, gründete Raymond Edgar Cooke 1961 die KEF Electronics Limited (Foto: KEF)
KEF Nissenhütte
Im heutigen KEF-Gebäude findet sich noch dieses süße Modell… (Foto: J. Bauer)
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Erschwerend kam hinzu, dass Cooke und Partner das Unternehmen mit einem Eigenkapital von nur rund 4.000 Pfund gegründet hatten. Zeitzeugen, die Raymond Cooke persönlich kannten, nehmen daher an, dass dieser womöglich die hiesigen Finanzinstitute mit dem bekannten Namen „KEF“ beeindrucken wollte. Die Gegend war berühmt für den Hopfenanbau und die zahlreichen dort ansässigen Brauereien.

Cooke vermutete sicherlich zu Recht, dass die Banken der Kreisstadt Maidstone, und des Örtchens Tovil, in dem KEF Electronics entstehen sollte, Bauchschmerzen mit der Anschubfinanzierung einer Lautsprecherproduktion bekommen könnten. Durch den Namen sah es so aus, als sei KEF Electronics ein Teil des metallverarbeitenden Unternehmens… Die Rechnung ging auf, im September 1961 wurde KEF Electronics Limited schließlich ins Handelsregister eingetragen. Den wichtigsten Part für den Erfolg der Boxenschmiede übernahm von nun an Raymond. Er war verantwortlich für die immateriellen Vermögenswerte: Das Knowhow von Rohstoffen und Technologien, die für seine Vorstellung der Audiowiedergabe essenziell waren.

Als Raymond Cooke KEF Electronics gründete war er 36 Jahre alt. Werfen wir einen kurzen Blick auf sein Leben, das ihn an diesen Punkt brachte: Er war das jüngste Kind einer aus Yorkshire stammenden Arbeiterfamilie, begeisterte sich früh für klassische Musik – eine Leidenschaft, die ihn sein ganzes Leben begleitete – und erlernte das Geige- und Cellospiel.

Der Zweite Weltkrieg unterbrach seine Ausbildung, so diente er als Funker auf einem Flugzeugträger der Royal Navy, um danach sein Studium der Elektrotechnik an der Universität von London zu beenden. Nach einer zweijährigen Tätigkeit bei der BBC stellte ihn 1955 Wharfedale Gründer Gilbert Briggs höchstpersönlich ein. Briggs hatte es zu diesem Zeitpunkt geschafft, einer der renommiertesten Lautsprecherhersteller in Großbritannien zu werden und genoss auch weltweit einen guten Ruf. Seine Vertriebsmethoden glichen denen von Paul Wilbur Klipsch: So wie dieser reiste er mit einem Tonbandgerät durch die Gegend, nahm Live-Musik auf und spielte diese danach vor Ort über seine Wharfedale-Lautsprecher ab. Sonst hatte er mit dem Boxenbauer aus Kalifornien wohl nicht so viel gemeinsam, zumindest aus Sicht von Raymond Cooke.

In einem Interview mit dem englischen HiFi-Journalisten Ken Kessler erläuterte Cooke 1994, weshalb es zum Bruch mit Gilbert kam: „Ich konnte sehen, dass die High Fidelity nicht weiterkommen würde, wenn nicht viel mehr Wissenschaft angewandt würde. Gilbert Briggs war ein wenig misstrauisch gegenüber der Wissenschaft. (…). Die einzigen Leute, die sich für Wissenschaft interessierten, waren Edgar Villchur und Paul Wilbur Klipsch.“ Eine sehr persönliche Ansicht auf die damalige Lautsprecherbranche, aber Cooke wusste, was er wollte und was er tat. „Ich glaube, ich war der erste, der erkannte, dass man keinen 15-Zoll-Lautsprecher braucht, um auf 20 Hertz herunterzukommen.“

Als Wharfedale aufgekauft wird, nimmt Raymond Cooke 1961 schließlich seinen Hut und gründet sein eigenes Unternehmen, in dem er seine Ideen für neue Treiber umsetzen kann: „Mir wurde klar, dass wir etwas gegen Papiermembranen unternehmen mussten. Der einzige Weg war für mich, alles zu riskieren und mich selbstständig zu machen.“ Bereits im Oktober 1961 nahm das von Raymond Cooke und Robert Pearch gegründete Unternehmen die Produktion auf. Seine innovativen Ideen waren nun die Hauptstütze der entstehenden KEF Electronics, auf seinen Kopf kam es an und er enttäuschte nicht. Das erste Produkt war die Drei-Wege-Box K1 und diese verwendete bereits das Material aus dem Cookes Visionen waren: Der B1814-Tieftöner zeichnete sich durch eine flache, vakuumgeformte Polystyrol-Membran aus, dessen Vorder- und Rückseite mit Aluminiumfolie laminiert war, vervollständigt wurde das Trio von einem elliptischen Mitteltöner (M64) und einer Hochtonkalotte (T15) aus Polyesterfolie (auch als Melinex oder Mylar bekannt).

Die Gründung 1961

Das alles waren Materialen, von dem der Wharfedale-Gründer Gilbert Briggs einst nichts wissen wollte. Eng davon abgeleitet ist der kompakte Zwei-Wege-Lautsprecher Celeste, der erste kompakte HiFi-Lautsprecher, der für einen kräftigen Bass keinen 15-Zoll-Lautsprecher benötigte. Der Frequenzganz des neuen – 4,5 kg schweren – Tieftöners B139, der ebenfalls aus Polystyrol gefertigt war: 20 – 1000 Hz. Cooke hatte recht behalten, Ziel erfüllt. Die britische Fachzeitschrift „Gramophone“ gab sich 1962, nur ein Jahr nach Gründung des Unternehmens, beeindruckt: „Qualitativ hochwertige Lautsprecher in Gehäusen mit weniger als einem halben Kubikfuß Volumen galten schon immer als unmöglich, und deshalb mag das Erscheinen eines solchen Lautsprechers auf dem KEF-Stand auf der Audio-Messe in hohen Kreisen Kopfschütteln ausgelöst haben.

KEF B139 Urmodell
Das Ur-Modell des legendären Ovalbass B139 (Foto: J. Bauer)

Die Celeste passt problemlos in ein Regal und ist der erste Lautsprecher dieser Art, der den Anspruch auf High Fidelity erhebt. Sie revolutioniert das Konzept der Regallautsprecher und erhält Lob von Musikern, Enthusiasten und Technikern gleichermaßen.“

KEF Celeste
Die Celeste brachte sowohl HiFi-Fans als auch das Fachpublikum 1962 auf der Londoner „Audio Fair & Trade“ ins Staunen. So hieß es: „Sie passt problemlos in ein Regal und ist der erste Lautsprecher dieser Art, der den Anspruch auf High Fidelity erhebt.“ (Foto: KEF)

Bald darauf nahm Raymond Cooke wieder Kontakt zu seinem einstigen Arbeitgeber BBC auf und wurde mit einem Auftrag belohnt. KEF übernahm die exklusive Herstellung des legendären LS5/1A-Monitorlautsprechers. Cooke setzte hier erstmals Neopren als Sicken-Material beim Bass ein, eine Innovation. Das System blieb zehn Jahre (1964 – 1974) in Produktion und war ein wichtiger Baustein zur Existenzsicherung von KEF.

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KEF Einweihung
Das neue KEF-Firmengebäude wurde 1977 vom Duke of Kent eingeweiht (Foto: J. Bauer)
KEF Gebäude 2017
Hier werden noch heute alle Lautsprecher-Entwicklungen für gemacht: das KEF Labor in Maidstone (Foto: J. Bauer)
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Der Erfolg von Treibern wie dem B139 beflügelten Cooke und seinen ersten Mitarbeiter Malcolm Jones, weiter zu experimentieren. 1966 war es dann so weit: Es erschien der 5-Zoll-Mitteltöner B110 aus einer neuem Materialzusammensetzung: „Bextrene“. Bextrene ist aus Kunststoff und markiert einen grundlegenden Punkt in der Geschichte der KEF-Lautsprecher. Es ist ein Material, das von diesem Zeitpunkt an in vielen Modellen eingesetzt werden wird. Bextrenes Haupteigenschaft besteht darin, dass es gegenüber Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen stabil ist und eine Klangbandbreite aufweist, die vielen der damaligen Lautsprecher nicht möglich war.

KEF_6_HP_Fourier KEF B11, T27
Der Tieftöner B110A mit einer neuartigen Sicke aus Neopren und der Kalottenhochtöner T27 wurden beide speziell für den Einsatz in dem legendären BBC-Studiomonitor LS5/1A entwickelt und auch eingesetzt (Foto: KEF)

Der Tiefmitteltöner B110 und der Tieftöner B200 sind die beiden ikonischen Bextrene-Lautsprecher, die KEF ins Licht der highfidelen Öffentlichkeit rücken und den kommerziellen Erfolg bringen. Vier Jahre später setzt auch die BBC den B110 und den im gleichen Jahr vorgestellten Hochtöner T27 für seinen Studiomonitor LS3/5A ein. Das Modell wird von KEF in Lizenz herstellt, so dass nun auch HiFi-Fans an die bekannten Studiolautsprecher gelangen können. Die LS3/5A soll sich insgesamt bis zu 100.000 Mal verkauft haben, die Chassis B110 und T27 stellt KEF bis 1998 her.

KEF Duette und KEF LS 3/5a
Zwei KEF-Ikonen aus dem KEF-Museum: die sehr eigenwillige 2-Wege-Box Duette (links) und der legendäre BBC-Monitor LS3/5a, der noch immer Entwickler weltweit inspiriert  (Foto: H. Biermann)

Ende der 1960er Jahre stößt Laurie Fincham, ehemaliger Designer von Celestion und Goodmans, als technische Unterstützung zur KEF-Ingenieurstruppe und wird technischer Direktor. Gemeinsam gehen sie einen weiteren, innovativen Schritt und setzen das erste computergestützte System für die Entwicklung und Messung elektroakustischer Parameter von Lautsprechern und Frequenzweichen ein: einen Spektrum-Analysator von HP, der damals mit mehr als 60.000 Pfund Sterling zu Buche schlug. Das waren damals knapp 550.000 Mark, eine wirklich heftige Investition also. Aber eben auch eine echte Revolution in der Lautsprecherforschung und eine, die die Geschichte des Unternehmens prägen und die gesamte Branche beeinflussen sollte.

KEF_6_HP_Fourier
Zur Schulung: Am „Institut für Elektroingenieure“ in London werden die kreativen Köpfe von KEF im Februar 1973 an einem Spektrum-Analysator fortgebildet. Von links nach rechts: Laurie Fincham (KEF, technischer Direktor), namentlich unbekannter Mitstreiter, Raymond Cooke (KEF, Firmengründer- und Inhaber), Rex Leedham, sitzend (Universität Bradford), Malcom Jones (KEF, leitender Entwickler), Brian Moore, (Universität Cambridge); (Foto: KEF)

Eine der Anwendungen, die Raymond Cooke mit Hilfe des Computers durchführte, war die Vermessung von Lautsprechern, um die Paare mit den ähnlichsten Eigenschaften herauszufiltern, im Ergebnis hatte er das ideale Stereopaar. Mit Hilfe des Analysators können Fincham und sein Team darüber hinaus äußerst präzise Messungen des Impulsverhaltens der Lautsprecher vornehmen und einige der weltweit ersten dreidimensionalen Diagramme unter „Echtzeit“-Bedingungen durchführen. Sie messen sowohl in einem schalltoten Raum als auch im Freien.

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KEF schalltoter Raum
Der schalltote Raum bei KEF. Hier werden auch heute noch alle wichtigen Messungen durchgeführt (Foto: J. Bauer)
KEF Hallraum
Ebenso wichtig ist ein Hallraum. Auch den gibt es selbstredend bei KEF (Foto: J. Bauer)
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Die Reference 104 war der erste Lautsprecher, bei dem offiziell dieses Verfahren eingesetzt wurde und das erste Modell, das die Reference-Serie einleitete, die seither die KEF-Produkte mit dem größten technologischen Knowhow vereinigt. Das selbst entwickelte Messsystem wird auf den Namen „The Total Design“ getauft und stets weiter verfeinert. Aus diesem Upgrade entstanden die Modell Corelli, Calinda, Cantata und ab 1977 die Reference 105.

KEF Reference-Modelle
Akustisch jede für sich ein Highlight. Optisch dagegen – machen wir uns nichts vor – ist das (mit Ausnahme der aktuellen Reference ganz rechts) ziemlich skurril. Doch in puncto Design macht KEF heute keiner mehr etwas vor. Die modernen Modelle sind perfekt gemachte Konstruktionen im geschmackvollem Urban-Design (Foto: KEF)

Diese zeichnete ein futuristisches Design aus, wie dem Star-Wars-Katalog entnommen, was damals absolut zeitgemäß gewesen wäre, aber das Aussehen war rein wissenschaftlichen Erkenntnissen geschuldet, wie man es von Cooke auch nicht anders zu erwarten hatte. Drei Lautsprechergehäuse scheinbar übereinandergestapelt: ein Hochtonmodul über dem Mitteltöner, und beide thronen auf dem mächtigen Bassgehäuse. Diese Anordnung, die oft kopiert werden wird, schafft einen breiten und tiefen Hörbereich, wobei sich das beste Klangerlebnis in gemütlicher Sofaposition für den Zuhörer einstellt. Für diesen scheint das Stereobild im Raum zu schweben. Ein Höreindruck, der in einigen Jahren nochmals verbessert werden wird.

Die Reference 105.2 folgt auf die 105, und diese ist mit einer LED ausgestattet, die nur gesehen werden kann, wann man sich in der optimalen Hörposition befindet – das sogenannte „Listening Window“.

KEF Reference Model 105_2
Die KEF Reference 105.2 sah aus, wie aus einem Star-Wars-Katalog entnommen, war aber das Ergebnis strengster wissenschaftlicher Forschungen. Sie war zudem mit einer LED ausgestattet, dem „Listening-Window“, das dem Musikfreund die ideale Hörposition anzeigte (Foto: KEF)

Doch etwas noch viel Größeres ist bald im Entstehen: 1982 entwickeln zwei Unternehmen unabhängig voneinander (General Motors und ein später zu Hitachi gehörender Betrieb) eine Legierung aus Neodym, Eisen und Bor, aus der als Werkstoff die bis heute stärksten Dauermagneten hergestellt werden. Laurie Finchan erfährt davon und hat sofort eine Idee: Er will einen Koaxiallautsprecher herstellen. Ein Lautsprecher, in dem zwei oder mehr schallabstrahlende Membranen konzentrisch, also mittig, angeordnet sind.

In einem mit dem britischen Kollegen Ken Kessler 2011 geführten Interview berichtet Fincham darüber, wie sie damals vorgingen: „Wir haben oft Systeme um eine Technologie oder einen Prozess herum gebaut, anstatt den Prozess zu erfinden. So ist der Uni-Q entstanden. Auslöser war die Entdeckung der Neodym-Eisen-Bor-Magnettechnologie. Anfangs taten wir das, was alle taten: Wir setzten ihn in die Mitte des Lautsprechers, mehr zur Vorderseite hin. Neodym konnten wir uns für die Experimente nicht leisten, also nahmen wir einen gewöhnlichen Ferritmagneten, den wir aber klein genug machten. Wenn Neodym funktionierte, konnten wir den Magneten in der Mitte anbringen. Das Interessante daran ist, dass der Koax eine mehr oder weniger konstante Richtwirkung hat, wenn man den Hochtöner reindrückt.“ Diese Versuche wurden zur Basis des Uni-Q.

KEF C35
1988 bringt KEF die erste Box mit Uni-Q-Treiber auf den Markt: das Modell C35 (Foto: KEF)

Johan Coorg zu 60 Jahre KEF

Der richtige Riecher und Mut zum Experimentieren brachten also einen der interessantesten Lautsprecher-Treiber seiner Zeit auf die Welt. Wobei Riecher hier ein gutes Stichwort ist. Die Punktschallquelle funktionierte, zu Beginn nicht immer zu aller Zufriedenheit, wie der KEF-Markenbotschafter Johan Coorg im Gespräch mit LowBeats einräumt.

Johan Coorg
Johan Coorg ist seit 1989 bei KEF und selbst schon so etwas wie eine KEF-Ikone. Heute ist er weltweit für die Marke unterwegs – als Botschafter (Foto: J. Bauer)

LowBeats: Herr Coorg, Sie sind seit 1989 bei KEF, zu dem Zeitpunkt war bereits der erste Uni-Q-Lautsprecher von KEF auf dem Markt. Waren Sie von Anfang an von dem Konzept überzeugt, oder hatten Sie Ihre Zweifel?

JC: „Das Thema HiFi zieht sich ja durch mein ganzes Leben, daher war ich höchst interessiert, als ich von KEFs Punktschallquelle hörte, dem Uni-Q-System. Ich hatte die Produktinformation dazu gelesen und dachte mir, dass das ein richtig gutes Teil sein könnte. Wenn es funktioniert. Klar, habe ich mir das erste Produkt dazu gleich mal angehört, das war die C35. Dieser Lautsprecher hat ein paar sehr interessante Dinge getan. Er produzierte ein riesiges Klangbild, eine sehr gute räumliche Abbildung. Doch für meine Ohren gab es ein Problem (Coorg fasst sich an die Nase und hält diese zu): Sie klangen in etwa so.“

LowBeats: … Nasal?

JC: „Ja. KEF hielt aber an dem Konzept fest und hat die dafür verantwortlichen Intermodulationsverzerrungen durch Modifikationen an der Frequenzweiche in den Griff bekommen. Von da an klangen die Lautsprecher offen und ganz wunderbar. Die Entscheidung, daran festzuhalten, war also richtig. Man darf ja nicht vergessen, dass das Uni-Q-Prinzip nun bereits in der 12. Generation auf dem Markt ist. Mit der LS 50 Meta gab es 2021 sogar nochmals einen Quantensprung in Sachen Klangqualität. Die Ingenieure waren von der aktuellen Version vor Begeisterung vollkommen aus dem Häuschen. Sie sehen gleich aus, aber sie sind es nicht. Als ich die LS50 Meta das erste Mal hörte, dachte ich: Oh mein Gott! Was ist das denn? Das ist ja unglaublich! Auch andere Hersteller versuchen sich ja daran, unerwünschte Resonanzen im Gehäuse zu absorbieren, doch nichts funktioniert meiner Meinung nach so präzise, wie das Meta-Labyrinth.“

LowBeats: Haben Sie Raymond Cooke eigentlich jemals selbst kennengelernt?

JC: „Oh ja, ich wurde von ihm höchst persönlich eingestellt. Er war eine große Persönlichkeit. Er konnte zur selben Zeit unglaublich nett und gleichzeitig ein Teufel sein. So war er etwa in Sachen Musik sehr rechthaberisch. So sagte er, wenn jemand Musik abspielte, die ihm nicht gefiel: Mach diesen Müll aus! Es durfte zum Anhören der Lautsprecher ausschließlich klassische Musik abgespielt werden. Er gehörte der Classical Society an und reiste dazu in wunderbare Hotels, wo er und weitere Mitglieder klassischer Musik lauschten. Die einzige Musik, die er neben Klassik zuließ, war eine sehr leichte, unaufdringliche Art von Jazz, so etwas wie Fahrstuhlmusik.“

Johan Coorg
Auch technisch hat der Marken-Botschafter enorm viel Wissen (Foto: J. Bauer)

LowBeats: Was hat sich seit Ihrem Eintritt in das Unternehmen KEF am meisten verändert?

JC: „Bezogen auf den Markt habe ich den Eindruck, dass sich in den vergangenen 25 Jahren das Empfinden darüber, was guter Klang ist, zusammengefunden hat. Früher hieß es, das sei der französische Klang, dies der amerikanische, der andere der deutsche, das ist sehr viel weniger geworden. Man hat eine Basis gefunden, was guten Klang ausmacht. Bezogen auf KEF haben die Kinosoundsysteme einen großen Raum im Bestand eingenommen, das gab es damals natürlich noch nicht. Doch eine viel größere Explosion im Markt gab es seit der Einführung des Soundbar und natürlich in dem Segment der Ein-Box-Systeme.“

LowBeats: … die KEF aber nicht im Angebot hat.

JC: „Das ist korrekt. Wir könnten sehr leicht in diesem Markt mitmischen, das ist überhaupt kein Problem für uns, aber wir tun es nicht. Erstens ist der Markt übersättigt und zweitens wird Musik seit über 60 Jahren in Stereo aufgezeichnet und nur das wollen wir bedienen, denn nur so stellt sich das originale Klangerlebnis ein. Sofern man gute Lautsprecher hat natürlich.“

Johan Coorg hat der Historie ein wenig vorgriffen. Gehen wir zurück in die 1980er-Jahre. 1986 übernahm ein gewisser Richard H. Small den Posten des Entwicklungsleiters. Zur Erinnerung: Richard Small hat mit seinem Freund Neville Thiele die Thiele/Small-Parameter für Lautsprecher entwickelt und somit den Grundstein für einen wissenschaftliche Entwicklung gelegt. Und noch ein brillianter Kopf war zu dieser Zeit (1983 – 1994) bei KEF: Andrew Jones, der für TAD sensationelle Schallwandler entworfen hat und heute für Elac überragend gute, aber günstige Boxen entwirft. In den 70er/80er Jahren war KEF sicherlich so etwas wie der Lautsprecher-Nabel der Welt.

Doch trotz der schillernden Entwicklerschar werden es für KEF schicksalshafte und bedeutende Jahre. 1991 gerät KEF in finanzielle Schwierigkeiten, 1992 schließlich muss die Lautsprecherschmiede Insolvenz anmelden. Die englische Wikipedia schreibt dazu: „Nach der Herstellung der letzten von der BBC lizenzierten Monitore verlor KEF die Orientierung und ging schließlich 1992 in Konkurs. Das Unternehmen wurde von GP Acoustics, einem Mitglied der Gold Peak Group mit Sitz in Hongkong, übernommen. Die Produktentwicklung, die Forschung im Bereich der Akustiktechnologie und die Herstellung der Flaggschiffprodukte erfolgen nach wie vor am ursprünglichen Standort Tovil in England, während alle anderen Lautsprecher in China hergestellt werden.“

Tatsächlich aber hatte sich KEF wohl verhoben. Man war in die USA expandiert, hatte sogar eine kleine Produktionsstätte in Richmond, Virginia. Ebenso hatte KEF den Audio-Hersteller Meridian übernommen, als daraufhin die Nachfrage zurückging, war es um die Eigenständigkeit geschehen. Johan Coorg sieht den Verkauf an die chinesische GP Acoustics im Rückblick nicht negativ:

JC: „Es war ein großer Fortschritt. Der Skaleneffekt war gewaltig. Was passierte also? Etwa, dass komplette Produktionslinien verschifft, aber auch vervielfältigt wurden. Aber die größte Überraschung für alle war, dass der Ausschuss, die Fehlerquote sank.“

Johan Coorg mit Dr. Jack Ocleen-Bown
Johan Coorg mit dem immer noch sehr jugendlich wirkenden, aber schon seit vielen Jahren bei KEF praktizierenden Chefentwickler Dr. Jack Oclee-Brown (Foto: J. Bauer)

Durch die Übernahme konnte KEF wachsen und auch das aufkommende Heimkinogeschäft bestens bedienen. Drei Jahre nachdem die Gold Peak Group KEF übernommen hatte, stirbt Raymond Edgar Cooke. Im Laufe seiner Karriere erhielt Cooke mehrere offizielle Anerkennungen für die Innovationen seiner Arbeit: Er war Präsident der Audio Engineering Society und bekam von ihr 1993 die Silbermedaille; er wurde zweimal mit dem Queen’s Awards for Export Achievement ausgezeichnet, und Königin Elisabeth II. selbst verlieh ihm 1979 den Titel OBE (Order of the British Empire).

Noch 1996 stellt KEF die vierte Serie der Reference und eine neue Generation des Uni-Q vor, das immer mehr Anklang findet. Im Jahr 2007 wird der Muon-Lautsprecher vorgestellt, das akustische, technologische und gestalterische Aushängeschild des Unternehmens. Paarpreis 2007: 70.000 Pfund.

Standlautsprecher KEF Muon mit FRau
Die KEF Muon ist ein einzigartiges Projekt von KEF und letztendlich der ideelle Vorgänger von Blade & Co. Das Gehäuse ist aus Aluminium und anmutig geschwungen. Ein Paar dieser ausgewachsenen Klang-Skulpturen kostet 160.000 Euro (Foto: KEF)

Viel größere Beachtung erfährt jedoch die „Blade“, die wie ein Segel im Wind gestaltet ist. Die radikal neue Anordnung der Antriebseinheiten der Blade führt die Uni-Q-Idee, dass alle Klangfrequenzen scheinbar aus einer Quelle kommen, noch einen Schritt weiter: Eine Anordnung von Uni-Q-Treibern wird von zwei Basspaaren flankiert, die seitlich ausgerichtet, Rücken an Rücken montiert und verklebt sind, so dass jeder Basstreiber eines Paares die unerwünschten Schwingungen des anderen auslöscht.

KEF Blade offen
Bei der Entwicklung der Blade dürfen die Entwickler in die Vollen gehen. Das hat sich gelohnt, vier Patente werden erteilt. Diese offene Blade hängt im Vorraum des KEF-Buildings (Foto: J. Bauer)

Ein Projekt von Jack Oclee-Brown und Mark Dodd, die bei der Entwicklung des ultimativen Lautsprechers freie Hand hatten, ohne Design- oder Kostenbeschränkungen. Erstmals wird hier der Tangerine Waveguide vor dem Hochtöner eingesetzt, wovon später auch die LS50 profitiert.

KEF Uni-Q
Der Uni-Q Koaxial-Mittelhochtontreiber in seiner neuesten Ausformung mit Tangerine Waveguide (Foto: J. Bauer)

2009 kommt die Box erstmals nach Deutschland, wird stolz auf der High-End in München präsentiert. Der Lautsprecher wird begeistert angenommen und Mark Dodd sagt: „Ich glaube, wenn Raymond Cooke, das sehen könnte, wäre er begeistert.“ Aus dem Projekt resultieren vier wichtige Patente, und die neuen Technologien werden bald in neue, preiswertere Produkte von KEF integriert. Eine komplett überarbeitete Q-Serie und die brandneue T-Serie – schlanke und dennoch leistungsstarke Lautsprechern werden in rascher Folge auf den Markt gebracht.

KEF Chefentwickler Dr. Jack Oclee-Brown mit Holger Biermann
Chefentwickler Dr. Jack Oclee-Brown (links) mit LowBeats Chefredakteur Holger Biermann im KEF Entwicklungslabor in Tovil/Maidstone (Foto: J. Bauer)

Im Surround-Segment feiert KEF mit dem „Egg“ große Erfolge, dem KHT (KEF Home Theatre).  Den Spitznamen bekam es, weil die Lautsprecher eiförmig gestaltet waren, doch das System hatte es in sich: Fünf identische Uni-Q-Treiber waren darin verbaut und die sorgten für eine präzise ortbare und realistische Klanglandschaft.

2012 dann erscheint schließlich sie, die LS50. KEF schenkt sie sich selbst zum 50. Geburtstag. Im LowBeats-Test heißt es dazu: „Die LS50 setzt im Kleinen um, was KEF zuvor mit der Standboxenskulptur Blade vorgab. Nämlich mit Hilfe des immer wieder verfeinerten Uni-Q und mit akustisch optimal geformten Gehäusen nahezu perfekte Voraussetzungen zu bieten.“ Die LS50 ist ein Zwei-Wege-Uni-Q-System, das von einem Urahn, der LS3/5A inspiriert wurde.

KEF LS50
Die Ur-LS50 wurden 2012 im Rahmen des 50. Firmenjubiläums vorgestellt (Foto: KEF)

KEF notiert 2012 dazu in seinem White-Paper: „Wie die LS3/5A wurde auch die LS50 unter umfassender Anwendung der neuesten technischen Verfahren und mit viel Liebe zum Detail entwickelt. Ausführliche Hörtests wurden durchgeführt, um sicherzustellen, dass die richtigen technischen Entscheidungen getroffen wurden, um die bestmögliche Balance zu erreichen. Beide Systeme könnten als ‚Ingenieur-Lautsprecher‘ bezeichnet werden, bei denen das Design durch technische Parameter und klangliche Leistung und nicht durch Marketinganforderungen bestimmt wurde.“

2016 erscheint die LS50 in einer weiteren Evolutionsstufe – Wireless. LowBeats hat selbstverständlich auch diesen Lautsprecher ausgiebig getestet und Kollege Holger Bierman kam zu dem Schluss: „Die LS50 Wireless ist kaum zu toppen.“

KEF LS 50 aktiv
Die aktuelle KEF LS50 – hier in der Version II – muss nicht mehr anbandeln. In der Wireless-Version kann auf Boxenkabel verzichtet werden (Foto: KEF)

Da war der Chefredakteur ein wenig voreilig, denn damals hatte er die LS50 Meta noch nicht gehört. Raymond Cooke würde die Entwicklung gefallen, denn auch er hat Zeit seines Lebens bewiesen, dass es mit Wissenschaft und Leidenschaft immer noch ein bisschen besser geht. Und manchmal sogar sehr viel besser. Auf die nächsten 60 Jahre, KEF!

PS: KEF wird KEFF ausgesprochen und nicht KEEF. Darauf wies mich Johan Coorg freundlich hin. Danke!

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Autor: Andrew Weber