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B&W 607 Test Aufmacherbild
Mit der neuen 607 hebt B&W das Klang-Niveau der Einsteigerklasse in bislang nicht gekannte Sphären, bleibt aber im Preis äußerst moderat: sie kostet pro Paar 530 Euro (Foto: B&W)

Test B&W 607: so klein kann High End sein

Seit über 25 Jahren steht die Serie 600 bei B&W für möglichst erschwingliche B&W-Werte. Nun haben die Briten die 6. Generation ihrer 600er Serie vorgestellt und LowBeats hatte die Erschwinglichste unter den Erschwinglichen im Test: die kleine Kompaktbox B&W 607.

Anfang der 90er Jahre führte im B&W Entwicklungszentrum Dr. John Dibb das Kommando. Bei uns Redakteuren war Dr. John immer gern gesehen: zum einen wusste er sehr viel über Lautsprecher und zum anderen hatte er diesen unschlagbaren, trockenen Humor, den wohl nur Engländer so pointiert zelebrieren.

So kam er irgendwann mit einer chinesischen Kopie seiner damaligen Lieblingsbox CDM1 vorbei. „Die Brüder sind schnell“, sagte er damals schmunzelnd. „Und gut. Beim Vergleich der Kopie mit einer originalen CDM1 habe ich glatt die Kopie für die echte gehalten…“

Die B&W Verantwortlichen konnten über die Geschichte weniger herzlich lachen als John Dibb, denn die Kopie kostete lediglich ein Drittel des damals aufgerufenen Neupreises von 2.000 Mark. Die Geschichte wurde jedenfalls immer wieder herangezogen, um die Argumentation für die – innerhalb der B&W Familie ja gar nicht so beliebten – 600er Serie zu unterfüttern.

Tenor: Es gibt eine große Schar von Musikfreunden, die zwar B&W hören möchten, sich aber die klassischen Linien nicht leisten können. Daraufhin gab John Dibb für die  600er Linie folgende Marschroute aus: „Wir sparen am Gehäuse, aber nicht an der Technik und am Klang.“

B&W 607 die 5 Vorgänger-Generationen
Immer schlicht, aber gut: die Einsteigermodelle der 600er-Linie aus 25 Jahren. Von links: 600 S1 (1995), 600 S2 (1999), 600 Serie 3 (2001), Serie 4 (2007), Serie 5 (2014) – Foto: B&W

So war es in den frühen 90er Jahren und so ist es heute noch. Und über all die Zeit wurden die 600er gut verkauft. Aktuelles Beispiel: Von der nur vier Jahre laufenden Vorgänger-Generation (die fünfte) brachte B&W über 300.000 Stück an den Kunden. Nicht übel. Allerdings glaube ich, dass die neue 600er Serie keineswegs schlechter laufen wird, denn sie ist richtig gut. Jedenfalls die B&W 607.

B&W 607 vorn & hinten
Die B&W 607 von vorn und von hinten. Der größte äußere Unterschied zu ihren Vorgängerinnen ist der Tiefmitteltöner – nun mit der silbergrauen resonanzarmen Continuum-Membran– und die neue Bassreflex-Position auf der Rückseite. Durch diesen Schachzug konnte die kleinste 600er noch etwas kleiner werden: Das Gehäuse ist 30,0 cm hoch, 16,5 cm breit und 20,7 cm tief. Das Gewicht der Kleinen liegt bei 4,7 Kilo (Foto: H. Biermann)

Das kleinste Modell der neue 600er Serie hätte auch John Dibb besonders gut gefallen. Das Gehäuse, beziehungsweise dessen Finish in Schleiflack-Ausführung (weiß oder schwarz) wirkt nicht sonderlich edel oder raffiniert. Aber es genügt den Gegebenheiten dieser Klasse.

B&W 607 Phase
Die 8 mm starke Schallwand ist aufgesetzt, wodurch eine kleine Phase entsteht. Die gesamte Front kommt ohne sichtbare Schrauben aus und auch die magnetischen Befestigungen für den Bespannrahmen sind nicht zu sehen (Foto: H. Biermann)

Schaut man genauer hin, erkennt man die aufgesetzte Schallwand, die nach vorn einen schönen Abschluss ohne jede Schraube bildet. Und schaut man noch genauer hin und öffnet die B&W 607 (was ich wegen Garantieverletzung aber nicht empfehlen möchte), erkennt man, dass die Schallwand  deutlich stärker ist, als vermutet: die B&W Tischler haben hinter der Front noch eine 22 mm starke MDF-Platte aufgesetzt. Damit addiert sich die Stärke der 607-er Schallwand auf erfreuliche 30 Millimeter. Das ist resonanzmindernd und in dieser Größen- und Preisklasse sehr, sehr selten.

B&W 607 Schallwand
Die Front der B&W 607 besteht aus zwei unterschiedlich dicken Platten (gut gegen Resonanzen) und ist 30 mm stark. Das bietet ausreichend Material für präzise Einfräsungen. Der schwarze Gummiring sorgt für eine optimale Abdichtung und entkoppelt den Treiber – zumindest ein wenig – von der Schallwand (Foto: H. Biermann)

Ein weiteres Detail, das bei mir sofort Vertrauen schafft: der kleine Tiefmitteltöner ist mit Gewindeschrauben festgezogen. Die in dieser Klasse oft benutzten Holzschrauben vibrieren, werden über die Zeit lose und lassen dann das Klangbild immer unpräziser werden.

Der Tiefmitteltöner der B&W 607 ist ein Modell mit 13 cm großem Korb, sehr kräftigem Magnet und der schon angesprochenen Continuum-Membran. Im Gegensatz zu dem gelben Kevlar, das für B&W fast 40 Jahre lang zum Erkennungszeichen wurde, ist Continuum nicht nur optisch gefälliger, sondern vor allem sehr viel resonanzärmer. Nicht wenige HiFi-Fans unterstellten den früheren B&W-Modellen ja einen leicht artifiziellen Klang. Womöglich nicht ganz zu Unrecht, denn die Kevlar-Mitteltöner hatten tatsächlich einen erkennbaren Eigenklang.

Der Fortschritt steckt aber auch in den deutlich gesenkten Verzerrungen des Antriebs. Oder anders gesagt: So laut wie mit der B&W 607 habe ich mit einem Lautsprecher dieser Größen- und Preisklasse noch nie gehört.

B&W 607 Continuum-Membran
Der Tiefmitteltöner im 13-Zentimeter-Format erwies sich als erstaunlich pegelfest (Foto: H. Biermann)

Der Hochtöner der B&W 607 trägt natürlich ebenfalls zu der hohen Belastbarkeit und „Klarheit“ selbst bei höheren Pegeln bei. Er ist der Vorgänger-Generation entliehen. Es handelt sich dabei um eine 25 mm große, doppellagige Aluminiumkalotte, deren rückwärtig abgestrahlte Energie in einem angeflanschten, sich verengenden Aluminiumröhrchen ihre Kraft verliert und so unschädlich wird.

Man muss es sich so vorstellen: Die Kalotte gibt nach hinten die gleiche Energie ab wie nach vorn. Wenn man diese Energie nicht irgendwie abführt, bewirkt sie nicht nur gute Dinge… Seit der Ur-Nautilus aus dem Jahre 1993 geht B&W diesen Weg der dezenten Neutralisierung. Aus meiner Sicht die beste Art, mit diesem Problem umzugehen.

B&W 607 Tweter
Ein Meisterwerk mit doppellagiger Alu-Kalotte und angeflanschtem Röhrchen: der Hochtöner der 600er Serie spielt bis 30.000 Hertz (Rendering: B&W)

Der Übergang vom Tiefmittel- auf den Hochtöner liegt bei etwa 3.000 Hertz. Diese Filterfunktion übernimmt die Frequenzweiche mit impulsgenauen, aber „flachen“ Filtern mit nur geringer Sperrwirkung. Einer der Vorteile einer solchen 6-dB-Schaltung: Sie braucht nur wenig Bauteile, die dann von der Qualität her besonders gut sein können.

B&W 607 Frequenzweiche
Spartanische 6-dB-Frequenzweiche mit guten Bauteilen. Auch gut zu sehen: die zusätzlichen Versteifungen des B&W 607-Gehäuses und die Bedämpfung mit Polyester-Flies an den Seitenwänden (Foto: H. Biermann)

Der Nachteil: Damit eine solche Weichenschaltung gut funktioniert, braucht es Treiber mit großer Bandbreite und ausgewogenem Frequenzverlauf. Anforderungen, denen die Hoch- und Tiefmitteltöner der B&W 607 offenkundig souverän genügen.

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