Test Porsche Taycan 4S: Burmester lindert Ladefrust mit Auro-3D

Dafür saß ich mit leerem Magen und Durst auf einem Parkplatz im absoluten Niemandsland, einige Kilometer hinter dem letzten Autohof gelegen. Dort gab es weit und breit nichts, nicht einmal eine Überdachung und die Laterne in der Mitte der Ladestation war defekt. Jede ordinäre Tankstelle ist überdacht, hell erleuchtet und man kann sich auch zumindest einen Schokoriegel kaufen oder Luft nachfüllen. Kundenservice und Stromzapfstelle? Totale Fehlanzeige.

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Klang-Presets des Burmester 3D-Sound-Systems
Auf dem zentralen Touchscreen lassen sich verschiedene Klang-Presets, etwa für Stereo-Puristen oder Surround-Fans abrufen. Der Clou ist Auro-3D mit Höhen-Kanälen, die vom Auro-Matic-Algorithmus aus 2-Kanal-Aufnahmen erzeugt werden. Die Intenistät dieser Raumklang-Effekte lässt sich individuell anpassen (Foto: Caspar Zylla)
Burmester Klangeinstellung
Neben Standards wie Balance und Fader gibt es auch einen Sound-Enhancer für stark komprinierte MP3-Audio-Files (Foto: Caspar Zylla)
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So kam ich mir vor wie ein vorsintflutlicher Seefahrer am Ende der Welt, der nachts im Sturm die Segel einholen muss. Doch der wäre wenigstens mit Ölzeug gegen den Regen und die schwere See geschützt gewesen.

Durch meine leichte Sommerkleidung ging der strömende Regen dagegen sofort durch. Zum Glück war das iPhone wasserfest, denn ich musste mir mit dessen Lampe zu besserer Sicht beim Hantieren mit der Ladesäule behelfen. Solch böse Überraschungen und Strapazen kennt man nicht einmal von der Deutschen Bahn.

Immerhin handelte es sich um einen schnellen 350-kW-Lader. Der pumpte laut Anzeige jede Minute so zwischen 7 und 10 Kilometer  in den Akku. Nach Meinung von Elektro-Enthusiasten richtig schnell. Aus Sicht eines fossilen Fahrers Freiheitsberaubung – zumal nach 22 Uhr mit einer langen Autobahnstrecke vor Augen. Während ich mich nach erfolgreicher Verkabelung und dem Start des Ladevorgangs klitschnass ins Auto flüchtete und die Türen von innen verriegelte, stellte ich mir vor, wie sich ein eher ängstlicher Mensch in dieser Lage fühlen würde.

Porsche Taycan an einer einsamen Ladestation bei Nacht
Game over: Der Autor strandete mit fast leerem Akku spät in der Nacht an einem 350-kW-Lader im Niemandsland. Dass dieser Vorfall in guter Erinnerung blieb, war allein dem Stand-Konzert des kongenialen Burmester 3D-Sound-Systems und den Songs von Pink Floyd zu verdanken (Foto: Stefan Schickedanz)

Apropos fühlen. Wenn man ewig im Auto sitzt und nur der Musik lauscht, macht man es sich bequem. Und wenn man die Hände nicht am Lenkrad behält, stößt man unter Umständen auf ein Lehrstück Schwäbischer Sparsamkeit. Ich traute meinem Tastsinn kaum, als ich zufällig feststellte, dass die rechte Seitenwange meines Sportsitzes auf der zur Mittelkonsole gewandten Seite nicht mit Leder, sondern mit Stoff bespannt war. In einer Sportlimousine zum Basispreis von 103.802 Euro.

Doch diese Entdeckung brachte mich eher zum Schmunzeln. Schließlich bot mir die nächtliche Zwangspause ein Erlebnis, das sonst nur wenigen Auserwählten mit freistehendem, allein bewohntem Haus und Geld für eine High-End-Anlage im Gegenwert des Porsche Taycan 4S geboten wird. Ein Platzkonzert der Superlative.

Nie war Burmester 3D-Sound so wertvoll wie heute

Ob man es glaubt oder nicht. In diesem Fahrzeug ist das Burmester 3D High-End-Surround Soundsystem kein Luxus, sondern Mittel zur Deeskalation. Warum wohl hat das leicht abgehobene Verkaufs-Genie Elon Musk in seinen Teslas Video-Spiele einbauen lassen? Ich hielt das so lange für völlig idiotisch, bis ich aus Neugier mit einem Freund zum vor den Toren Stuttgarts gelegenen Supercharger gefahren bin. Dort lernte ich: Die eine Hälfte baut sich dabei wie die Pfauen neben ihren Weltretter-Autos auf, die andere sitzt seelenruhig eine Dreiviertelstunde drin und daddelt.

Mit Videospielen bin ich schon lange durch. Aber gepflegte Musikwiedergabe hat über die Jahre nicht im Geringsten an Reiz verloren. Im Gegenteil. Was ich auf dem Parkplatz erlebte, verwandelte meinen Höllenritt binnen weniger Minuten in eine Lustreise. Mit jedem Titel des Albums Live At Pompeii  von David Gilmour verwandelte sich mein aufgestauter Frust in pure Lust.

Burmester AMT auf dem Armaturenbrett des Elektro-Porsche
Die insgesamt drei Air Motion Transformer (AMT) auf dem Armaturenbrett des Elektro-Porsche sorgen für glasklare, feinaufgelöste Höhenwiedergabe, die viele nicht einmal aus ihrem Wohnzimmer kennen (Foto: Caspar Zylla)

Freude am Fahren könnte ich schließlich jeden Tag erleben. Doch mein High-End-Audio-System im Gegenwert eines Kompaktwagens kann ich im Mehrfamlienhaus praktisch nie ausfahren. Zudem erreicht auch eine kostspielige Stereo-Anlage, sofern sie nicht mit exotischen Hornlautsprechern arbeitet, kaum diese Intensität. Das Burmester 3D High-End-Surround Soundsystem fährt mit seinen 21 Hochleistungs-Lautsprechern 2,5 Quadratmeter Membranfläche auf. In einer Fahrgastzelle wie der des 4,96 cm langen Porsche Taycan 4S wirkt das so brachial wie ein großer V8-Motor in einem kleinen Roadster.

Parken mit Pink Floyd

Jene tonal perfekt ausgewogene, detailreiche und anspringend dynamische Parkplatz-Performance des Pink-Floyd-Gitarristen war so einmalig, dass mit ihr nur Konzertbesuche – verdammt lang her – konkurrieren konnten. In Zeiten von Corona ein unbezahlbares Vergnügen. Dabei ruft Porsche für das Burmester 3D-High-End Surround Sound-System mit 5.800 Euro im Vergleich zum Emotionsgehalt der Performance keineswegs zu viel auf – gerade wenn man bedenkt, was Autonarren bisweilen in größere Felgen investieren.

Die überragende Performance lässt sich gar nicht mal am besten mit den meist gehörten Klassikern „Money“ (wie gemacht für den Porsche Taycan), „Whish You Were Here“ (in Gedanken bei einer warmen Mahlzeit) oder „Run Like Hell“ (im Taycan eher von theoretischem Wert). „One Of These Days“ passte nicht nur sinngemäß zu einem jener komplett vermasselten Tage. Es enthüllte die ganze Pracht der 1.455 Watt starken Burmester-Anlage mit den stattlichen Türbässen, der Dreiweg-Systeme und dem 24-Liter-Subwoofer im Kofferraum.

In meinem eigenen Wagen mit seinem drastisch günstigeren Soundsystem kommen beispielsweise ruhigere Titel wie „Whish You Were Here“ auch sehr nuanciert und für ein reines Stereo-System auch sehr weiträumig. Doch „One Of These Days“ überspringe fast immer, weil es an Substanz und Drive fehlt. Im Porsche Taycan riß einen die ungestüme Energie mit der lebensgroß und brottrocken wirkenden Bassline fast von den Sitzen. Weil der Wagen stand, konnte man das Luftgitarrenspielen aus vollen Zügen genießen. Nie zuvor hatte ich diesen Song so packend und differenziert gehört. Die Dynamik, Attacke und Pegelreserven muss man erlebt haben, um sie zu begreifen. Ganz abgesehen vom knochentrockenen, abgrundtiefen Bassfundament, das sich in jener Qualität in den meisten Wohnräumen nicht erreichen lässt.

Auro-3D-Lautsprecher in der A-Säule
Zwei dieser 3D-Breiband-Lautsprecher in der A-Säule des Porsche Taycan heben im Auro-3D-Modus die Klangbühne übers Armaturenbrett (Foto: Caspar Zylla)

Die Parkplatz-Performance machte es mir leicht, über gewisse prinzipbedingte Unannehmlichkeiten der Elektro-Mobilität hinwegzusehen und meine Reserve an Reichweite zum Ziel in Zuffenhausen besonders großzügig auszudehnen, um noch mehr Songs hören zu können.

Die Rückfahrt spät nachts nach einem anstregenden Tag erwies sich aus Sicht eines normalen Handlungsreisenden als Alptraum im Traumwagen. Zum Glück war der Geschäftstermin in München nicht der einzige Grund der Reise. Der Weg mit dem Elektro-Sportwagen war immerhin das Sekundärziel. Und was diesen Punkt betrifft, war ich überwältigt. Wann hat einem ein Testwagen jemals so viel Stoff für den Bericht geliefert?

Tesla-Anhänger*innen zollen Respekt

Und Gesprächsstoff! Egal, wo ich mit dem Porsche Taycan in bewohntem Gebiet anhielt und ausstieg, will sagen, jenseits der Ladestopps, kam man mit freundlich gesinnten Menschen jeden Alters umgehend ins Gespräch. Wo einen mit einem Porsche Panamera oder Cayman S bestenfalls neidische Blicke und/oder boshafte Kommentare treffen, entwickelten sich um den Zuffenhausener Stromer angeregte Fragerunden. Selbst eine Tesla-Fahrerin fragte freundlich, ob sie ihre Sprösslinge mal mit dem Taycan fotografieren dürfte.

Center-Speaker des Burmester 3D-High-End-Systems
Das Burmester 3D High-End-Surround Soundsystem setzt auf einen 2-Wege-Center mit AMT-Hochtöner. Der Schlüssel zu extrem feiner, luftiger Hochton-Wiedergabe (Foto: Caspar Zylla)

Wer meine Fahrberichte kennt, dürfte sich wundern, dass ich bisher viel Anekdoten, aber wenig  zum Fahrverhalten zu berichten hatte. Das kann man als Kompliment für die Technik sehen. Der Porsche Taycan sorgt für gute Unterhaltung und agiert so perfekt, wie man es von einem Fahrzeug aus Zuffenhausen erwartet. Halt, streng genommen ist er, abgesehen von prinzipbedingten Schwächen der aktuellen E-Mobilität, viel perfekter als alles, was ich bisher mit dem springenden Zuffenhausener Pferdchen auf Haube und Lenkrad gefahren bin. Wenn man die Reichweitenthematik ausklammert, ist das Auto genial.

Der Schub ist monstermäßig und lässt sich jederzeit unvermittelt abrufen. Nehmen wir an, die Ampel schaltet kurz vor der Haltelinie auf Gelb, was sinnigerweise in Stuttgart vor allem jene Fahrer trifft, die sich an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit halten. In meinem eigenen Alltagsauto vergehen kostbare Sekundenbruchteile, weil du dir überlegst, welchen Fahrmodus du eingelegt hast. Und nach der Entscheidung durchzustarten, verrinnt selbst bei der famosen ZF-8HP-Achtgangautomatik noch mal kostbare Zeit, weil sie erst mal die Gänge sortiert, bevor der brüllende Verbrenner die Fuhre mit logarithmischem Schubzuwachs über die Kreuzung katapultiert. Doppelkupplungsgetriebe kämpfen in solchen Situationen mit noch stumpferen Waffen, aber das ist eine eigene Geschichte, die den Rahmen sprengt.

Warp one, engage

Im elektrischen Porsche Taycan geschieht die Leistunsgentfaltung brutal direkt und linear wie in den besten Sauger-Zeiten – nur eben mit Turbo-Diesel-Drehmoment. Beim Beschleunigen spürst Du, 650 Newtonmeter sei Dank, das SUV-verdächtige Gewicht der Limousine nicht. In den Kurven schon.

Langgezogene Autobahnkurven durcheilt der Porsche Taycan 4S wie auf Schienen. Allerdings führen gleichzeitig auftretende Bodenwellen bei hohem Tempo zu Bewegungen um die Längsachse, die vom Kampf des aktiven Luftfahrwerks mit dem stattlichen Gewicht der unter der Fahrgastzelle verbauten Batterien zeugen.

Auch die Lenkung hat es nicht leicht mit dem Gewicht der Akkus. Sie fühlt sich wunderbar an für eine elektromechanische Servolenkung. Direkt und perfekt dosiert von der Rückmeldung. Frei nach William Shakespeares‘ MacBeth gilt allerdings die Devise: Sie schürt das Verlangen und das hohe Gewicht des Wagens dämpft das Vermögen. Bei geringem Tempo fühlt sich der immerhin gut 5 Meter lange 2,2-Tonner an wie ein Kart. Auch Rangieren in engen Gassen oder Parkhäusern machte mit dem Porsche Taycan dank Lenkung, Wendigkeit, ordentlicher Übersichlichkeit und Rundumkameras wirklich Vergnügen.

Ledersitz des Porsche Taycan
Die Ledersitze des Porsche Taycan sind sehr bequem. Das ist gut so, weil man dank Elektro-Antrieb auch auf relativ kurzen Strecken viel Zeit darin verbringt (Foto: Caspar Zylla)

Doch mit steigendem Tempo kommt das hohe Gewicht zum Tragen. Der Wagen folgt dann den Vorgaben der knackig direkten Lenkung mit einer Trägheit und Verzögerung, die man als querdynamische Analogie zu einem längsdynamischen Turboloch konventioneller Autos sehen könnte.

Das Gute daran: So ziemlich alles am Porsche Taycan trägt zur Beruhigung des Fahrers respektive der Fahrerin bei. Wer mit seinem Carrera oder Cayman bedrohlich viele Flensburgpunkte gesammelt hat, könnte also mit dem Elektro-Porsche auf Entzug gehen. Ich kenne kein Auto dieser Leistungsklasse, das so beruhigend ist wie der Taycan 4S. Außer vielleicht dem Rolls-Royce Dawn, aber der ist kein Sportwagen beziehungsweise will keiner sein.

Motorsound im Taycan aus der Retorte

Was gibt es sonst noch zu sagen? Der Sound des Wagens jenseits des Burmester-Systems ist ein wesentliches Thema. Im Interview 2011 sagte Dr. Bernhard Pfäfflin, Leiter der Abteilung Akustik und Schwingungstechnik im Porsche-Entwicklungszentrum Weissach, dass seine Marke im damals noch fernen Elektrozeitalter keine Verbrenner-Sounds nachahmen würde.

Die Zuffenhausener haben Wort gehalten. Der Taycan 4S  bot einen puristischen Elektro-Sound wie man ihn aus der Kindheit von Fernlenk-Autos kennt, mit perfekt abgedämpften Wind- und Abrollgeräuschen. Wer den künstlichen Motorsound aktiviert, bekommt eine Mischung aus dem futuristischen Trickfilm TronStar Wars  und einer Straßenbahn geboten. Beim Beschleunigen klang es damit dezent wie beim Zuschalten des Warp-Antriebs, inklusive passendem Schub. Man wartete darauf, dass sich beim „Gas“ geben jeden Moment die Lichter der Sterne verfärben. Beim Gaswegnehmen kam hingegen sogar dem Fotografen die Assoziation zum öffentlichen Schienennahverkehr.

Was Cockpit-Design und Bedienkonzept betrifft, findet sich im Taycan das Beste, was ich aus einem Porsche kenne. Ein besonderes Lob gilt der Spracherkennung. In diesem Punkt bin ich von meinem eigenen Auto bayerischer Provenienz durchaus verwöhnt. Doch der Porsche machte alles perfekt, konnte sogar nach völlig frei dahergesagten Befehlen die Temperatur einstellen und brauchte zum Verstehen von Navi-Zielen eigentlich immer nur einen Versuch.

Der Preis des High-Tech-Cockpits, dessen ovales 16,8-Zoll-Curved-Display hinterm Lenkrad positiv aus der Flut digitaler Instrumententräger heraussticht, ist der technische Overkill. An den formschön integrierten Lüftungsdüsen lässt sich manuell überhaupt nichts mehr einstellen. Wer hier etwas ändern möchte, muss in die Touch-Screen-Menüs der Klima-Anlage eintauchen.

Auf der Rückfahrt suchte ich die Menüs öfters auf, denn ich schaltete zu Gunsten der Reichweite so weit wie möglich die Klimaanlage ab, was dann im Regen wenig später zum Beschlagen der Scheiben führte. Das sind Kämpfe, die man nachts in einem futuristischen Sportwagen des 21. Jahrhunderts nicht haben möchte.

16,8-Zoll-Curved-Display des Porsche Taycan
Das 16,8-Zoll-Curved-Display ist eine sehr gelungene Transformation des analogen Porsche-Cockpits ins 21. Jahrhundert – abgesehen davon, dass der zentrale Drehzahlmesser als stilprägendes Instrument im Elektro-Zeitalter ausgedient hat. Der Power-Button sitzt links neben der Lenksäule – eine Reminiszenz an den wegen Le-Mans-Starts links sitzenden Porsche-Zündschlüssel (Foto: Caspar Zylla)

Ich tröstete mich mit einigen Songs aus dem fest ins Auto integrierten Apple Music Account und erreichte das Ziel im Norden Stuttgarts, wo ich auf den letzten Metern mit reichlich Powerplay noch alles dran setzte, die unter Opferung kostbarer Lebenszeit erkaufte Restreichweite zu verblasen.

In einem normalen Auto wäre ich auf diesem Trip vermutlich komplett ausgerastet. So kam ich etwas müde, aber reichlich vergnügt nach 1:00 Uhr nachts bei Porsche in Zuffenhausen an. Dort gab es ein Debriefing beim autoaffinen jungen Pförtner, der sich wissbegierig meine Fahrteindrücke des Porsche Taycan 4S schildern ließ. Früher hätte man so etwas Benzingespräch genannt und am Stammtisch geführt. Für diese Art von Late Night Talk über den elektrischen Gleiter müsste man noch einen passenden Begriff erfinden.

Spät-Programm

Irgendwann gegen 2:00 Uhr war ich dann zu Hause. Dabei fiel auf, dass die Umstellung  auf mein eigenes Auto dank Zusammenspiel aus kräftigem Verbrenner und seidenweich, blitzschnell agierenden ZF-8HP-Automatik-Getriebe nicht so krass ausfiel wie befürchtet. Anders als sonst nach Testfahrten in einem Porsche konnte ich mich auch schneller an die Bremsen gewöhnen, denn der Taycan setzt beim Betätigen der Bremse so weit wie möglich auf Rekupperation. Daher ist sein Bremsgefühl nicht ganz so bissig wie bei Porsche üblich, sondern im direkten Vergleich eher etwas schwammig. In diesem Fall erleichterte das die Rückgewöhnung an mein vergleichsweise konventionelles Gefährt durchaus.

Eine Sache aus meinem Dienstwagen hatte ich übrigens in dem Porsche Taycan sogar ganz besonders vermisst: den Concierge-Service. Gerade bei der abenteuerlichen Reise in einem stromhungrigen E-Mobil wäre bei der gegenwärtigen Ladesäulen-Situation eine Taste toll gewesen, über die man direkt mit einem Menschen verbunden wird, der einem im meinem Fall einen Schnelllader neben einem Feinschmecker-Lokal herausgesucht hätte. Der Mobilitätswende zuliebe hätte ich mich am Ende Kraft der Verzweiflung sogar mit einem McDonalds zufrieden gegeben.

Porsche-Bremsen
Die Bremsen fühlen sich für einen Porsche zunächst etwas ungewohnt an. Das liegt daran, dass der Taycan bis zu einer gewissen Verzögerung rekupperiert (Foto: Caspar Zylla)

Elektro-Schock für den Autor

Was soll ich sagen? Der vielleicht genialste, auf jeden Fall aber futuristischste Porsche ist zugleich der nutzloseste. Er bietet im Grunde genommen phänomenalen Langstreckenkomfort – nicht zuletzt wegen seines schwingungsfreien, geräuscharmen elektrischen Antriebs und der großartigen Geräuschdämmung. Aber er ist gerade wegen seines Elektro-Antriebs letztlich nur für die Kurzstrecke geeignet. So geht es weiter: Trotz seines SUV-Gewichts taugt er zu sportlichen Fahrleistungen. Theoretisch. In der Praxis verleiden dir die auf dem Navi postwendend aufpoppenden zusätzlichen Ladestopps das Gasgeben schon nach wenigen Kilometern.

Diese knapp 5 Meter lange Limousine konkurriert auf langen Strecken nicht einmal mit der kleinsten Baureihe, dem zweisitzigen Porsche Cayman. Mit dem spulte ich in 24 Stunden über 1.000 Kilometer ab und war am Ziel trotz brachial lautem 4-Zylinder-Boxermotor, kurzem Radstand und harter Federung um einiges entspannter als mit dem Porsche Taycan 4S nach nur 400 Kilometern. Der lieferte mir zwar eine abwechslungsreiche Geschichte, ruinierte meinen Tag aber von vorne bis hinten. Aber wie sagte der Fliegeruhren-Experte und Luftfahrt-Pionier Helmut Sinn so treffend: „In der Fliegerei haben die Pioniere noch ihr Leben riskiert, heute jammert man wegen jedem noch so kleinen Rückschlag.“ (Der Ex-Rallye-Fahrer überlegte übrigens noch im Alter von 100 Jahren, sich einen Porsche zuzulegen).

Seitliche Frontansicht des Porsche Taycan
Der Porsche Taycan zeigt, wie wir uns morgen fortbewegen könnten. Mit der heutigen Infrastruktur und Batterietechnik lässt sich sein wahres Potenzial allerdings nur erahnen (Foto: Caspar Zylla)

Tja, nüchtern betrachtet leistet sich der Porsche Taycan 4S prinzipbedingt einige Schwächen. Aber mal ehrlich: War der klassische 911 Carrera etwa perfekt? Er hatte einen winzigen Kofferraum, Rücksitze für Liliputaner, eine schwergängige Lenkung, eigenwillige Ergonomie und tanzte ab 180 km/h mit seiner leichten Nase wild auf der Straße herum. Doch genau für diesen ausgeprägten Charakter lieben ihn die Fans und zahlen für frühe Exemplare deutlich sechsstellige Summen.

So betrachtet hat Porsche den Spirit der Marke mit dem Taycan kongenial ins Elektrozeitalter übertragen. Er ist ein Luxus-Spielzeug für Spitzenverdiener, die nie zuvor mit so grünem Gewissen Porsche fahren konnten (bei meinem Durchschnittsverbrauch von 27,1 kWh/100 km hoffe ich, dass es Windstrom war).

Für Burmester ist er die beste Bühne, die sich den Berliner Klangmagiern jemals in einem Zuffenhausener Sportwagen bot. Für Petrolheads wie den Autor ist das 3D High-End-Surround Soundsystem der einzige Grund, bei einem nächtlichen Lade-Stopp in „the middle of nowhere“ nicht die Contenance zu verlieren. So gesehen ist dieses 5.800 Euro teure Extra ein Must Have für Petrol Heads, die mit einem Elektro-Porsche auf Entzug gehen.

Trotz allem Für und Wider muss ich zugeben: Neben dem endlich wieder mit 6-Zylinder-Boxermotor ausgestatteten Porsche 718 Cayman GT4 wäre der elektrische Taycan der Porsche meiner Wahl. Allerdings nur, wenn ich meinen fast 40 Jahre alten Oldtimer als praktisches Alltagsauto behalten könnte.

Lässt sich darin eine Klatsche sehen? Ja, schon, aber weniger in Richtung Zuffenhausen als in Richtung Berlin. Die kühnen Visionen zur Mobilitätswende entfernen sich derzeit um so weiter von der Realität, je weiter man sich mit seinem Fahrzeug außerhalb großer Städte bewegt. Ob ein Taycan 4S – mit 530 PS übrigens das Basismodell der Elektro-Baureihe – als Nahverkehrsmittel für Garagenparker mit Lademöglichkeit mehr Sinn macht als ein elektrischer VW ID.3, mag jeder selbst entscheiden.

Fazit Porsche Taycan 4S mit Burmester 3D-Sound

Grundsätzlich hat Porsche seine Hausaufgaben im Sinne seiner Kunden gemacht. Zudem profitieren die Stuttgarter bei der Elektromobilität erheblich davon, dass das Erscheinungsbild ihrer ikonischen Sportwagen nie von einem großen Kühlergrill geprägt war. Insofern sind sie schon allein ästhetisch zum viel bemühten Tesla-Jäger prädestiniert. Einen nachhaltigen Nutzen sehe ich allerdings erst, wenn Faktoren außerhalb des Wirkungsbereichs der Weisacher Entwicklungsabteilung noch einige Reifegrade zugelegt haben.

Mit der derzeitigen, grundsätzlichen Lithium-Ionen-Batterietechnologie und vor allem der löchrigen, uneinheitlichen Lade-Infrastuktur ist Elektromobilität nur etwas für duldsame Pioniere. Für Leute ohne Zeitdruck, die für das gute Vorreitergefühl keine Mühen scheuen oder für erlebnishungrige Porsche-Afficionados, die aber im Grunde statt des High-Tech-Vehikels als Liebhaberstück auch einen Oldtimer fahren könnten – dank des neuen Porsche PCCM sogar mit Apps, Sprachsteuerung und MP3.

Ungeachtet dessen ist der Porsche Taycan 4S für mich das erste richtige Traumauto der 20er Jahre des 21. Jahrhunderts. Wer sein Kreuz bei der Burmester 3D-High-End-Anlage macht, bekommt für unter 6.000 Euro eine live-haftige audiophile Performance, die im Haus für diesen Preis nicht zu haben ist. Da zahlen wollgefärbte Freaks schon mehr für ihre Lautsprecher-Kabel – welche durchaus den armdicken Ladestrippen für die unterschiedlichsten Anschlüsse ähneln, die einen Teil des kleinen Kofferraum des Porsche Taycan okkupierten.

Porsche Taycan 4S mit Burmester 3D High-End Surround Soundsystem
2020/09
Test-Ergebnis: 4,6
Überragend
Bewertung
Anlage
Auto
Fahrspass

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Fahrgefühl wie aus einem Science-Fiction-Film
Burmester 3D-Sound verwandelt Lade-Pausen in Platzkonzerte
Futuristisches, versiert umgesetztes Bedienkonzept
So weit seiner Zeit voraus, dass die Infrastruktur nicht hinterherkommt

Vertrieb:
Porsche AG
70435 Stuttgart
www.porsche.de

Preis (Herstellerempfehlung):
Porsche Taycan 4S ab103.802 Euro,
Burmester 3D High-End-Surround Soundsystem 5.800 Euro Aufpreis

(In eigener Sache: Die Wertung ist wie immer bei LowBeats auf die jeweilige Preisklasse beziehungsweise Fahrzeugklasse bezogen und nicht absolut zu sehen. Das heißt, ein direkter Vergleich zwischen einem 5-Sterne-Kleinwagen und einer 5-Sterne-Limousine ist nicht möglich).

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Autor: Stefan Schickedanz

Schneller testet keiner. Deutschlands einziger HiFi-Redakteur mit Rennfahrer-Genen betreut bei LowBeats den Bereich HiFi im Auto sowie die Themengebiete Mobile- und Smart-Audio.